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Full text of "Schwarze Faden - Zeitschrift Nummer 0-77"

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4/94 (Nr.51) 15.Jg 


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Inhalt Nr.51 


Aktuelles Thema 

Michael Wilk: Innere Sicherheit und das Bedürfnis 

nach geordneten Verhältnissen.S. 3 

Michaela Schuh/Helga Eblinghaus: Wie mit Hilfe von Angst 
vor Naturzerstörung rassistische und sexistische 
Bevölkerungskontrolle legitimiert wird. S.12 


Interviews 

Mexiko: Interview m. Campesinos v. Dorothea Schütze und Herby Sachs.S.18 
Interview mit A. Marx: »Die Welt der Parias - Quellen eines neuen 
Internationalismus I.Teil« von Boris Scharlowski und Andi Ries.S.24 


Impressum: 

Schwarzer Faden, PF 1159 
D-71JI7 Grafenau 
Tel. 07033-44273, Fax 07033-45264 
Einzelpreis: 7.-DM 
ABO (4 Nrn,): 25.-DM 
Postgiro Stuttgart: KtoJF. Kamann, 
Ktonr. 57463-703, BLZ 600 100 70 
Erscheinungsweise: vierteljährlich 
Auflage: 3200 


Nationalismus 

ABALETA: Was ist Deutschland? Zur Geschichte und 

Ideologie des Nationalismus.S.29 

Markus Mathyl: Die Perestroika ist vorbei - 

nationalistische Entwicklungen in Rußland.S.35 

Berliner Anarcho/akommunisten: Internationalismus und 
Befreiungsnationalismus (Ward Churchill (AIM)).S.44 

Termine/Tagungen 

Andreas Speck: WRI-Tagung.S.49 

K.A.T.E.R.: Vorbercitungslreffen zum Autonomenkongreß.S.53 

Termine/Kurzmeldungcn.S.54 

Historisches 

Dieter Nelles: "Außen abgekühlt doch voller Glut im Inneren" - 

Karl Brauner (1914-1994).S.55 

Kultur 

»Der Angriff der Vergangenheit auf die Gegenwart« 

Raoul Pecks Haiti-Filme.S.64 

Rezensionen 

Bernd Hüttner: Wohlfahrtsausschüsse - Politik und Kultur.S.67 

Peter-Paul Zahl: Benebelt - Krimi aus der "DDR".S.68 

Kurzrezensionen und Buchhinweise.S.69 

SF-Echo 

SF-Redaktion: U.a.: Der SF als Quelle und Beleg in der Gescll- 

und NR-Diskussion.S.70 

Sorel-Diskussion, Teil 3 und andere Leserbriefe. S.72 


Redaktions - und Anzeigenschluß: SF-52 (1/95): 2hl.95 

Titelphoto: 


Titelentwurf: Peter Reichelt, nach einem Foto von Pedro Citoler 


Hinweis für Nr.52 (1/95) 

Folgende bereits vorliegende Beiträge erscheinen im Februar 1995: 

- Gregor Dill: Die Gleichheit von Gleichen in Glas und Beton. Eine Kritik an der 

"Massen"-Architektur, u.a. Bauhaus, El Lissitzky u.a. 

- Interview mit Murray Bookchin zum Lifcstylc-Anarchismus 

von Wolfgang Haug 

- Peter-Paul Zahl: Rezension von Paul Parins "Karakul"-Erzählungen 


Ve rl ag/Herausge her: 

Wolfgang Hang, Grafenau 
ISSN: 0722-8988, ZIS-Nr. 701 
Postzeitungsdienstnr. E 9860 F 
V J.S.d.P.: Herbert Sachs, Leverkusen 

Namentlich gekennzeichneteBeiträge stehen 
unter der Verantwortlichkeit der Verfasser¬ 
innen und geben nicht die Meinung des 
Herausgebers oder des presserechtlich Ver¬ 
antwortlichen wieder. i 

Verlag, Satz & Vertrieb: Trotzdem-Verlag, 
Grafenau 

Druck & Weiterverarbeitung: Druck- 
cooperative, Karlsruhe 

Das Redaktionskollektiv entscheidet über 
Inhalt und Form der Zeitschrift. Ein An¬ 
spruch auf Veröffentlichung besteht nicht. 
Der Abdruck erfolgt honorarfrei. 
anti-Copyright: Nachdruck von Texten;ist 
unter Angabe der Quelle und Zusendung 
eines Belegexemplars ausdrücklich er¬ 
wünscht. Das Redaktionskollektiv besteht 
derzeit aus 7 Menschen aus Frankfurt, 
Karlsruhe, Köln, Stuttgart und Grafenau. 
Des weiteren finden jährlich Treffen einer 
erweiterten Redaktion statt. Bei Interesse 
Kontakt aufnehmenl 

Mitarbeit: Der SF versucht eine Mischling 
aus aktuellen politischen Ereignissen, Inter¬ 
nationalismus, Aktualisierung libertärer 
Theorie, Aufarbeitung freiheitlicher Ge¬ 
schichte und einer Kultur- und Medienkritik 
von unten. Eingesandte Artikel, Photos, Gra¬ 
phiken etc. sind erwünscht! 

Technologie: Wir wünschen uns die Artikel 
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Teil III 

Innere Sicherheit und das 
Bedürfnis nach geordneten 

Verhältnissen 

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w/7 Michael Wiik 
Anarchistisches Forum 
Wiesbaden 


"Was den fz»v«7c«Ji lV«n.vcft da Vo/Äs 

unbelangt, nämlich seine Freiheit ; 


wieder zu erlangen, so kann der Macht- Ä , 
haber diesen nicht erfüllen; er muß 
daher untersuchen, aus welchen Grün¬ 
den das Volk frei zu sein wünscht. Er 


wird dabei finden, daß nur ein kleiner 5 ' 

Teil des Volks frei zu sein wünscht, um , 

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/ierrsc/iew. £>te überwiegende Mehr 


zahl wünscht die Freiheit nur um sicher 
fe benzukönnen.... Alle (übrigen), denen 


cs genügt, in Sicherheit zu leben, werden 
leicht zufriedenge stellt , wenn man E in- ■ 

riciliiinppn srhnfft und G(>setze Qiht.die 

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richtungen schafft und Gesetze gibt, die 
zusammen mit der eigenen Macht die 
allgemeine Sicherheit erhalten * Wenn 
ein Machthaber so handelt (...), wird es 
(das Volk) in kurzer Zeit beginnen, sich 
sicher und zufrieden zu fühlen.” 

N/cco/o Machiavelli 
Discorsi 


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Der Abbau von Bürgerrechten und die ^ 

damit verbundene Erweiterung der 
Machtbefugnisse staatlicher Organe ist 
die strukturelle Antwort auf die ver 


änderte sozio-ökonomische Situation 
der BRDund ihrer internationalen Rolle. 
Die Festung (Westeuropa und das 
angrenzende (Ost) Europa (für das es je 
"ach Land differenzierte Erschlies- 
sungsplünc umzusetzen gilt) erfordern 
für die Politstrategcn, genauso wie die 
verschärfte ökonomische Situation auf 
dem Weltmarkt, stabile Vcrnulzungs- 
a'öglichkcitcn im Inland, die eben nicht 
"ur über die Reduzierung sozialer Maß- 




"ahmen, sondern eben auch über Auf¬ 
wertung staatlich apparativer Möglich¬ 
keiten garantiert werden sollen. Wer 
jedoch glaubt, diese apparative Auf¬ 
rüstung (die sich potentiell gegen alle 
richtet) würde künftig den Charakter 
dieses Staates in den eines, für jedc/n 
wahrnehmbaren offenen repressiven 
Staates wandeln, der irrt; - denn in der 
Wahrnehmung der Bürgerinnen richtet 


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sich die Überwachung und die Repres¬ 
sion immer gegen die “Anderen”... und 
das zu Recht. 


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"Kriminalität und Extremismus dürfen 
nicht als unabänderlicher Bestandteil 
unseres Alltags hingenommen werden , 
auch wenn es eine kriminalitätsfreie 
Gesellschaft nie geben wird. Eine Ge¬ 
sellschaft aber f in der die Angst vor 
Straftaten die Lebensplanung des Ein¬ 
zelnen mitbestimmt, ist keine wirklich 
freie Gesellschaft mehr” (I.M. Kandier 
Kolloq. Konrad Adenauer Stift.Mai 94) 

Wenn Mann/Frau den Parolen der 
Sicherheitspolitiker glauben schenkt, 
könnte angenommen werden, Ruhe und 
Ordnung der Wohlstands-Insel BRD 
seien gefährdet, das kulturelle Erbe des 
christlichen Abendlandes sei bedroht. 
Deutsche Ängste werden heraufbe¬ 
schworen : ”Deutschland ist unter die 
Räuber gefallen” so Ullrich Maurer, 
innenpolitischer Sprecher der SPD. 
Gemeint sind nicht etwa Makler und 
Vermieter, die Vorstände der Banken 
und Konzerne, die den Menschen legal 

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das Geld aus der Tasche ziehen oder 
Lohnkürzungen vornehmen, und auch 
nicht jene Wohlhabenden.die überhaupt 
nichts dabei finden, ihre Steuer zu 
frisieren. Gemeint ist ebensowenig die 
Kriminalität, die von Polizei und Justiz 
überhaupt erfaßt wird und in den Kri¬ 
minalstatistiken auftaucht, sondern die 
Fiktion einer Kriminalität, die in den 
Köpfen der Menschen verankert werden 
soll. 

"Es ist nicht allein die Quantität, 
die Besorgnis hervorruft. Es sind 
vor allem die qualitativen Aspekte 
einzelner Deliktsbereiche, die die 
Bürger stark verunsichern und so¬ 
mit das kollektive Sicherheitsgefühl 
der Bevölkerung in erheblichem 
Maß beeinträchtigen.“ 

(I.M. Kanther) 

SPD und CDU stehen sich im Schüren 
von Angst in nichts nach, Kanther und 
Maurer bieten sich als Saubermänner 
der Nation an, beide fordern schnelleres 
und härteres Vorgehen der Polizei gegen 
Übeltäter. Die Begründungen für die 
materielle und mentale Aufrüstung 
basieren auf frisiertem Zahlenmaterial, 
die Kriminalitätsrate betreffend: So ist 
der propagandistisch ins Feld geführte 
"Anstieg von 7,2% überwiegend auf 
ein statistisches Erfassungsproblemder 
neuen B undesländer zurüchzufiihren”. 
(Spiegel 24/1994). Selbst das BKA warnte 
vor der Verwendung der Zahlen zu 
Vergleichszwecken : "durch organi¬ 
satorische Erfassungs- und pro¬ 
grammtechnische Probleme sind die 
Werte,für das Berichtsjahr ’ 92 zu niedrig 
ausgefallen, so daß siekeine brauchbare 
Basis für einen Vergleich milden Daten 
des Berichtsjahres 93 bilden” . Beson¬ 
ders perfid ist auch die immer wieder 
besonders erwähnte hohe Quote der 
Ausländerinnenkriminalität,die sich bei 
genauerer Analyse des vorliegenden 
Zahlenmaterials so gar nicht belegen 
läßt (empf.: Gabi Bauen- “Der Trick mit der 
Kriminalitätsstaüstik” ak368 Juli 94). 

"Insgesamt läßt sich feststellen, 
daß der weitaus größte Teil der in 
Deutschland lebenden Ausländer 
die Gesetze achtet und sich rechts¬ 
treu verhält. Die Entwicklung im 
Bereich der Ausländerkriminalität 
gibt dennoch Anlaß zu großer 
Sorge." (I.M. Kanther in der Erklä¬ 
rung des BDI zur Polizeilichen Krimi¬ 


nalstatistik 30.5.94) In der Sorge, sich 
dem Vorwurf der pauschalen AusL 
länderinnenfeindliichkeit auszuL 
setzen, unterscheidet Kanther in 
“gute” - hier lebende/angepaßte und 
“schlechte” Ausländerlnnen.Um es 
dann auf den Punkt zu bringen:"Die 
Asylbewerber stellten auch 1993 
die größte Gruppe unter den Tat- 
verdächtigen (!)" . Völlig außer acht 
gelassen werden dabei die per sc 
rassistischen Lebensumstände, de¬ 
nen hier lebende “Nichtdeutsche”, 
erster und zweiter Ordnung, aus¬ 
gesetzt sind. Dies jedoch ficht nie¬ 
manden an, im Gegenteil, in Kom¬ 
bination mit den Schreckensbej- 
griffen der “Organisierten Krimi- 
naliät”, der “Ausländerkrimina- 
lität” und dem Phantom der “Mafia” 
wird ein Bedrohungsszenario kon¬ 
struiert, das geeignet ist, auch Hart¬ 
gesottene (Demokratinnen) den 
Schauder der Bedrohlichkeit spüren 
zu lassen. 

Dies auch, wenn sieb hei ge¬ 
nauerer Betrachtung der Bemü¬ 
hungen von staatlichen Stellen, den 
B egriff “Organisierte Kriminalität” 
zu definieren, herausstellt, wie 
schwer es offensichtlich fällt, ebdfn 
diese vom normalen Kapitalismus 
abzugrenzen und vieles unschwer 
den Eindruck erweckt, als ginge es 
darum, das Monopol auf die Saue¬ 
reien zu bewaren (z.B. Waffen¬ 
handel). 

Wie sehr die durch die Obrigkeit 
angeheizte Hysterie bereits selbst 
weite Teile der sogenannten Demo¬ 
kratischen Öffentlichkeit erfaßt 
haben muß, zeigt der gegen Null 
tendierende Widerstand (wo war 
der unsrige?) gegen die im Rahmen 
des “Gesetzespaketes zur Bekäm¬ 
pfung des illegalen Rauschgifthan¬ 
dels und anderer Erscheinungsfor¬ 
men der organisierten Kriminalität” 
beschlossenen Maßnahmen: 

Beobachtende- und Rasterfahn- 
dung, Observation und der “Kleine 
Lauschangriff” (wie süßt), Polizei¬ 
spitzel und Zeugenschutz. Doch da¬ 
mit nicht genug. Der große Lausch- 
angriff steht ebenso wie die Lega¬ 
lisierung “milieutypischer Straf¬ 
taten” durch Polizeispitzel auf dem 
Wunschzettel der Überwachungs¬ 
behörden. 


[4j SF 4/94 








II. 


'7 trvner mehr Menschen haben Angst...“ 
Es ist erschreckend... Organisiertes 
Verbrechen...das wird immer schlim¬ 
mer anstatt besser ...Schluß damit ! 
Sicherheit statt Angst. Deshalb schon 
am 12 Juni SPD “ (Femschspot der SPD) 

Vier Millionen Menschen in der BRD 
erhalten Sozialhilfe, 150.000 Frauen 
und Männer müssen auf der Straße le¬ 
ben, 800.000 Menschen hausen in Not¬ 
unterkünften, einer weiteren Million 
droht der Verlust der Wohnung. (Bun¬ 
desarbeitsgruppen gegen Arbeitslosigkeit, 
Köln). Zweiter Arbeitsmarkt und die 
ebenso geplante verkürzte Zahlung der 
Arbeitslosenhilfe, verstärkte Rationa¬ 
lisierung der Betriebe (siehe Staat¬ 
lichkeit als Okkupation Teil II, SF 
Nr.48) stehen als Stichworte beispielhaft 
fürdiegegewärtige, verschärfte, sozial- 
ökonomische Situation. Eine gesell¬ 
schaftliche Situation, die durchaus mit 
Angst verbunden ist: Bei den Menschen, 
die vordem gesellschaftlichen Absturz 
Angst haben müssen, mit all seinen 
Konsequenzen, welche sic bei denje¬ 
nigen studieren können, die bereits 
nbgestürzt sind, die sich Sozialschma- 
rotzer schimpfen lassen müssen und 
sich ängstigen, immer weiter an den 
Rand der bürgerlich anständigen Gesell¬ 
schaft gedrängt zu werden. Die als 
Penner”, wenn es dann soweit ist, fast 
v ogclfrei und legitim aus den Fußgän¬ 
gerzonen und Einkaufsmeilcn ver¬ 
trieben werden können (sog. Pcnncr- 
satzungen), ja auch schon mal zum 
Erfrieren von der Polizei in die Wein¬ 
berge transportiert werden (so ge¬ 
schehen, schon vor Jahren, in Mainz) 

Welche S tratcgic verfolgen Kanther und 
sein vordergründiger Gegenspieler 
Maurer? Wozu dient die übertriebene 
Kriminalitätsdarstcllung und das Ope¬ 
rieren mit falschen Zahlen? Die Me¬ 
rode ist uralt: Den Ängsten, die in der 
Bevölkerung aufgrund realer Probleme 
existieren, z.b. Arbcilsplatzveriust, 
extrem hohe Mieten,schwindende 
soziale Absicherung, werden besagte 
überzogene fiktive Bedrohlichkeiten zur 
Seite gestellt, das lenkt nicht nur von 
den eigentlichen Problemen ab und 
relativiert diese, sondern gleichzeitig 
Endet durch die permanente wiederholte 


Betonung “anderer Bedrohungen”eine 
Entdifferenzierung in der Wahmeh- 
mungderDingestatt.EinMechanisrnus, 
der sich nach regelmäßigem “Konsum” 
der TV-Nachrichten fast bei jedem 
Menschen einzustel len pflegt: Der “was 
ist das alles so schrecklich, aber ich 
kann ja eh' nichts tun”-Effekt. 
Gleichzeitig bietet sich die staatliche 
Obrigkeit als einzige Instanz an, die 
dem Einzelnen, scheinbar hilflosen 
Menschen Schutz und Sicherheit zu 
bieten vermag. 

Die SPD-Parole “Sicherheit statt 
Angst” steht beispielhaft, und um 
auch jeden Zweifel an der Absicht 
zu nehmen, auch bildlich mit einem 
paar gefesselter Hände untermau¬ 
ert, für die versprochene Erlösung 
von allen Übeln. Nicht “Sicherheit 
statt Angst”, sondern “Staatssicher¬ 
heit durch Angst” ist die für dieses 
Vorgehen richtige Bezeichnung. 
Diente früher die Bedrohung aus 
dem “Osten” in militärischer Hin¬ 
sicht auch dazu, die Bürgerinnen 
bei der Stange zu halten, so ist es 
heute nach dem Zerfall des Ost¬ 
blocks die imaginäre Bedrohung 
durch krimminelle Elemente, die 
dazu herhalten muß, den Ruf nach 
dem starken Staat wachzuhalten. 
Ein weiterer altbewärter Faktor am 
Thema “geschürte Angst” darf nicht 
fehlen: die Angst vor allem Frem¬ 
den. Was also paßt besser ins Bild 
der Bedrohlichkeiten als die “Kri¬ 
minalität” von Ausländerinnen; 
insbesondere von jenen, die schon 
beim Thema Asyl zu Sündenböcken 
(Arbcitsplätze,Wohnungen) erklärt 
wurden, - die Flüchtlinge. " Auch 
bei der Ausländerkriminalität hat 
Kanther kräftig dramatisiert 1 ', 
schreibt selbst der Spiegel, nichts 
desto trotz sind in einem Land, wel¬ 
ches sich weltoffen und tolerant 
schimpft, in dem aber vordergrün¬ 
dige Betroffenheit genügt, wenn 
von Ausländerinnen bewohnte 
Häuser brennen - Minderheiten und 
Fremde,- immer noch die geeignet¬ 
sten Objekte mit denen sich Angst 
schüren läßt. 

Als exemplarisches, massen¬ 
psychologisches Bindeglied zwi¬ 
schen der staatlich betriebenen 
Aufstachelung zum Fremdenhaß 
und der von SPD und CDU einhellig 
heraufbeschworenen Gefahr durch 



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CHWARZER 


SF 4/94 [ 5 ] 









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Peter Paul Zahl 

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Theaterstück über 
Friedrich Schiller 

Uraufgeführt am 12.Februar 1988 in 

Mannheim 

Pressestimmen: 

"Aus diesem radikal zugespitzten 
Gegensatz von persönlicher Freiheit 
und - im weiteren Sinne - gesell- 
! schaftlichem Gefangensein erwächst 
die Brisanz des Stückes..." 
(Rhein-Neckar- Zeitung) 

"Rock, Rap und total cooler Schilfer 
... eine Sturm- und Drang-Collage 
mit tausend krausen Gedanken übers 
Revoiuzzertum gestern und heute..." 
(Express) 

"Zahl schildert Fritz als einen ewigen 
Träumer... Und doch verbergen sich 
in dem Wölkenkuckucksheim soziale 
Sprengkräfte." (Theater-Rundschau) 
Herausgegeben von der Edition 
Wilde Mischung, Ko-Produklion 
mit dem Monte Verita-Verlag 
ISBN: 3-922209-80-7,120 S., 24.- 

Noam Chomsky 

Clinton's 
Vision - 

"Von der Eindämmung 
zur Ausdehnung" 

Eine Analyse der "neuen" Außen- und 
Wirtschaftspolitik der US A. Chomsky 
behandeltdenneuen Wirtschaftsraum 
NAFTA, die Beziehungen zu China, 
Haiti usw.; übersetzt von Helmut 
Richter 

ISBN: 3-922209-66-1,120 S., 14.- 


Trotzdem ^Verlag 
PF 1159 

D-71117 Grafenau/Württ. 
07033-44273 


Banden und “Organisierte Krimi¬ 
nalität” steht die stattgefundene 
Kriminalisierungskampagne gegen 
Kurdinnen und Kurden. Nicht nur 
die bei der sogenannten Asylde¬ 
batte durchgesetzten menschen¬ 
feindlichen Gesetze sollten legiti¬ 
miert werden, sondern erneut wurde 
mit rassistischen und nationalisti¬ 
schen Gefühlen Politik betrieben. 
Bei kaum spürbarem Widerstand 
durch oppositionelle Gruppen ge¬ 
lang es, quasi in “einem Aufwasch”, 
diejenigen, die zu Recht gegen die 
deutsche Unterstützung des türki¬ 
schen Staats und seines Terrors 
protestierten, als Gefahr für die 
Innere Sicherheit zu diffamieren. 

Erzeugung von Angst, sei es die 
Bedrohlichkeit einer über “uns” 
hereinbrechenden Kriminalität, 
oder die der drohenden “Flut von 
Fremden”, sind als massenpsycho¬ 
logische Strategie so alt wie die 
Menschheitsgeschichte, aber des¬ 
halb nicht weniger gefährlich und 
potent. Es ist das, in den meisten 
Menschen tiefverwurzelte Bedürf¬ 
nis nach Sicherheit und stabilen 
Verhältnissen, das angesprochen 
wird, wenn jene Ängste von Poli¬ 
tikerinnen und anderen Multipli¬ 
katoren hochgepuscht werden. 
Willfährig reagiert im allgemeinen 
die breite Masse und die sie bil¬ 
denden Individuen auf das Angebot, 
die bestehenden Ängste (realer 
Ursache) auf fiktive Bedrohlich¬ 
keiten umlenken zu lassen, deren 
“Bekämpfung“ sie sowieso den 
Mächtigen überlassen muß. Ein 
Moment, das umso besser funktio¬ 
niert, je weiter die Identifizierung 
mit dem Machtsystem reicht. Im 
“Idealfall” wird die beschworene 
Gefährdung der Inneren Sicherheit 
des Staates zur Gefährdung des 
(inneren) Sicherheitgefühls der 
Menschen, und wird von diesen mit 
dem Reflex des Schutzsuchens be¬ 
antwortet. Die Flucht in die fiktive 
Stabilität alter, bekannter Struk¬ 
turen, stellt sich so als von außen 
angestossenes, regressives Verhal¬ 
tensmuster dar. 

Staatliches Disziplinierungs¬ 
management kann somit, analog zur 
“Nationalen Selbstüberhöhung” 
(siehe Teil II), auch beim Thema 
der “Inneren Sicherheit” weit¬ 


gehend auf das Funktionieren der 
psychologischen Mechanismen 
zählen . 

Parteienpolitikerinnen, deren 
Politik darauf abzielt, Menschen 
mittels verdummender Propaganda 
und Deutschtümelei zu diskrimi¬ 
nieren und in nationale “gegen¬ 
sätzliche” Gruppen aufzuspalten, 
sind direkt verantwortlich an einem 
Klima rassistischer Gewalt, die 
zynischerweise wiederum als Be¬ 
gründung für die Tendenz herhalten 
muß, Parteipolitik nach”recht$” 
(eben mit Rücksicht auf die “Volks¬ 
seele”) zu rücken. Obwohl besagte 
Volksvertreterinnen vermeiden, die 
Begriffe “Blut und Boden” zu 
benutzen, knüpfen sie mental daran 
an, - gleichwohl sind sie Exponent- 
Innen eines bürgerlich demokra¬ 
tischen Staats. j 

Weshalb dieser, an sich über- 

| 

flüssig erscheinende Hinweis? Ojft 
genug wird nicht mehr zwischen 
dem Benutzen menschlicher Ver¬ 
haltensmuster zur Macht-erhaltung, 
wie sie jedem Staatssystem eigen 
sind,- und Faschismus in seiner 
speziellen Form staatlicher Herr¬ 
schaft, differenziert. Festzustellen, 
daß sich der deutsche Faschismus 
bestimmter massenpsychologischcr 
Mechanismen (z.B. Forcierung des 
Volksbegriffs/Identität) bediente, 
erlaubt noch nicht den Schluß, daß 
der bürgerliche Staat, der das 
gleiche tut, deshalb auch faschi¬ 
stisch wäre. Vielmehr, und das ist 
eben das Entscheidende, bedienen 
sich beide (wie der Stalinismus im 
übrigen auch) u.U. der gleichen 
Mittel. Der modische Fehler, jede 
Form von z.B. Nationalismus (Par¬ 
don, natürlich nicht den der soge¬ 
nannten Befreiungsbewegungen) 
per se als Faschismus zu deklarie¬ 
ren, und hinter diesem automatisch 
wieder das Kapital als treibende 
Kraft zu sehen, führt nur allzu leicht 
zur Verkennung gegenwärtiger ge¬ 
sellschaftlicher Machterhaltung. 
So gesehen bedeutet die Anwen¬ 
dung analog-faschistoider massen- 
psychologischer Mittel durch den 
bürgerlichen Staat nicht automa¬ 
tisch die Abkehr vom einem Staats¬ 
system, das die Menschen eher 
»flächig« durchdringt, als klassisch 
zentralistisch-pyramidal beherrscht 


[ 6 ] SF4/94 





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(siche Teil I, SF-44). Repression 
und Knast, Polizei und Justiz sind 
nach wie vor lediglich flankierende 
Instrumentarien, - wenn die Ebenen 
der Autoregulation und der frei¬ 
willigen Unterwerfung nicht aus¬ 
reichen, oder zu versagen drohen. 
Nichtzulctzl, um offene Repression 
vermeiden zu können, werden die 
Ebenen der Autoregulation im 
Bedarfsfall durch die besagten 
niasscnpsychologischen Mittel an- 
gestossen. 

Aktivistinnen, die, wie “das Ka¬ 
ninchen auf die Schlange starrend”, 
sich lediglich auf die mörderischen 
Extreme einer gesellschaftlichen 
Tendenz konzentrieren, greifen zu 
kurz/vorbei, wenn sie glauben, in 
der praktischen Auseinanderset¬ 
zung mit Nconazis (und der meist 
theoretischen mit dem Kapitalis¬ 
mus) das Wesentliche zu bekäm¬ 
pfen. Die Fehleinschätzung, das 
Kapital hätte momentan verstärktes 
Interesse an der Restaurierung eines 
neuen Faschismus, unterschätzt 
nicht nur die Potenz und Stabilität 
»flächiger« Herrschaftsformen, un¬ 
ter deren demokratischem Deck¬ 
mantel sich hervorragend Profite 
sichern lassen, sondern sie verstellt, 
*m Sinne der selektiven Wahrneh¬ 
mung, den Blick auf die Strukturen 
und Alltagsvcrhältnissc, die mit 
ihren subtilen Mechanismen die 
Menschen zu jenen Verhaltens¬ 
weisen “zwingen”, die über rein 
ökonomische Ebenen nicht zu 
erklären sind. Die momentan for¬ 
cierten Zugriffe auf mentale Ebenen 
der Angst und der Sicherheit 
(Sicherheit statt Angst), stehen 
beispielhaft für eine klassische 
Methode der Machtcrhaltung. Na¬ 
türlich ökonomisch verwertbar, 
aber vom Mechanismus nicht öko¬ 
nomisch ableitbar, sind sic unab- 
hängig von der Wirtschaftsform/ 
Situation quasi universell ersetz¬ 
bar. 

III. 

Freilich halte ich jene Gewalthaber für 
beklagenswert, die die große Masse 
des Volks zum Feind haben und sich 
daher gewaltsamer Mittel bedienen 
müssen, um sich am Ruder zu hal- 
( en.Dcnn wer nur wenige zum Feind 


hat, kann sich leicht und ohne viel 
Aufhebens sichern; wer aber die große 
Masse zum Feind hat, ist nie sicher, und 
je mehr Grausamkeiten er begeht, desto 
schwächer wird sein Regiment. Das 
beste Mittel, das es für einen Macht¬ 
haber gibt, ist daher zu versuchen, sich 
das Volk zum Freund zu machen. 

Nfccofo Machiaveili 


Wer in der Deutschen/West-Europäi¬ 
schen Gesellschaftnach Ansätzen einer 
emanzipativen Strategie sucht, wird 
scheitern, solange sich die Suche aus¬ 
schließlich an den Ebenen des Nicht- 
funktionierens der Wohlstands¬ 
gesellschaft orientiert. 


Natürlich weist eine Staatlich¬ 
keit, deren Menschenfeindlichkeit 
sich der Wahrnehmung weitgehend 
entzieht,weil sie sich den Menschen 
nicht cntgegenstellt, sondern durch 
sie hindurch wirkt,- Grenzen und 
Bruchlinien auf, an denen “revolu¬ 
tionäre Politik” im allgemeinen 
auch ansetzt. Asylpolitik, Rassis¬ 
mus, verschärfte Ausbeutung und 
Obdachlosigkeit sind jedoch nur die 
Demarkationslinie einer Integra¬ 
tion und eines gesellschaftlichen 
Konsens, der selbst auf die, die 
schon ausgegrenzt sind, eine unge¬ 
heuere Atrakti vität ausübt. Die Sog¬ 


wirkung des Mainstreams der Kon¬ 
sumgesellschaft der BRD besteht 
ungebrochen fort, und es gibt für 
Millionen Menschen kaum einen 
schlimmeren Gedanken, als nicht 
mehr dazu zu gehören. 

“Es scheint, daß für den Durch¬ 
schnittsmenschen nichts schwerer zu 
ertragen ist als das Gefühl , keiner grö¬ 
ßeren Gruppe zuzugehören. Ein Deut¬ 
scher kann noch so sehr ein Gegner der 
Grundsätze des Nazismus sein , wenn er 
zu wählen hat, ob er lieber allein stehen 
oder sich Deutschland zugehörigfühlen 
will, wird er sich meist für letzteres 
entscheiden'. (Erich Fromm 1941) 


S taatl ichkeit, die über die Einbeziehung 
in Kategorien fiktiver (“deutsches 
Volk”) oder realer Natur, Menschen 
integrativ beherrscht, muß, über das 
Moment der Abgrenzungen, andere 
(Menschen) zwangsläufig ausschließen. 
Die Integrierten erfahren durch diesen 
Prozess sowohl ein Gefühl der Sicher¬ 
heit und Aufwertung (“Wir”), als auch 
das der Distanz zu den Anderen (“Die”). 
So findetein jeder Mensch seinen Platz. 

Die oben genannten Demarka¬ 
tionslinien eines Integrationssy- 
stems, das den Menschen physisch 
und mental Sicherheit zu geben 


Foto: Dogma S. 



SF4/94 [ 7 ] 








scheint, werden, so sie einmal wahr¬ 
nehmbar sind, für die meisten 
Menschen nicht zu Eckpfeilern ei¬ 
ner neuen emanzipativen Perspek¬ 
tive, sondern vielmehr zum Angst¬ 
moment des möglichen “Ausschlus¬ 
ses”. Die Wahrnehmung der Nicht¬ 
integration ist gleichzeitig die Dro¬ 
hung mit der Unsicherheit. Lebens¬ 
lange Einbindung ins Machtsystem 
führt so bei Verunsicherung meist 
zu Überanpassung und selten zur 
Revolte. Ausnahme können Be¬ 
drohlichkeiten sein, die so elemen¬ 
tar erscheinen (eigene physische 
Gefährdung), daß staatliche Garan¬ 
tenstellung überfordert erscheint, 
oder sogar im Widerspruch dazu 
steht. Aber auch bei diesen seltenen 
Beispielen breiteren Aufbegehrens 
(Nukleare Bedrohung,AKW’s) 
zeigt sich sehr schnell, daß es der 
Mehrzahl der Beteiligten eben nicht 
darum geht, die Fragwürdigkeit der 
Garantenstellung zu problemati¬ 
sieren, sondern alles dafür zu tun, 
daß diese wieder hergestellt wird. 

Es genügt in diesem Sinne nicht, 
immer neue “Knackpunkte” und 
“Highligts” politischer Radikalität 
zu suchen, solange nicht auch die 
Alltagserfahrungen von Ein- und 
Unterordnung, die Mechanismen 
von Anpassung und Angst vor Ab¬ 
weichung begriffen und angegan¬ 
gen werden. 

Zwar können Impulse vom Rand 
des sozialen Mainstreams, und von 
den Brüchen ausgehen, die Stabi¬ 
lisierung der Gesellschaft erfolgt 
jedoch aus ihrer Mitte. 

Ein eklatantes, aktuelles Beispiel 
für Alltags-Gehorsam und die er¬ 
staunliche Duldung gegenüber ei¬ 
ner gesetzten Order ist das Anfang 
des Jahres durchgeführte Experi¬ 
ment an der Uni in Münster: Die 
Studentinnen wurden eines mittags 
durch an den Mensatüren ange¬ 
brachte Schilder aufgefordert, nach 
Deutschen und Ausländerinnen 
getrenntden Speisesaal zu betreten. 
Damit, so ein verteilter Handzettel, 
ein “Arbeitskreis deutscher Studen- 
ten" feststellen könne, wie sehr die 
wachsende Zaht der Ausländer den 
Steuerzahler belaste und damit die 
Studien und Eßplätze der deutschen 
Studenten gefährde”.Schon die 


ersten Studentinnen lasen” kich¬ 
ernd bis gleichgültig” (Experi¬ 
mentleiter Kordes) die Handzettel 
und gingen nach Deutschen sortiert 
durch die Türen. Ein deutsch-korea¬ 
nisches Pärchen erschien und trenn¬ 
te sich. Ein afrikanischer Student 
schlich sich von der falschen zur 
richtigen Tür. Kam eine größere 
Gruppe, brauchte Kordes nur zu 
rufen: “Deutsche links, Ausländer 
rechts “ und schon folgte die Herde. 
800 passierten, die Ausweise prä¬ 
sentierend, "grinsend, murmelnd, 
gleichgültig, beflissen - aber auf- 
begehren tat kaum einer”. Nur 
zwei Frauen und ein Mann empör¬ 
ten sich “Eine zerriß den Handzet¬ 
tel” .(nach M.A.Z. 12.2.94) 

Die Studentinnen leisteten Folge, 
freiwillig,ohne Befehlsstruktur und 
harten Kommandoton, automatisch. 

Zwei weitere Versuche, die aufzeigen, 
wie sehr Einzelne unter Gruppenzwang 
und autoritärer Dynamik manipulierbar 
werden, sind die von S.E. Asch und 
die, “berühmt” gewordenen, von 
Stanley Milgram. 

Bei Aschs Experiment, das “dazu 
dienen sollte, einige Wirkungen des 
Gruppendrucks auf die Urteilskraft 
des einzelnen aufzudecken, wurden 
die einzelnen Versuchspersonen ge¬ 
beten , die Länge einer gegebenen 
Linie mit einer von drei ungleichen 
Linien zu vergleichest. Die Ver¬ 
suchsperson saß in einem Zimmer 
zusammen mit einer Gruppe ande¬ 
rer Personen, die alle dieselben 
Linien verglichen und identifizier¬ 
ten. Die anderen Personen waren 
Mitarbeiter des Versuchsleiters. 
Bei der Aufgabe, die verschiedenen 
Linien miteinander zu vergleichen, 
fand sich die Versuchsperson plötz¬ 
lich in der Situation, daß ihrem Ur¬ 
teil von allen anderen Mitgliedern 
der Gruppe widersprochen wurde. 
Im Durchschnitt wurden 32 %, also 
fast ein Drittel der Entscheidungen 
der Versuchsperson, unkorrekt. In 
diesen Fällen verleugneten die ein¬ 
zelnen die deutlichen Aussagen ih¬ 
rer Sinne , um sich ihren Nachbarn 
anzupassen”, (n. B.Moore “Die 
sozialen Ursachen von Unterordnung 
und Widerstand “ Suhrkamp Verlag) 

Spannend wird das Experiment 
in seiner Fortführung, als zwei Ver¬ 


suchspersonen gleichzeitig getestet 
wurden und sich die Beurteilungs- 
fehler auf 10,4 % veringerten, so¬ 
wie in einem anderen Fall, in dem 
die Versuchsperson von einem Mit¬ 
arbeiter die richtige Antwort hörte, 
bevor sie selbst sprechen konnte j- 
während die anderen falsche Ant¬ 
worten gaben, hier verringerte sich 
die Quote auf 5,5 %. 

Offensichtlich genügte, zumin¬ 
dest in dieser experimentellen Si¬ 
tuation, die Intervention einer ein¬ 
zelnen anderen Person, um dejt 
“Druck“ der Gruppe zu kompen¬ 
sieren. 

Auch bei Stanley Milgrams Exi- 
periment, dessen Ziel es wal, 
herauszufinden, ab wann Testper¬ 
sonen den Gehorsam verweigern, 
wenn die gegebenen Befehle zu¬ 
nehmend grausamer werden, zeigt 
sich ein hoffnungsfroher Aspekit 
unter dem sonst erschütterndeil 
Ergebnis: Die meisten getesteten 
Menschen verabreichten in der fin¬ 
gierten Atmosphäre eines “Ver- 
suchslabors” unter der Anweisung 
eines “wissenschaftlichen Ver¬ 
suchsleiters mit weißem Kittel” 
einer anderen Person (scheinbar) 
quälende Elekroschocks und maJ- 
trätierten auch ein sich krümmen¬ 
des, schreiendes “Opfer” unter dem 
Druck der Autorität weiter, bis zu 
einer “tödlichen" Schwelle. Jedoch 
rebellierten die meisten Versuchs¬ 
personen (schneller) gegen die 
Autorität des “Versuchsleiters”, 
wenn ihnen ein anderer (im Ex¬ 
periment: ein zur Seite gestellter 
“Lehrer”) den Rücken stärkte, und 
sich weigerte, den Befehlen Gehor¬ 
sam zu leisten. Die gesellschaft¬ 
liche Unterstützung stellte sich als 
das wirksamste Mittel heraus, die 
Regeln zu durchbrechen (Stanley 
Milgram, das Milgram - Experiment: 
Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber 
Autorität, Reinbeck 1974) 

Die erwähnten Beispiele unter¬ 
würfigen Verhaltens und die Mög¬ 
lichkeit, Regelkreise auch durch¬ 
brechen zu können, bieten für sich 
allein genommen natürlich keine 
Handlungsperspektive, aber sijc 
fordern dazu auf, sich weiter mit 
dem “Regelwerk”, nicht nur dem 
der “subtilen” Unterdrückung, der 


[ 8 ] SF 4/94 







Einbeziehung in Machtsysteme und 
der Okkupation, sondern eben auch 
der Möglichkeit der Abgrenzung, 
des Unterlaufens und des Wider¬ 
stands, auscinandcrzusctzcn. 

Die Frage nach “DER” Strategie, 
mit der die filigranen, flexiblen 
Mechanismen der Herrschafts¬ 
sicherung durchbrochen werden 
könnten, ist so nicht zu beantwor¬ 
ten. Die Faktoren, die zum Ent¬ 
stehen emanzipativer Prozesse nö¬ 
tig sind, setzen sich aus vielfältigen, 
kommunizierenden Komponenten 
zusammen , deren psychologische, 
soziale und ökonomische Variablen 
nicht mit einer starren “Rezeptur” 
kalkulierbar gemacht werden kön¬ 
nen. Es geht insofern bei der vorab- 
bcschriebcncn Problematik auch 
weniger um die “Vorbereitung der 
Wcltrcvolution”, als vielmehr da¬ 
rum, mehr Sensibilität in der Beur¬ 
teilung und Anwendung von Denk- 
und Handlungsabläufen entwickeln 
/u können, die “strategisch” aller¬ 
dings insofern bedeutungsvoll sind, 
als sic nicht nur (situativ) dazu 
beitragen, den subtil-repressiven 
Konsens zu durchbrechen, sondern 
v or allem auch (perspektivisch) die 
Grundlage dafür sind, cmanzipative 
Prozesse “dauerhaft” zu machen. 
Gemeint ist die Schwierigkeit, nicht 
bei der Vielzahl der “Revolte gegen 
Etwas” stcckcnzublcibcn, sondern 
aus diesem Ansatz heraus einen 
Umgang miteinander zu entwik- 
kcln, der uns von dem, gegen das 
wir revoltieren, erkennbar unter¬ 
scheidet. So kann dies am prakti¬ 
schen Beispiel des “Antifaschisti¬ 
schen Kampfs” weder bedeuten, 
den bürgerlichen Rechtsstaat als 
Ideal gegen die Neonazis zu ver¬ 
teidigen, noch mit plumper Macho- 
haftigkeit männcrbündisch, ge¬ 
legentlich kaum noch in Stil und 
Auftreten von von den Gegnern 
unterscheidbar, zu agieren. Wohl- 
gemerkt, es geht nicht um Militanz 
Sinne von “Ja oder Nein”, son¬ 
dern darum, wie sic gelebt wird, 
and als was sic verstanden wird. 
Pleibt sic auf der Ebene eines ge¬ 
walttätigen Reagicrens stehen, und 
droht sie sich “militärisch” autoritär 
7U verselbständigen, oder sind 
Zweifel, Kritik und Ängste erlaubt? 
Gestehen wir uns zu, außerhalb des 



Foto: Fargotof/AFZ 

reflexhaften, “schnellen und not¬ 
wendigen” Reagierens auf die offe¬ 
nen, menschenverachtenden Ebe¬ 
nen des Systems ,uns auch mit Muße 
und Lust den subtilen Ebenen von 
Herrschaft entgegenzustellen? Sind 
wir in der Lage, Instrumente der 
Skepsis, der Irritation und der Auf¬ 
klärung gegen stupides Verhalten 
zu setzen? Wohl noch nicht genug: 
wie entstünde sonst der Eindruck, 
vor allem nach Kritik an abgelau¬ 
fenen Aktionen, daß auf dieses An¬ 
liegen mit der gleichen Angst und 
deshalb aggressiv reagiert wird, wie 
es in Alltagssituationen geschieht, 
wenn “Gewohntes” hinterfragt 
wird. 

Die offenen Bruchlinien eines 
sonst subtilen Herrschaftssystems, 
sei es sichtbarer Rassismus, Folter 
oder Elend, könnten weiter Aus¬ 
gangspunkt von Widerstand blei¬ 
ben, solange noch ein Minimum an 
“Rezeptoren” für Ungerechtigkeit 
und Unmenschlichkeit bestcht,und 
solange die Trägerinnen eventuel¬ 
ler rudimentärer Reste bürgerlicher 
Moral und Ethik die vorhandenen 
“Qualitäten moderner Zivilisation” 
zu realisieren in der Lage sind. Das 
an der “Wahrnehmung von Unge¬ 
rechtigkeit”, im Sinne einer Mini¬ 
mierung der “Rezeptoren” gear¬ 
beitet wird (möchte ich hier unter¬ 
stellen, aber nicht weiter ausfüh¬ 
ren), als auch, daß bürgerliche 
Moral kein unbedingter Garant für 
Empörung ist, müßte eigentlich 
nicht besonders erwähnt werden. 
Wenn jedoch, und darum geht es ja 


wohl auch, unser “ureigener” Pro¬ 
test (wir halten uns ja für sensibler) 
Anknüpfungspunkte bei “der brei¬ 
ten Masse” finden soll, dann sind 
wir eben mit einer Empörung kon¬ 
frontiert, deren moralische Grund¬ 
lage meist (noch) darin besteht zu 
sagen, daß Ausländerinnen zwar 
vernutzt, aber eben nicht verbrannt 
werden sollten. 

Gesetzt also der Fall, daß es auch 
weiterhin, wenn auch natürlich völ¬ 
lig unzureichend, Momente der 
Wahrnehmung von Horror gibt, ist 
damit noch nicht viel gewonnen. 
Erst wenn es gelingt, diese in die 
Form eines Protests zu überführen, 
der die Ebene von Kerzentragender- 
Eintagesbetroffenheit deutlich 
überschreitet, wird es (vielleicht) 
interessant. Die riesige Schwelle, 
die zwischen Realisation von - und 
Aktion gegen Unrecht liegt, ist nur 
zu überwinden, wenn wir z.B. un¬ 
sere Ängste und auch die der an¬ 
deren nicht als lächerlich abtun, 
und uns auch über das Bedürfnis 
nach, z.B. Sicherheit, nicht durch 
Negation hinwegsetzen. 

Die Kunst besteht darin, “Unmut” 
und Protest zu Mut und Widerstand 
zu wandeln, indem Handlungsebe¬ 
nen angeboten werden, die die Men¬ 
schen nicht nur in ihrer “revolutio¬ 
nären Objekthaftigkeit” willkom¬ 
men heißen, sondern mit der selben 
Widersprüchlichkeit anzunehmen 
bereit sind, die auch uns eigen ist. 
Allzu bekanntes Auftreten, das eher 
von Arroganz und von zur Schau 
gestelltem “Wir durchblicken al¬ 
les...” geprägt ist, trägt kaum dazu 
bei, politischen Protest anziehend 
zu machen. Das so oft malträtierte 
Wort vom solidarischen Verhältnis 
anderen gegenüber sollte auch 
Mangel an Mut kompensieren, die¬ 
sen aufbauen und diesen nicht im¬ 
mer schon voraussetzend zur Be¬ 
dingung für Solidarität erheben. 
Nur Erfahrungsebenen , die, einmal 
beschritten, Selbstvertrauen stär¬ 
ken und nicht unter der Überfor¬ 
derung (der lieben Genossen) zu¬ 
sammenbrechen, sind dazu geeig¬ 
net, eine solide Basis für etwaige 
weitere und noch mehr Mut erfor¬ 
dernde Waghalsigkeiten zu bieten. 

Das Erlernen eigener Stärke, das 
erfolgreiche Überschreiten eigener 


SF 4/94 E®] 









Grenzen und der schrittweise Aus¬ 
bau der eigenen Souveränität, sind 
Wesenselemente eines emanzipa- 
tiven Prozesses, in dessen Verlauf 
“Selbstsicherheit”, als antagoni¬ 
stisches Prinzip, der Sicherheit 
staatlicher Einbindung entgegenge¬ 
stellt werden kann. Solidarität heißt 
in diesem Sinne die Entwicklung 
zu einer eigenständigen Persön¬ 
lichkeit fördern, der Individualität 
Raum geben,anstatt sie einzuengen. 

Die Gefahr ist groß, auf der 
Grundlage “der Angst vor Freiheit” 
von einer Abhängigkeit in die 
nächste zu flüchten - immer dann, 
wenn der “Unmut über” groß genug 
ist, aber der” Mut zu “einer eigen¬ 
ständigen Entwicklung fehlt, be¬ 
steht die Neigung, sich in neue, 
Sicherheit verheißende Strukturen 
zu begeben. Ein Verfahren, wel¬ 
ches, ideologisch untermauert, den 
oder die Einzelne noch in der Phase 
der “Verunsicherung” über die alten 
Strukturen, schon in die neuen, 
politisch “revolutionär- notwendi¬ 
gen” preßt, setzt die Stringenz der 
Unselbständigkeit fort. Bei autori¬ 
tär-kommunistischen Organisatio¬ 
nen findet sich das forcierte Aus- 
nutzen des Angstmoments im Sinne 
der Parteidisziplin. Aber auch bei 
unseren oder uns nahestehenden 
Gruppen, finden sich immer wieder 
Faktoren einer das Individuum 
einschränkenden Einbindung in die 
Gruppenstruktur, die bezeichnen¬ 
derweise oft weniger strukturellen, 
als informellen Charakter hat. 
Allerdings kann zugunsten liber¬ 
tärer Struktur gesagt werden, daß 
eine etwaige Disziplinierung ein¬ 
zelner nicht willkürlich, wie bei 
der gewollt hierarchischen erfolgt 
und zumindest theoretisch leichter 
hinterfragbar bleibt.(oder?) 

Die Frage,wie gewonnene Erfah¬ 
rungen des Widerstands aus “High- 
!igt”-situationen in die des Alltags 
und die Regelkreise des sozialen 
Konsens übertragen werden kön¬ 
nen, mißt sich weniger an der er¬ 
fahrenen Härte der Auseinander¬ 
setzungen in den “Extremsituatio¬ 
nen”, sondern eher daran, wie und 
ob sich trotz der Härte in diesen 
Momenten Beziehungsstrukturen 
ergeben, die genügend Sensibilität 
aufweisen, um auch in Ailtagssi- 


tuationen den täglichen Horror zum 
Gegenstand der Auseinanderse¬ 
tzung machen zu können. Die dü¬ 
steren Erfahrungen im Widerstand 
gegen die Startbahn-18 West am 
Frankfurter Flughafen zeigen wie 
wenig übrig bleibt, wenn es der 
“Gegenseite gelingt, durch die 
Macht des Faktischen (die Voll¬ 
endung des Baus), Fehler der Akti¬ 
vistinnen und später durch die 
Schüsse und die toten Polizisten, 
Oberwasser zu gewinnen. Eine Be¬ 
wegung, die zu ihren Hochzeiten 
lOO.OOOe mobilisieren konnte und 
fast die Landesregierung zum Rück¬ 
tritt zwang, schaffte es trotzdem 
nicht, sich über die Aktivität gegen 
die Flughafenerweiterung hinaus 
im Bewußtsein der meisten Men¬ 
schen zu verankern und Alltagsre¬ 
levanz zu erzielen. 

Die schnelle Antwort, dann müs¬ 
se eben doch der alltägliche Be¬ 
reich, sozusagen von Anfang an, 
politisiert werden, sprich: kollek¬ 
tive Produktions- und Lebensfor¬ 
men werden zum zentralen Punkt 
bestimmt - hört sich gut an. Bei 
genauerer, und vor allem längerer 
Betrachtungsweise jedoch, finden 
sich auch hier Prozesse der Adap¬ 
tierung an die Erfordernisse z.B. 
kapitalistischer Professionalität, 
die zwar verständlich sind, aber oft 
bis zum völligen Aufgeben der ur¬ 
sprünglichen, idealistischen Inhalte 
gehen. Oder es tritt der gefürchtete 
Zustand innerer Zersetzung ein, 
Selbstzerfieischung als Energie 
fressender Prozeß, an dessen Ende 
oft der Stärkste gewinnt und die 
materiellen Reste des Kollektivs 
erbt. Um nicht völlig schwarz (ha!) 
zu malen, natürlich gibt es auch 
positive Beispiele lebendiger Kol¬ 
lektive, aber gerade bei diesen zeigt 
sich, worum es in dieser Ausein¬ 
andersetzung geht: unabhängig vom 
Inhalt der Aktivitäten (natürlich 
sind diese nicht völlig beliebig) - 
ist die Art und Weise der Um¬ 
setzung entscheidend. Der Zweck 
heiligt eben nicht die Mittel. Dreh- 
und Angelpunkt ist immer wieder 
die Frage: werden emanzipative 
Prozesse ermöglicht oder eher ab¬ 
gewürgt. Ist das letztere festzu¬ 
stellen, kann getrost auch auf die 
berühmten Inhalte verzichtet wer¬ 
den. 


Wenn, wie schon oben festge¬ 
stellt, Selbstsicherheit und Selbst¬ 
vertrauen und die Erweiterung ei¬ 
gener Souveränität im Zentrum der 
Bemühungen stehen sollte, heißt 
dies nicht Individualität contra 
Kollektivität zu setzen, sondern da¬ 
von auszugehen, daß ein Kollektiv, 
so es nicht autoritär den/die Ein¬ 
zelne unterdrückt, eben aus ein¬ 
zelnen Individuen bestehen sollte. 
Kollektive Lebensorganisierung, 
sei es Wohnen oder Produktion, ist 
für Libertäre immer an das Be¬ 
mühen um Souveränität des ein¬ 
zelnen Menschen geknüpft* 


IV. 

“Ich würde sagen, daß der Staat eine 
Kodifizierung vielfältiger Machthe- 
ziehungen ist, die sein Funktionieren 
ermöglichen, und daß die Revolution 
ein anderer Typ der Kodifizierung dieser 
Beziehungen ist. Dies impliziert, daß es 
soviele verschiedene Arten von Revo¬ 
lution gibt , ungeßhr soviele nämlich, 
wie es mögliche Kodifizierungen der 
Machtbeziehungen gibt und daß im 
übrigen ohne weiteres Revolutionen 
vorstellbar sind t die die Machtbezie¬ 
hungen , auf deren Grundlage der Staat 
funktionieren konnte, im Wesentlichen 
unangetastet lassen. 3 * 

(Michel Foucault, Dispositive der Macht, 
W ahrhei t und M acht, Merve-Verlag, Nr .78) 

Herrschaft von Menschen über Men¬ 
schen, sei sie pyramidal-zentralistisch 
oder eher »flächig« strukturiert, bedarf 
der Macht. Wie beschrieben, haben wir 
es bei der “modernen Form staatlicher 
Herrschaft” mit einem System von 
Machtzirkulation zu tun, die sich der 
Wahrnehmung eher entzieh t, indem sie 
Konfrontation meidet und nicht auf,- 
sondern durch die Menschen hin¬ 
durchwirkt. Auch “durch uns” wirkt 
ein Staatssystem, das den gesamten 
sozialen Körper mit einem Funktions¬ 
geflecht der Macht zu durchziehen 
sucht, das die Menschen integrativ 
okkupiert, Identifizierungsebenen 
schafft und den gesellschaftlichen 
Mainstream als Autoregulativ nutzt, und 
sich so Zugang geschaffen hat zu din 
Prägungsebenen von Werten und 
Glücksgefühlen* Ein solches System 
besticht, indem es den Menschen vöm 


| 10 ] SF 4/94 







Objekt- zum Subjekt der Machtfunktion 
erhebt, ihn durchaus von der “alten” 
Einbindung in die streng hierarchische 
Sozialstruktur des “Oben und Unten” 
entbindet, und perfiderweise - die aus 
dem Verlust der Einbindung erwach¬ 
sene Isolation auch noch als “Indi¬ 
vidualität” verkauft. Eine Isolation des/ 
der Einzelnen, die nur deshalb nicht als 
solche empfunden wird, weil sic, genau 
wie Leere und Ohnmacht, nicht zur 
Oberfläche des Bewußtseins dringen 
können, solange die “individuelle” 
Einbindung in den Mainstream Sicher¬ 
heit und Wertigkeit (z.B. als Konsu- 
mentln/Produzcntln) gibt. 

Im Beschriebenen verhallen sich 
Macht und Herrschaft gleichsinnig 
und bedingen einander, der Mensch 
wird zum Bestandteil der Macht¬ 
zirkulation, die ihn prägt, deren 
Präger er wird, und die er weiter¬ 
gibt. 


POWER: 

Kraft; Vermögen; Fähigkeit; 
Macht; Gewalt; Vollmacht; 
Potenz; Masse; in-an der 
Macht, im Amt 
(Langenscheidts Englisch) 



Wenn es aber darum geht, nicht nur die 
Inhalte, sondern vor allem auch die Art 
und Weise unseres gesellschaftlichen 
Agierens an der Qualität der eman- 
zipativen Potenz zu messen, kommen 
wir notwendigerweise zu dem Problem, 
Macht und Herrschaft nicht nur als 
synergistische Momente zu betrachten, 
sondern nach den gegenläufigen Mo¬ 
menten zu spüren, jenen Punkten, an 
denen staatliche Macht endet und eigene 
Stärke beginnt. 

An diesem Punkt spätestens be¬ 
ginnen, sofern die anarchistisch¬ 
moralischen Instanzen noch funk¬ 
tionieren, alle cerebralen Alarm¬ 
glocken zu klingeln: Beginnt hier 
die Liebäugelei mit der Macht, die 
gemäß allen anarchistischen Theo¬ 
rien abzulehnen ist, wenn der Blick 
nicht gerade an Max Stirners :”Was 
du zu sein die Macht hast, dazu 
hast du das Recht” hängenbleibt ? 

Trotz der immer wieder postu¬ 
lierten Maxime - daß jede Be¬ 
freiungsstrategie, die Macht ein¬ 
setzt, um Macht zu überwinden, 
dazu verurteilt ist, neue Machtbe¬ 
ziehungen an die Stelle der alten zu 
setzen, -kommen wir als Libertäre 
mit der alleinigen (theoretischen) 
Ablehnung von Herrschaft und 
Macht nicht sehr viel weiter. Es ist 
das alte Dilemma der anarchisti¬ 
schen Idee, daß Macht im Zusam¬ 
menhang mit Herrschaft negativ 
besetzt und zu recht abgelehnt wird, 
daß aber sehr wohl Macht nötig 
erscheint, um gerade emanzipative 
Prozesse einzuleiten, abzusichern 
und voranzutreiben. Jedes Kräfte¬ 
verhältnis, nicht nur das der Herr¬ 
schaft, sondern auch das Bestreben, 
sich von ihr zu befreien, impliziert 
zwangsläufig eine Machtbezie¬ 
hung. Der “Dualismus der Macht” 
ist als Problem mit der doppelten 
Verneinung - "Keine Macht -Für 
Niemand” nicht aus der Welt zu 
schaffen, auch wenn sie auf das 
Richtige abzielt. 

Etwas klarer wird das Dilemma, 
zwischen Macht und Herrschaft 
unterscheiden zu müssen, wenn wir 
über Ohnmacht sprechen, die ja 
wohl niemand als besonders erstre¬ 
benswert erscheint. Macht läßt sich 
in diesem Zusammenhang als “Fä¬ 
higkeit etwas zu tun“, oder auch 
mit der Entwicklung eigener Stärke, 


positiv definieren. Das Entstehen 
einer souveränen Persönlichkeit, 
m it der Fähigkeit zur individuellen 
Entscheidung, ist untrennbar mit 
dem Begriff der Stärke/Macht 
verknüpft. Es ist Selbstbetrug, zu 
glauben, wir könnten uns außerhalb 
des generell wirkenden Janus-Cha¬ 
rakters der Macht stellen, sollten 
nicht Ohnmacht, Duldung und Pas¬ 
sivität zu Tugenden erhoben wer¬ 
den. Wenn es also in diesem Zu¬ 
sammenhang um “die Qualität der 
emanzipativen Potenz” geht, ist ein 
Umgang mit “Macht” gemeint, der 
die Entwicklung eigener Stärke und 
von Selbstvertrauen fördert, ohne 
das Ziel zu verfolgen, über andere 
herrschen zu wollen. Die Aufgabe 
einer lebendigen Anarchistischen 
Bewegung/Philosophie liegt darin, 
den u.U. gefährlich nahen Über¬ 
gangspunkt vom “Einen zum An¬ 
dern” immer neu kritisch bestim¬ 
men zu müssen. (Es gibt nicht viele 
“müssen” im Text, aber dieses eine 
muß sein). Natürlich erfordert die 
gerade in einem “flexiblen” Staats¬ 
system vorhanden Intention, gegen¬ 
läufige Kräfte zu integrieren, ja ge¬ 
gebenenfalls an der Staatsmacht zu 
beteiligen, ein ethisch-anarchisti¬ 
sches Rückgrat, welches gegen der¬ 
artige Ansinnen möglichst resistent 
macht. Die anarchistische Ge¬ 
schichte ist eine schier endlose An¬ 
einanderreihung von Versuch und 
Irrtum, mitdem Dilemma der Macht 
zurechtzukommen, gerne eine 
“Mächtige Bewegung” sein zu 
wollen, aber dies gleichzeitig als 
Paradoxon zu empfinden. Es geht 
also nicht darum, einem unvorsich¬ 
tigeren Umgang mit der Macht das 
Wort zu reden, im Gegenteil: im 
Wissen um die Gefährlichkeit der 
Macht und die ihr immanente Mög¬ 
lichkeit, Herrschaft auszuüben, 
liegt die ständige Verpflichtung zur 
Genauigkeit. Die Pontius Pilatus- 
Haltung einer sich angeblich jeder 
Macht enthaltenden reinen, liber¬ 
tären Struktur ist verlogen und lei¬ 
stet in ihrer Simplifizierung der Un¬ 
genauigkeit Vorschub. 


p oto: Moritz Milch/AFZ 


SF 3/94 [11] 
















Foto: Herby S 



Die Ideologieproduktion zur Bevölke- Wirtschaft einerseits, und der verstärkten möchten wir uns zunächst mit den 
rungspolitik treibt munter Blüten. Die Unterwerfung anderer Regionen unter Ideologie-Konzepten auseinander- 
Auseinandersetzung mit der Konferenz die Marktgesetze andererseits aus? setzen, wie sie in der Öffentlichkeit 
in Kairo - sei sie zustimmend oder ab- Welche Menschen der jeweiligen Re- massiv propagiert werden. Hierbei w^r- 
lehnend - bewegt sich meistens auf der gionen sind besonders betroffen? Wie den wir einen Schwerpunkt auf das 
Ebene dieser Ideologien. Viel zu kurz wird selektiert? (Vgl. hierzu auch die Konzept der “nachhaltigen Entwick- 
kommt dagegen die Auseinander- Debatte in der Ha z.B. über rassistische Iung”setzen,dasinengem Zusammen¬ 
setzung mit der Praxis von Bevölke- Bevölkerungskontrolle in Brasilien.) hang mit der Legitimierung von Bevöl- 
rungskontrolle heute: Wie sieht diese Um uns mildem Verhältnis zwischen kerungskontroüe steht: 

Praxis unter der Bedingung von De- bevölkerungspolitischer Ideologie und Berechtigte Ängste im Zusammen- 
Industrialisiemng und Zwangsabkop- den tatsächlichen Praxen der Bevölke- hang mit Umweltkatastrophen werden 
pelung ganzer Regionen von der Welt- rungskontrolle auseinanderzusetzen, mobilisiert und umgewandelt in die 

“Bevölkerungspolitik” und 
“Sustainable Development” 


[ 12 ] SF4/94 























Angst vorcincr angeblichen Bedrohung 

durch’‘Mcnschcnlawinen” armer Men- . „ , 

sehen aus dem Süden. Das hat ent- wirken aller Po it reiche im a n Verhandlungen zum Abschlußdoku- 

'astende Funküon: In den Metrapolen einer integrierten Weltmnenpol uk ment von Kairohatteahnenl^sCT^aß 

SsTöm^ an/rr h U f Si A WCdCr fÜr Probte zu löseTZur “WMnnen- Entwicklung de facto kein Thema der 

Hch I S “ ? l I li Politik" gehören neben der Bevöl- Konferenz sein würde. Gelang doch 

Schi:-, f “ h Cn ’ dc " n d,c ^ Cn , " d kerungspolitik und der Entwicklungs- zum Thema “Wechselbeziehungen 

schließlich an ihrer Armulsclbcr schuld, f Weltwirtschaflsvolitik und zwischen Bevölkerungszuwachs, Wirt- 

wenn sic sich “unkontrolliert” vermeh- ,. ,, „ schaftswachstum und Entwicklung" 

rcn.undzudcmbcdrohcnsic zunehmend B J r J [Bevölkerungswissen- gerade mal folgende Absichtserklärung: 

Umwelt . schaftler], 1992. In: Weltbevölkerung “The international Community should 

n einer der nächsten Ausgaben wer- unci Entwicklung, S. 16. Hervorh. H.B.) promote a supportive economic envi- 

en wir uns mit der Realität von Be- .. ronment to achieve economic progress 

völkerungskontrolleauseinandersctzen. Wenn auch der Begriff der t t - andret j ucepoverty » 2 überhaupt-über 

Hier liegt der Schwerpunkt auf dem lung” in den Titel er e t vo e Armut so n e man am “passenden Ort” 

Konzept des “Empowermcnts”: Welche rungskonferenz 9 m ir° ug diskutieren, nämlich im kommenden 

unküon hat es besonders im Zusam- men wurde, wurde w ren er Jahr aufderUNCTAD; schließlich wird 

^enhang mit “einer neuen Bewertung ferenz tatsächlich so wenig wie nie zuvor ^ diese Konferenz eine “Konvention 

er Armen ... als Wirtschaflssubjekte” über Entwicklung gere et. eine gegen Armut” vorbereitet 

(Bernhard Imhalsy in der taz vom 4. batten mehr über ungerechte e wir Die^Tatsache, daß in der Publikations- 

August 1994)? Was bedeutet es konkret schafisstnikluren, ausbeuterische Han- 

Wie mit Hilfe von Angst vor Naturzerstörung rassistische und sexistische 
Bevölkerungskontrolle legitimiert wird. 

v ° n Michaela Schuh und Helga Eblinghaus 


Verhandlungen zum Abschlußdoku¬ 
ment von Kairo hatte ahnen lassen, daß 
Entwicklung de facto kein Thema der 
Konferenz sein würde. Gelang doch 
zum Thema “Wechselbeziehungen 
zwischen Bevölkerungszuwachs, Wirt¬ 
schaftswachstum und Entwicklung" 
gerade mal folgende Absichtserklärung: 
“The international community should 
promote a supportive economic envi- 
ronment to achieve economic progress 
and reduce poverty”. 2 Überhaupt - über 
Armut solle man am “passenden Ort” 
diskutieren, nämlich im kommenden 
Jahr auf derUNCTAD; schließlich wird 
für diese Konferenz eine “Konvention 
gegen Armut” vorbereitet. 

Die Tatsache, daß i n derPublikations- 


ü r die Betroffenen, wenn in die “Res¬ 
source Mensch” und ganz besonders in 
Trauen investiert werden soll? 


Zum[Zusammenhang von 
Überbevölkerung, 
Naturzerstörung und Armut: 
ein neuer Diskurs? 


te nächste Internationale Konferenz 
Z ]q Bevölkerungsentwicklung , die 
94 in Kairo stat findet, trägt nicht die 
Bezeichnung "Weltbevölkerungs- 
0n ferenz" sondern sie wird unter dem 


Programmatischen Signum "Interna- 
l ‘°-nale Konferenzfür Bevölkerung und 


'‘Wicklung” durchgefiihrt. Diese Be¬ 


lehnung spiegelt die zunehmende 


"nninis wider, daß ein Zusammen- 


dclsbeziehungen und keine Angriffe auf 
die Verarmungspolitik der Industrie¬ 
länder. “Still und heimlich” fand am 
Rande der Konferenz die“Umdefinition 
von Entwicklung” statt, so die Ein¬ 
schätzung von Christa V/ichteri ch. Die 
Chefin der UNFPA, Nafis Sadik, brachte 
“das neue‘Paradigma’ von Entwicklung 
auf die Formel: ‘Alles ist Entwicklung, 
was dem Einzelnen mehr Wahlfreiheit 
gibt’. In dieser Neudefinition meintEnt- 
wicklung nur noch die Entfaltung der 
Fähigkeiten und Möglichkeitenderein- 
zelnen durch ‘Investitionen in mensch¬ 
liche Ressourcen’” 1 
Nur wenige, wie zum Beispiel die je¬ 
weilige Vertreterin Ghanas und Eritreas, 
beschuldigten die Industrieländer, dem 
Süden” Bevölkerungsprogrammeauf- 
zudrängen und die Armen für ihre Armut 
selber verantwortlich zu machen. 
Bereits das Ergebnis mehrjähriger. 


flut im Vorfeld dieser Konferenz der 
Begriff der “Entwicklung” sehr häufig 
fiel, steht dazu nur scheinbar im Wider¬ 
spruch, denn die als neu propagierten 
Erkenntnisse über Zusammenhänge von 
Armut, Bevölkerungsentwicklung und 
Naturzerstörung wurden nicht im Sinne 
einer kritischen Analyse der Weltwirt- 
schaftsbeziehungen und der unge¬ 
brochenen Dominanz der Metropolen 
verwandt, sondern dienten der Legi¬ 
timierung von rassistischer Schuldzu¬ 
weisung. Die “systemische Sichtweise” 
hat im übrigen innerhalb der Bevöl¬ 
kerungspolitik eine lange Tradition. 
Bereits für J. D. Rockefeller, den 3. 
Mitbegründer der Rockefeller-Foun- 
dation und einer der “Pioniere” und 




• •• -W-.. ***>;*.. 

















gegen Armut” vorbereitet. 

DieTatsache, daß in der Publikations¬ 
flut im Vorfeld dieser Konferenz der 
Begriff der “Entwicklung” sehr häufig 
fiel, steht dazu nur scheinbar im Wider¬ 
spruch, denn die als neu propagierten 
Erkenntnisse über Zusammenhänge von 
Armut, Bevölkerungsentwicklung und 
Naturzerstörung wurden nicht im Sinne 
einer kritischen Analyse der Weltwirt¬ 
schaftsbeziehungen und der unge¬ 
brochenen Dominanz der Metropolen 
verwandt, sondern dienten der Legi¬ 
timierung von rassistischer Schuldzu¬ 
weisung. Die “systemische Sichtweise” 
hat im übrigen innerhalb der Bevöl¬ 
kerungspolitik eine lange Tradition. 
Bereits für J. D. Rockefeiler dem 3. 
Mitbegründer der Rockefel ler-Foun- 
dation und einer der “Pioniere” und 
frühen Agitatoren gegen “Überbevöl¬ 
kerung” - “ging es bei der ‘Bevölke¬ 
rungsfrage’ nicht nur um die Manipu¬ 
lation der Geburtenzahlen und weib¬ 
licher Fruchtbarkeit, sondern darum, 
die Zahl der Menschen, ihre Konsum- 
und Lebensgewohnheiten und die 
materiellen Ressourcen der Erde so 
umfassend wie möglich zu planen .... 
Schon in den 40er Jahren gehörte 
‘Humanökologie’ zu den gängigen 
Schlagworten der Rockefeller-Foun- 
dation und Artensterben, Versteppung 
und Wassermangel ebenso selbstver¬ 
ständlich zu deren Forschungsfeldem 
wie die wissenschaftliche Vorarbeit für 
die Anti-Baby-Pilie ” 3 

Neu ist jedoch, daß diese Debatte die 
Kritik an der imperialistischen Domi¬ 
nanz der Industriestaaten vollkommen 
überlagert und daß die geschwächte 
“Dritte Welt” dem nichts mehr entge¬ 
gensetzt. Auch (reformistische) Kritiker 
in den Industriestaaten analysieren nicht 
(mehr) grundsätzlich die Auswirkungen 
der kapitalistischen Produktionsweise, 
sondern verlangen deren kosmetische 
Korrektur in den Industriestaaten - und 
natürlich Bevölkerungskontrolle in der 
frühen Agitatoren gegen “Überbevöl¬ 
kerung” - “ging es bei der ‘Bevölke¬ 
rungsfrage’ nicht nur um die Manipu¬ 
lation der Geburtenzahlen und weib¬ 
licher Fruchtbarkeit, sondern darum, 
die Zahl der Menschen, ihre Konsum- 



und Lebensgewohn heiten und die 
materiellen Ressourcen der Erde so 
umfassend wie möglich zu planen .... 
Schon in den 40er Jahren gehörte 
‘Humanökologie’ zu den gängigen 
Schlagworten der Rockefeller-Foun- 
dation und Artensterben, Versteppung 
und Wassermangel ebenso selbstver¬ 
ständlich zu deren Forschungsfeldem 
wie die wissenschaftliche Vorarbeit für 
die Anti-Baby-Pille.” 3 

Neu ist jedoch, daß diese Debatte die 
Kritik an der imperialistischen Domi¬ 
nanz der Industriestaaten vollkommen 
überlagert und daß die geschwächte 
“Dritte Welt” dem nichts mehr entge¬ 
gensetzt. Auch (reform istische) Kritiker 
in den Industriestaaten analysieren nicht 
(mehr) grundsätzlich die Auswirkungen 
der kapitalistischen Produktionsweise, 
sondern verlangen deren kosmetische 
Korrektur in den Industriestaaten - und 
natürlich Bevölkerungskontrolie in der 
“Dritten Welt”. Beispielhaft hierfür ist 
der “ökologische Marshallplan” von 
Joschka Fischer, Franz Alt und Lutz 
Wicke: Die westliche Wirtschaft wird 
umschmeichelt und hofiert, (“öko¬ 
logisches Wirtschaften mit geringerem 
Energie- und Ressourcenverbrauch ist 
nicht nur für die Umwelt gut, sondern 
auch für die Wirtschaft.”), in den 
“Dritte-Welt"-Ländem dagegen soll die 
“Bevölkerungsexplosion... vermindert 
oder - besser - beseitigt werden”. 4 

Die gute Absicht der Autoren - die 
sich bezeichnenderweise als die Sieger 
einer nicht näher benannten Schlacht 
verstehen - wird auch hier durch die 
Berufung auf “nachhaltiges Wirtschaf¬ 
ten” (“Sustainable Development”) sug¬ 
geriert. 

“Sustainable Development” - 
ein umweltverfrägliches und 
sozial gerechtes 
Wirtschaftswachstumskonzept? 
In der Publikationsflut im Vorfeld der 
Konferenz in Kairo wurde die vermeint¬ 
liche Bedrohung durch die “Zeitbombe 
Mensch” stets im Zusammenhang mit 
der wachsenden Armut in der “Dritten 
Welt” und mit der dadurch zunehmen¬ 
den Naturzerstörung diskutiert. Armut 
bewirke immer Bevölkerungswachstum 


fehlender sozialer Absicherung usw.) 
und der “Bevölkerungsdruck” führe 
dazu, daß ökologisch sensible Gebiete 
zerstört werden: Landlose Arme über¬ 
weiden ungeeignete Böden, siedeln an 
Steilhängen und ungeschützten Küsten 
und brandschatzen den Regenwald. 
Umgekehrt erzeuge das Bevölkerungs¬ 
wachstum wiederum Armut* wo ein 
Wohlstandszuwachs zu verzeichnen ist, 
wird er von der Zunahme der Bevölke¬ 
rung wieder “aufgefressen”. 

Das Bild der Bedrohung, das von 
sämtlichen Tageszeitungen, Ökomaga¬ 
zinen, im Fernsehen und im Rundfunk 
vor der Kairoer Konferenz massiv pro¬ 
pagiert wurde, hat mehrere Dimen¬ 
sionen. Es enthält nach wie vor die 
Befürchtung, daß eine große Anzahl 
von armen Menschen politisch nicht 
mehr zu kontrollieren ist (präventive 
Aufstandsbekämpfung). Weiter sei zu 
befürchten.daßeine gerechte Verteilung 
des Wohlstandes - so sie denn ernsthaft 
erwogen werden sollte - an der Kurz¬ 
sichtigkeit und Unvernunft der Armen 
selber scheitert, die stattdessen neidisch 
auf den Wohlstand der “Ersten Welt” 
schielen und drohen, in die Zentren des 
Wohlstandes zu migrieren. Vor allem 
aber wird die Verantwortung des Nor¬ 
dens nicht nur bezüglich des Wohl- 
standsgefälles zwischen dem Norden 
und dem Süden geleugnet, sondern es 
findet eine ebensolche Entlastung 
bezüglich Umweltzerstörung und Res¬ 
sourcenverschwendung statt Dadurch 
kann ein Wirtschafts- und Wohlstands¬ 
modell gereuet werden, welches die 
Vorherrschaft des Nordens über den 
Süden aufgebaut bzw. befestigt hat. ! 

Das Zauberwort für eine “neue” 
Wirtschaftsweise heißt “Sustainable 
Development” oder “Nachhaltige 
Entwicklung”. Es findet sich kaum ein 
Artikel oder ein Buch, das sich mit 
Sustainable Development befaßt und 
es versäumt darauf hinzuweisen, daß 
die wahre Bedrohung der Umwelt von 
den armen Menschen in der “Dritten 
Welt” ausgeht Wer die in Frage kom¬ 
menden Texte nur ein wenig geeen ripn 



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Strich liest, wird schnell feststcllcn, daß 
cs grundlegende Unterschiede in der 
Art und Weise gibt, in der über die 
Schuld des Nordens’" (Ressourccnvcr- 
brauch, Umweltverschmutzung) und 
über die “Schuld des Südens” (“Bevöl¬ 
kerungsexplosion”) geredet wird. Ab¬ 
gesehen davon, daß es unglaublich 
zynisch ist, Abfall auf der einen Seite 
gegen Menschen auf der anderen Seite 
aufzurcchncn, wird crstcrcs z.B häufig 
in der Vergangenheitsform beschrieben, 
so als handele cs sich um eine Problem, 
das bereits so gut wie überwunden sei. 
Auch werden häufig abstrakte Begriffe 
verwandt wie “der Saure Regen”, “Pro¬ 
duktionszahlen”, “Technologien”, “Le¬ 
bensstandard”. Zum Beispiel heißt es 
im Brundüand-Bericht: “In Europa führt 
der Saure Regen zum Waldstcrbcn so- 
vric des Abslcrbcns des Lebens in Ge¬ 
wässern und zerstört das künstlerische 
undarchitcktonischcErbc ganzer Natio¬ 
nen” 5 

Die “Bevölkerungsexplosion” dage¬ 
gen wird häufig als die Gefahr der Ge¬ 
genwart und vor allem der Zukunft be¬ 
schrieben. Hier handelt cs sich oft um 
ßanz konkrete Menschen “die Armen” 
oder “die Subsistenzbauern”, denen die 
Schuld an der drohenden ökologischen 
Katastrophe angclaslct wird: “Die mei¬ 
sten Opfer solcher Katastrophen sind 
die Verarmten in den armen Ländern, 
wobei Subsistenzbauem Dürren und 
bcrschwcmmungcn auf ihrem Land 
erzeugen, indem sic Grenzgebiete ro- 
en, und wo die Armen sich selbst ver- 
etzlichcr für solche Katastrophen ma- 
c en, indem sic an Steilhängen und 
ungeschützten Küsten leben - dem ein¬ 
igen Grund und Boden, der für ihre 
Baracken zur Verfügung steht.” 6 Und 
Reiter; Armut selber verschmutzt 
>e Umwelt und schafft auf eine andere 
cisc Umweltbelastung. Jene, die arm 
Un d hungrig sind, werden oftihreunmit- 
Jcjbarc Umwelt zerstören, um zu über- 
c . Cn: s ic werden Grenzländer über- 
^üßig nutzen; und in wachsender Zahl 
Werden sie in die verstopften Städte 
Jörnen. Der kumulative Effekt dieser 
Wanderungen ist so weitreichend, daß 
Hmut selber zu einer wahren Geißel 
w Menschheit geworden ist.” 7 Und 
aus M. Lcisingcr schreibt: “Men- 
j^ c en, die in ihrem täglichen Übcrlc- 
enskampfauf die Ausbeutung knapper 
essourccn angewiesen sind, können 
S ^ ökoIo gischcsLangzcitdcnkcn nicht 


leisten. (...) Wenn das Land völlig rui¬ 
niert ist, sind sie gezwungen, auf andere 
Böden in Nachbarregionen auszuwei¬ 
chen - Böden, die entweder zur Rege¬ 
neration brach liegen oder von anderen 
SüimmenoderFamilienclans bearbeitet 
werden. So werden Auseinandersetzun¬ 
gen ausgelöst, unter denen nicht zuletzt 
die fragilen Böden leiden.” 8 

Stereotyp werden diese Aussagen mit 
Bildern von schwarzen Menschen, meist 
in großer Anzahl, unterlegt - anstatt 
z.B. Bilder von Einkaufspassagen oder 
Staus in den Metropolen zu benutzen. 
Das Greenpeace-Magazin zum Beispiel 
unterlegt in seiner Ausgabe mit dem 
Schwerpunkt “Zuviel: Was bremst die 
Menschheit” 9 seine Artikel mit der Ab¬ 
bildung eines Kindes, das auf dem 
Stumpf eines gefällten Urwaldbaumes 
hockt und fragt im Bilduntcrtitel: “Kin¬ 
der oder Regenwald?“ 

• So bekommt die Vernichtung des 
Rcgenwaldes ein Gesicht: es ist arm, 
schwarz und sieht immer sehr elend 
und bedürftig aus. Gleichzeitig aber 
wird in den Industrieländern immernoch 
darüber gestritten, ob z.B. die hohe 
Ozonbclastung tatsächlich kausal durch 
den immensen PKW- und LKW-Ver- 
kchr verursacht wird, und ob Ozon nicht 
vielleicht sogar gesund sei. 

Besonders deutlich wird der Unter¬ 
schied aber, wenn man sich die daraus 
folgenden Handlungsvorschläge an¬ 
sich t, so widersprüchlich sich diese auch 

darstcllcn. Gerade ihre Widersprüch¬ 
lichkeit und Vagheit ermöglichen, daß 
die Konzepte im Sinne der Henrschafts- 
sichcrung des Nordens über den Süden 
instrumentalisiert und benutzt werden 
können. 

Widersprüchlich sind die Konzepte 
zum einen in sich selbst, zum anderen 
untereinander. Praktisch läßt sich keine 
durchgängige Linie feststellcn, was 
denn nun eigentlich mit “sustainable 
development” gemeint sein soll. Die 
Handlungsvorschläge reichen von de¬ 
zidierten Rechenbeispielen, wieviel 
Wirtschaftswachstum wo erreicht wer¬ 
den muß, um die Zerstörung der Umwelt 
“beherrschbar” zu machen (derBrundt- 

Iand-Berichtempfiehlt5% fürden Nor¬ 
den und 3% für die ärmeren Länder 10 ) 
überdierein technologische'"Effizienz¬ 
revolution” im Ressourcenbereich (und 
welcher Unternehmer würde sich nicht 
über Einsparvorschläge freuen?) über 
Öko-Steuern und vage Forderungen 


nach einem anderen Wachstumsmodell 
und Konsumbeschränkungen. Die 
Armen Länder dagegen brauchen “un¬ 
sere” saubere Technologie und “unsere” 
Experten für Beratung im Umweltmana¬ 
gement. 

Armut soll nicht selten dadurch be¬ 
gegnet werden, daß die Armen ihre 
Fähigkeiten als Kleinuntemehmerlnnen 
entdecken: Als Besitzerinnen einer Kuh, 
als Lastentransporteure mit dem Fahrrad 
oder in ähnlichen marginalisierten Tä¬ 
tigkeiten. Die Doppeldeutigkeit solcher 
Empfehlungen zeigtsich in Sätzen wie: 
“Die Erfassung dieser Tätigkeiten geht 
einher mit einer neuen Bewertung der 
Armen: Die ‘Hilfeempfanger’ werden 
‘Wirtschaftssubjekte’, die in gewisser 
Weise die wichtigsten Bedingungen 
eines Unternehmers (!?) erfüllen: im 
schärfsten wirtschaftlichen Wettbewerb 
nehmen sie oft große Risiken auf sich 
und sind mit ihren lächerlich geringen 
Hilfsmitteln - oft ist es nur ihre eigene 
Körperenergie - extrem produktiv. (...) 
Vom Selbstversorger wird der Bauer 
zum Wanderarbeiter, Tagelöhner und 
oft zum Industriearbeiter. Diese Ten¬ 
denz mindert den Druck auf die knappste 
Ressource, landwirtschaftliches Land, 
und erlaubt es den verbleibenden Bau¬ 
ern, effizienter zu produzieren” 11 
Anstelle von Entwicklungspolitik sollen 
Marktanreize geschaffen werden “für 
eine Armee von armen Kleinbauern, 
denen das Wasser so sehr bis zum Hals 
steht, dail sie einfach gezwungen sind, 
solche Angebote anzunehmen.” 12 

Gleichzeitig sollen den armen Län¬ 
dern ganze Regionen abgekauft werden, 
so daß sie für die Einwohner nicht mehr 
nutzbar sind, auch nicht für die Sub¬ 
sistenzproduktion: “Debt-for-Nature- 
Swaps” bedeutet, daß sich die ver¬ 
schuldeten Länder gegen Erlaß der 
Schuldentitel “bereiterklären”, ein be¬ 
stimmtes Gebiet zu einem Naturpark zu 
erklären. So schreibt EmstU. von Weiz¬ 
säcker in ungebrochener neokolonia¬ 
listischer Tradition: “Die Banken wä¬ 
ren zufrieden, denn sie könnten wenig¬ 
stens ein bißchen Geld für die weit¬ 
gehend wertlosen Schuldentitel kas¬ 
sieren (...). Das Entwicklungsland wird 
einen Teil der Schulden und Zinsbe¬ 
lastung los, und der Naturschützer hat 
das gute Gefühl, mit seinem Geld ein 
Areal von einer Größe für den Natur¬ 
schutzfreigekauft zu haben , die er mit 
normalem Grunderwerb niemals errei¬ 
chen könnte“? 3 












Neuerscheinung 

TX/TlF-Sonderheft 
Zur Aktualität 
von Michel Foucault 

Wissen 

und Macht 

Die Krise des 
Regierens 

Ich verstehe, was ich mache 
überhaupt nicht als "Werk ", 
... ich bin ein 
Werkzeughändler. 
(Michel Foucault) 

Politik als 

Lebenskunst/Wissenschaft 
und Macht/Recht und 
Differenz/Ethik der 
Selbstsorge/Technologien und 
Gestaltungskom petenz/Cyber- 
space/ /Biopolitik der neuen 
Armut: Sozialstaat & 
Individuum/ Rassis¬ 
mus/Gentechnologie/ 
Diskurs der Demokratie 

Mit Beiträgen von Wilhelm 
Schmid, Hans Herbert Kögler, 
Axel Honneth, Jürgen 
Mittelstraß, Frangois Ewald, 
Jacques Donzelot, Heinz 
Ulrich Nennen, Urs Gattiker, 
Jean-Paul Gaudilliöre, 
Alessandro Baratts, Pasquale 
Pasquino, Heiner Benking, 
Andreas Goppold, Pietro 
Barcellona, Mathias Richter, 
Welf Schröter und Gisa Haas. 

Originaltexte von 
Michel Foucault 

Die TÜTE wagt einen Griff in 
die Werkzeugkiste! 

Preis: DM 15.- 

TÜTE, c/o TAV-Vertrieb, 

Pf. 2528, D-72015 Tübingen 


[16] SF 4/94 


Vorrangig wird jedoch im Zusam¬ 
menhang mit den Ländern des Südens 
immer wieder die Notwendigkeit von 
Bevölkerungspolitik beschworen und 
ebenso hartnäckig wird auf die zwin¬ 
gende Notwenigkeit weiteren Wirt¬ 
schaftswachstums im Norden verwie¬ 
sen, angcreichert durch Pseudokritik: 
“Der westliche Lebensstil wird sich 
nicht über den ganzen Globus ausbreiten 
lassen, wenn der Menschheit eine öko¬ 
logische Katastrophe erspart bleiben 
soll. Die Frage ist, ob sich der reiche 
Norden seinen Lebensstil noch lange 
wird leisten können. Andererseits: Ist 
das Funktionieren seines Systems nicht 
geradezu die Voraussetzung dafür, daß 
er den Zurückgebliebenen [!] helfen 
kann? 14 

Durchgängig lassen sich aber alle 
Handlungs vorschläge zusammenfassen 
als verbesserte Kontroll- und Steue¬ 
rungsinstrumente: Ökologie und Ge¬ 
rechtigkeit sind machbar, planbar und 
beHERRschbar. “Es sind vielmehr 
lediglich technologische und gesell¬ 
schaftliche Grenzen, die uns die End¬ 
lichkeit der Ressourcen und die be¬ 
grenzte Fähigkeit der Biosphäre zum 
Verkraften menschlicherEinflußnahme 
gezogen sind. Technologische und 
gesellschaftliche Entwicklungen aber 
sind beherrschbar und können auf einen 
Stand gebracht werden, der eine neue 
Ära wirtschaftlichen Wachstums er¬ 
möglicht.” 15 Alternative und/oder tra¬ 
ditionelle Wirtschaftsmodelle werden 
nicht diskutiert bzw. diffamiert. 

Nicht aufgegriffen wird auch die Fra¬ 
ge, welchen Sinn denn Ressourcenein¬ 
sparungen durch verbesserte Techno¬ 
logien im Produktionsbereich bei 
gleichzeitigem unendlichem Wirt¬ 
schaftswachstum haben sollen? Schon 
gar nicht wird danach gefragt, ob denn 
Wirtschaftswachstum tatsächlich 
Armut beseitigt, oder ob nicht die histo¬ 
rischen Erfahrungen belegen, daß Wohl¬ 
stand durch Wirtschaftswachstum im¬ 
mer nur auf Kosten von bestimmten 
Menschen (und/oder auf Kosten von 
außermenschlicher Natur!) geschaffen 
werden kann? Die Argumentationskette 
des Brundtland-Berichtes lautet so: Da 
die Armen die größte Gefahr für die 
Umwelt sind, muß die Armut durch 
eine Grundbcdürfnisbcfriedigungs- 
Stratcgic beseitigt werden. Dafür sei - 
entgegen allen historischen Erfahrungen 
- Wirtschaftswachstum zwingend nötig. 


Denn bei gleichbleibender ^Verteilungs- 
Struktur (!) müsse die gesamte Menge 
an Wohlstand solange erhöht werden, 
bis auch zu den Ärmsten soviel durch¬ 
sickert, daß sie ihre Grundbedürfnissc 
befriedigen können. Da aber ja in der 
“Einen Welt” durch die Weltwirt¬ 
schaftsstrukturen irgendwie alles zu¬ 
sammenhängt, kann das Wirtschafts¬ 
wachstum in den armen Ländern nur 
durch Wirtschaftswachstum in den 
reichen Ländern realisiert werden. Also: 
Durch ein Wirtschaftswachstum von 
5% soll den - nach wie vor abhängigen 
Ländern - ein Wachstum von 3% an¬ 
geblich ermöglicht werden. DiesesBei - 
spiel macht klar, daß die bestehenden 
politischen Verhältnisse - Armutsge¬ 
fälle im Inland wie im internationalen 
Vergleich - nicht angetastet werden sol - 
len. 

Das klingt ganz nach altem Wein in 
neuen Schläuchen,sprich nach der jahr¬ 
zehntelang gepredigten Ideologie der 
“nachholenden Entwicklung”, wenn 
diese den armen Ländern nicht neuer¬ 
dings kaltschnäuzig und zynisch als 
Anspruchsdenken vorgeworfen würde: 
“Ignoranz und Nicht-Reaktion werden 
insbesondere bei den Armendieser Erde 

- nicht nur in den Entwicklungsländern 

- durch die Illusion begünstigt, sie seiein 
lediglich Nachzügler, könnten letztlich 
aber den Lebensstandard der reichen 
Minderheit ebenfalls erreichen. Für sic 
ist der oligarchisehe Charakter des Le¬ 
bensstandards ihrer ‘Vorbilder’ nicht 
erkennbar... .” 16 

Ebenfalls nicht thematisiert wird die 
Frage, wie durch die Marktkräfte - etwa 
durch das Kontroll- und Steuerungs¬ 
instrument der Ökosteuem - die Be¬ 
dürfnisse der Armen berücksichtigt 
werden sollen: solange nach wie vor 
Politik durch Preisbildungsmechanis¬ 
men ersetzt werden soll, fallen die Be¬ 
dürfnisse derjenigen heraus, die ihren 
Interessen nicht durch die entsprechen¬ 
den Geldsummen Ausdruck verleihen 
können. 

Dieses auf den ersten Blick krude 
Gemenge von guten Absichten und 
widersprüchlichen Handlungsvorschlä¬ 
gen birgt besondere Brisanz durch die 
gegenwärtige Entwicklung der Welt¬ 
marktlage. Die Länder des Südens wur¬ 
den durch neokoloniale Strukturen zur 
Lieferung preiswerter Rohstoffe ge¬ 
zwungen. BestimmteRohstoffe werden 
jedoch tendenziell zunehmend durch 














syniheii sehe Produkte ersetzt. Indiesem 
Zusammenhang spielt die Bio- und die 
Gentechnologic eine wichtige Rolle: 
Zucker z.B. wird durch synthetische 
Süßstoffe ersetzt. Die Ausbeutung der 
Rohstoffe war vergleichsweise arbeits- 
intesiv. Dadurch daß sie überflüssig 
wird, werden auch diebisher benötigten 
Arbeitskräfte überflüssig.Der Konkur¬ 
renzkampf zwischen den Ländern der 
^ritten Welt” verschärft sich und 
Ausbeutung durch den Weltmarkt wird 
zum Privileg. Weitere Konkurrenz 
entsteht durch den Zusammenbruch der 
östlichen Länder, die zunehmend bei 
der Vergabe von “Wirtschaftsfördcrun- 
ßen \ctwadurchdieEuropäischcUnion 
und die Weltbank bevorzugt werden. 
Norbert Amtz und Franz J. Hinkel¬ 
hammer schreiben hierzu: “Aus einer 
^elt, in der man Rohstoffe ausbeutet 
durch Ausbeutung der vorhandenen 
Arbeitskraft, wird eine Welt mit einer 
überflüssig gemachten Bevölkerung. 
(♦••) Je mehr Menschen überflüssig sind, 
Urn so mehr verliert das klassische 
Ausbcuiungskonzcptan Bedeutung. (...) 

in Ausgebeuteter*zuscin,giltineiner 
solchen Welt sogar als Privileg.’* 17 
Vor diesem Hintergrund gewinnt die 
etonung der Notwendigkeit von 
evöikcrungspolitik in der “Dritten 
dt eine andere Bedeutung: Nicht 
lc Armut soll beseitigt werden sondern 
ganz in der Tradition der frühen Bc- 
N ölkerungspolitikkonzcpte - die Armen 
selber. 

Ergebnisse der Konferenz 
in Kairo: 

Was bleibt übrig vom Pathos 
einer “Weitinnenpolitik”? 

Der Verlauf der Konferenz in Kairo 
betätigt diesen Verdacht. Die unter¬ 
schiedlichen Glaubcnsrichtungcn “Ent- 
^ !cklung ist die beste Verhütung** ver- 
j* Us Verhütung ist die beste Bevöl- 
* Cr ung S poliük” -1984 noch kontrovers 
ls kuticrt - ist zugunsten der letzteren 
Cn Jschicdcn: Verbindlich wurde fest¬ 
ig 1 ’ daß bis zum Jahr 2000 17 Mil- 
^"den Dollar für “die Zukunft des 
cnschcn” ausgegeben werden sollen. 
In Drittel davon zahlen die Indu- 
s d'icländcr aus ihren dadurch noch wei¬ 
ter reduzierten Entwicklungshilfefonds, 
cn Rest die Länder der “Dritten Welt”. 

/0 der Summe ist für “reproduktive 
Wundheit” cingcplant, der Rest für 
,c Bereitstellung von Verhütungsmit¬ 


teln.. Für Frauenbildungsprogramme, 
deren Wichtigkeit während der Kon¬ 
ferenz und im Abschlußdokument 
immer wieder betont wird, ist kein 
Pfennig eingeplanL Dem Vatikan und 
der von ihm aufgeworfenen Abtrei¬ 
bungsfrage wurde eine solche Domi¬ 
nanz eingeräumt, daß über andere The¬ 
men so gut wie nicht debattiert werden 
konnte. Die Festschreibung des Rechtes 
auf Familiennachzug für Migrantlnnen 
in die Aufnahmeländer wurde von der 
EU blockiert Die Festung Europa bleibt 
dicht. Erst recht blieb keine Zeit für die 
Diskussion der Kritik einiger Nichtre¬ 
gierungsorganisationen (NGO’s) und 
Frauenverbände zur Verarmungspolitik 

von IWF und Weltbank sowie zur 
Feminisierung der “globalen Verant¬ 
wortung”. Viele NGO’s, die sich auf 
das gigantische Konferenzspektakel 
eingelassen hauen, zeigten sich dem¬ 
entsprechend enttäuscht Ihreoffensive 

Einbindung in dieoffizielleUN-Politik, 

die von vielen als Chance gewertet 
wurde, die Bevölkerungspolitik zu 
feminisieren, ging einher mit einer 
völligen Entpolitisierung der Debatte. 

So verheerend die Auswirkungen von 
Entwicklungspolitik auch sind, ihre 
Streichung und Ersetzung durch Bevöl¬ 
kerungspolitik bei gleichzeitiger Auf- 
rcchtcrhaltung der Dominanz des Nor¬ 
dens läßt kaum Besseres vermuten: 

“... cs gibt auch Länder und Phasen, 
wo wir keinerlei wirtschaftliche Ent¬ 
wicklung haben. Das darf uns dann 
nicht dazu verleiten, nicht dennoch mit 
aller Kraft zu versuchen, die Bevölke¬ 
rung zu stabilisieren. Früher hieß es: 

1 Entwicklung ist das beste Verhütungs- 
mittel.’ Dasistein schöner Aphorismus. 
Aber wir sehen, daß in vielen Ländern 
die Bevölkerung viel schneller wächst 
als die Wirtschaft. Da muß doch jeder, 
der rechnen kann, anerkennen, daß wir 
etwas tun müssen und nicht nur zu¬ 
schauen dürfen.” 18 

Wozu dann diese unglaublich auf¬ 
wendige Show in Kairo? Wozu das 
Gerede von “Empowerment” und den 
“reproduktiven Rechten” der Frauen? 
Wozu die Einbindung von NGO’s be¬ 
reits im Vorfeld der Konferenz? Auch 
hierzu weiß Herr Wirth die Antwort: 
“Ja, Kairo ist ungeheuer wichtig. Die 
Konferenz istein Katalysator. Alle Welt 
richtet ihr Interesse auf die Gefahren 
eines ungezügelten Bevölkerungs¬ 
wachslums, konzentriert ihr Geld auf 


dieses Problem - und begreift, wie wir 
zu Lösungen kommen können. 


Anmerkungen 

1 Christa Wichterich. In: FR vom 
13.9.1994 

2 “Die Internationale Gemeinschaft sollte 
eine tragfähige ökonomische Umwelt 
fördern um ökonomischen Fortschritt 
zu erzielen und Armut zu reduzieren.’ 
Zit. nach J. Krause. In: UNFPA-Infor 
mationsdienst Nr. 18, S. 3 

3 Susanne Heim / Ulrike Schaz. In: Fin 
rage (Hrsg.): Bevölkerungsexplosion. 
Marketing einer Ideologie. Hamburg 
1993. S. 3, Einleitung 

4 Franz Alt, Joschka Fischer u.a. in ihrem 
Aufruf für einen “Ökologischen Mar¬ 
shallplan”. 

5 Volker Hauff (Hrsg.): Unsere Gemein¬ 
same Zukunft: Der Brundtland-Bericht 
der Weltkommission für Umwelt und 
Entwicklung. Greven 1987. S. 3 

6 ebd., S.35 

7 ebd. S.32 (Hervorhebung von den 
Autorinnen) 

8 Klaus M. Leisinger: Hoffnung als Prin¬ 
zip. Bevölkerungswachstum: Einblicke 
und Ausblicke. Basel, Boston, Berlin 
1993 

9 Greenpeace, Magazin für Umwelt und 
Politik 2/94 

10 Volker Hauff, a.a.O., S. 54 

11 Bernhard Imhalsy: Kleinbauern schö¬ 
pfen Hoffnung. In: taz 04.08.1994 

12 ebd. Dieses Zitat ist ebenfalls ein deut¬ 
liches Beispiel dafür, wie widersprüch¬ 
lich solche Konzepte in sich sind und 
wie chauv inistisch und bigott die Markt¬ 
ideologie daherkommt. 

13 v. Weizsäcker, Emst Ulrich: Erdpolitik. 
Ökologische Realpolitik an der Schwelle 
zum Jahrhundert der Umwelt. Darmstadt 
1989. S.125 

14 Sommer, Theo: Stehplatz für Milliar¬ 
den? In: Weltbevölkerung. Wird der 
Mensch zur Plage? Zeit-Punkte Nr. 4 / 
1994; Sonderdruck der Wochenzeitung 
DIE ZEIT, S. 5 

15 Volker Hauff, a.a.O., S. XIV f 

16 H arborth, H.-J: Dauerhafte Entwicklung 
statt globaler Selbstzerstörung: eine 
Einführung in das Konzept des “sustai- 
nable development’ *. Berlin 1991. S. 102f 

17 Norbert Amtz und Franz J. Hinkelham- 
mer: Die Bevölkerung der Dritten Welt 
ist heute überflüssig geworden. In: FR, 
02.09.1994 

18 Interview mit Timothy Wirth, stellver 
tretender US-Auflenminister für Globale 
Fragen. In: Weltbevölkerung. Wird der 
Mensch zur Plage? Zeit-Punkte Nr. 4/ 
1994; Sonderdruck der Wochenzeitung 
DIE ZEIT. S.46f. Hervorhebung von 
den Autorinnen. 

19 ebd., S. 47 












“Land dem zu 
geben, der es 
bebaut” 

< Emiliano Zapafa) 


Die Landlosenbewegung in 
Chiapas 

Fast ein Jahr nach dem Neujahrstag 
1994, als einige hundert schlecht be¬ 
waffnete Indfgenas in einem kühnen 
Handstreich mehrere Ortschaften in der 
mexikanischen Provinz Chiapas be¬ 
setzten, hat sich weder die politische 
noch die soziale Situation der Land¬ 
bevölkerung verbessert. 
Landbesetzungen sind an der Tages¬ 
ordnung und ganze Regionen befinden 
sich außerhalb staatlicher Kontrolle. 
Zwar droht der Gouverneur von Chiapas 
seit Wochen mit Räumungen durch 
Polizei und Militär, aber zu blutigen 
Auseinandersetzungen ist es bisher nur 
selten gekommen. Einige Ländereien 
wurden unterdessen freiwillig geräumt, 
doch eine Lösung des Landkonfliktes 
zeichnet sich nicht ab. 

Die seit mehr als 65 Jahren in Mexiko 
herrschende Partei der institutionali¬ 
sierten Revolution (PRI) hat im August 
1994 erneut die Wahlen in Chiapas und 
ganz Mexiko gewonnen, wenn auch 
internationale Wahlbeobachterlnnen 
zum wiederholten Male, massiven 
Wahlbetrug und Stimmenkauf bestäti¬ 
gen mußten. 

So hat denn auch die Regierung von 
Salinas de Gortari mit hastig beschlos¬ 
senen Entwicklungsprogrammen und 
einer Handvoll politischer Zugeständ¬ 
nisse für den armen Bundesstaat Chiapas 
den seit Januar eskalierenden Konflikt 
um Land und Würde beschwichtigen 
wollen. Doch weder die Zapatistas 
(EZLN), noch ihre Basis, lassen sich 
aufdiese Weise kaufen. Die Gründe für 
die soziale Verzweiflung der indiani¬ 
schen Bevölkerung und landlosen Cam- 
pesinos von Chiapas sind offensichtlich 
einzusehen. In den meisten Indfgena- 
gemeinden gibt es weder Trinkwasser 
noch Strom, keine ausreichende Ge¬ 
sundheitsversorgung, keine Ausbil¬ 
dungsmöglichkeiten und das wichtigste: 
kein bebaubares Land. 

Das soziale Elend in Chiapas hat sich 



in den letzten 30 Jahren durch die hem¬ 
mungslose Ausbreitung der Vieh-, 
Land-, und Holzwirtschaft verschärft, 
Massenhafte Vertreibung von Grund 
und Boden waren und sind die Folge. 
Wenige einflußreiche Familien und die 
OligarchiederLandbesitzer, haben ihre 
Ländereien stets ausgeweitet und die 
ZäunederRinderzüchterwerden immer 
länger. Ganze Clans dominieren den 
Kaffeeanbau, die Holzwirtschaft und 
die Viehzucht. Diese namhaften Fami¬ 
lien leben nicht nur in Chiapas - der 
Bundesstaat gehört ihnen. Die vielen 
landlosen Arbeiterinnen auf ihren 
Fincas werden noch heute wie Leib¬ 
eigene behandelt. Oft werden sie in 
Naturalien bezahlt, schulden ihren 
Herren sogar Hemd und Hose. Diese 
sogenannten “mozos” sind zum Herum¬ 
ziehen mit ihren Familien gezwungen. 
Für das Recht, sich auf Flächen, die 
ihnen nicht gehören niederlassen und 
Mais anzubauen, müssen sie eine be¬ 
stimmte Anzahl von Tagen umsonst 
arbeiten, wann und wo immer es dem 
Landbesitzer gefällt 

Das Zentrum des Aufstands, die kaum 
besiedelte SelvaLacondona, ist fürviele 
arme und landlose Campesinos Zu¬ 
fluchtsort und neue Hoffnung auf Land. 
Siaatseigene Flächen und bewaldete 
Gebiete wurden an sie und indianische 
Gemeinden verteilt. Tausende chiapa- 
nekische Indfgenas, darunter Choles, 
Tzotziles und Tzeltales, sind in den 
Urwald gezogen, haben sich dort nie¬ 
dergelassen und pflanzen Mais und 
Bohnen, um ihr Überleben zu sichern. 
Aber auch in der Selva geraten sie mit 
privaten Viehzüchtern aneinander, 
deren Weiden ständig wachsen und die 
sich auf das kulti vierte Land ausbreiten. 
Viele Familien werden so noch tiefer in 
die Selva getrieben und geraten dort 
abermals in Konflikt, diesmal mit der 
Modernisierung in Chiapas. 

Die Ausbeutung der Erdölvorkom¬ 
men, der Bau von Wasserkraftwerken 
und die Entwicklung von Tourismus¬ 
gebieten bedeutet häufig die endgültige 
Trennung der Campesinos von ihren 
angestammten Produktionsweisen und 
Gebieten. Tausende von Indxgena-und 
Campesinofamilien sind obdachlos 
geworden oder müssen jederzeit mit 
Vertreibung rechnen. Mit der Siedlungs¬ 
politik der Regierung seit den siebziger 
Jahren hat sich der Landkonflikt noch 


[18] SF 4/94 






verschärft. Sie hat ausschließlich die 
Interessen der Grundbesitzer berück¬ 
sichtigt und nichts an der chiapane- 
kischen Agrarstruktur geändert 
“Vor acht Jahren”, erzählt Subcom- 
mandante Marcos, “brannten die Gro߬ 
grundbesitzereine ganze Siedlung nahe 
San Miguel auf dem Weg nach Monte 
Libano vollständig nieder. Es handelte 
sich um Land der Indianer, das die 
Grundbesitzer sich angeeignet hatten. 
Die Indianerinnen hatten es wieder 
zurückerobert und ihre bescheidenen 
Strohäuschen darauf errichtet. Mas¬ 
kierte Viehzüchter drangen eines Nachts 
ein und legten überall Feuer, nahmen 
einige Männer gefesselt mit und über¬ 
gaben sie der Polizei. Sie wurden wie 
illegale Landbesetzer behandelt und in 
den Knast gesteckt.” 

Überall in Chiapas hausen tausende 
von Landlosen in Bretter-und Plastik- 
vcrschlägen am Straßenrand. Die mei¬ 
sten von ihnen haben einfach ein unbe- 
wirtschafleies Stück Land besetzt und 
hoffen darauf, daß ihnen der Boden 
übertragen wird. Aber auch aufRanchos 
und Fincas von fünfzig bis weit über 
lausend Hektar haben sich viele nie¬ 
dergelassen. Familien schließen sich zu 
Gemeinschaften zusammen, um den 
Boden mitihren Grundnahrungsmitteln, 
anstatt wie bisher z. B. lediglich mit 
Vichfutter zu bebauen. Die Versuche 
der Besitzer, die Bauern zum Aufgeben 
zu zwingen, indem sie ihre impro¬ 
visierten Hütten mit Hilfe von Pistoleros 
und Todesschwadronen niederreißen, 
scheitern inzwischen häufig an dem gut 
organisierten Widerstand der Landbe- 
sctzcrlnnen. Denn zu stark ist die 
landlose Indfgena-und Campesinobe- 
wegung geworden. Täglich wird neues 
Land besetzt. Viele dieser zur Zeit fast 
400 Landbesetzungen im Südosten 
Mexikos werden seit Beginn des 
Aufstands, von CEOIC organisiert, 
einem Zusammenschluß von mehr als 
280 Indigena - und Campesinoorga- 
nisationen in Chiapas. Sie fordern 
gerechte Landverteilung und im Sinne 
des legendären mexikanischen Bauem- 
führers Zapata, das “Land dem zu geben, 
der es bebaut.” 


Dorothea Schütze und 
Herbert Sachs 


Interview mit 
CEOIC 

Tuxtla, 18. Juni 1994 

von Dorothea Schütze und 
Herby Sachs 

Franzisco Jimenez (Pancko) könntest 
Du zuerst erklären , wie sich CEOIC 
gerändet hat und wieso? 

CEOIC gründete sich zu Beginn des 
Krieges in Chiapas, bald nach dem Auf¬ 
stand der Zapatistischen Befreiungs¬ 
armee EZLN. Alle unterschiedlichen 
Campesino-Organisationen kamen in 
regionalen Treffen zusammen, um 
gemeinsam ein Forum zu bilden, das 
als Vermittlungsinstanz zwischen der 
Regierung und der EZLN fungieren 
sollte. Zu diesem Zeitpunkt war schon 
klar, daß die Regierung ein ganz 
bestimmtes Ziel verfolgte und uns als 
politisches Gegengewicht zu den Za- 
patistas benutzen wollte. Aber wir haben 
das nicht zugelassen, denn wir sind uns 
über unsere Rolle in diesem Konflikt 
im Klaren und sehen ganz eindeutige 
Übereinstimmung mit den Forderungen 
der EZLN. Selbst die offiziellen regie¬ 
rungsnahen Campesino-Organisationen 
sind dieser Meinung. Wir alle kämpfen 
für Frieden, aber für einen Frieden mit 
Würde, Gerechtigkeit und Entwicklung 
für alle. 

Obwohl wir nicht mit den Methoden 
der EZLN übereinstimmen, wissen wir, 
daß sie unsere Brüder und Schwestern 
sind, daß sie keine andere Wahl hatten 
und sich für diesen Weg entscheiden 
mußten. Ihre Forderungen sind die 
gleichen, für die wir schon seit vielen 
Jahren kämpfen. 

Könntest Du etwas genauer die kon¬ 
kreten Forderungen beschreiben , die 
CEOIC aufstellt? 

Die Forderungen von CEOIC liegen im 
politischeen, sozialen und kulturellen 
Bereich. Da gibt es zum Beispiel das 
Problem der Indianervölker, die unter 
ständiger Diskriminierung leiden. Ihre 
Kultur, ihre Sprachen, ihre Traditionen 
und ureigenen Regierungsformen wer¬ 
den nicht respektiert. Stattdessen wird 
den 56 verschiedenen Ethnien Mexikos 


SF4/94 Cl9j 









die spanische Sprache aufgezwungen, 
und sie müssen sichGesetzen unterord¬ 
nen, die nie ihre Zustimmung bekom¬ 
men haben. 

Ein Problem, das sehr eng mit dem 
der Indianervölker verknüpft ist, ist der 
Landkonflikt. Nach der Revolution von 
1910 wurde eine sehr gute Verfassung 
ausgearbeitet, zumindest die Worte auf 
dem Papier hören sich sehr gut an. Dort 
steht geschrieben, daß alle Völker und 
Gemeinden Recht auf Land haben. Für 
die Campesinos und Indigenas sind das 
aber nur leere Worte. Unserer Meinung 
nach ist die Revolution von 1910 nie in 
Chiapas angekommen. 

Unsere Indianergemeinden werden 
vertrieben und müssen in die unfrucht¬ 
barsten Gegenden fliehen, ins Hochland 
von Chiapas, in die Berge. Die besten 
Böden reißen die Großgrundbesitzer, 
die Kaziken und Viehzüchter an sich. 
Es hat deswegen schon häufig Wider¬ 
stand unter den Campesinos gegeben. 
Eine der größten Campesino-Bewe- 
gungen begann in den 60er Jahren. 
Damals wurde der Kampf um Land 
wieder aufgenommen. Allein 1979 
während der Amtszeit von Lßpez Por- 
tillo gab es über2.000Landbesetzungen 
in Mexico. 

Seitdem 1. Januar hatdieCampesino- 
Bewegung emeutan Stärke gewonnen. 
Zur Zeit gibt es 342 Landbesetzungen 
allein in Chiapas. Die Regierung be¬ 
hauptet, wir seien Invasoren und Land¬ 
räuber. Wir sagen aber, daß wir uns nur 
die Ländereien zurückholen, die aus 
historischer Sicht die Besitztümer un¬ 
serer Vorfahren sind. 

Am 14.April diesen Jahres schloß 
CEOIC ein Abkommen mit der Regie¬ 
rung von Chiapas, in dem sich die Cam- 
pesino-Organisationen verpflichten, 
zwei Monate lang keine Ländereien 
mehr zu besetzen. Und wozu dieses 
Abkommen? Weil die Regierung be¬ 
hauptete, wir wären gegen den Frieden 
und wollten das Land unregierbar 
machen. Um zu beweisen, daß wir sehr 
wohl Frieden wollen, gaben wir ihnen 
zwei Monate Zeit, uns Lösungen für 
den Landkonflikt anzubieten. Das 
Landproblem hat sich in letzter Zeit 
durch die Änderung des Agrargesetzes 
noch verschärft. Laut Salinas gibt es 
keine Ländereien mehr, die unter den 
Campesinos verteilt werden könnten. 
Per Gesetz ist für uns kein Land mehr 
vorgesehen. 

Nach Ablauf der Zweimonats-Frist, 


also am 14.Juni, waren von den 342 
Landbesetzungen erst 40 Fälle analy¬ 
siert und nur ein Fall gelöst worden, bei 
dem es um 60 Hektar Land ging. Daran 
sieht man, wie wenig die Regierung 
unsere Forderungen ernst nimmt. Und 
genau deswegen haben wir zu Demon¬ 
strationen und der Platzbesetzung vor 
dem Regierungspalast in Tuxtla auf¬ 
gerufen. 

Das Problem ist, daß in Mexico abso¬ 
luter Respekt vor dem Privatbesitz 
herrscht, in einem Land, in dem wenige 
viel und viele nichts besitzen. Die ein¬ 
zige Reaktion auf unsere Forderungen 
ist, daß die Regierung versuchen will, 
den Großgrundbesitzern und Viehzüch¬ 
tern Land abzukaufen. Wir meinen, daß 
das keine Lösung ist, zumal die meisten 
nie freiwillig verkaufen würden. Esgibt 
viele Ländereien, die beschlagnahmt 
werden könnten, weil die gesetzlichen 
Begrenzungen von Landbesitz über¬ 
schritten sind. Es gibt Familien, die bis 
zu 10.000 Hektar besitzen, offiziell in 
Einzelteile zerstückelt und eingetragen 
auf den Namen des Sohnes, seiner Frau, 
des Vaters, des Onkels, des Neffen,usw. 

Das Agrargesetz besagt, daß privater 
Landbesitz zugunsten von öffentlichen 
und sozialen Interessen aufgeteilt wer¬ 
den kann. Wir glauben, daß dies ein 
Ausweg sein könnte, zumindest in den 
Fällen, in denen Landbesitzer nicht 
verkaufen wollen. Wir trugen diesen 
Vorschlag der Regierung vor, doch sie 
sagte nein. Das heißt, daß wir nach zwei 
Monaten Wartezeit keinen Schritt wei¬ 
tergekommen sind. Zusätzlich zu den 
342 aktuellen Streitfällen gibt es viele 
Campesinos, die schon seit 40,50 oder 
60 Jahren darauf warten, daß ihre 
Landprobleme gelöst werden. Daher 
erscheint uns als einzige Möglichkeit, 
milden Landbesetzungen fortzufahren. 

CEOIC stellt noch eine Reihe anderer 
Forderungen auf. So denken wir zum 
Beispiel, daß die Bundesregierung sich 
gegenüber Chiapas hoch verschuldet 
hat. Chiapas ist der Bundesstaat, der 
60% der nationalen Energieversorgung 
bestreitet. Trotzdem haben ungefähr 
60% der Einwohnerinnen von Chiapas 
kein elektrisches Licht 

Außerdem fordern wir, daß für 
Chiapas ein Modell zur wirtschaftlichen 
Entwicklung erarbeitet wird. Das neo¬ 
liberale Wirtschaftssystem entspricht 
nicht unseren Interessen. Wir schlagen 
ein Modell vor, bei dem es um die För¬ 
derung der landwirtschaftlichen Pro- 



Foto: Herby Sachs /transparent 

duktivität geht. Die Regierung be¬ 
hauptet das niedrige Produktionsniveau 
in Chiapas läge daran, daß wir Campf- 
sinos faul wären und nicht genug ar¬ 
beiten. In Wirklichkeit liegt es daran, 
daß uns die Politiker Möglichkeiten 
zum effektiven Anbau bewußt vor¬ 
enthalten. i 

Allerdings geht es bei den For¬ 
derungen von CEOIC nicht nur um 
unsere unmittelbaren Notwendigkeiten. 
Wir haben auch ein politisches Pro¬ 
gramm erarbeitet Ein wichtiger Punldt 
ist der Kampf für einen neuen Artikel 
27 der Verfassung, bei dem es um die 
Landverteilung geht. Nach unseren 
Vorstellungen muß der Gedanke dejs 
Zapatismus wiederaufgenommen wer¬ 
den, wonach dem das Land gehört, der 
es bearbeitet Außerdem muß der Schutz 
des Gemeinschaftsbesitzes festgeschrid- 
ben werden, eines Gemeinschaflsbe- 
sitzes, der in der Tradition des Zapa¬ 
tismus steht Wir sind gegen die Priva¬ 
tisierung unseres Landes, die mit der 
geänderten Fassung des Artikel 27 
vorangetrieben wird. Unser Land wird 
jetzt denen verkauft die am meisten 
dafür bieten, und zwar dem aus- und 
inländischen Kapital. Die geändert^ 
Fassung des Artikel 27 wurde letztes 
Jahr von Salinas in diesem Sinne vorge¬ 
schlagen und von einem Kongress ver- 








äbschiedet, der nicht den Willen des 
°^cs repräsentiert. Dieses Gesetz muß 
v °n Grund auf erneuert werden. 

Wir schlagen ein Gesetz vor, in dem 
as Land nicht als Ware sondern als 
c mcischaftsbesitz aller Indfgenas und 
aropesinos betrachtet wird, ein Gesetz, 
aß verbietet, Land zu verkaufen, zu 
a ertragen oder zu überschreiben. Wir 
gehren uns gegen jeden Versuch der 
riv atisierung, der von diesem ncolibc- 
^ e n Wirtschaftssystem vorangetrieben 

*f as denkst Du in diesem Zusammen - 
über das Frei Handelsabkommen 

ÜAFTA? 

sind davon überzeugt, daß das Frei- 
andclsabkommennichtdcn Interessen 
u Cs mcx ikanischen Volkes entspricht 
^ ^ 0r dcm von der Regierung, sich 
y^ s ^ c sem Vertrag zurückzuziehen. 
U lr Wurden nie gefragt, ob wir für die 
^rzeichnung dieses Vertrages sind. 

uabhängig von unseren Forderun- 
Cn gibt cs ein Vielzahl von Gruppic- 
n gcn im Land, die sich auch für 
r undlegcnde Veränderungen in der 
^xikanischen Politik ein setzen. Schon 
v ° r die EZLN in ihren Komuniquös 

einer “Convencion Nacional 
Cn K>craüca” (Konventionsversamm¬ 


lung) aufrief, waren CEOIC und viele 
andere Organisationen überzeugt, daß 
wir mit dieser Regierung nichts errei¬ 
chen können. Seit einiger Zeit schlagen 

wir eine verfassungsgebende Versamm- 

lung vor, die praktisch die gleichen 
Ziele verfolgt wie die von der EZLN 
einberufene Konvention, nämlich die 
Formulierung neuer Gesetze, einer 
neuen Verfassung, die sich an den tat¬ 
sächlichen Bedingungen der Menschen 
Mexikos orientiert Wir sind unsdaruber 
im Klaren, daß es dabei nicht nur um 
unsere Forderungen als Campesinos 
gehen kann, sondern daß genauso die 
Arbeiter, die Studenten, die Lehrer, die 
Hausfrauen, daß die gesamte Bevölke¬ 
rung daran beteiligt sein muß, denn die 
Probleme Mexicos gehen uns alle an. 

Wie entwickeln sichdie Verhandlungen 
mit der Regierung in letzter Zeit? 

Sechs Monate nach Gründung von 
CEOIC kommen wir zu dem Ergebnis, 
daß die Regierung kein Interesse hat, 
auf unsere Forderungen einzugehen. 

Seit Beginn der Platzbesetzung vor 
einer Woche gibt es mehr Druck auf die 
Regierung. Wie reagiert sie seither? 

Bis jetzt hat die Regierung uns mini¬ 
malste Zugeständnisse gemacht, tro¬ 
pfen weise ringt sie sich zu Versprechen 


durch, bei denen es um finanzielle 
Hilfsleistungen geht. Aber mit weiter¬ 
gehenden Forderungen nach der Finan¬ 
zierung von uns vorgeschlagener Ent¬ 
wicklungsprojekte oder Dienstleistun¬ 
gen haben wirkeine Chance. Ganz aus¬ 
sichtslos sind unsere politischen Vor¬ 
schläge, die sich zum Beispiel auf eine 
Neuerung des Artikel 27 beziehen. Die 
Regierung würde sich nur auf For¬ 
derungen einlassen, die sich im ge¬ 
setzlich geregelten Rahmen bewegen, 
auf Forderungen, die keine Auswir¬ 
kungen auf die neoliberale Politik und 
das Freihandelsabkommen haben. 

Welche Pläne habt ihr für die Zukunft? 

Wir werden unseren Kampf fortführen. 
Es kann sein, daß wir zu einem gege¬ 
benen Zeitpunkt die Platzbesetzung 
beenden müssen. Das heißt aber nicht, 
daß wir bereits unsere politischen For¬ 
derungen vergessen würden. Wir wer¬ 
den dann in unsere Gemeinden zurück- 
kehren und uns weiter organisieren, 
nicht nur in Chiapas, sondern im ganzen 
Land. 

Und in welcher Weise? 

Wir als CEOIC konzentrieren uns auf 
den sozialen Kampf, organisieren De¬ 
monstrationen, Platz- und Gebäude¬ 
besetzungen, Straßensperren, Hunger¬ 
streiks und eine ganze Reihe anderer 
Aktionen. Wir glauben, daß wir die 
letzten Möglichkeiten nutzen müssen, 
eine politische Lösung für den Konflikt 
in Chiapas zu erreichen. Bisher sehen 
wir allerdings von Regierungsseite 
keine Bereitschaft dazu. Sie versucht, 
den Konfliktmit Geld zu lösen, versucht, 
die Würde unserer Brüder und Schwe¬ 
stern zu kaufen, unsere Würde als 
Campesinos und Indfgenas. Aber der 
Frieden läßt sich nicht mit Geld erkau¬ 
fen. Hier geht es um einen grundlegen¬ 
den Konflikt, der mit der politischen 
und sozialen Situation zu tun hat, in der 
wir leben. Es geht um Fragen wie Ge¬ 
rechtigkeit und Demokratie. Wir meinen 
nicht die Demokratie im Verhältnis 
Partei-Politik-Regierung, nicht die 
Demokratie, die sich auf die Durch¬ 
führung von Wahlen beschränkt. Wir 
glauben, daß Demokratieeinen viel wei¬ 
teren Sinn umfaßt, bei dem es um das 
tägliche Leben in unseren Gemeinden 
geht. Solange die Regierung sich wei¬ 
gert, unsere Lebenssituation tiefgreifend 


SF 4/94 |21 J 






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zu verändern, wird es keinen Frieden 
geben. 

Bis zu den Wahlen am 21.August 
bleibt nicht mehr viel Zeit, auf ein ernst¬ 
haftes Angebot der Regierung zu war¬ 
ten, das uns die Möglichkeit für eine 
politische Lösung des Konfliktes geben 
könnte. Leider haben unsere jüngsten 
Erfahrungen gezeigt, daß der Regierung 
der politische Wille fehlt. Dies zeigt 
sich auch darin, daß die Bundesregie¬ 
rung den Konflikt völlig der Regierung 
von Chiapas überläßt. Das Problem soll 
auf Chiapas oder sogar nur eine Region 
des Bundesstaates reduziert werden. 
Dabei geht es hier um einen Konflikt, 
der große Auswirkungen auf das ganze 
Land hatte und weiterhin haben wird. 
Wir glauben, daß die Regierung unter 
Salinas Zeit gewinnen will, um später 
eine militärische Lösung zu recht- 
fertigen. 

Könntest Du die Situation der poli¬ 
tischen Gefangenen und die Forderun¬ 
gen von CEOIC in diesem Zusammen¬ 
hang beschreiben? 

In Chiapas ist es üblich, daß die Regie¬ 


rung sich Straftaten für all diejenigen 
ausdenkt, die um Land kämpfen. Sic 
erfinden für jeden einzelnen irgendein 
Delikt und werfen ihn ins Gefängnis. 
Sie kaufen sich falsche Zeugen und 
versuchen so, Verhaftungen und Ge¬ 
richtsverfahren zu rechtfertigen. Es soll 
verschleiert werden, daß es sich beim 
Landkonflikt um ein politisches Pro¬ 
blem handelt, es wird einfach zu einem 
juristischen Problem gemacht. Der 
einzige Ausweg, der den politischen 
Gefangenen bleibt, ist der Hungerstreik, 
um ihre Haftentlassung zu erzwingen. 

Zur Zeit gibt es 14 hungerstreikendc 
Gefangene in Comitän. Anfänglich 
waren es 38, einer nach dem anderen 
wurde einzeln freigelassen. Die verblie¬ 
benen 14 Hungerstreikenden haben 
schon 34 Tage lang nichts gegessen. 
Einige von ihnen speien Blut undschwe- 
ben bereits in Lebensgefahr. Abgesehen 
von ihrer körperlichen Schwäche leiden 
sie unter der unmenschlichen Behand¬ 
lung im Gefängnis. Wir können bewei¬ 
sen, daß fast alle Gefangenen gefoltert 
worden sind, z.B. mit Chile in der Nase, 
Elektroschocks, Verbrennungen untl 



[22] SF 4/94 








Vi e!em mehr. Sie wurden so gezwungen, 
ihre Schuld zu gestehen, was blieb ihnen 
anderes übrig. Obwohl sie im Prozeß 
!hre Geständnisse widerriefen, wurden 
sic vom Richter zu 17,18 und 19 Jahren 
Gefängnis verurteilt. 

Gestern verhandelten wir mit einigen 
Regicmngsvertrclem, die ihren politi¬ 
schen Willen bekundeten, sich mildern 
Noblem zu beschäftigen. Natürlich for¬ 
derten wir die Freilassung der Gefan¬ 
genen. Aber sic lehnten ab, es handle 
s ich schließlich nicht um ein politisches 
sondern ein juristisches Problem und 
sie könnten sich nicht über die Gesetze 
hinwegsetzen. 

Tatsächlich könnte der Gouverneur 
^ 0n Chiapas die Gefangenen begna¬ 
den, diese Möglichkeit ist im Gesetz 
v ° r ge$ehen. Aber sie zu begnadigen 
j^hrdebedeuten zuzugeben, daß es sich 
ier um ein politisches Problem handelt, 
eshalb lehnt er cs ab. Die Regierung 
hauptet, cs gäbe in Mexico keine 
Politischen Gefangenen, deshalb müs- 
^cn andere Straftaten erfunden werden. 
Hein das, was wir hier tun, diese 
latzbesetzung, ist in den Augen der 


Regierung bereits eine schwere Straftat. 
Es gibt viele, die wegen S traßensperren 
im Gefängnis sitzen. Für uns ist diese 
Form des Widerstandes aber sehr wich¬ 
tig, um die Regierung unter Druck zu 
setzen. Für diese “Störung der Verkehrs¬ 
wege”, wie sie es nennen, sind schon 
einige zu 10 bis 12 Jahren Haft verurteilt 
worden. Die Regierung muß indes ihr 
Gesicht wahren und darf nach außen 
nicht als repressiv gelten. 

Diese Regierungsvertreter sind ab¬ 
solut kalt und gleichgültig. Sie ziehen 
es vor, dieCampesinos sterben zu lassen, 
um nicht von ihrer politischen Linie 
abrücken zu müssen. Der derzeitige 
Gouverneur Lopez Moreno ist etwas 
toleranter, aber unter Patroncinio 
Gonzälez de Garrido gab es unzählige 
politische Gefangene. Wenn es etwas 
gab, das in der Amtszeit von Patroncinio 
gebaut wurde, dann waren es Gefäng¬ 
nisse. Gefängnisse ließ er bauen, aber 
keine Häuser für uns Campesinos. Er 
bezeichnete sich als großen Umwelt¬ 
schützer, und unter seiner Regierung 
durfte kein Campesino einen Baum an- 
fassen. Für den Besitz eines einzigen 


Stück Holzes oder einer Motorsäge 
konnte man schon mit 5 bis 8 Jahren 
Gefängnis rechnen. Währenddessen 
holzten sie selbst ganze Wälder ab. 
Dabei geht es den Campesinos darum, 
ihr tagtägliches Überleben zu sichern. 
Sie müssen mit dem Holz ihre Hütten 
bauen und brauchen ein Stück gerodetes 
Land, um Mais und Bohnen anzubauen. 

Der Anteil der Landbevölkerung in 
Chiapas liegt bei etwa 80%, der der 
Indigenas bei etwa 50%. Wir sprechen 
also von 400 bis 500.000 Familien, die 
auf dem Land leben. Das Wohnraum- 
problem ist entsprechend groß. Um die¬ 
ses Problem zu lösen, wurden in diesem 
Jahr an 10.000 Familien jeweils 500 
Pesos (ca. 150,- DM) Regierungsgelder 
vergeben. Sie sollten sich damit Häuser 
bauen. Aber mit 500 Pesos können die 
Familien überhaupt nichts anfangen. 
Aber so sehen die angeblichen Problem¬ 
lösungen der Regierung aus. 

Ähnlich ist es mit dem Hühner- 
Projekt, das zur wirtschaftlichen Ent¬ 
wicklung von Campesino-Familien 
geeignet sein soll. Sie sprechen von 
Hühnerfarmen und geben einzelnen 
Familien 10 Hühner. Sie reden von 
Schweinefarmen und verteilen einzelne 
Schweine. Diese Tiere vergeben sie 
nicht etwa gleichmäßig an alle, sondern 
in einer Gemeinde, in der vielleicht 200 
Farn ilien leben, erhalten 5 Familien die¬ 
se “staatliche Zuwendung”. Mit dieser 
Art von Projekten wollen sie uns also 
entwickeln, dabei wird damit kein ein¬ 
ziges Problem gelöst. Genauso könnten 
sie Murmeln an uns verteilen, uns auf- 
fordem, den ganzen Tag mit den Mur¬ 
meln zu spielen und dann behaupten, 
sie hätten uns damit die Entwicklung 
gebracht. 

Der Regierung geht es vor allem da¬ 
rum, gegenüber der internationalen 
Öffentlichkeit vorzugeben, sie könnte 
die Konflikte im Land mit Geld lösen. 
Wäre die Regierung klug, würde sie 
sich ernsthaft mit den dringendsten 
sozialen Forderungen der Campesinos 
und Indigenas beschäftigen. Sie be¬ 
hauptet zwar, sich für den Frieden im 
Land einzusetzen, die Realität zeigt uns 
aber, daß sie geradewegs auf eine mili¬ 
tärische Lösung des Konfliktes zu¬ 
steuert. 

Vorabdruck aus dem Buch »Basta ya - Der 
Aufstand in Chiapas«. DieserTitel wird 
derzeit vorbereitet und erscheint im 
Dezember im Verlag Libertäre Asso¬ 
ziation,Lindenallee 72, 20259Hamburg 



SF 4/94 [23] 







von Boris Scharfowski 

und Andreas Ries 

Unter dem Eindruck der veränderten 
Weltlage und der Konsequenzen für 
alternative Gesellschaftsentwürfe ist 
innerhalb der deutschen Linken neuer¬ 
dingswiedereine Diskussion um Chan¬ 
cen und Grenzen internationalistischer 
Arbeit entstanden. Der Schwarze Faden 
möchte mit folgendem Beitrag eine 
Reihe beginnen, die es sich zum Ziel 
gesetzt hat, Vertreter des S üdens danach 


Indiens. Ich heiße Marx. Mein Vater 
war Gründer der Kommunistischen 
Partei Indiens und so komme ich zu 
meinem Namen. Ich bin Lehrer und ar¬ 
beite in Gruppen der Bürgerrechts¬ 
bewegung mit. Die Kastenunter¬ 
drückung ist in Indien sehr stark. In 
Fällen der Kastenunterdrückung ana¬ 
lysieren wir diese und machen sie öf¬ 
fentlich. An manchen Orten organi¬ 
sieren wir auch die Unterdrückten und 
geben Rechtshilfe. Unser politischer 
Schwerpunkt liegt in diesem Bereich. 
Vierteljährlich geben wir eine Zeit¬ 
schrift heraus, sie heißt Nirapirihai. 


versuchen die makropolitische Macht 
zu erringen, das gesamte Eigentum zu 
nationalisieren und als Avantgarde des 
Proletariats die Gesellschaft zu revo¬ 
lutionieren. Aber die Erfahrungen der 
siebziger Jahre haben gezeigt, daß auf 
diese Art und Weise kein revolutionärer 
Wandel der Gesellschaft möglich ist. 
Für einen solchen revolutionären Wan¬ 
del müssen gewisse Bedingungen vor¬ 
handen sein. So muß eine Machtanalyse 
bei der Mikroebene anfangen, wie zum 
Beispiel bei der Familie. Die Zivilge¬ 
sellschaft muß verändert weiden. So 
glauben wir wie Gandhi, daß nicht nur 



zu befragen, wie sie sich eine Koope¬ 
ration zwischen den beiden Hemis¬ 
phären vorstellen können. 

Andreas Ries und Boris Scharlowski 
führten zum Auftakt in diesem Rahmen 
Ende Juli ein ausführliches Gespräch 
mit A. Marx. Er ist Mitglied der Peoples 
Union of Civil Liberation und der Re¬ 
daktion der Vierteljahreszeitschrift 
Nirapirihai. Diese Zeitschrift erscheint 
in der indischen Stadt Tamilnadu. A. 
Marx befand sich auf Einladung tami- 
lischer Organisationen in Europa. Ne¬ 
ben Vorträgen in verschiedenen euro¬ 
päischen Städten interessierte er sich 
vor allem für gegenkulturelle linke 
Strukturen bei uns. Unser Gespräch 
berichtet nicht nur über die Situation 
der Kastenlosen in Indien, sondern 
reflektiert auch einige Möglichkeiten 
internationalistischer Kooperation. 

SF: Zuerst möchten wir Dich bitten, 
einige Worte zu Deiner Person zu sagen. 

A.Marx: Ich bin Tamile und komme 
aus Tamilnadu, der südlichen Region 


Hierbei versuchen wir, aus den sub¬ 
jektiven Erfahrungen, die objektive 
Realität der indischen Gesellschaft 
herauszuschälen. Dazu benützen wir 
z.B. die Methoden des Poststruktur¬ 
alismus und der kontextuellen Analyse. 
Mit diesem Instrument versuchen wir, 
sowohl die Politik wie auch die tami- 
lische Gesellschaft zu kritisieren. Die 
Themen unserer Zeitschrift umfassen 
die BereichederÖkonomie.derGesell- 
schaft und der Politik. Wir sind keine 
große Bewegung, eher eine kleine, und 
wir unterscheiden uns vom tamilischen 
intellektuellen Diskurs. Weiter-hin 
versuchen wir, kommunistische Grup¬ 
pen aufzubauen. Wir sind nicht wie die 
indische KP der Meinung, daß es sich 
bei der Sowjetunion um einen Sozial¬ 
imperialismusgehandelt hatte. Aberdas 
heißt noch lange nicht, daß wir die 
Sowjetunion fürein sozialistisches Land 
halten. Es war zu keiner Zeit ein sozia¬ 
listisches Land. Die Probleme in der 
Sowjetunion und in Osteuropa haben 
nicht mit Chrustchow oder Stalin be¬ 
gonnen, wie manche behaupten. Sie 


die politische und witschaftlicheMacht 
ausschlaggebend ist. 

SF: Wie stark ist die Verankerung der 
Kastengesellscheft im heutigen Indien 
und wie organisiert ihr die Unbe- 
rährbaren? Ist es lediglich eine Art van 
Rechtsberatung oder habt ihr einen 
umfassenderen Ansatz? ' 

A. Marx: Die Kaste der Unberühr- 
baren ist nach der Verfassung abge¬ 
schafft. Dort ist zum Beispiel eine Vor¬ 
zugsbehandlung verankert, die vor 
allem im Bildungsbereich, in dem 20% 
der Plätze den Unberührbaren Vorbe¬ 
halten sind, zum Tragen kommt. Die 
Si tuation ist im Arbeitsbereich ähnlich. 
Aber dies hat nicht zur Abschaffung 
des Kastensystems geführt. Die Unbe¬ 
rührbaren können nach wie vor nicht in 
die Führungsetagen gelangen und dür¬ 
fen kein Fahrrad fahren, dürfen noch 
nicht einmal Schuhe tragen. 

Wenn Studenten ein politisches Be¬ 
wußtsein entwickeln, weigern sie sich 
in den ihnen vorbehaltenen Berufen zu 


[24] SF4/94 









A,1 c Fotos: MaxPam 

feiten. Und in diesen Fällen werden 
S ,C sozial unterdrückt. In einigen Fällen 
* n d sic bei lebendigem Leib verbrannt 
0r den. 1968 wurden allein in einer 
v ^ Menschen bei lebendigen Leib 

^rbrannt. Sogar noch heute ist die Hei- 
r ^ 1 strcn S nach den Kastenordnung ge- 
^gelt. Wenn ein Unberührbarcr eine 
JZü aus einer höheren Kaste heiratet, 
r °idcn beide gesellschaftliche Re¬ 
galien. 

heutzutage ist das Kastensystem 
rci gctcilt. Die ganze politische und 


wirtschaftliche Führung des Landes 
licet in den Händen der Angehörigen 
der höchsten Kaste. Sie bestimmt seit 
2000 Jahren die Politik des Landes und 
macht etwa 3% der Bevölkerung aus. 
Die nächste Ebene ist die Mittelklasse 
und die letzten zwei Drittel der Ge¬ 
sellschaft gehören der Kaste der Unbe¬ 
rührteren an. 

Bevor ich zu der Frage komme, wie 

die Unberührbaren organisiert sind, 
noch einige Bemerkungen über ihre 
Vertretung in den nationalen Parteien. 


Die Nationale Bewegung, Gandhis 
Partei, wie auch die Kommunistische 
Partei haben in ihre Gewerkschaften 
und Organisationen Parias integriert. 
Aber bei all diesen Organisationen war 
die Führung nicht in den Händen von 
Parias, sondern in den Händen von An¬ 
gehörigen höherer Kasten. Die Unter¬ 
drückten begannen sich selbst zu orga¬ 
nisieren. Bei den Hundertjahrfeiern kam 
die Talid Union - wir bezeichnen die 
Unberührbaren mit politischen Be¬ 
wußtsein als Talids - zu dem Schluß, 


SF 4/94 [25] 

















daß sie den oberen Klassen nicht gestat¬ 
ten dürfen, die Talids zu organisieren, 
sondern sie vielmehr sich selbst orga¬ 
nisieren müssen. Ein weiterer Beschluß 
war, daß sie, die nichts zu verlieren 
haben, eine Führungsfunktion inne¬ 
haben, um die Veränderungen voran¬ 
zubringen. Mit diesem Verständnis ha¬ 
ben sie sich in verschiedenen Grppen 
organisiert. Diese Gruppen unterschei¬ 
den sich von den vorangegangenen, die 
von den Angehörigen der oberen Kasten 
organisiert wurden. 

Die Politik der Talids ist, eine Ko¬ 
alition zwischen der Mittelklasse und 
den Unberührbaren herbeizuführen. So 
wird eine Allianz zwischen den beiden 
Klassen entwickelt. Im Norden Indiens, 
haben sich zwei dieser Parteien zu einer 
Koalition zusammengeschlossen und 
mittlerweile auch die Macht errungen. 

SF: Wir möchten mehr über Eure 
Strategie, Eure politische Ausrichtung 
erfahren . Du hast von der mikro- und 
makrosozialen Ebene gesprochen . 
Normalerweise agieren soziale Bewe¬ 
gungen auf der mikrosozialen Ebene. 
Agiert Ihr auch auf der makrosozialen 
Ebene in Form von Lobbyarbeit oder 
lehnt Ihr die parlamentarische Ebene 
völlig ab und vertraut auf die Stärke der 
Bewegung? 


A. Marx: Ich sprach schon von der 
naxalistischen Bewegung. Sie spaltete 
sich von der KP Indiens ab und orga¬ 
nisierte sich in bewaffneten Gruppen. 
Die Bewegung war der Ansicht, daß 
man mir die Unterdrückten organisieren 
und mit ihnen die Macht ergreifen 
müßte. Und so ist sie auch aus den Par¬ 
lamenten hinausgegangen und hat sich 
als außerparlamentarische Opposition 
organisiert. Sie blieb aber eine typische 
bolschewistische Partei, weil sie wie 
die anderen Arbeiterparteien auch der 
Ansicht war, daß- sobald siedie makro¬ 
politische Macht ergriffen hätte - auch 
alle Möglichkeiten für eine Revo- 
lutionierung der Gesel Ischaf t vorhanden 
wären. Sie hat sich niemals um die 
mikrosoziale Ebene gekümmert und 
hatte wie alle bolschewistischen Par¬ 
teien sehr religiöse Moral Vorstellungen. 
Heute richten wir unser Augenmerk auf 
die mikrosoziale und mikropolitische 
Ebene, wie zum Beispiel die Abschaf¬ 
fung der traditionellen Familienstruk¬ 
turen oder auf das Schulsystem, in dem 


eine Revolutionierung des Schüler- 
Lehrer- Verhältnisses eintreten muß, 
oder auf die Veränderung der Ge¬ 
schlechterverhältnisse U.S.W., 

Indien ist eine sehr traditionelle Ge¬ 
sellschaft, in der selbstdie Privilegierten 
nicht soviel demokratische Rechte 
haben, wie die Bürger westeuropäischer 
Gesellschaften. Die Rechte der Frauen 
sind weitaus geringer und sehr eng an 
die traditionellen Beziehungen ge¬ 
knüpft. In einer solchen Gesellschaft ist 
es sehr schwer über die Abschaffung 
der Familienstrukturen oder der vor¬ 


letzten Ausgabe unserer Zeitschrift 
haben wir ein Interview mit drei 
lesbischen Frauen, die in den USA m 
14 und 20 Jahren Gefängnis verurteilt 
wurden, veröffentlicht. Wir sprachen 
dabei sehr ausführlich über das ameri¬ 
kanische Gefängnissystem. Selbst bei 
diesem Interview gab es große Wider¬ 
sprüche. Selbst Intellektuelle kriti¬ 
sierten, daß wir ein Interview mit Lesben 
veröffentlichten. Wir sagten, daß dies 
ein politisches Interview über dab 
westliche Gefängnissystem und über 
die Aktionen der Marginalisierten sei. 



herrschenden Moral Vorstellungen etc. 
zu sprechen. Wenn du die Forderung 
erhebst, daß Homosexuelle nicht 
ausgegrenzt werden sollen, daß mit 
ihnen zusammengearbeitet werden soll, 
wird keine der gesel lschaftlichen Grup¬ 
pen dies wohlwollend aufnehmen. Ganz 
im Gegenteil wird diese Forderung 
durch die Presse verdammt, zählt doch 
die Homosexualität - anders als in Eu¬ 
ropa - als schwere Sünde. In Indien 
wird ein homosexuelles Zusammen¬ 
leben nicht toleriert, das ist ganz und 
gar unmöglich. Wir versuchen hiermit 
Texten Widerspruch zu den gängigen 
Moral vorstcllungen zu erzeugen. In der 


Selbst das half nicht. 

SF: In Europa haben die sozialen Be¬ 
wegungen 1968 einen großen Auf¬ 
schwung genommen, die maßgeblich 
von libertären und anarchistischen 
Gedanken geprägt waren. Wir würden 
gerne wissen , ob dies in Indien ebenso 
war. Gab oder gibt es in Indien einen 
solchen Einfluß? 

A. Marx: Ich habe in Berlin eine Frau 
kennengelenu, die für 12 Jahre ins 
Gefängnis mußte, weil sie an RAF- 
Aktionen beteiligt war. Sie lebt heute; 
mit vierzehn anderen Menschen zu-i 


[26] SF 4/94 




sammen, es ist eine kleine autonome 
Gruppe. ich fragte sie nach ihren Er¬ 
fahrungen . Ein großer Unterschied 1 iegt 
wdem Aufschwung der 68er Bewegung 
aicr und in dem Erstarken der naxa- 
^tischcn Bewegung in Indien. Hier 
^ ar das Erstarken sehr eng mit dem 
influß libertären/anarchistische Den- 
cns verbunden, aber in Indien wurde 
Cr Anarchismus von keiner kom- 
mu nistischen Gruppe begriffen oder gar 
ausgenommen. Die naxalistische Frak- 
die sich von den parlamentarischen 
ru ppen abspaltctc, bezog sich auf Mao 
Un d hat ihn sogar zu ihrem Führer 
erklärt. Und wie ich schon erwähnte, 
unterschieden sic sich nicht in vielen 

spekten von den Mainstream-Parteien. 
le hüben niemals ihre Politik mit einer 
cgcnkultur verbunden. Aber hier in 
, Ur °Pa habe ich fcstgcslcllt, daß diese 
c ^den Aspekte verbunden sind. Das ist 
Cln Wesentlicher Unterschied. Wir fan- 
p Cn Scradc an, eine Diskussion über 
cgcnkultur zu initicrcn. 


^ möchten gerne über Deine 
*' ir opareise sprechen , über Deine 
. r D a ^ lr ungen, die Du hier gemacht hast, 
lnn ner i n Beziehung mit den Erfah- 
riin gcn . die Du in Indien machst. Was 
Sln d Deine Erfahrungen mit der euro¬ 
päischen Gcgcnkultur und wo liegen 
dlc Differenzen? 


j A Ich war nur vier Wochen 

uer und habe natürlich nur Fragmente 
^ ^bekommen. Die führenden Indus- 
^enaüoncn versuchen ihre Dicnstlei- 
s un 8^entrcn, wie z.B. den Hightcch- 
l0r den Industrieländern zu kon¬ 
zentrieren und den produktiven Teil in 
^ r 'ltc Welt zu verlagern. Dies ver¬ 
bucht in den Industriezentren u.a. 
r eifslosigkeit. Dabei sehe ich eine 
endenz der Globalisierung, die den 
urkt, die Ökonomie und die Politik, 
c - r auc h die Armut umfaßt. In solch 
lncr Situation sollte meiner Meinung 
a uch auch der Widerstand globalisiert 
erden. Damit meine ich nicht eine 
s c,lrcv olution ä la Trotzki, dazu ist 
s Cl ” Konzept völlig unbrauchbar. Es 
c ° c * n weltweites Verständnis und 
s ' nc Kooperation unter den Wider¬ 
standsbewegungen vorhanden sein. Ihr 
1 I zum Beispiel nicht, was in Indien 
^ ss * cn A v clclicfU', w cgijngeiKtkl.ivsind, 
Ws für Themen diskutiert werden. Ein 
^Hhnum an Verständnis, an Infor¬ 


mationen und Ideenaustausch zwischen 
den Bewegungen sollte vorhanden sein. 
SF: Wir möchten das gerne etwas kon¬ 
kreter wissen. Welche Art von Aus¬ 
tausch, welche Art von Kooperation 

stellst Du Dir vor? 

A. Marx: Ich meine nicht eine straffe 
zentrale Organisation. Das würde wie¬ 
der zu zentralistischen Formen führen. 
Ich meine, daß es keine strikt organi¬ 
sierte Kooperation geben sollte. Es sollte 
eine Kooperation von Widerstands¬ 
bewegungen sein; die Betonung liegt 
auf Bewegungen. Verschiedene Bewe¬ 


schließlich um die Frage der Gewäh¬ 
rung von Hilfe geht , sie also auf eine 
Wiederholung des 1. und 3. Welt- 
Musters hinausläuft. So besteht die 
Schwierigkeit darin, welcher Interna¬ 
tionalismus für uns und für Euch 
gangbar ist? Wie ist ein Internatio¬ 
nalismus der sozialen Bewegungen um¬ 
zusetzen; wie eine Kooperation zwi¬ 
schen den sozialen Bewegungen in 
Indien und in Deutschland vorstellbar? 
In welchen verschiedenen Kulturen 
leben wir, was ist die Differenz und wo 
liegen die Gemeinsamkeiten? 



gungen in verschiedenen Ländern. Und 
cs gibt auch keine cinheidiche Orga- 
nlsation für diese Bewegungen. Eine 
solche zentrale Organisation ist auch 
nicht notwendig. Es sollte eine enge 
Verbindung im Austausch von Ideen 
sein. Für die Forcierung eines solchen 
Prozesses sind gute Informationsstruk¬ 
turen untereinander notwendig. So ha¬ 
ben wir als erstes die Aufgabe, unseren 
Austausch zu organisieren. 


r denken, ein Problem hier in 
iland ist. daß aufder einen Seite 

rke Solidaritätsbewegung exis- 
er daß sie all tu oft auch pater- 
ch ist. D.h. daß es oft aus- 


A. Marx: Wir sind gegenüber orga¬ 
nisatorischen Strukturen sehr kritisch 
eingestellt. Dabei sind wir uns über die 
Schwierigkeiten und Unzulänglich¬ 
keiten der gegenwärtigen Situation be¬ 
wußt. Aber das über die Alternativen 
keine Klarheit herrscht, ist natürlich. 
Die Alternative muß aus der Praxis 
entstehen und nicht aus einem theore¬ 
tischen Entwurf. Die patemalistische 
Haltung, die ihr angesprochen habt, 
resultiert aus der grundlegenden 
Haltung der Industriezentren, die ver¬ 
suchen, in jeder Beziehung ihre Vorteile 
herauszuziehen. Wenn es eine Kooper¬ 
ation gibt, dann wird es eine egalitäre 


SF 4/94 [27] 









sein, eine Beziehung unter Gleichge¬ 
stellten, In unserem Verständnis von 
Kooperation hat eine patemalistische 
Haltung keinen Platz. Und wenn wir 
eine Organisation aufbauen, darf diese 
keine einheitliche Organisation sein. 
Sie darf keine Führer haben, die Teil¬ 
nehmer müssen gleichberechtigt sein 
und die Menschen aus der Dritten Welt 
müssen stärker repräsentiert sein. Wir 
sollten in solch einer Organisation die 
unterschiedlichen Meinungen akzep¬ 
tieren. Wir brauchen keine einheitlichen 
Lösungen und Ideen in allen Fragen. Es 
können durchaus unterschiedliche Vor¬ 
stellungen zu speziellen Fragen vor¬ 
liegen und trotzdem wäre eine punk¬ 
tuelle Zusammenarbeit möglich. Dies 
sollten Kriterien der Zusammenarbeit 
sein. So sollten auch bei Zeitschrif¬ 
tenprojekten, die Stimmen aus der Drit¬ 
ten Welt mehr Beachtung erfahren. 

SF: Eine andere Frage zu diesem 
Aspekt zielt auf das Problem der 
Kontinuität der sozialen Bewegung ab. 
Wir sind in den sozialen Bewegungen 
aktiv. Oftmals sind soziale Bewegungen 
Ein-Punkt-Bewegungen - sei dies die 
Anti-Nuklearbewegung oder eine Bür¬ 
gerinitiative zur Verkehrsberuhigung. 
Nachdem das jeweilige Ziel erreicht 
ist, hören diese Bewegungen auf zu 
existieren. Wie können wir eine poli¬ 
tischere und kontinuierlichere Bewe¬ 
gung, die die Gesellschaft als Ganzes 
und nicht nur punktuell infrage stellt t 
erreichen? 

A. Marx: Wir wollen nicht die poli¬ 
tische Macht erringen. So arbeiten wir 
in all diesen Aspekten gegen den Staat. 
Dafür benötigen wir ein politisches Be¬ 
wußtsein über die entstehende neue 
Weltordnung. Auf der theoretischen 
Ebene können wir uns mit dieser neuen 
Weltordnungauseinandersetzen und die 
sozialen Bewegungen daraus legiti¬ 
mieren. Das ist die kontinuierliche Ar¬ 
beit. Wir behaupten, daß die mikro¬ 
sozialen Strukturen angegangen und 
verändert werden müssen. Dies kann 
als kontinuierliche Arbeit gemacht 
werden. Die speziellen Probleme drän¬ 
gen sich auf, und sie müssen auch 
beachtet werden. Dafür können wir 
Gruppen organisieren und auch mit 
anderen Gruppen Zusammenarbeiten, 
die viele unserer Ansichten nicht teilen, 
wie zum Beispiel die grüne Partei in 
Flüchtiingsfragen mit Euch Zusam¬ 
menarbeiten kann. Hierbei kann eine 


punktuelle Koalition vereinbart werden 
und sobald das Ziel erreicht ist, kann sie 
auch wieder aufgelöst werden. Aber 
aus der gegenkulturellen Sicht ist es ein 
kontinuierlicher Prozeß, Unser vor¬ 
dringlichstes Ziel ist eine kulturelle Re¬ 
volution. Auf der kulturellen Ebene kön¬ 
nen Leute, die mehr oder weniger die¬ 
selben Vorstellungen haben wie wir, 
kontinuierlich Zusammenarbeiten. 

SF: In Deutschland machten wir die 
Erfahrung, daß wir 68 eine große soziale 
Bewegungen hatten, aber sie schaffte 
es nicht, die Gesellschaft als Ganzes zu 
verändern t im sozialen Bereich verän¬ 
derte sie sehr viel, aber die politischen 
Strukturen hat sie nicht verändert. Eine 
Behauptung lautet, daß die Repression 
heute weitaus größer ist als vor zwanzig 
Jahren. Wir meinen, daß die sozialen 
Kämpfe mit den politischen verknüpft 
werden müssen, d.h . die Fragen, was 
sind andere Formen von Organisation 
von Gesellschaft, oder welche makro¬ 
politischen Institutionen stehen der 
Umsetzung der Ziele entgegen, in den 
sozialen Auseinandersetzungen thema¬ 
tisiertwerden müssen, um solchen Pro¬ 
zessen wie der deutschen Wieder¬ 
vereinigung etwas entgegensetzen zu 
können. Hier waren die sozialen Be¬ 
wegungen beider Länder nicht in der 
Lage, der quasi imperialistischen 
Vereinahmung der Ex DDR erwar 
entgegenzustellen. Wie kann also eine 
Bewegung aus sehen, die auf der sozia¬ 
len wie auch auf der politischen Ebene 
agiert? 

A. Marx: Wir sollten uns ibereinsim 
Klaren sein. Wenn wir die fünftau¬ 
sendjährige Erfahrung des organisierten 
Lebens der Menschheit auf dieser Welt 
Revue passieren lassen, kommen wir 
notwendigerweise zu dem Schluß, daß 
die ökonomische, kulturelle und poli¬ 
tische Unterdrückung des größten Teils 
der Menschheit nicht durch , eine 
Machtergreifung beendet werden kann. 
Wir müssen von unten anfangen. Das 
wird kein einfaches Unterfangen. Die 
Gesellschaft hat diese repressive Orga¬ 
nisationsform akzeptiert. Die Macht¬ 
ergreifung mag eine naheliegende 
Möglichkeit sein, Veränderungen zu 
erreichen, aber Veränderungen, wie wir 
sie uns vorstellen, sind radikalere, 
tiefgreifendere, die eines langen Pro¬ 
zesses bedürfen. Daher können wir 
keine unmittelbar bevorstehenden 
Erfolge vorraussetzen. Wir sind 


vielleicht eine Minderheit, Die 
Institutionen des Mainstreams bekäm¬ 
pfen uns, marginalisieren unsere Ideen. 
Die uns umgebende politische Situation 
ist, daß mehr und mehr Menschen mar- 
ginalisiert werden und mit unseren Ideen 
etwas anfangen werden. Vordem Zerfall 
der osteuropäischen Länder konnten wir 
in Tamilnadu nicht über anarchistische 
Ideen sprechen. Heute äst es möglich* 
Die sozialen Bewegung der vergan¬ 
genen zweihundert Jahre können in drei 
Kategorien gefaßt werden. In der Dri tten 
Welt waren es die nationalen Bej 
freiungsbewegungen, die sieh vom 
Imperialismus befreien wollten, in 
Europa und in Nordamerika war es die 
Arbeiterbewegung, die nach mehr 
Freiheit verlangte, und Ursache für die 
größere soziale Sicherheit und Bür¬ 
gerrechte war, ln Osteuropa, in China 
und in Cuba haben die proletarischen 
Parteien die Revolution durchsetzen 
können und die Staatsmacht übemomj 
men. Nach 1948 sind alle diese drei 
antagonistischen Bewegurigen, an die 
Macht gekommen, aber in den folgen¬ 
den zwanzig Jahren wurden sie repres j 
si ver als ihre Vorgänger, weil sie - sobald 
sie Teil des Staates wurden - statischer 
werden mußten und somit auch repres¬ 
siver wurden. Auf diese Weise 'trat# 
die grüne Bewegung, der Feminismus! 
die Homosexuellenbewegung, die Häu¬ 
serkampfbewegung,etc. in den Vor¬ 
dergrund. Diese haben die Situation für 
die Modernisierer der Gesellschaff 
wesentlich verbessert, nicht nur in der 
Dritten Welt, sondern auch in den In¬ 
dustriezentren, Ich glaube, daß in nähe¬ 
rer Zukunft immer mehr Leute von den 
traditionellen Lebensvorstellungeil 
Abschied nehmen, und daß die moder¬ 
nisierenden Bewegungen sich durch¬ 
setzen werden. Aber diese Bewegung 
sollte sich darüber im Klaren sein, daß 
es nicht ihr Ziel sein kann, die Staats¬ 
gewalt zu erlangen. Sie missen mehr 
auf der kulturellen Ebene arbeiten, die 
mikrosozialen Institutionen zerstören. 
Auf dieser mikrosozialen Ebene sollte 
eine Zusammenarbeit der Bewegungen 
stattfinden, um sich der Staatsgewalt 
entgegenzustellen und den Einfluß des 
Staates zu reduzieren. Das ist möglich. 
Zum Beispiel war vor ein paar Jahren 
der mächtigste und technokratischste 
Staat der Welt, die USA, nicht in deir 
Lage die Riots in Los Angeles zu ver¬ 
hindern. Das ist inder heutigen Situation 
auch erst einmal ausreichend. 


[28] SF 4/94 







1). Einleitung 



' ,^-T ■ 

^^SeschlcMftÄI^^ 


wsgkm 


Die Anfang der 80er Jahre eingeleitete 
“konservative Wende” zeigt heute ihre 
politischen und strukturellen Aus¬ 
wirkungen. Nicht nur die Verschärfung 
der innenpolitischen “Sicherheitslage” 
(= “Großer Lauschangriffparamili¬ 
tärischer Ausbau der Polizei und wei¬ 
terer staatlicher Überwachungs- und 
Kontrollgesetze) oder der massive 
Sozialabbau (von Diskussionen wie der 
über die Zwangsarbeit von Sozial- und 
Arbeitslosenhilfeempfängerinnen be¬ 
gleitet) haben das Gesicht der BRD- 
Gesellschaft verändert. Eigentlich sollte 
die verKOHLte Republik so etwas wie 
ein großes miefiges, gut-deutsches 
Wohnzimmer werden. Nur, daß dort 
die Biedermänner und -frauen nicht mit 
denen rechnen wollten, die mit dem 
Feuer spielten, die ihre behaglichen 
Wohlstandsinseln anzündeten. 

Der neue Nationalismus machte es 
nicht nur “sicherer” und sozial kälter, 
junge Nazis eiferten ihren faschistischen 
Vorbildern nach, mordeten und brand¬ 
schatzten in der “gut-deutschen” Wohn¬ 
stube, die die Konservativen basteln 
wollten. Das gab im Ausland ein 
furchtbar negatives Image, das Bild des 
“neuen” Deutschland als Hort der 
(Wirtschafts-)Liberalität schien ge¬ 
fährdet. Ebenso schlimm erschien dem 
politischen Establishment die Ab¬ 
wanderung ihrer rechten Ränder zu 
faschistischen Parteien und Wähler¬ 
gemeinschaften wie den REPs, der DVU 
usw. Sie initiierten mit diversen Jour¬ 
nalistinnen Betroffenheits- und Klage- 
rituale, Werbekampagnen gegen die 
“Gewalt der Extremisten von rechts 
und links” oder setzten ihr Wahlvolk 
eindrucksvoll als “Open-Air Kerzen¬ 
halter” in Szene. Dies beeindruckte die 
nationalistische Welle, die durch die 
Annektion der ehemaligen DDR noch 
weiteren Aufschwung bekam, wenig. 
Der neue nationalistische Konsens des 
“Deutschland den Deutschen”, weil 
“wir sind ein Volk”, reicht von Rechts¬ 
außen quer durch alle Parteien bis hin 
zur SPD für die Rechtfertigung poli¬ 
tischen Handelns. Den einen, um das 
Grundrecht auf Asyl abzuschaffen, als 
“Ausländer” bezeichnete Menschen in 
Gefängnisse, Folter, Krieg usw. abzu¬ 
schieben, den anderen für ihre rassi¬ 
stische Hetze und ihre Mord- und Brand¬ 


anschläge. 


i 





SF 4/94 [29] 













IS THIS REAL? Quantenphysik 
und Relativitätstheorie als 
Ideologieträger 

„FAMILIENPLANUNG'' VS 
„MIGRATIONSDRUCK": Zur 

Weltbevölkerungskonferenz in 
Kairo im September '94 

COMICS & HOLOCAUST: Art 

Spiegelmanns „Maus" vs 
„Schrei nach Leben" von 
Cothias/Gillon 

DISKUSSION: „Kapitalismus 
und Lebenswelt" - Kritiken 

DIE AUTONOMEN: II. Teil 

GETO BOYS: Interview 

SYMPATHY FOR THE DEVIL: 

Günther Jacob zu Hintergrün¬ 
den und Gründen des Inter¬ 
views mit den Geto Boys 

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Die unsägliche Diskussion um die 
Änderung des Art. 16GG brachte neben 
ihren mörderischen Folgen in Mölln, 
Solingen, Berlin etc., neben dem Auf¬ 
schwung verschiedener faschistischer 
Parteien, Gruppen und Ideologien, auch 
die Behauptung deutscher Politiker m it 
sich, daß Deutschland eine Jahrhunderte 
alte Kultur und Identität besitze. (E. 
Stoiber, CSU; nach: L.Hoffmann 1990, 
S. 11; E.Röper, CDU, in: FR 16.6.1993) 
In den markigen Worten des Ex-SPD- 
Vorsitzendcn Willy Brandt, der 1990 
behauptete, es wachse zusammen, was 
zusammengehöre, schwingt das uner- 
schüttcrl iche Bekenntnis zum deutschen 
Nationalstaat mit. 

Bei o.g.. Politikern klingt es an, als ob 
der Nationalstaat die letzte und höchste 
Konsequenz sozio-politischer Ordnun¬ 
gen wäre, einequasi natürliche, statische 
und ewig währende. Ein deutscher 
Nationalstaat wäre demzufolge nicht 
das Ergebnis historischer Prozesse, 
sowie politischer und ökonomischer 
Entscheidungen. Gerade bei der“Deut- 
schcn Frage” wird deutlich, wie sich 
geschichtliche und aktuelle Fragen 
mischen, wie die Geschichte die 
Gegenwart legitimieren soll. (...) 

Die Nation und ihre Ideologie scheint 
auch in linken Gruppen Hochkonjunktur 
zu haben und ist als EIN mögliches 
politisches Ordnungskonzept von Ge¬ 
sellschaft nicht hinterfragbar. Es er¬ 
scheint quasi als natürliche, unver¬ 
änderbare Größe, als hätte es Deutsch¬ 
land,dicNadon,schon immer gegeben. 
Als politisch handelnde und historisch 
informierte und denkende Menschen 
melden wir Zweifel an den Befreiungs- 
gehaltcn dieses Konzeptes an, und wir 
haben ein Menge Fragen, die wir im 
folgenden diskutieren wollen: Was 
steckt hinter den Begriffen ‘Volk/ 
Völker’ und ‘Nationalismus/National¬ 
gefühl’, auf die auch linke Gruppen, 
seien sie anarchistisch, autonom oder 
anti-imperialistisch orientiert, immer 
wieder positiv Bezug nehmen? Was 
sind die angenommenen ‘gemeinsamen 
Traditionen’, die ‘gemeinsame Kultur 
und Sprache’? (...) Wie konnte es dazu 
kommen, und welche Rolle spielte die 
Ideologie des Nationalismusdabei? Und 
kann,darf, soll eseinen positiven linken 
Bezug auf die Nation, eine Art “links¬ 
nationale Befreiungsideologie” geben? 
Oderwiderspreehen sich nicht vielmehr 
die politischen Konzepte von Nation 
und sozialer Revolution ? 


“Ein Mann ohne Nation ist wie 
ein Mann ohne Schatten”, zur 
Ideologie des Nationalen 

In der Ideologie der Nationalisten gibt 
es vorgeblich objektive Kriterien zur 
Bestimmung dessen, was Nation ist 
bzw. wie diese entstand. Zunächst sollen 
Gruppen von Menschen zusammenge¬ 
lebt haben, die eine gemeinsame Spra¬ 
che und Kultur entwickelten. Werden 
sich die Menschen dessen bewußt und 
entwickeln sie ein über Generationen 
andauerndes Zusammengehörigkeits¬ 
gefühl,das zudem inihrer “kollektiven” 
Erinnerung verbleibt, wird diese Gruppe 
zum VOLK. Ergreift diese Volk gej 
wordene Gruppe mittels ihrer Führer 
und am besten qualifizierten Männer 
die Macht oder wird von diesen ein 
Staat gegründet, wird das Volk zur 
NATION, (vgl. exemplarisch: M.H1 
Boehm 1932; kritisch: P.Alter 19851 
B. Anderson 1988, A.F.Reiterer 1988)! 

Am Anfang steht hier die KULTUR, 
ein Begriff der in den Zirkeln der Neuen 
Rechten (NR) extrem nationalistisch 
gewendet und seit Mitte der 70er Jahre 
ideologisch besetzt wurde. Alain de 
Benoist, ein französischer Theoretiker 
der NR, wirft der “Linken” vor, sie sä 
rassistisch, da sie die verschiedenen 
Kulturen, die Identität der Völker (lj 
einebnen und zerstören wolle (vgl. 
Wolfgang Haug 1991, S.15). Die CSU 
bläst in dasselbe Horn: “Linke nährt 
Ausländerhaß“ (FR 19.2.92). Die NR: 
wendet Vorwürfe auf die “Linke” 
zurück, die diese dem Kolonialismus 
und Imperialismus gemacht hat. Be¬ 
griffe wie Nation, Volk, Rasse oder 
Kultur spielen in der Diskussion der 
NR eine sehr wesentliche Rolle. 

I 

“Gemeinsame Traditionen” - 
Sprache, Kultur, Geschichte 

Vorherrschendes Thema der NR ist die 
Unaufhebbarkeit kultureller Differen¬ 
zen. So wurde in verschiedenen fran¬ 
zösischen Zeitungen (" Mots”, "Espa- 
ces '89“ und " L'identite francaise”) 
behauptet, daß es für eine Kultur schäd¬ 
lich sei, Grenzen zu verwischen. Le: 
bensweisen und Traditionen seien unj 
vereinbar. (E. Balibar 1991, S.28) 
G.Frey (DVU) begründet seine ras¬ 
sistische Parole “Ausländer raus!” 
“ethno-pluralistisch” mit dem Neben- 






einander der Kulturen (W.Haug 1991, 
•16) E.Stoibcr versucht sich als 

cschichtsumschrcibcr: Durch das 

erede von der “multikullurellcn 
cscllschaft” werde “... die Axt an die 
urzeln unserer in Jahrhunderten 
entwickelten nationalen und kulturellen 
Identität...” ( Zit . n . L . Hoffmann 1990, 
•11) gelegt. Der Herr verzapft nicht 
ClWa un bewußt Blödsinn, sondern lügt 
f Us Politischem Interesse, ein Berufs- 
lu gncr also. 

also ist eine Nation, die Kultur, 
^ n d wie entwickelten sie sich und ihr 
^rhältnis zueinander? 

* n Mann ohne Nation ist wie ein 
s ^ n °hnc Schatten”. (E. Gcllncr 1991, 
■ ^) gab ein gewisser Adalbert de 
ha misso (um 1800) von sich. Daraus 
^ lstan d die landläufige Meinung, ein 
Cnsc h brauche eine Nationalität, wie 
r eine Nase und zwei Ohren haben 
u » sie wurde zum inneren Merkmal 
? CS ^enschseins. Die Nation wurde 
* Ur universellen, alle anderen überra¬ 
genden sowie einzig möglichen und 
enkbaren gesellschaftlichen Organi- 
^ bonsform. Ihr wurde ein Charakter, 
Bewußtsein und Identität angc- 
1 Ic tc l, um sic zum Subjekt werden zu 
^ c dc Nation hat ihre histo- 
i^ SC Cn Editionen, und diese spielen 
1 rem Bewußtsein eine wichtige 
N ° Ic ^ ( w - Sulzbach 1959, S.l) Das 
a °balbcwußtscin sei eine Folge der 
rechtlichen Überlieferung, dessen 
Aachen J.S.Mill im Besitz einer 
ahonalgeschichtc und einer konsc- 

(cVh \ Cn ? cmc ^ nsc haftscrinnerung sah. 
jck die Geschichte, zum Sub- 

V n SCWordcnm ül c l stt wclüiislorischcr 
SoisteF’ (Hegel) in Gestalt “großer 
w * c Napoleon, Bismarck und 
^ 1 der Kuckuck wer, schufen die 
a honcn, sondern Nationalisten be- 
ü ncn 19.Jahrhundcrt Geschichte 
die ? ]v C ^ 1rC ^ n un< ^ ausschließlich auf 
q c a ^ 0n zu beziehen. Die “freien 
WCI *d cn noch heute in den 
Be U Cn a ^ S Uunscrc Vorfahren” - ein 
sach^’ ^ Cr nur c * nc biologische Tat- 
kan C Un< d sonst rein g ar nichts bedeuten 
^ n ' Vcr kauft, ebenso die Römischen 
a i s !f Cr ^ CS ^btclalters, die sich nicht 
Kai Cuts ^be verstanden. Das Römische 
g ra IS ? rrcic b deckte sich selbst geo- 
Dci^ 1SC ^ m]l ^ cm heutigen 

Mcn lsch J an d. Wir haben mit den 
£ranh ChCn ’ die vor 1800 in dem geo- 
,s chcn Gebiet lebten, das heute 


mit Deutschland bezeichnet wird, ge¬ 
nauso viel oder wenig gemeinsam wie 
mit den Menschen im bolivianischen 
Hochland oder der sibirischen Tundra. 
Träfen wir auf eineN von ihnen, könnten 
wir uns weder sprachlich noch gedank¬ 
lich verständigen, aber dazu spätermchr. 
Der Begriff “Gemeinschaftserinne¬ 
rung” ist genauso abstrus und falsch. 
Menschen können sich nicht an das 
erinnern, was frühere Generationen 
erlebt haben, "Erinnern" meint etwas 
völlig anderes. Der Begriff wird von 
Historikern und Medien, vgl. die ARD- 
Reihe “Wir Deutschen”, mißbraucht. 
Er bedeutet Aneignung und Umdeutung 
historischer Ereignisse und Prozesse 
im nationalistischen Sinne, ... und das 
deutsche Volk betrachtet den Vorgang 
als zu seiner Geschichte gehörig, weil 
die Deutschen der Gegenwart so 
erzogen worden sind, daß sie sich mit 
den Deutschen der Vergangenheit 
verbunden fühlen ." (ebd.,S.52) 

Die “Deutschen der Vergangenheit 
sind eine moderne Erfindung und nicht 
geschichtliche Tatsache. Duhamel, ein 
Bretone, stellte fest, "... daß die Ge¬ 
schichte, die in den französischen 
Schulen gelehrt wird, eine gefalsc „ 

Geschichte der Einheit Frankreichs ist 

<ebd. S.53) Das Gleiche läßt sich für 
die BRD fcststellen. Geschichte, 
Traditionen und Kultur sind keine 
Fragen von Fortpflanzung, sie sind 

nichts organisches, Wachsendes oder 

Naturhaftes, sondern von Menschen 
«jemachte Erziehung, vermittelte 
Wwte, Verhaltensnormen und Wett- 

a ^nc gernefnsame Sprache und Kiillu, 

seien die Voraussetzungen und objek¬ 
tiven” Kriterien zur Bestimmung einer 

N Die n nationalistischen pion ‘ erc 

forderten zu Beginn des ^Jahrhun¬ 
derts daß jede Gruppe von Menschen 

mit der gleichen Sprach^einer^eigenen 

Staat haben müsse. 300 deutsche 
Staaten wären dann noch zu wenig, so 
viele verschiedene Sprachen und Dia¬ 
lekte wurden damals noch gesprochen. 
Da Hochdeutsche war eine reine 
Schriftsprache, ein “protestantischer 
Dialekt” (J.Grimm), der seit dem 
16 Jahrhundert in den kaiserlichen und 

fürstlichen Schreibstuben von Beamten 

geschrieben wurde. Die Niederlande 

weigerten sichabl648,derEntwicklung 

zu folgen und kreierten aus politischen 


Gründen, um sich abzugrenzen, eine 
eigene Amtssprache, das Holländische. 
Demgegenüber behauptete Emst Moritz 
Arndt Anfang des 19Jahrhunderts: 
“Das deutsche Vaterland” reiche so 
weit, wie die deutsche Zunge klingt, 
daß holländisch tatsächlich Deutsch sei 
und deswegen eigentlich zu “Deutsch¬ 
land gehöre.” (ebd., S.90) Hier wird 
sichtbar, daß die Nationalisierung der 
Sprache sich direkt aus Herrschaftsan¬ 
sprüchen ableitete. Nicht die gemein¬ 
same Sprache schafft die Nation, son¬ 
dern die nach Herrschaft strebenden 
Monarchien machten bestimmte Dia¬ 
lekte zu Amtssprachen: Das Herzogtum 
zwischen Oise und Seine begann seine 
Herrschaft über die Gebiete auszudeh¬ 
nen , die wir heute als Frankreich kennen, 
Paris wurde Residenzstadt. Dort wurde 
das “francien” gesprochen, das zunächst 
die (Schrift-)Spracheder Beamten war, 
damit das herrschaftliche Verwaltungs¬ 
und Unterdrückungsnetz funktionierte. 
Seit der französischen Revolution wur¬ 
den alle anderen Sprachen in Frankreich 
verdrängt, das “francien” zur “Sprache 
der Revolution” erhoben. Spanisch ist 
ursprünglich ein kaslillischer Dialekt, 
italienisch ist ein Dialekt der Toskana, 
russisch der Dialekt der moskauer 
Region, japanisch der der tokyoter Re¬ 
gion, englisch der der londoner Region 
(seitdem London Residenzstadt wurde). 

“Unsere Sprachen sind keineswegs 
(...) ausschließlich organisch erwachsen. 
Sie sind zum Teil das Ergebnis obrig¬ 
keitsstaatlicher Entschließungen und 
der Wertmaßstäbe der gebildeten Stan¬ 
de. Der sprachliche Nationalismus 
nimmt davon keine Kenntnis und be¬ 
steht mit großem politischen Erfolg da¬ 
rauf, daß die Gruppierung der Menschen 
nach Sprachen ihre “natürliche” Grup¬ 
pierung “ist und daß jede menschliche 
Gruppe ihren eigene Staat haben sollte.” 
(ebd., S.88-90) Sprache ist keine unab¬ 
hängige, objektive Variable. Natio¬ 
nalisten schufen erst (Kunst-)Sprachen, 
um der Sprache eine ideelle Funktion 
zuzuweisen. Hochdeutsch begann erst, 
sich mit der Nationalisierung des 
Schulsystems und der Einführung der 
Schulpflicht durchzusetzen (H.O. 
Ziegler 1931, S.5-7). Bestimmte Re¬ 
gionen sind aber immer noch resistent 
und die Menschen sprechen im Alltag 
ihre lokalen Dialekte, z.B. die verschie¬ 
denen platt- oder niederdeutschen, die 
rheinischen Dialekte,Schwäbisch usw. 


SF 4/94 [31] 










Volk und Nation 



In der geschichtlichen Abfolge stehen 
eine gemeinsame Sprache und Kultur 
am Anfang der Entwicklung zum “ge¬ 
einten Volk”,dasdann erwacht, wie der 
Frühling, um dann zur Nation zu wer¬ 
den. Solch romantische Vorstellungen 
entwickelten Nationalisten im 1 ^Jahr¬ 
hundert Da es eine gemeinsame Spra¬ 
che, Kultur und Identität der “Deut¬ 
schen” in diesem Jahrhundert noch nicht 
gab, konnte objektiv auch kein “deut¬ 
sches Volk erwachen”. Der Begriff 
“Volk” istalsoein ideologischer, keiner, 
der etwas wirklich existierendes be¬ 
schreibt. Völkische Theoretiker (wie 
z.B. M.H. Boehm 1932) erklären den 
Begriff mythenbeladen aus der Natur, 
der Baum wurde das Symbol der völ¬ 
kischen Theorie: Tief in der heimat¬ 
lichen Erde verwurzelt, strecke er die 
Krone dem Kosmos entgegen. 

Das “Volk” bilde eine organische 
Einheit, wie ein Ameisenhaufen. Hie¬ 
rarchisch aufgebaut, dem Herrscher 
untergeordnet, hat jede ihren und jeder 
seinen Platz und Aufgabe. Das “Volk” 
war demnach immer da, auch wenn die 
Menschen sich dessen nicht bewußt 
waren, es sei nicht gemacht und ver¬ 
änderbar, es sei zeitlos. Deine Geburt 
bestimmt damit dein Leben und dein 
Schicksal durch deine “Volkszuge¬ 
hörigkeit”. Hieraus wurde das “typische 
Deutsche” entwickelt und in den Köpfen 
und Gefühlen der Menschen in diesem 
Jahrhundert durchgesetzt. Dies sind die 
Sekundärtugenden wie Ordnung, Dis¬ 
ziplin, Heiß, Sauberkeit und Gehorsam, 
die die bestialischen Nazi-KZ’s und 
ihren mörderischen Krieg erst möglich 
machten. Zu Beginn des ^.Jahrhun¬ 
derts beklagten “National- und Volks¬ 
theoretiker”, wie E.M. Amdt, daß sie 
kein “deutsches Volk” vorfanden. Im 
18. Jahrhundert konnte (fast) niemand 
angetroffen werden, der /die sich als 
“DeutscheR” bezeichnete. Diese sind 
eine Erfindung nationalistischer und 
völkischer Politiker und Intellektueller 
des 19 Jahrhunderts. Letztere sahen sich 
aufgefordert, den Namen “Deutsch” zu 
einem großen Gcfühl(!) zu machen. 
“Richtig deutsch-sein” hieß dann auch, 
Arbeit als "Dienst an der Gemeinschaft ” 
zu verstehen und nicht im klassen- 
kämpferischen Sinne als IMerdrük- 
kung, Raub und Ausbeutung. “Der 
Einzelne ist nichts, das Volk ist alles, 

[32] SF 4/94 


Sind wir nun schon wieder so weit, daß in Deutschland Imbißbuden brennen...?' 


immer und ewig” begannen Politiker, 
Pfaffen, Militärs und Pädagogen um 
die Jahrhundertwende zu predigen. Im 
geschichtlichenZusammenhang bekam 
der Begriff “Volk” eine eindeutig mili¬ 
tärische Aufgabe mit religiösem Cha¬ 
rakter. Das “deutsche Volk” entstand 
durch das Bekenntnis und den Glauben 
daran, durch das Gefühl zusammenzu¬ 
gehören, den Feind erkannt zu haben, 
dessen Leben brutal und rücksichtslos 
ausgelöscht werden durfte. Es entstand 
der Mythos vom “Volk", das wie ein 
Mann hinter dem Kaiser steht und 
freudig und opferbereit in die Kriege 
(1870/71 und 1914-18) zog, um sich 


Foto: Fargotof/AFZ 


und andere zu massakrieren. So vor¬ 
bereitet, zogen Männer begeistert auf 
die Schlachtfelder von Verdun, usw., 
im Glauben für “ihr Volk” zu kämpfenj 
zu morden und zu sterben. Dieses 
“deutsche Denken" ersetzte geschicht¬ 
liches und eigenes Denken durch den 
Mythos von der “organischen Einhei( 
aller deutschen Staatsbürgerinnen”, die 
zum “deutschen Volk” gemacht wurden. 
Dies war nicht mehr hinterfragbar, 
anzweifelbar, da irrational auf einem 
WIR-Gefühl basierend. Wer nichtdazii 
gehörte, wurdefürvogelfreierklärt und 
zum Abschuß freigegeben, durfte im 
Krieg oder den Nazi-KZ’s ermordet 
werden. 




Die Nationalisierung der Kultur 

^eute identifizieren sich die Menschen 
|n den westlichen Industriestaaten häu- 
ig bereitwillig und glühend mit ihrer 
ation und bekennen sich zu ihr. Der 
atlonalismus bringt erst die Nation 
erv or, nicht umgekehrt. Er erfindet 
Und kodifiziert Kultur(en), obwohl 
v orgibt sie zu bewahren oder wie- 
«rzubeleben. “Die kulturellen Fetzen 
Un d Flicken, derer sich der Natio¬ 
nalismus bedient, sind häufig willkür- 
c historische Erfindungen/ 1 (E. 
^ellncr 1991, S.87) Die Gesellschaften 
Q 0nncn beginnen, sich selbst zum 
instand quasi religiöser Verehrung 
Aachen. “In Nürnberg verehrte sich 
^ a^'Deutschland nicht etwa selbst in 
0 J f r Gottes oderauch nurWotans, 

5 S CS sich 501051 " (ebd *’ 

‘ ^ Biese gesellschaftliche Sclbst- 
ning findet auch heute noch als 

anh^^ VoWcküve Sdbsl- 

etu ng statt, deren Zeremonien uns 

(3 C in^ anntS * nd: Nationalfeiertag 
.. *)» Ansprachen der politischen 
^nationalenTV.dasHissen 
n [ Nationalflagge, die Fußballnatio- 
Ahf TlannSCha ^ 1, dlc Wahlen unc ^ *hr 
eiern im TV u.v.a.m. Der Nationa¬ 
ler 1115 verstörte lokale Kulturen und 
zu aUplCtl . ^ Crlr clerci ncr “Volkskultur” 
sc, n, die sich selber erst aus Teilen 
dcIS CnCr Kulturcn schaffte, z.B. in 
de T cma ^ me von bestimmten Lie- 
£ s m ’ cn dcnzcn, Eßgewohnheiten usw. 

<" t5 ‘and eine anonyme, unper- 
tau hJ C “-OMclIschaft aus aus- 
^ barcn atomisierten Individuen, 
gem^° ra ^ Crn anc ^ crcn durch eine solche 
° Iasamc ^ u hur zusammcngehalten 

Kult ^ cbc1 *’ S.89T), die nationale 
Nar‘ Ur> ?Um M y lhos verklärt. Der 
v cr 10na] i^us ist die Ideologie, die 
im ^ Csscn machen läßt“... daß im Staat 
and aUCh Hcrrschaft ausgeübt wird, 
Sc haf m ^ 1 dlC5C Ausübung von ^ crr " 
y^l, llns Grenzenlose wachsen lassen. 
C j n t! ScllCr Nationalismus war und ist 

m-in ? rrSchaftsin strumcnt/ 1 (L. Hoff- 
ma nnl99i s i2) 

i ns ^ Ulc w ^d die “nationale Kultur “ 
i m SOnclcr c über Schulen und Medien 
miitcT ' Vicdcr hcrgcstcllt. Schule ver- 
Kult lnlclUnur Sprache, sic vermittelt 
W C I Ur ’ Vcr siandcn als “die Art und 
s arn ^’ ln dcr die Menschen ihr (Zu- 
Cn *)Lcbcn gestalten und aus¬ 


schmücken” (laut Lexikon). Oder 
anders: Kultur ist Ausdruck unserer 
Gedanken und Gefühle, unseres Ver¬ 
haltens und miteinander Kommuni- 
zierens. Im nationalen Staat soll diese 
Kultur total sein und für alle gelten. 
Kultur sei kein Beiwerk, kein Schmuck 
usw. mehr, sie "... ist heute das 
notwendige gemeinsame Medium, das 
Lebensblut oder vielleicht besser die 
minimale gemeinsame Atmosphäre, 
innerhalb derer allein die Mitglieder 
der Gesellschaft atmen und überleben 
und produzieren können .” (E. Gellner 
1991, S.61) E.Gellner beschreibt wei¬ 
terhin die allgemeinen und zentralen 
Kennzeichen einer industriellen Kultur 

universelle Schriftkunde und ein hohes 

Niveau rechnerischer, technischer und 
allgemeiner Grundausbildung (großes 
Allgemeinwissen) ^ t . 

horizontale Mobilität. dJi. die Fähigkeit, 
Berufe schnell wechseln zu können und 
sich nicht zu früh zu spezialisieren 
mit anderen Menschen kontextfrei kom¬ 
munizieren zu können, da sie sich oft 
untereinander nicht kamen 

Die Medien sind mitverantwortlich für 
die politische Kultur, da sie mit ihren 
Bildern und Texten auch Weltbilder 
transportieren. Medien hofieren junge 
Nazis, halten ihnen Mikros unter die 
Nase, werten sie auf. “Neue Mythen 
sollen das Bewußtsein der Menschen 
bestimmen, die“Asylantenschwenime 
und das “Ausländerproblem werden 

kreiert, nicht das viel I ^ lore ^ a5oblStßn " 

Problem "(W.Haug I99I,S.18) 

Die Begriffe Nation und Kultur 
wachsen in der “nationalen Kultur” zu¬ 
sammen, die alle anderen Kulturen in 
einem abgegrenzten Gebiet zerstört, 
aufsaugt, funküonalisiert oder u 
steigert In der Diskussion der NR spielt 
Sr Begriff eine zentrale Rolle er 
löst den alten biologisch/geneusc^.be¬ 
stimmten Rassismusbegnff ab. Kultu¬ 
relle Einheiten seien mit nationalen 
identisch, behaupten sie, die gemein¬ 
same Kultur stifte geradezu erst die 
Nation. Die Menschen seien in ihrem 
Verhalten, Denken, Kommunizieren 
us w durch ihre kulturellen Grenzen 
vorbestimmt und umschlossen. Die 
verschiedenen Kulturen (oderNationen) 
besäßen eine natürliche Distanz Eine 
Vermischung, eine Beseitigung kultu¬ 
reller Distanzen” entspräche dem 
geistigen Tod der Menschheit und wur¬ 


de unter Umständen sogar ihr biologi¬ 
sches Überleben gefährden (E. Balibar 
1991, S.29) Diese Gedanken transpor¬ 
tieren ein völlig statisches, ein zemen¬ 
tiertes und ungeschichtliches Bild vom 
Menschen, von sozialen Gruppen und 
der Organisation ihres Zusammenle¬ 
bens. Es gab nie isolierte menschliche 
Gemeinschaften, in denen sich eine 
eigenständige Kultur entwickeln konnte 
und es wird sie auch hoffentlich nie 
geben. Gerade der Austausch und die 
Vielfalt sind die entscheidenden Kenn¬ 
zeichen menschlicher Entwicklung. Es 
gibt nach Meinung der NR nicht nur 
verschiedene Kulturen, es gibt 
wertvollere und nicht so wertvolle, 
überlegene und unterlegene. 

Französische Theoretiker hierarchi- 
sieren die Kulturen beispielsweise nach 
ihrer Nähe zur “Grand Nation”, d.h. 
daß sich manche Kulturen besser,andere 
schlechter oder gar nicht an die weiße 
französische, institutionell etablierte 
Kultur anpassen können. Frankreich 
habe als “Land der Menschenrechte” 
einen universellen Erziehungsauftrag 
und sei daher der Maßstab aller Dinge 
(ebd., S.32) Politiker a la Dregger oder 
Geissler stehen dem in nichts nach, 
wenn sie behaupten, Türken könnten 
nicht in die Gesellschaft integriert wer¬ 
den, wohl aber sogenannte Wolga¬ 
deutsche”, deren Vorfahren - wieder 
ein biologischer Begriff! - vor über 300 
Jahren aus einem Territorium auswan- 
derten, das nicht Deutschland war, weil 
es Deutschland nicht gab, weder als 
politischeTatsaehenochim Bewußtsein 
der damals lebenden Menschen. Also 
können diese Leute auch keine “Deut¬ 
sche Kultur” bewahrt oder sonst etwas 
damit gemacht haben. Die herrschen¬ 
den Klassen definieren und konstruieren 
erst die Kultur eines Staates. 

Den “nationalen Massen” wurde 
mittels der Medien ihre Lebens- und 
Denkweise für legitim erklärt. Die 
kulturelle Assimilation ist die Voraus¬ 
setzung, sich in die Gesellschaft inte¬ 
grieren zu dürfen. Dies betrifft Schwarze 
in den USA und in Großbritannien, die 
dann “weiß gewaschen” sind, Araber¬ 
innen und Nordafrikanerlnnen in 
Frankreich oder Osteuropäerinnen in 
der BRD. Dieses Integrationsmodell 
wird von der NR als fortschrittlich ver¬ 
kauft, obwohl es auf die völlige Zer¬ 
störung der mitgebrachten Kultur, 
Denk- und Lebensgewohnheiten hin¬ 
ausläuft (ebd., S.33) (...) 


SF 4/94 [33] 







Die Realisierung des nationalstaat¬ 
lichen Prinzips zeigt zwei Grund¬ 
bedingungen als historische Prozesse: 

Erstens die Entstehung eines ge¬ 
schlossenen Territoriums als Herr¬ 
schaftsgebiet mit einer Zentralgewalt, 
d.i. die Realisierung zentraler poli¬ 
tischer, wirtschaftlicher und rechtlicher, 
apersonaler Herrschaft. Durch seine 
Entwicklung legte der absolutistische 
preußische Staat seit dem 17.Jahr- 
hundert die politischen, rechtlichen und 
wirtschaftlichen Grundlagen für die 
Gründung eines deutschen Staates, die 
1871 erstmalig erfolgte. Erst seitdem 
sind die ersten beiden Kriterien erfüllt, 
die die Frage beantworten, seit wann 
von einem deutschen Staat gesprochen 
werden kann. Die Behauptung, die 
Gründung eines deutschen Staates sei 
quasi die natürliche Entwicklung einer 
nationalistischen Politisierung eines 
Volkes, ist pure Ideologie, oder vielmehr 
eine Lüge, um die h istori sehen Prozesse 
zu verdrehen, die zeitgeschichtliche 
Realität zu legitimieren und konkur¬ 
rierende sozio-politische Ordnungs¬ 
vorstellungen auszuschalten. 

Zweitens die Entwicklung einer 
nationalen Identität, eines Nationalbe¬ 
wußtseins, als alleiniges Vergesell- 
schaftungsprinzip,das den Nationalstaat 
legitimiert und seinen inneren Zu¬ 
sammenhalt festigt. Eine deutsche 
Nation konnte sich erst über die Her¬ 
stellung einer kollektiven Identität als 
Deutsche/r in der ersten Hälfte des 
20.Jahrhunderts durchsetzen. Dies 
geschah überwiegend im Kontext des 
1. und 2.Weltkrieges. Diese kollektive 
Identität wurde durch Erziehung ver¬ 
mittelt, wurde zum normativen Wert 
im Kaiserreich und im Nationalsozia¬ 
lismus. Endgültig setzte er sich mit den 
Versprechungen und dem Terror des 
NS-Staates durch, wurde die fiktive 
Volksgemeinschaft zur nationalen 
Realität. Eine neue, säkularisierteQuasi- 
Religion hatte sich zum vorherrschen¬ 
den Vergesellschaftungsprinzip durch¬ 
gesetzt. Hier wird deutlich, daß die 
soziale Organisationsform des Natio¬ 
nalstaates nur eine denkbare Möglich¬ 
keit war und ist, sowie, als Ausdruck 
eines bestimmten politisch-ökonomi¬ 
schen Herrschaftssystems, eine poli¬ 
tische Konstruktion sozio-historischer 
Realitäten ist. (vgl. grundlegend zu die¬ 
ser Begrifflichkeit: P.Berger/T.Luck- 
mann. Die gesellschaftliche Konstruk¬ 
tion der Wirklichkeit, Stuttgart 1969) 


Die Nation ist nicht eine gesell¬ 
schaftlich verwirklichte Möglichkeit, 
weil “Völker” begannen, sich als Na¬ 
tion zu sehen, sondern weil Männer 
aus Politik, (Geschichts-)Wissen- 
schaft, Wirtschaft und Militär die 
Kultur,Geschichte ete. auf die Nation 
bezogen. Die Geschichte und Kultur 
der Menschen, die in einem bestimmten 
Gebiet lebten, wurde nationalisiert, d.h. 
umgeschrieben, entstellt, verdichtet 
oder zerstört. Die Nation ist erst seit der 
französischen Revolution ein Begriff, 
und zwar ein politischer. Er wurde zum 
Symbol und Mythos, der Massen 
mobilisiert und Grenzen zieht Das erste 
deutsche Reich verdankt seine Existenz 
Kanonen und Gewehrläufen, H.Baum- 
garten, ein Historiker, Politiker und 
Schriftsteller des 19Jahrhunderts, 
schrieb dem Krieg (1870/71) die zen¬ 
trale Rolle bei der Entstehung der 
deutschen Nation zu: ‘Das Volk wira 
durch den Donner der Schlachten 
geweckt (...), damit die Menschen nicht 
ihren eigenen Interessen nachgehen. 1 
Der Naüonalismus, die Begeisterung 
für die Nation, entstand erst mit dem 
Krieg. Die nationalistische Stimmung 
verschwand allerdings zum Leidwesen 
ihrer Befürworter in den 1870er Jahren 
u.a. aufgrund sozialer Kämpfe wieder. 
Erst zu Beginn dieses Jahrhunderts be¬ 
gannen sich die Menschen, die im 
deutschen Reich lebten, auch mit ihrer 
Nationalität zu identifizieren, sich als 
Deutsche zu fühlen. Ein Krieg mit 
Millionen von Toten (1914-18) und die 
deutsche Sozialdemokratie, die ab 1918 
eine neue zentrale nationale Herrschaft 
und staatliche Souveränitätbegründete, 
verhalf dem zur Durchsetzung. Die 
bürgerlichen Revolutionen und die 
Industrialisierungen schafften nicht die 
individuelle Freiheit, sondern statt- 
dessen die Nation als politischen Faktor, 
als politisches Subjekt und “nationalen 
Kollektivismus”. (H.O. Ziegler 1931, 
S.5-7) 

Begriffe wie Naüon, Volk oder Kultur 
werden in Deutschland” von rechten 
Politikern aller Couleur verwendet, um 
den Leuten den Kopf zu verdrehen, 
Gedanken zu verbiegen, neue Mythen 
und Legenden zu schaffen bzw. alte 
wiederzubeleben, um Gefühle wie 
fremde Länder zu besetzen. Sie sind 
keine Gedankenspielerei. In vielen 
Ländern der “Dritten Welt” spiegeln 
sie historische, politische und soziale 


Entwicklungen und Wirklichkeiten wie¬ 
der. Verschiedene soziale und politische 
Gruppen in der “Dritten Welt” verj- 
such(t)en, europäische Entwicklungs¬ 
geschichte zu kopieren und fordern 
eigene Staaten oder bauen auf eine “na¬ 
tionale Befreiung”, Sei es in Vietnam, 
Nord-Korea, Angola, Mozambique, 
Cuba, Nicaragua usw. Dort wurden aus 
anti-kolonialistisehen Befreiungs¬ 
bewegungen neue Staatsapparate, neue 
bürokratische Machtzentren, die Herr¬ 
schaft ausüben, politische und soziale 
Opposition unterdrilcken, die die Ar¬ 
beiterinnen ausbeuten und entmün¬ 
digen, die sexistische und rassistische 
Ideologien verwirklichen, die foltern, 
morden und vertreiben. Wirkliche 
Befreiungstendenzen von kapitali¬ 
stischen, patriarchalen undrassistischen 
Herrschaftsverhältnissen, hin zu einem 
selbstbcstimmmten Leben in selbstver¬ 
walteten Gesellschaften oder sozialen 
Gemeinschaften hat es bisher iticlil 
gegeben, 

Literaturliste 

Alter, Peter, Nationalismus* Frankfurt a,M. 
1985 

Anderson, Benedict, Die Erfindung der 
Nation. Zur Karriere eine® folgenreichffi 
Konzeptes, 

Frankfurt a.M,/New York 1988 
Balibar, Etienne, Gibt es einen “Neo- 
Rassismus”?, S.28, in: Etienne Balibar/ 
Immanuel Wallerstein, Rasse Klasse 
Nation. Ambivalente Identitäten, Ham!- 
burg 1991 ! 

Rerger,P./Luckmann,T„ Die gesellschaft¬ 
liche Konstruktion der Wirklichkeit, 
Stuttgart 1969 ; 

Boehm, Max H., Das eigenständige Volle, 
Güttingen 1932 

Fischer, Fritz, Der Griff nach der Weltmacht, 
Düsseldorf 1961 

Gellner, Emest» Nationalismus und Mo¬ 
derne, Berlin 1991 ! 

Haug, Wolfgang, “Progtome beginnen im 
Kopf’, in: SP4/91, SJ448 
Hoffmann, Lutz, Volksgeist oder Men¬ 
schenwürde. Über das Unzeitgemäße 
des deutschen Nationalstaatsdenkens, 
in: IZA 3/9G, S.ll-14 
Reiterer, Albert F., Die unvermeidbare 
Nation, Frankfurt a.M./New York 1988 
Röper Erich, Nicht einmal die deutsche 
Sprache war ein Muß im Kaiserreich, 
in: FR 16.6.93, SJ2 

Sulzbach, Walter, Imperialismus und 
Nationalbewußlsein, Frankfurt a.M. 
1959 I 

Ziegler, Heinz O., Die moderne Nation. Ein 
Beitrag zur politischen Soziologie, 
Tübingen 1931 ! 


(* Abaleta = frz. v. ä bas Vetat - Nieder mit dem Staat). 

Kontakt: FAU OG Bielefeld clo Umweltzentrum. A.-BebelStr.16-18,33602 Bielefeld 






M 

n ,, UfcDGr di© Hegemonie 
ai «onalisKscher Entwicklungen 
in Rußland 


v on Markus Methyl 

^diesem Artikel soll die im Schwar- 
c * Q ^ en ^ r * 5 0 begonnene Bericht- 
Uüng über ruschen Nationalis- 
ko S ° n ? csclzi werden. Gleichzeitig 
O^f^ert der Artikel aber auch die 

ind re ^ C * Atoo ^‘ SPEZ1AL " Nummcr ’ 
n ai Crn dic gesellschaftliche Dominanz 

ihre°u^ S ^ SC h cr Entwicklungen und 
nat - ^ergründe auch außerhalb der 

ihre^ na '^ alr ^ 0dsc ^ cn OPP os ^i° n * n 
Cr gesamten Breite beschrieben wird. 

aU ^ d * csc Weise wird die Gefahr, 
eine 5 ^ immer weiter nach “rechts ’ 1 
sch W f C ^ C ^ ndc P° sls °wjcüschc Gcscil- 
a a \ nac ^ innen und außen darstellt, 
rci dicnd nachvollziehbar. 

A |»r 

**» 1 * ^cr Hegemonie nationali- 
v itiir ^°nscrvativcr Diskurse und Akti- 
sch r n> d ' c S]C b beinahe in allen Gesell- 
a ^bereichen finden lassen, ist cs 


schwer, einen Gesamtüberblick zu be¬ 
halten Am Anfang will ich kurz dar- 
Wen worin sich meine Einschätzung 
der „alional-pairionschen Opposition 
von der Einschätzung Vadim Damiers 
(siehe Interview in SF-50) untersche.- 

Ich sehe weniger Zcrsphttertheit als 

Zusammenarbeit und Annäherung 

zwischen den Gruppen der Naüonal- 
natriotischen Opposition. Die Ver¬ 
engte Opposition und1 ^Bündnis 
-Einverständnis im Namen Rufi 
lands", die kurz nach der Amnestie 

t r rr/> rrninH^Wlir- 



den.stellen gernem™ 

sogenannten “unversöhnlichen Op 

Position mit den Vertretern der ehe¬ 
maligen Parlamentsfrakuon (Ruzkoi, 

Sorkin) dar, an denen auch faschi¬ 
stische Gruppen direkt und indirekt 
beteiligt sind'. Außerdem lassen sich 
ideologische Annäherungen zwi¬ 
schen sogenannten nauonahstischen 

undstMtakommunistischen Gruppen 

sowohl in der Befürwortung eines 
sow . . _<;n7ia tsmus. 



tung der großrussischen/sowjetischen 
Staatlichkeit beobachten. Durch diese 
links-rechts Annäherungen erscheint 
die Trennung in staatskommunisü- 
sche und nationalistische Gruppen, 
zumindest was die größten sogenann¬ 
ten staatskommunistischen Gruppen 
(KPRF und RKRP) betrifft, künstlich. 
Die KPRF, mit 600.000 Mitgliedern 
größte Partei Rußlands, die Doppel¬ 
mitgliedschaften auch in faschisti¬ 
schen Organisationen toleriert und 
von diesen bereits als Beschützerin 
der “weißen Rasse” anerkannt wird, 
ist meiner Meinung nach in erster 
Linie eine national-konservative Par¬ 
tei. Die RKRP (100.000 Mitglieder), 
die vom national-revolutionären Zu¬ 
sammenschluß der "Revolutionären 
Opposition ” ein Bündnisangebot be¬ 
kommen hat, ist wohl auch ehernatio- 
nal-bolschewistisch/nationalrevolu- 
tionär als im klassischen Sinne staats¬ 
kommunistisch. 

2. Eine provokative Jelzin-gesteuerte 
Tätigkeit der Russischen Nationalen 
Einheit Barkaschows läßt sich natür¬ 
lich nicht zu 100% ausschließen. Da 


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SF 4/94 [35] 



















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sich aber bislang noch niemand im 
weiten Spektrum dernationai-patrio- 
tischen Opposition in diesem Sinne 
gegen die RNE ausgesprochen hat, 
sondern im Gegenteil eigentlich alle 
die notwendige Einheit aller natio¬ 
nalen Kräfte betonen, müßte dann 
folgerichtig die gesamte national¬ 
patriotische Opposition der Jelzin- 
Gesteuertheit verdächtigt werden. Am 
ehesten ist wohl davon auszugehen, 
daßes in hohen Positionen politischer, 
gesellschaftlicher und militärischer 
Institutionen ultranationalistisch ge¬ 
sinnte Kräfte gibt, die die Existenz 
der RNE und anderer Organisationen 
in bestimmten politischen Situationen 
für wichtig halten und sie deswegen 
unterstützen, indem sie z.B. eine ge¬ 
richtliche Verfolgung verhindern. 
3 .1ch stimme damit überein, daß Schiri¬ 
nowskis LDPR keine faschistische 
Partei ist und daß die Überbewertung 
der Figur Schirinowskis durch die 
westliche Presse eher zu einem Ver¬ 
gessen wichtiger anderer ultranatio- 
nalistischerGruppen undZusammen- 
schlüsse insbesondere wirklicher 
faschistischer Gruppen führt. Auf der 
anderen Seite darf aber nicht verges¬ 
sen werden, daß es trotz der antisemi¬ 
tisch begründeten 2 vordergründigen 
Ablehnung Schirinowskis durch die 
Mehrheit der national-patriotischen 
Gruppierungen gerade zwei promi¬ 
nente Vertreter jetziger faschistischer 
Parteien - Limonow (National-Bol¬ 
schewistische Partei) und Scharikow 
(National-Radikale Partei) waren, die 
fürdiePopularitätdesLDPR-Leaders 
besonders unter der Jugend gesorgt 
haben. Diese Kontakte scheinen zu- 
mindestens nicht vollständig abge¬ 
rissen zu sein. Schirinowski half mit, 
das Festival “Russischer Durchbruch” 
im Dezember zu finanzieren, als sich 
schon viele “ alte Freunde” von ihm 
distanziert hatten. Gleichzeitig be¬ 
müht er sich aber auch, den Kontakt 
zu der restlichen national-patrioti¬ 
schen Opposition nicht zu verlieren. 
So war er bei der Amnestie derer, die 
er noch beim Oktobetputsch “im Stich 
gelassen hatte” im März dieses Jahres 
anwesend und sprach sogar auf einem 
Abend zu Ehren der Amnestierten. 
Beobachter der LDPR waren auch 
auf dem Kongreß der Vereinigten 
Opposition Rußlands Grenzen von 
Kaliningrad bis zu den Kurilen" 


anwesend. Nach einem in der Mosj 
kowskij Novosti, Anfang September, 
veröffentlichten Artikel stellt ein 
junger Ex(?)-KGB Agent, Alexej 
Wedenkin, die Verbindungsfigur 
zwischen der LDPR und der faschi-j 
stischen RNE dar. Er ist diesem 
Artikel zufolge sowohl Stellvertreter 
Barkaschows als auch Berater des 
stellvertretenden Vorsitzenden der 
Staatsduma Wengerowskij (LDPR). 
Wedenkin sammelte auf einer Rund¬ 
reise durch die halbe Welt als Gene¬ 
ralvertreter der LDPR nicht nur Geld 
von verschiedenen Rechtsextremen, 
sondern bekam in Argentinien auch 
den “Ehrentitel” “Brigadeführer der 
SS" verliehen. Daß dieser Bericht 
bislangnicht füreinen dicken Skandal 
gesorgt hat, gleichzeitig aber auch 
nicht dementiert wurde, spricht für 
sich. 

4. Es ist leider so, daß es sich bei der im 
SF beschriebenen antifaschistischen 
Aktion um eine absolute Einzelaktion 
im Sinne eines geplanten Angriffs 
auf Faschisten gehandelt hat Diese 
stehen täglich mit einer Vielzahl ihrer 
Zeitungen mitten im Zentrum Mos¬ 
kaus und es passiert nichts. Meiner 
Meinung nach haben esdie an tipatrio¬ 
tischen/antinationalen linken Grup¬ 
pen durch ihre viel zu stark in den 
Vordergrund gehobene Anti-Jelzin- 
Option verpaßt, eine deutliche anti¬ 
faschistische Trennungslinie zui 
ziehen und verloren so im Sog der im 
Verhältnis übermächtigen nationa¬ 
listischen und sowjctimpcrialisti- 
schenGruppierangeneinausreichend 
sichtbares politisches Profil, das 
rechtzeitig für die Bildung einer anti¬ 
faschistischen linken Basis hätte 
sorgen können. 

5. Ich halte den Gebrauch des Wortes 
linksradikal im Kontext der postsow- \ 
jetischen Gesellschaft für dringend 
klärungsbedürftig. Sind selbst in 
westlichen, insbesondere deutschen, 
politischen Zusammenhängen die 
Kriterien für dieses Prädikat unge¬ 
klärt, so steht es doch unumstritten 
für eine antifaschistische Position, 
die ein kritisches Verhältnis zur 
eigenen militaristischen/faschisti¬ 
schen Geschichte miteinschließt Was 
sich derzeit aber in Rußland alles 
unter dem Begriff linksradikal ver¬ 
sammelt, strebt nicht nur in großen, 
Teilen zur Koalition mit Faschisten,! 


[36j SF4/94 








sondemauch zur Versöhnung milder 
^genen Geschichte. Stalin, Kim II 
Un fi und Mao zu Linksradikalcn 
erklärt, machen dies möglich. So 
ingtdann russischer “Linksradika- 
Jsnius anno 1994 aus dem Mund 
?»p CS ^x(?)-Anarchistcn: 

ist nicht wichtig, wer in Kronstadt 
Qu f wen schoß, nicht wichtig, wer 
^ eni einem Eispickei den Kopf 
e ^chlug. Das sind alte Streitigkeiten, 
le heute keine Bedeutung mehr 
a e n. Das Kriterium jeder beliebt’ 
^ at ist: Dient sie der Sache der 
e ltrevol mion oder dient sie ihr nicht. 








mit ' nn mcflt ’ dann gilt: Bist Du nicht 

Feind’ ^ St S e S en uns ' un d 
losw- Vern ‘ c ^ ten wir erbarmungs- 
p r . s ‘ n d bereit, von allen großen 

kun-“i Crn ^ cr Revolution, von Ba- 
Qnf. isP °FPoi,zulernen. Wirver- 
-- keine Diskussionen, wir 
j e ^ e < ~ n in die widerwärtigeSchnau- 
die C p tnperiali s>nus und stellen nicht 
klar j Q ^ e: "Warum?” Für uns ist 
sie i \ Wellsol! nicht so bleiben wie 
Kfej ,* r w ‘ ssen , daß die bezahlten 
u^er 1Cn ^ reun de als Antwort auf 
droru G era dHnigkeit die abge- 
st 0n C ne P ^ at ‘e über die Repres- 
f iartnf SP ‘ e ^ en Pe ‘ der scheinbaren 
gefäi ^ St ^ e ‘‘ dieses Nonsens ist sie 
der f ‘j* ^‘ l ^rbegann der Weg, 

führte rr° W ^ elun ‘ on an ^ en Abgrund 
n d deswegen sollten wir hart 


erklären: Wir sind für Repressionen! 
Je gliche revolutionäre Organisation, 
die an die Macht gelangt oder die 
sich auf dem Weg zu ihr befindet, 
sollte sich selbst von potentiellen Ver¬ 
rätern,politisch entarteten Elementen 
und Karrieristen säubern. Als Revo¬ 
lutionären ist uns die chinesische 
Variante der Säuberungen am sym- 
patischsten... Aber wir lassen auch 
den Einsatz eines speziellen Straf¬ 
apparates für die Säuberungen der 



Vakuum hinterließ die Perestroika nach 
siebzigjähriger intensiver kommuni¬ 
stischer Propaganda auch ein riesiges 
ideologisches Loch. Warum gerade der 
Nationalismus in verschieden starker 
Ausprägung dieses Vakuum so er¬ 
folgreich füllt, ist eine Frage, die 
zwangsläufig zurück in die russische/ 
sowjetische und wieder russische 
Geschichte führt, vor allem in die jün¬ 
gere, sprich Perestroikazeit. Diese 
wurde vor allem aus dem Westen heftig 
beklatsch t, proportional dazu aber wenig 
verstanden. Ich will der Auffassung 
folgen, daß die Perestroika in allererster 
Linie eine aus der Krise des staats¬ 
sozialistischen Akkumulationsmodells 
geborene Notwendigkeit für diejenigen 
darstellte, die gezwungen waren, ihre 





mm 


HP 







m 



Partei zu (das sowjetische Modell 
der 30er Jahre). Wir bemühen uns, 

nichts von den wertvollen Erfahrun¬ 
gen der vergangenen Generaltonen 
zu vergessen.” 3 

Die Perestroika ist vorbei! 
Jenes weltgeschichtliche Ereignis, in 

dessen Verlaufsicheinerdersich gegen¬ 
überstehenden Machtblöcke auflöste 

und der Kalte Krieg sowie die Mog 

lichkeit eines heißen Knegs beendet 
. w verringert schien, ist vorbei. Neben 

dem’ politischen und geopolitischen 


Modernisierung der Produktion ver¬ 
fügbar zu machen. Die raschen Refor¬ 
men führten aber eher zu einem Zusam¬ 
menbruch der postsowjetischen Pro¬ 
duktion, da sich die neue/alte Elite der 
Untouchables in gewohnt totalitärer, 
d.h. nicht zu kontrollierender Art und 
Weise hauptsächlich an Ausverkäufen 
und Vermittleroperationen bereichert 
hat und die Reformen auf dem Rücken 
der Mehrheit der Bevölkerung ausge¬ 
tragen wurden. Nach offiziellen Anga¬ 
ben lebt derzeit rund ein Drittel der 
Bevölkerung unter dem Existenzmini- 
mum, ein weiteres Drittel lebt dicht an 
der Grenze zur Armut. In einem atem¬ 
beraubenden Tempo hat die Mehrheit 
große Teile ihres ehemaligen Lebens¬ 
niveaus verloren. Alle Vergleiche mit 
sogenannten Dritte Weltländem treffen 
nicht das Wesen der russischen Armut. 


SF 4/94 [37j 



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Zwei Italiener in Ajnerika 

Kaum ein Justizskandal des 20. Jahrhunderts hat 
weltweit so viel Aufsehen erregt wie das Gesin- 
nungsurteil gegen die beiden italienisch-stämmigen 
I Anarchisten Sacco und Vanzetti, die nach einem fa¬ 
denscheinigen Prozeß 1927 wegen Raubmord hin- 
; gerichtet wurden. "Ein Buch, das Geschichte nach¬ 
vollziehbar macht." 

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UTOPIE 

Überlegungen zu einem zeitlosen Begriff 
Der Autor beschreibt in einem kurzen Abriß die 
Entwicklungsgeschichte der Utopien, um sich dann 
mit gegenwärtigen und kontroversen Konzepten 
linker Bewegungen auseinanderzusetzen. 

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Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, schrieb 
Mühsam von 1931-33 in regelmäßigen Kolumnen 
Gedichte zum Tagesgeschehen. Da er mit seinem 
Standpunkt nicht hinterm Berg hielt, wurden die 
Gedichte, die hier erstmals wieder veröffentlicht 
werden, zu einer Dokumentation über die letzte Zeit 
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Absolutgesehen leben die Menschen in 
der sogenannten Dritten Welt wirklich 
wesentlich ärmer, dies aber in der 
überwiegenden Mehrheit im Vergleich 
zu Rußland schon über eine sehr viel 
längere Zeit. Gleichzeitig wurde Mos¬ 
kau in der Studie eines Schweizer 
Instituts als dritt-teuerste Stadt der Welt, 
der teuersten außerhalb Japans, er¬ 
mittelt. Die neuen/alten Reichen zeigen 
ihren Reichtum in einer mit Dekadenz 
nicht mehr adäquat zu beschreibenden 
Art und Weise, und es scheint, als ver¬ 
wandle sich der antrainierte Gehorsam 
gegenüber dem Vorgesetzten in eine 
selbstemiedrigcnde Achtung vor dem 
Reicheren, was wie überall mit einer 
Verachtung der in der sozialen Hierar¬ 
chie niedriger Stehenden einhergeht 
(Arme, Frauen, Kinder, Flüchtlinge). 
Die, die an der Macht sind, nennen sich 
Demokraten. Für die Mehrheit der Be¬ 
völkerung stehen sie und ihre Politik 
für den Verlust ifires ehemaligen Le¬ 
bensniveaus, ihrer physischen (es gibt 
auch viele russische Flüchtlinge aus 
den ehemaligen Sowjet-Republiken), 
sozialen und auch wertemäßig psychi¬ 
schen Sicherheit und damit verbunden 
für die von ihnen benutzten Begriffe 
wie Demokratie, Liberalismus und 
überhaupt pro-westliche Orientierung. 
Im Rückgriff auf die russisch/sowje¬ 
tische Tradition werden den Perestroi- 
kaverliererlnnen - nicht nur - von den 
Ideologen der (hauplsächlich patrioti¬ 
schen) Opposition Werte wie: Heimat, 

Patriotismus, Slawophilie, an tiwesüiche 

Orientierung sowie die “Ordnung einer 
starken Hand” angeboten. Dies geht 
einher mit der allgegenwärtigen Be¬ 
schwörung eines “russischen Weges”. 
Was diesen “russischen Weg” aus¬ 
macht, das beschreiben am Besten die 
hier ungeschlagen populärsten Dichter¬ 
worte: "Mit dem Verstand ist Rußland 
nicht zu begreifen." 

Die Popularität esoterisch-mystischer 

Publikationen läßt das Urteil des 
“Leselandes Rußland” in einem etwas 
anderen Licht erscheinen. Überall auf 
den B üchertischen Moskaus sind solche 
Romane und Zeitschriften neben Porno¬ 
graphie und “Business für Jedermann”- 
Büchem zu finden. Diese allgemein 
antirationale Stimmung ist Teil des 
antimodernistischen Protestes der 
Modemisierungs-verliererlnnenundein 

ausgezeichneter Nährboden für den 
nationalistischen Glauben an das Bes¬ 


ser- und Berufensein, sowie insbesonj- 
dere für den Antisemitismus, als einer 
Furcht vor denjenigen, die "irgendwie 
alle Fäden ziehen und das eigene 
unverstandene Schicksal bestimmen’’ 
Der Druck des sich neu Orientieren- 
müssens und des irgendwie Zurecht¬ 
kommens und Überlebens läßt wenig 
Raum für reflexives Denken, verlangt 
aber gleichzeitig nach Erklärungen, um 
das eigene bedrohte und entfremdete 
Schicksal besser ertragen zu können. In 
dieser Situation fungiert der vom nicht- 
reflexiven Denken lebende Antisemi¬ 
tismus als alleserklärende Alltags¬ 
religion. 4 


Die Grenzen verschwimmen 

In Zeitungen der unterschiedlichsten 
politischen Richtungen fällt in letzter 
Zeit besonders häufig die Wortver¬ 
bindung “postsowjetischer Raum” oder 
der Imperativ “Neuordnung des post¬ 
sowjetischen Raumes”. Die Zeitungen 
sind in dem Maße gefüllt von Geo¬ 
politik, wie sie über die brennenden 
sozialen Problemeschweigen. Das, was 
der sich als “eurasische Elite” 5 be¬ 
zeichnende Kreis um die Gesellschaft 
“Arktogeja”, mit guten Kontakten zu 
den Führern der europäischen Neuen 
Rechten schon vor zwei Jahren zu 
propagieren begann, wird jetzt auch 
verstärkt vondemokratischenPolitäkeni 
und Journalisten thematisiert: die Neu¬ 
ordnung des “Postsowjetischen Rau¬ 
mes” als Eurasisches Imperium. Einige 
Überschriften (zumeistens Headlines 
oder größere Artikel) aus der als demol- 
kratisch geltenden “Nesawissimaja 
Gaseta”: 

“DER STRATEGISCHE KURS 
DER WIEDERERRICHTUNG RU߬ 
LANDS” (27. Mai), “WEDER UDSSR 
NOCH GUS” (8. Juni); “AFRIKA 
INTERESSIERT RUßLAND NACH 
WIE VOR” (13. Juni); “RUSSISCHER 
NEO-G AULLISMUS - ein neues Para¬ 
digma der russischen Außenpolitik” (13. 
Juni); RUßLAND GEFÄLLT DER 
JETZIGE STATUS KASPIENS 
NICHT” (15. Juni); “VON DER 
DESINTEGRATION ZUR VEREINI¬ 
GUNG” (6. Juni); “DIE AUßENj- 
POLITIK-RUßLANDS - Nahes Aus[ 
land, fernes Ausland und nationale 
Interessen” (15. Juni); “MEINE HEI¬ 
MAT - DIE RUSSISCHE SPRACHE 1 




[38] SF 4/94 





Noch eine Variante der Reintegration 
des postsowjetischen Raumes’ ( • 

Juni)' “EIN EINHEITLICHER 

eurasischer wirtschafts¬ 
raum - neuer geostrategischer Impe- 
(2. Juli); “PATRIOTISMUS 
ODER FASCHISMUS” (23. Juni) 
“WIR UND DER WESTEN: EINE 
NEUE KOLLISION” (9. Juli); “DER 
HERRSCHER KLOPFT AN DIE TUH 
- Rußland reuet eine Monarchie (2o. 

Juli). 

Auch “Chef-Eurasier” Prochanow, 
Schlüsselfigur der Nationalpatr.oti- 
schen Bewegung, honorierte diese 
offensichtliche politische Entwicklung 


links: 

das von Prochanow verehrte 
Bild des nationalistischen 
Malers Glasunow 

Alain de Benoist und Sergej 
Baburin im Obersten Sowjet der 
rTs. Föderation (aus Elementy 


Nr. 1) 


im demokratischen Lager: “DieTeilung 
"Den" (das heutige “Sawtra") beein¬ 
flußt das Bewußtsein, mag sein nicht 
großer, aber dafür elitärer hauptstäd¬ 
tischer Gruppierungen. Wir tragen 
einen sehr seriösen Koeffizienten in die 
postsowjetische Ideologie. ZB. erinnere 
ich mich, mit welchem Erstaunen und 
mit welcher Empörung unseren Mate¬ 
rialien , die wir zur Aufklärung über den 
Eurasismus veröffentlichten, begegnet 
wurde. Jetzt wird die eurasische Kon¬ 
zeptionfast alltäglich benutzt, mit ihr 
operieren sogar unsere Gegner, weil 
der Aufbau eines neuen Superstaates 
ohne eurasische Philosophie, ohne 
eurasische Problematik, unmöglich ist. 
Das ist unser Verdienst." 6 

Wenn vielleicht schon jetzt Zweifel 
an der Unterscheidbarkeit von Regie¬ 
rung und National-Patrioten entstanden 
sind, dann nur deswegen, weil nicht 
allein die Opposition ein Abonnement 
auf Nationalismus, Chauvinismus etc. 
besitzt. 


Kriege an der Peripherie des 
Imperiums 

DierussischeRegierung ist in verschie¬ 
dene Kriege in denen von ihr zum “na¬ 
hen Ausland” deklaricten Gebieten der 
ehemaligen Sowjetrepubliken ver¬ 
wickelt, die heute größtenteils eigene 
Nationalstaaten bilden. In Tadschiki¬ 
stan läuft ein Krieg weitestgehend 
ignoriert von der Weltöffentlichkeit, der 
mit aktiver Beteiligung des russischen 
Militärs und unter Einsatz modernster 
russischer Waffen bereits zwischen 
100.000 und 150.000 Menschen das 
Leben gekostet hat. Hier schützt das 
russische Militär, das mit den Clans der 
ehemaligen Kommunisten verbündet 
ist, mit offensichtlicher westlicher 
Absprache die Grenzen des Imperiums 
gegen die “Gefahr des islamischen 
Fundamentalismus”. Femsehberichte 
aus Tadschikistan zeigen, wie russische 
Soldaten mit russischer Flagge im 
Unterstand die tadschikisch-afgha- 
nische Grenze vor den “heimtücki¬ 
schen” tadschikischen Mujahidin im 
offiziell unabhängigen Tadschikistan 
schützen. In Abchasien sind jetzt, nach¬ 
dem russische Truppen in rein russi¬ 
schem Interessean dem Krieg zwischen 
Abchasien und Georgien beteiligt wa¬ 
ren, wiederum RussischeTruppen,dies- 


SF 4/94 [39] 













mal als Friedensstifter, eingesetzt. Daß 
das russische Parlament diese Mission 
mit einer Stimme Mehrheit abgelehnt 
hat, stört sowieso niemanden mehr im 
autokratischen Rußland des Demokra¬ 
ten Jelzins. Der neuste und einer der 
gefährlichsten Konflikte, in dem Ru߬ 
land seine Hände so klar im Spiel hat, 
daß selbst dieZeitungen hierangefangen 
haben, darüber zu schreiben, spielt sich 
z.Zt. in Tschetschenien ab. Abgesehen 
davon, daß das Land, das sich schon vor 
drei Jahren von Rußland unabhängig 
erklärt hat, faktisch rundherum durch 
russisches Militär abgeriegelt ist, will 
sich die russische Regierung nichtdirekt 
die Finger schmutzig machen, um den 
abtrünnigen einstigen General der Roten 
Armee und heutigen Staatschef Duda- 
jew zu stürzen. Sie setzt auf die “Ge¬ 
sunden Kräfte” Tschetscheniens und 
finanziert den Bürgerkrieg mit Geld 
und Waffen. Natürlich regt sich gegen 
diese offensichtliche Einmischung 
Rußlands, an der auch Ex-Parlaments- 
sprecher Chasbulatow (mit guten Kon¬ 
takten zur national-patriotischen Op- 
positon) beteiligt ist, keinerlei Protest 
in Rußland selber, denn, wie es Juri 
Buida in der Nesawissimaja Gaseta 7 
erfrischend ehrlich ausdrückte, hat die 
rassistische Berichterstattung der Me¬ 
dien über Tschetschenien ein neues 
Feindbild einer “niederen Rasse” ge¬ 
schaffen, das das “des Juden” abgelöst 
hat®. Vielleicht wirkt aber auch der Ge¬ 
schichtsunterricht des früheren sowje¬ 
tischen Lehrplans 9 nach, in dem es unter 
der Überschrift “Angliederung (!) des 
Nordkaukasus an Rußland” gleich am 
Anfang heißt: “Rußland hatte alte 
Verbindungen zu den Völkern des 
Nordkaukasus." Ganz am Ende des 
Lehrbuchabschnittes steht sogar Die 
Eingliederung der Völker Nordkau- 
kasiens in den Bestand Rußlands hatte 
für diese eine positive Bedeutung. Die 
Annäherung der Bergvölker an das 
russische Volk half ihre Kultur und 
Wirtschaftt zu entwickeln.” Da liegt es 
doch nahe, die alten Verbindungen 
wiederherzustellen und die “rückstän¬ 
digen Bergvölker” auf dem Weg in ihr 
eigenes Glück zu unterstützen 10 . 

Die Anerkennung der Weltmachtrolle 
Rußlands, die Clinton in seinem be¬ 
zeichnenden Vergleich der Einflu߬ 
sphären beider Länder zum Ausdruck 
brachte (Panama und Grenada als 
amerikanische Entsprechung des 


russischen »nahen Auslands«), wird 
auch vom amerikanischen Botschafter 
in Moskau in einem Interview in 
Moskowskij Nowosti Nr.30 1994 
bestätigt: “Je stärker die (gegen¬ 
seitigen) nationalen Interessen berück¬ 
sichtigt werden, desto einfacher ist die 
Partnerschaft." Im Grunde genommen 
hatalleinedic Instrumentalisierung von 
Großmachtpolitik und Nationalismus 
sowie eine Verlangsamung der wirt¬ 
schaftlichen Reformen die Jelzin Re¬ 
gierung an der Macht bleiben lassen. 
Jelzin versuchte der Opposition auch 
innenpolitisch alle Trümpfe aus der 
Hand zu nehmen. Dies führte in einer 
großangekündigten Offensive gegen das 
organisierte Verbrechen zu einer offi¬ 
ziellen Legitimierung der Polizeiwill¬ 
kür, die sich nach wie vor sichtbar in 
aller erster Linie gegen Menschen aus 
den ehemaligen südlichen Sowjetrepu¬ 
bliken richtet. 

Trotz der offensichtlichen “Rechts” - 
Entwicklung der Regierung ist der 
politisch aktive Teil der Bevölkerung 
nachwievor tief in “Demokraten” und 
Opposition gespalten. Die absolute 
Mehrheit der Bevölkerung ist eher pas¬ 
siv, zeigte aber in den Wahlen und auch 
in meinen Alltagserlebnissen eine hohe 
Affinität zu nationalistischen, großrus¬ 
sischen und abstrakt antiwestlichen 
Positionen. In der Spaltung des politisch 
aktiven Teils ist die Opposition, die 
sich hauptsächlich nationalistisch- 
patriotisch definiert und in der es Über¬ 
gänge zwischen rechter und linker Ideo¬ 
logie in Form eines nationalen Sozia¬ 
lismus, Nationalbolschewismus bis hin 
zu Nationalsozial ismus gibt, zumindest 
in ihren theoretischen Bezügen, z.T. 
aber auch in ihren Aktivitäten (es gibt 
mindestens drei bewaffnete proto- 
faschistische und faschistische Kampf¬ 
verbände) der eindeutig nationalistisch¬ 
extremistischere Teil. Was sowohl 
ncobolschewistische/stalinistische als 
auch zaristisch/russophile bis hin zu 
faschistischen Gruppen eint, ist ein 
“ Antisemit) smusdes 21 Jahrhunderts”, 
der in weltverschwörerischer Manier 
“alles Schlechte” auf die Tätigkeit 
dunkler antirussischer Mächte (“Zio¬ 
nistische Weltverschwörung”) zurück¬ 
führt und einen Ausweg aus der gesell¬ 
schaftlichen Krise in einem dem “russi¬ 
schen Wesen” entsprechenden “genuin 
russischen Weg” sucht Dieser Weg ist 
imperial(istisch), autoritär-zentrali¬ 


stisch und sieht “den russischen Men¬ 
schen” nur in einer autoritär, zwangs¬ 
kollektivistisch verfaßten Gesellschaft 
aufgehoben. 



Intellektuelle Retter Rußlands 


Die heutige Rolle der russischen Intel¬ 
lektuellen ähnelt vordergründig der 
Situation im 19Jahrhundert, als sich 
die Intelligenz scharf in Pro-Wesücr 
und Slawophile (isolationistisch orien¬ 
tierte) teilte. Vordergründig meint, daß 
heutzutage weit mehr sich selbst als 
Demokraten bezeichnende Intellek¬ 
tuelle in Wirklichkeit konservative und 
nationalistische Positionen vertretein. 
Hier eine Kostprobe der “Radikal¬ 
demokratin” ValerijaNowodworskaja: 

“Wieviel Raketen das demokratische 
Amerika auf den nichtdemokratischen 
Irak abfeuert, beunruhigt mich absolut 
nicht. Meiner Meinung nach, je mehr, 
desto besser . Genauso versetzen mich 
die Unannehmlichkeiten, die in Hiro¬ 
shima undNagasakipassiert sind, nicht 
in Schrecken. Schauen Sie, was für ein 
Bonbon dafür aus Japan geworden tst. 


[40J SF4/94 




^f e ^7 tagt in Tokyo und es gibt ein 
liberalesParlamcnt .... Warum erklären 
die Indianer in Amerika nicht ihre 
Souveränität? Offensichtlich haben 
seinerzeit die weißen Siedler gut mit 
ihnen gearbeitet. Aber wir haben dies 
m j t unseren “heute wilden Tungusse n” 
n icht zu Ende gebracht ” u 

Kampf um die Macht scheint die 
^ahl des politischen Etiketts sowieso 
e hcr von der politischen Konjunktur als 
Von Überzeugungen geprägt zu sein, 
^ics wird besonders bei Politikern wie 
Ruzkoi und Schirinowski deutlich, die 
lrn Verlaufe ihrer politischen Karriere 
mehrmals das politische Lager wech¬ 
selten. Nichtsdcstotrotz gibt es aber auch 
unter den Intellektuellen Überzeugungs¬ 
täter. Viele national-patriotische “Kul¬ 
turschaffende” wirken durch ihre Ar¬ 
beiten weit über die explizit politischen 
Kreise der Opposition hinaus und ge- 
uießen z.T. große Popularität. Ihnen 
stehen Verlage, große Ausstellungs¬ 
hallen und andere Veranstaltungsorte 
ohne Einschränkung zur Verfügung. 
Einer dieser S tars ist Eduard Limonow. 
Eür ihn trifft die Bezeichnung Faschist 
wirklich zu. Er ist nicht nur Mitunter- 
zcichncr des Aufrufs der “Revolu¬ 
tionären Opposition” (Abgedruckt in 
der DA-Sondcmummcr) sondern dem 
Stil nach auch ihr Verfasser. Limonow, 
ln ^ cn 70er Jahren des Landes verwie- 
SCI L machte sich mit seinem sozial¬ 
istischen Roman " Das bin ich Edi- 
tschka" einen Namen. Dort beschreibt 
Cr seine prekäre Situation als russischer 
Emigrant im reichen Amerika. Eine 
Reihe anderer Bücher, ebenfalls aus 
der Vcrliercrpcrspcktive geschrieben, 
avancierten zu Kultbüchem innerhalb 
der russischen Hippie- und Punkszene. 
Während Limonow nicht versteckt, 
sondern in aller Öffentlichkeit als 
National-Revolutionär auf faschisti¬ 
schen Versammlungen auftritt, schreibt 
er auch weiterhin Bücher. Eines seiner 
letzten Bücher, “Limonow gegen Schi¬ 
rinowski]” soll gleich mehrere Rekorde 
gebrochen haben. Es wurde in absolut 
kürzester Zeit in einer Auflage von 
700.000 Exemplaren gedruckt und ist 
ln fast allen Buchläden Moskaus zu 
Enden. Die Hälfte der Auflage war 
schon nach einigen Wochen verkauft. 
Eüc Hauptthese des Buches: “Der feige 
Halbjude Schirinowskij könne nicht 
Eührcr der russischen Patrioten sein”, 
? dchlt darauf, das Wählerpotential 


Schirinowskijs auf die Seite der “ech¬ 
ten” patriotischen Revolutionäre zu 
ziehen. Limonow, auf den Antisemi¬ 
tismus seiner patriotischen Landsleute 
vertrauend, versucht in jeder noch so 
absurd erscheinenden Situation an 
Schirinowskijs “wahre” (“zionisti¬ 
sche”) Mission zu erinnern und benutzt 
antisemitsche Metaphern wie die fol¬ 
gende: 

“Wer die heroischen Gedichte der 
Meetings und Demonstrationen nicht 
fühlt, wen die Volks-Prozessionen, Flag¬ 
gen, Schreie , Reden, Zusammenstöße, 
Kämpfe und das in den Kämpfen ver¬ 
gossene Blut nicht bewegen, der ist 
einfach kein biologisch vollwertiger 
Mensch. In solch einem Menschen feh¬ 
len Leidenschaft , Begeisterung, Pfeffer 
und Sah, er ist leblos, ein Stück Seife, 
aber kein Mensch" 

* ‘Radikaldemokratisch e” Journal i sten 
sehen in Limonow aber nach wie vor 
den talentierten Schriftsteller und nicht 
den faschistischen Aktivisten, obwohl 
beide in seinen letzten Büchern deutlich 
verschmolzen sind. Im Rußland des 
Jahres 1994 brauchtsich Limonow nicht 
einmal mehr selbst zu verteidigen: “Sie 
sind kein Antisemit. DA ich weiß sie 
sind keiner, aber...” leitet eine “Frage” 
ein, auf die Limonow im Prinzip nicht 
einmal mehr zu antworten braucht. Das 
Interview, das in der “demokratischen” 
Wochenzeitschrift “Stoliza” (Auflage 
100 .000) veröffentlicht wurde, bietet 
noch weitere Höhepunkte: Auf die 
Frage, wie er sich im Krieg in Jugos¬ 
lawien gefühlt hat, antwortet Limonow 
am Schluß: “Krieg - das ist Freiheit. 
Dort sind die Menschen unheimlich 
frei." Auf diese Antwort fallt dem Inter¬ 
viewer nichts anderes ein als die Frage 
“Schiessen Sie gut?” 

Wie Mann sich im Krieg frei fühlen 
kann, demonstriert der auch in Deutsch¬ 
land gelaufene Dokumentarfilm “Ser¬ 
bien Epics “. Er zeigt den Faschisten 
Limonow, wie er von sicherer Distanz 
aus mit einem Maschinengewehr auf 
das belagerte Sarajewo schießt und den 
bosnischen Serbenführer Karadcics 
dafür lobt, wie er der Neuen Weltord¬ 
nung entgegensteht. 

Einem anderen nationalistischen 
“Kulturschaffenden” war dieses Jahr 
ebenfalls Erfolg beschicken. Die Aus¬ 
stellung des Malers Uja Glasunow, die 
über einen Monat am Manegeplatz in 
einem der größten und piestigeträch- 


tigsten Ausstellungssäle der Stadt zu 
sehen war, ließ die Leute Schlange ste¬ 
hen wie einst vordem Leninmausoleum. 
Sogar Jelzin und Moskaus Bürger¬ 
meister Luzkow statteten der Ausstel¬ 
lung offizielle Besuche ab. Jelzins 
Reaktionen auf die extrem agressiv- 
nationalistischen Bilder waren durch¬ 
weg positiv, was Sawtra Chefredakteur 
Prochanow veranlaßte, Glasunow für 
seine stimulierenden Bilder eine Lob¬ 
hymne zu verfassen. Als Werbung für 
diese staatlich gesponserte Ausstellung 
hingen in ganz Moskau 1,5 mal 0,8 
Meter große Plakate des berüchtigten 
“Witjas”-Bildes (Siehe DA-Sondernum¬ 
mer), auf dem ein junger “slawischer 
Arier” mit B ibel und Kalaschnikow den 
heiligen prawoslawischen Krieg für ein 
neues Groß-Rußland verkündet. Die 
Werke Glasunows spiegeln das gesamte 
Repertoire russischer Xenophobie wie¬ 
der. Angefangen vom “vertierten Tata¬ 
ren” (Im Hintergrund sind aufgespießte 
slawische Köpfe zu sehen) über die 
“jüdisch dominierte” Oktoberrevolution 
bis zur Kreuzigung Jesu Christi, in der 
“die Schuldigen” überdeutlich zu er¬ 
kennen sind. Dazwischen immer wieder 
gute blonde blauäugige Slawen, lo¬ 
gischerweise in der Opferrolle, denn 
Ilja Glasunows Lieblingsthema ist, wie 
das vieler anderer russischer Intellek¬ 
tueller, 12 ein angeblicher Genozid am 
russischen Volk. Obwohl auch viele 
Russinnen Opfer des Staiinschen und 
Nachstalinschen Terrors wurden, ver¬ 
deckt diese Formulierung den Charakter 
der russischen Dominanz sowohl im 
zaristischen Rußland als auch in der 
Sowjetunion und legt eine nichtrus¬ 
sische Schuld an diesem “Genozid” sehr 
nahe. 

Auch unter den Unterzeichnern der 
Erklärung des Bündnisses “Eintracht 
im Namen Rußlands” (Siehe DA- 
Sondemummer) sind neben einstigen 
hochrangigen Politikern und nationalen 
Unternehmern auch bekannte Künstler, 
wie z.B. der Kinoregisseur Goworuchin 
zu finden. Dieser beendete im August 
dieses Jahres mit dem Film “Die große 
kriminelle Revolution” seine nationa¬ 
listische Filmtrilogie (die beiden an¬ 
deren Filme heißen “So darf man nicht 
leben” und “Rußland das wir ver¬ 
loren”). Der Film lief ebenfalls an be¬ 
sonderem Ort, täglich zwei Mal über 
eine Woche lang. Sein Hauptthema, 
das “Ausbluten” bzw. “Aussaugen” 


SF 4/94 [41] 










Rußlands, das auf Grundder miserablen 
wirtschaftlichen Lage vor scheinbar 
realem Hintergrund abläuft, wird 
filmisch in eine Bedrohung Rußlands 
durch andere Völker, insbesondere 
durch eine “Gelbe Gefahr”, umgesetzt. 
So töntdie Stimme des Sprechers gleich 
zu Anfang des Filmes dramatisch: “In 
China werden im Jahr 2000 vor - 
raussichtlich über zwei Milliarden 
Menschen wohnen ” - Pause - “Sie 
haben nur einen Ausweg: Norden " 
Auffällig ist die Plumpheit filmischer 
Mittel: Permanent sind neue aufblü¬ 
hende Städte undGewerbegebiete hinter 
den Grenzen Rußlands zu sehen. Um¬ 
gekehrt werden dafür leer nach Rußland 
zurückfahrende LKW’s gezeigt, die 
zuvor schwermitBuntmeiallen beladen 
nach China oder woandershin gefahren 
sind. Später wird dann ein fein geklei¬ 
deter chinesischer Händler beim Ver¬ 
such, seinen russischen Lastenträger 
übers Ohr zu hauen, gezeigt. Der plötz¬ 
liche Kameraschwenk auf den russi¬ 
schen Panzer nebenan ist unmißver¬ 
ständlich. Der Besucherin des Filmes 
wird Angst gemacht, Angst vor Chi¬ 
nesen, Angst vorder MAFIA, und wenn 
mensch auch nur die Hälfte von dem 
glaubt, was in dem Film gezeigt wird, 
dann sind wir reif für den “Starken 
Mann ”, der Ordnun g, R uhe un d S ic her- 
heit verspricht. 


Russische Gegenkultur 
auf dem Weg nach rechts 

Auch in der russischen gegenkulturellen 
Szene herrscht Verwirrung. Sie ist ein 
ebenso erfolgreiches wie trauriges Feld 
nationalistischer Aktivitäten. Für eine 
Veranstaltungsreihe mit dem Namen 
“Russischer Durchbruch” 13 gelang es 
die ehemals populärste Rock/Punk¬ 
gruppe zu gewinnen, die früher anti¬ 
autoritäre, antisowjetische und anti¬ 
militaristische Texte sang und deren 
M itgl ieder selbst unter sowjetstaatl ic hcn 
Repressionen litten. Auf dieser Konzert- 


Aufkleber „gegen den Strom“ 
von „Anarchie“ bis „Zukunft“ 
115 versch. Motive. Prospekt bei 
P.R.O. Peter Rose, 
Herzogstr. 73/IV, 80796 München. 
Wir drucken und entwerfen auch 
nach Euren Vorlagen + Ideen. 
T.089/3081235 Fax 089/3081854 


reihe treten Mitglieder der bereits be¬ 
nannten “Eurasischen Elite” auf und 
propagieren den Jugendlichen, die 
hauptsächlich wegen der bekannten 
Gruppe die Veranstaltung besuchen, 
einen “Nonkonformismus”, der nicht 
nur“Tradition und Avangarde”, sondern 
auch die “Links- und Rechtsextreme” 
vereinen sol 1. Mittlerweile unterschreibt 
der Sänger der besagten Band (Grasch- 
danskaja Oborona) sogar schon gemein¬ 
same Erklärungen mit dem Faschisten 
Barkaschow (Siehe DA Sondernummer: 
“Erklärung der Revolutionären Oppo¬ 
sition”) wobei er sich selber als ultra- 
linken Kommunisten und sowjetischen 
Nationalisten bezeichnet und bedauert, 
zur Auflösung der Sowjetunion bei¬ 
getragen zu haben. Die z.T. sehr po¬ 
pulären national-patriotischen Rock¬ 
bands, die offensiv einen “Russischen 
Rock” (angeblich der beste der Welt) 
propagieren, stehen bei weitem mehr in 
der Mitte der Gesellschaft, als ver¬ 
gleichbare Versuche eines “Nazirock” 
in Deutschland. Dafür spricht auch die 
Tatsache, daß es bislang keine nen¬ 
nenswerten Distanzierungen bzw. of¬ 
fensiven Reaktionen von anderen 
Gruppen der Punk- und Hardcore Szene 
auf diese Tendenzen gab. 


Wer ist hier eigentlich kein 
Patriot? 

Die Reaktionen der sogenannten demo¬ 
kratischen Linken wie z.B der Partei der 
Arbeit und anderer Gruppierungen auf 
den sich immer weiter ausbreitenden 
Nationalismus sind kläglich. Genauso¬ 
wenig wiedie “linksradikalen”Gruppen 
entgegnen sie den z.T. auf hohem theo¬ 
retischem Niveau operierenden Vor- 
denkem der National-Patrioten nicht 
mit einer Entlarvung ihrer Konstrukte 
und deren Implikationen, sondern 
greifen diese konservativen Diskurse 
z.T. sogar populistisch auf. So scheint 
der vom Anarchosyndikalisten zum 
Labouristen mutierte Andrej Isajew 
(Mitbegründer der KAS) ebenfalls in 
die Reihen der Retter Rußlands über¬ 
gewechselt zu sein. Nachdem er und 
seine Organisationen: KAS, KASKOR 
und Solidamosc genügendTechnik und 
finanzielle Unterstützung von west¬ 
lichen anarchistischen und linken 
Organisationen abgezogen haben, ver¬ 
öffentlicht er in seiner Eigenschaft als 


Chefredakteur dergeweikschaftsnahcn 
Zeitung Solidamosc doppelseitig Pro¬ 
paganda gegen das Abtreibungsrecht. 
Alleine die Bilder lassen vermuten, daß 
Patriot Isajew in der russischen ortho¬ 
doxen Kirche oder dem Vatikan einen 
neuen Sponsor gefunden hat. Isajew 
erweist sich auf der Höhe seiner Zeit, 
denn die konservative russische Revo¬ 
lution, die in besonderem Maße auf 
dem Rücken der Frauen ausgetragen 
wird, willden Russinnen jetzt, nachdem 
ihnen bereits Heim und Familie als 
wahre Emanzipation verkauft wurden, 
auch noch einen Gebärzwang aufer- 
legen. Einen wertvollen Beitrag zum 
Vertrautmachen der Arbeiterinnen mit 
“aufgeklärten patriotischen Positionen” 
leistete die Solidamosc-Redaktion, 
indem sie unserem “alten Bekannten”, 
dem Kinoregisseur Goworuchin eine 
Doppelseite einer ihrer diesjährigen 
Ausgaben für ein Interview zur Ver¬ 
fügung stellte. Weniger patriotisch] da¬ 
für aber auch wenig einfallsreich, kam 
dieses Jahr der auch im Westen ge¬ 
schätzte Links-Labourist Boris Karga- 
litzkij daher. Sein Rezept: In einer 
“zweiten Schocktherapie” dasEigentum 
der “Neuen Russen” zu renationali- 
sieren, sprichzu verstaatlichen,das soll 
nicht nur als Allheilmittel die russische 
Wirtschaft wieder “flott machen”, 
sondern auch gegen die negativen Aus¬ 
wirkungen der monopolistischen Pri¬ 
vatisierung tauglich sein 14 . Diese naiv 
idealistische Betrachtungsweise des 
Staates, nochdazu im historischen Kon¬ 
text Rußlands, übersieht das monopo¬ 
listische Wesen sowohl des Staates 
selbst, als auch der Nomenklatura- 
Klans, die mit seiner Hilfe über die 
Verteilung des gesellschaftlichen 
Reichtums und das Schicksal der 
Menschen in geradezu feudalistischer 
Weise bestimmten. Warum das in 
Zukunft in Rußland anders sein soll, 
kann wahrscheinlich auch Kargalitzkij 
nicht erklären. Durch die Bedeutungs¬ 
losigkeit der demokratisch soziali¬ 
stischen Gruppen strebt Kargalitzkij, 
der sicherlich kein Patriot ist, objektiv 
aber geradezu zu einer Koalition mit 
den großen patriotisch-kommunisti¬ 
schen Parteien (KPRF, RKRP), deren 
Führung sich von solch einer “Schjock- 
Verstaatlichung” einen ruhigen Platz 
im neuen eurasischen Superstaat erhofft. 


[42] SF 4/94 






Kapitalismus der “freien” 
Konkurrenz 

Oie bereits am Anfang ermähnte Spezi¬ 
fik kapitalistischer Entwicklungen in 
Rußland trägt in sich selbst stark 
totalitäre Züge und fördert auf mehreren 
Ebenen eine Faschisierung der Gesell¬ 
schaft. Instabilität und Schwäche der 
russischen Ökonomie wecken bei 
führenden Finanz-und Wirtschafts¬ 
kreisen ein verstärktes Interesse an einer 
inneren “Stabilisierung”; z.B. nach dem 
chilenischen Modell Pinochets, indem 
auch faschistische Gruppen wie die RNE 



Hunderte warten wie früher 
vor dem Lenin-Mausoleum 
Q uf Einlaß in die 
Glasunow-,Ausstellung 

ihren Platz hätten. Doch schon jetzt 
bietet die Art, wie sich Kapitalismus 
derzeit in Rußland manifestiert (durch 
Z-B. extrem hohe Zahlen von Überfällen, 
Schutzgcldcrpressungcn und bezahlten 
Morden), faschistischen Gruppen als 
Wach- und Schutzpersonal sowohl eine 
finanzielle Basis als auch eine offizielle 
Struktur. In fast jedem noch so kleinem 
Geschäft der Moskauer Innenstadt sitzt 
beute ein uniformierter Wächter. So 
formierte sich bspw. die faschistische 
Legion Werwolf, die zwei eigene 
Aussteiger umbrachtc und angeblich 
Anschläge auf verschiedene Politiker 
und auf Vorführungsstätlcn des Films 
Schindlers Liste” plante, unter dem 
üaeh einer solchen Wachgesellschaft. 


Die Aufdeckung d ieser Gruppe war den 
meisten Zeitungen nur eine Randnotiz 
wert. Noch befremdender wirkt das 
offizielle Statement der russischen 
Sicherheitsbehörden, in dem behauptet 
wird, daß diese das erste Mal mit einer 
so gut organisierten faschistischen 
Struktur konfrontiert gewesen wäre. 
Dies legt nahe, daß Gruppen wie die 
RNE, deren Existenz spätestens seit 
Oktober 1993 auch der russischen 
Polizei bekannt sein sollte und die 
mittlerweile ihre Zeitungen sogar 
umsonst verteilt, nicht als faschistische 
Gruppe, sondern als “gute Patrioten” 
angesehen werden. 

Insgesamt wird deutlich: Auch wenn 
es vielleicht zu keiner massenhaften 
Unterstützung für ein neues “ultra¬ 
rechtes” Regime auf der Straße kommen 
wird, so ist doch die Gesellschaft viel 
zu schwach, einer solchen möglichen 
Entwicklung etwas entgegenzusetzen. 
Die Gleichgültigkeit gegenüber den 
“Pogromen in den Köpfen”, die sich in 
Form von national-chauvinistischer und 
faschistischer Propaganda täglich in 
hunderttausender Auflagen über das 
Land ergießen, ist zu großen Teilen 
eine Folge der Nichtaufarbeitung der 
stalinislisehen Vergangenheit. Sielastet 
wie ein Alpdruck auf der russischen 
Gesellschaft und begünstigt eine Gleich¬ 
gültigkeit auch gegenüber anderen 
Schrecken. Die Perestoika ist vorbei. 

Anmerkungen 

(1) Auf dem letzten Kongreß der Vereinigten 
Opposition, “Russische Grenzen von 
Kaliningrad bis zu den Kurilen", der im 
September dieses Jahres statifand, war 
unter den z.T. sehr prominenten Haupt- 
Unterzeichnern (u.a. Ruzkoi) des 
gemeinsamen Protokolls auch ein Mit¬ 
glied der faschistischen National-Re¬ 
publikanischen Partei. 

(2) Obwohl Schirinowski selber nicht mit 
antisemitischen Äußerungen geizt, dient 
seine jüdische Herkunft nationalisti¬ 
schen Konkurrenten als willkommener 
Anlaß, ihn eines Führers der russischen 
Patrioten für unwürdig zu erklären. 

(3) Aus Bumbarasch Nr.5 1994, einer Zei¬ 
tung der ehemaligen kommunistischen 
Einheits-Jugendorganisation Kom¬ 
somol, die neu formiert von KPRF und 
RKRP finanziert wird. 

(4) Siehe hierzu Deüev Claussen, Vom 
Judenhaß zum Antisemitismus (Vor 
allem das Einführungsessay), Samm¬ 
lung Luchterhand 1987 


(5) Eurasimus: Theorie russischer Exil¬ 
philosophen der 20er Jahre dieses 
Jahrhunderts, auf deren Grundlage 
russische faschistische und neu-rechte 
Gruppen die Natürlichkeit bzw. Zwangs¬ 
läufigkeit der B ildung eines Eurasischen 
Reiches/Blockes behaupten. Die nach 
außen geschlossene Gesellschaft “ Ark- 
togeja”, die sich selbst als eurasische 
Elite versteht, ist Herausgeberin des neu- 
rechten Theorieb!attes “Elerrienty". 

(6) Interview mit Prochanow in “Inform 
600 Sekunden" Nr.4 1994 

(7) Juri Buida, “Von September bis Okto¬ 
ber”, NesawissimajaGaseta 1.10.1994 

(8) Tatsächlich scheint die offene Feind¬ 
seligkeit gegenüber den Kaukasierlnnen 
(vg 1. SF-49) derzeit den Grad des 
Antisemitismus in Rußland noch zu 
übertreffen. Durch die Ähnlichkeit der 
Konstruktion antisemitischer und anti¬ 
kaukasischer Feindbilder, “Reiche, 
mächtige Geldscheffler", ist ein Um¬ 
schlagen der antikaukasischen Stim¬ 
mung in eine noch stärkere anti¬ 
semitische jederzeit möglich. 

(9) “Geschichte der UdSSR", Lehrbuch für 
die 8. Klasse, 4. Auflage 1986 

(10) Die Eroberung des Nordkaukasus durch 
Rußland im 19. Jahrhundert vollzog sich 
wesenüich gewaltsamer, als es im ent¬ 
sprechenden Lehrbuchabschnitt dar¬ 
gestellt wurde. Alleine der Muriden- 
aufstand, der sich sowohl gegen die rus¬ 
sische Fremdherrschaft als auch gegen 
jene Teilfürsten, die mit den Russen 
paktierten, richtete, vollzog sich insge¬ 
samt Über einen Zeitraum von dreißig 
Jahren. Infolge der Unterwerfung der 
nordkaukasischen Völker wurden viele 
Menschen und z.T. ganze Völker ver¬ 
trieben oder deportiert. 

(11) Valerija Nowodworskaja, “Wir geben 
unsere Rechte nicht nach links ab”, 
Nowyj Wsgljad Nr. 23 

12) Auch Solschenizin, der in Rußland über 
eine große Autorität verfügt, spricht im 
Fernsehen schon offen über einen 
solchen “Genozid”. 

(13) Die Kassette der Radiosendung “Rus¬ 
sischer Durchbruch” stellt ausführlich 
Musik und Hintergründe der Ent¬ 
wicklung der Gruppe Graschdanskaja 
Oborona dar und zeigt die Versuche 
führender national-patriotischer Ideo¬ 
logen, die russische Gegenkultur zu 
vereinnahmen. Die Kassette, Manu¬ 
skript der Sendung und DA-Sonder- 
nummer sind zusammen inclusive Porto 
für 10 DM beim Libertären Zentrum 
Hamburg: Lagerstraße 27, 20357 
Hamburg zu bestellen. 

(14) Boris Kargalitzky, “Der zweite Schock", 
Nesawissimaja Gaseta 30. 6.1994 


Boto: Markus Malhyl 


SF 4/94 [43] 









“ Internationalismus 
und 

Befreiungsnafionalismus” 


Eine Auseinandersetzung 
über die Positionen von 
Ward Churchill (American 
Indian Movement) 


In diesem Text (der von der SF-Redak¬ 
tion aus Platzgründen um einige Passa¬ 
gen gekürzt werden mußte) haben wir 
Ausschnitte aus mehreren Diskussions¬ 
prozessen zusammen gefaßt, die wir in 
den vergangenen zwei Jahren geführt 
ha-ben, und in denen es um eine (Neu- 
)Bestiinmung unseres Verhältnisses als 
kommunistische Militante, die in der 
westeuropäischen Metropole leben, zum 
Internationalismus und zu sozialen 
Kämpfen in anderen Teilen der Welt, zu 
Theorien der “triple oppression” und zu 
anarchistischen Positionen ging. Un¬ 
mittelbarer Anlaß für uns, den Text in 
dieser Form zu veröffentlichen, war eine 
längere Beschäftigung mit dem, Anfang 
1993 bei Agipa-Press erschienen, von 
Ward Churchill herausgegebenen Buch 
"Das indigene Amerika und die mar¬ 
xistische Tradition”, in dem Essays 
sowohl von Native Americans als auch 
von Leuten, die sich selbst als Mar¬ 
xistinnen bezeichnen, veröffentlicht 
wurden. 

Eine Auseinandersetzung mit den in 
diesem Buch veröffentlichten Positio¬ 
nen stößt auf die grundsätzliche Schwie¬ 
rigkeit, daß das amerikanische Original 
schon 1984 publiziert wurde, und wir 
wissen aus unserer eigenen persönlichen 
Geschichte, daß zehn Jahre eine lange 
Zeit sind und sich im Lauf der Jahre 
manche Ansichten ändern können. 
Anhand des Vorworts zur deutschen 
Übersetzung, das Ward Churchill im 
Januar 1992 schrieb, und durch ein 
Interview mit ihm, das in der Zeitung 
“ak” (Nr.364) am 9. März 1994 er¬ 
schien, konnten wir allerdings feststel¬ 
len, daß seine Argumentation nach wie 
vor unverändert ist. 

Wir haben uns daher im folgenden 
ausschließlich mit seinen Positionen 
beschäftigt. Alle Zitate, die nicht aus¬ 
drücklich anders bezeichnet sind, be¬ 
ziehen sich auf seine Texte im Buch 
(mit Angabe der Seitenzahl), oder aber 
auf das “AK”-Interview. 


Wards Kritik am 
Marxismus 


In “Der Weg zu einer Debatte” (S.42) 
berichtet Ward Churchill von einer 
Diskussion, etwa 1973, mit Karl Hess, 
dessen Ansichten, nachzulesen bspw. 
in seinem 1980 auf deutsch erschienen 
B uch “Nachbarschaftshilfe”, denen von 
Murray Bookchin nahestehen. 

In dieser Diskussion erhob Churchill 
gegen Hess den Vorwurf, dessen For¬ 
derung, die bundesstaatlichen Struk¬ 
turen der USA gehörten aufgelöst, 
würde die Native Americans einer Ent¬ 
eignung und Vertreibung durch ihre 
weißen Nachbarn schutzlos ausliefem. 

Daß Ward Churchill diese Polemik 
gegen Karl Hess als Aufhänger einer 
grundsätzlichen Auseinandersetzung 
mildem (besser: gegen den) Marxismus 
benutzt, mag auf den ersten Blick selt¬ 
samer anmuten, als es tatsächlich ist, 
denn schon in dieser Episode wird 
deutlich, was sich zehn Jahre später in 
seinen Essays und 1994 im “ak”- 
Interview fortsetzt: Alle, die seinen 
Standpunkt als “indianischer Tradi¬ 
tionalist” nicht bedingungslos akzep¬ 
tieren und unterstützen, werden von 
Ward Churchill pauschal des “Ras¬ 
sismus und Eurozentrismus” ver¬ 
dächtigt. 

“Euro” ist für ihn nämlich eine “gei¬ 
stige Verfassung, eine Weitsicht” 
(S.269), wodurch z.B. auch Schwarz- 
afrikancrlnncn problemlos “eurozcn- 
tristisch” sein können (S.14). 

Genau diesen Vorwurf erhebt er auch 
explizit gegen den Marxismus, indem 
er die marxistische Vorstellung der 
Menschheitsentwicklung als ein “Kon¬ 
strukt” sieht, das “in sich rassistisch ist 
und eine völlig falsche Sicht der natür¬ 
lichen Ordnung darstellt” (S.145). (...) 

Wir halten allerdings den dialekti¬ 
schen Materialismus (wie übrigens 
ebenso, wenn auch auf einer anderen 
Ebene, den wissenschaftlichen Anar¬ 
chismus eines Kropotkin, was aber ein 
anderes Thema ist) für eine brauchbare 
Methode zum Verständnis von Natur¬ 
gesetzen wie auch von gesellschaft¬ 
lichen Entwicklungen, und gerade das 
Verstehen und die Anerkennung der 
Gesetzmäßigkeiten in der Natur gibt 
den Menschen ein Instrumentarium in 
die Hand, das ihnen die Fähigkeit zur 
Selbstbestimmung gibt und sie nicht 


einer sogenannten “natürlichen Ord¬ 
nung”, die in Bezug auf menschliche 
Gesellschaften immer nur und aus¬ 
schließlich menschlichen Ursprungs ist, 
gefangenhält. 

Richtig an Churchills Kritik ist aller¬ 
dings, daß die Kenntnis der Naturgeset¬ 
ze zu dem Irrtum verleiteten kann.dicse 
beeinflussen oder ändern zu wollen, 
und das mit den entsprechenden Kon¬ 
sequenzen. 

Ward Churchill macht seinen Vor¬ 
wurf des “Eurozentrismus” konkret an 
zwei Punkten fest: ! 

Zum einen erhebt er den Vorwurf 
gegen den Marxismus, .dessen Positio¬ 
nen bewegten sich “in einem Schema 
des unaufhaltsamen Fortschreitens' der 
zeitlichen Realität, das ausschließlich 
durch eine zunehmende Akkumulation 
der materiellen Produktivkräfte defin iert 
ist”(S.91). 

Abgesehen davon, daß die Aus¬ 
schließlichkeit dieser Definition nicht 
stimmt, ist es nach unserer Ansicht a.) 
falsch und b.) unhistorisch, die Bedeu¬ 
tung der Entwicklung der Produktiv¬ 
kräfte in der Form zu leugnen, in der 
Churchill das in allen seinen Texten tut. 

Falsch ist es deshalb, weil es unbe¬ 
streitbar in der Menschheitsgeschichte 
Zeiten gab, in der keine Aibeitsteiliing 
in großem Stil, keinegesellschaftliciicn 
Klassen und kein Staat existierte und 
daß deren Entstehen ohne Entwicklung 
dermateriellenPtoduktivkräfteundenk- 
bar ist. 

Unhistorisch, weil er in seinen ge¬ 
sellschaftspolitischen Vorstellungen 
willkürlich eine bestimmte zeitliche 
Periode, nämlich die der Stammesgc- 
sellschaften mitentwickeltem Ackerbau 
für absolut erklärt, ohne deren Ent¬ 
stehung zu berücksichtigen, vor allem 
aberohneanzunehmen, was als ziemlich 
sicher gelten kann, nämlich daß sich 
diese Gesellschaften in irgendeiner 
Form weiterentwickelt hätten. 

Es ist überflüssig, über eine “najür- 
liche” Entwicklung oder eine “Entwik- 
klung an sich” zu diskutieren, für uns 
wichtig ist allein die Entwicklung, |dic 
tatsächlich stattgefunden hat 
Die gegenwärtige globale Situation 
ist unbestritten so, daß der Imperia¬ 
lismus sich alle Regionen auf diesem 
Planeten unterworfen hat, damit sämt- 
licheGesellschaften umgeformt hat und 
zwangsläufig auch ihre zukünftige Ent¬ 
wicklung bestimmt. (...) ! 


[44] SF4/94 







Wards Begriff der Nation 

Ward Churchill erklärt, die Native Ame- 
ricans würden den Marxismus, insbe- 
SQndcrc dielcninisiischeVersion b rüsk 
ablehnen. (S.142). 

Diese ausdrückliche Betonung auf 
den Leninismus ist insofern etwas über¬ 
raschend, da eine der Grundlage des 
“Leninismus” die Behauptung und Un¬ 
terstützung eines “Selbstbeslimmungs- 
rechts der Nationen” ist. 

Anton Pannekoek bzw. die “Gruppe 
Internationaler Kommunisten Hol¬ 
lands” hat in seinen/ihren ‘Thesen über 
den Bolschewismus” (August 1934) zu 
Rechtdarauf hingewiesen, daß in Politik 
und Propaganda der “nationalen Selbst- 
bcstimmung” der Klassenbegriff auf- 
gegeben wurde und diese, international 
gesehen, durch die Verbindung prole¬ 
tarischer und bürgerlicher Interessen 
auf eine Nachahmung des russischen 
Revolutionskonzepts im Weltmaßstab 
hinausläuft.(...) 

Obwohl Lenin gegen jene Marxist¬ 
innen, die sich nicht auf eine bedin* 
gungslosc Anerkennung des “nationalen 
Sclbstbcstimmungsrechts” festlegen 
wollten, in einer Form polemisierte, die 
der von Ward Churchill nicht unähnlich 
ist (Originalton Lenin: “Eine Karikatur 
auf Marxisten”), so muß doch fairer- 
wcisc gesagt werden, daß Lenin in dieser 
Frage insoweit Marxist war, daß auch 
für ihn die “Nation” eine Organisa¬ 
tionsform der bürgerlichen Gesellschaft 
war, also erst mit ihr entsteht und natür¬ 
lich mit ihr auch wieder verschwinden 
wird. 

Für Ward Churchill dagegen ist eine 
Nation “ein Volk mit einem definierten 
oder definierbaren Territorium, einer 
gemeinsamen Sprache und Kultur, die 
es ihm erlaubt, sich zu regieren, und 
eine eigenständige Ökonomie. Offen¬ 
sichtlich gab es schon vor mehr als drei¬ 
hundert Jahren Völker in Europa, die 
diese Kriterien erfüllten. Sic waren Na¬ 
tionen, aber sie waren nicht notwen¬ 
digerweise staatlich verfaßt.” (Inter¬ 
view). 

An dieser Aussage wird erneut der 
unhistorische Ansatz seiner Argumen¬ 
tation deutlich. Ohne Zweifel gab es 
Zusammenschlüsse von Menschen, die 
er als “Völker” definiert (daß er sie als 
“Nationen” bezeichnet, heißt nicht, daß 
sie Nationen im marxistischen Sinn 
waren), diese existierten in dieser Form 
aber nicht “schon immer”. Sie sind ir¬ 


gendwieentstanden, haben sich weiter¬ 
entwickelt, und: “alles, was entsteht, ist 
dem Vergehen unterworfen”. 

Diese Entwicklungen betreffen ein¬ 
mal das, was für Churchill die äußeren 

Definitionen/Merkmale/Abgrenzungen 

der “Völker” sind, und zwar sowohl die 
Territorien, deren Grenzen sich durch 
Wanderungsbewegungen und/öder 
Kriege mit entsprechenden Eroberun¬ 
gen im geschichtlichen Verlauf ständig 
veränderten, wie auch die Sprachen. 

Vor allem aber entwickelte sich die 
Struktur der jeweiligen Gesellschaften, 
auch die der Native Americans, so daß 
sich schon bis zum Beginn der Kolo¬ 
nialisierung des anomtai«heu Kon¬ 
tinents dort Gesellschaftsfonnen her¬ 
ausgebildet hatten, die sieh z.T. er¬ 
heblich voneinander unterschieden. 

Die egalitäre Gesdfcofeift der Inuit 
kennt nicht einmal eine Bezeichnung 
für“Stamm” oder “Voüc”, Inuit bedeutet 

ganz einfach Mensch, Eskimo werden 
sie nur von anderen genannt. Die S täm¬ 
me der Prärieindianer waren Wildbeu- 
tergesellschaflen, im Osten Nordame¬ 
rikas existierten Stämme und Völker, 
die vom Ackerbau lebten, die Cheyenne 
bspw. hatten sich von einer agrarischen 
Gesellschaft hin zu Jägern entwickelt» 
ebenso wie einige Stämme im Amazo¬ 
nasgebiet. Manche Stämme, z.B. die 
Nakoaktok, kannten die Skla verei, wäh¬ 
rend Azteken, Maya und Inkas Klas¬ 
sengesellschaften ilBraosgebildet hauen. 
(Bei diesen Angabe® beziehen wir uns 
auf das Buch “Völker ofm Regierung ” 
von Harold Barclay, Libertad-Verlag) 

Die “völlig »ttflicta Komponen¬ 
ten” ($47), fedBäW Äh nach Chur¬ 
chills Ansicht die menschliche Gesell¬ 
schaft neu strukturiere® soll, gibt es von 
daher nietai Sie StnJcfuren einer jeden 
Gesellschaft .mmdm von Menschen 
geschaffen, und das heißt, sie sind his¬ 
torisch bedingt und Indem sich ent- 


■ Defflctiöncile 

:h dem bisher Gesagten kann es nicht 
hr überraschen!, (faß die in dem Buch 
as indigene Amerika und die metr¬ 
ische Tradition” beschriebene De- 
te ziemlich fruchtlos blieb und zu 
nem Ergebnis kam, denn das, was 
ird Churchill und die indianischen 


Traditionalistlnnen anstreben, ist etwas 
völlig anderes als die befreite, egalitäre, 
kommunistische Gesellschaft, die wir, 
auch und vor allem auf der Grundlage 
einer marxistischen Theorie und Praxis 
anstreben. Den Traditionalistlnnen da¬ 
gegen geht es erstmal um nichts anderes 
als um die Durchsetzung eines “Rechts 
auf nationale Selbstbestimmung”, um 
die Forderung nach einem garantierten 
Territorium mit entweder einer wei¬ 
testgehenden Seibstverwaltung/Auto- 
nomie oder um einen eigenen Staat. 

Auf dem Hintergrund, daß die indi- 
genen Völker sowohl in den USA wie 
auch in Lateinamerika rassistischer 
Unterdrückung ausgesetzt sind, und daß 
im Augenblick global wenig Aussichten 
auf entscheidende soziale Verände¬ 
rungen bestehen, gibt es sicherlich 
Gründe für derartige Forderungen. Wir 
kritisieren auch nicht, daß sich die 
Tradihtuialistlnhen dabei auf Rechte 
berufen, die ihnen die bürgerlichen 
;estehen, seien es völker- 
armen, in denen die kol- 
chte von Minderheiten auf 
Ifkultürelles und materielles 
ein Recht auf Selbstbe- 
rhalb der existierenden 



trukturen festgelegt sind, 


stimmui 
staatli 

sei es ^^fpShdhSij daß die Reservate 
souveräne Territorien sind, “die den 
Indianern durch international bindende 
Verträge zwischen der Regierung der 
Vereinigten Staaten und den verschie¬ 
denen Indianerstämmehfür immer ga¬ 
rantiert sind.” (S.272) / 

Wir kritisieren allerdings die pau- 
schaleBehaupfüng,daß "dieNationale 
Frage der primäre Widerspruchin allen 
Kämpfen um die Veränderung von 
Machtverhältnissen” (Interview) ist 
Der Kampf gegen den Rassismus und 
für eine globale soziale Revolution, für , 
uns nur zwei Seiten derselben 


Al tematlv^/'^Assimi 
ratismus' 

freiteGeselMiafit, die, um 
das Attribuf|jffei” zu v|ldiengi| 
gesamte Menschheit 
wird eine weitestgehende S’j 

kulnn^lßifcr&es 
stÄf 
tu 

grieren. 

Wir können iuris zwar 
ationeh vorstellenj-in (deiis» 
Befreiungs 


wmi. 


Üܧ! 






konkreter Alternativen, notwendig sind, 
etwa als Reaktionen auf einen drohen¬ 
den Genozid bzw. Ethnozid (was letz¬ 
teres ist, müßte dann differenziert und 
genau diskutiert werden), wir denken 
aber, im Gegensatz zu Lenin und allen, 
die sich auf ihn berufen, nicht, daß das 
ein “Recht” ist, was wir prinzipiell 
verteidigen oder sogar unterstützen 
müßten. 

Die Frage stellt sich aber nicht nur 
auf der theoretischen Ebene, sondern 
ganz praktisch. Separatistische Kämpfe 
zur Errichtung eigener Staaten, und das 
betrifft nicht nur die indigene Bevöl¬ 
kerung, sondern z.B. auch die Bewe¬ 
gung für eine “Republic of New Africa” 
im Black Belt, würden vermutlich eine 
Quantität und Qualität der Auseinan¬ 
dersetzung mit dem militärischen Ap¬ 
parat der USA erfordern, daß sich die 
russische Revolution samt Bürgerkrieg 
daneben wie ein Geländespiel ausneh¬ 
men würde. Wenn aber für dieses (his¬ 
torisch gesehen: begrenzte) Ziel schon 
derartige Anstrengungen und Opfer 
notwendig sind, können wir eigentlich 
gleich aufs Ganze gehen. (...) 

Ward Churchill hat aber nicht nur 
einfach eine grundsätzlich andere Sicht 
der Dinge, er vertritt in dieser Sichtweise 
Positionen, die wir für ganz einfach ge¬ 
fährlich halten, insbesondere deswe¬ 
gen, weil innerhalb der verschiedenen 
Strömungen der (weißen) Metropolen¬ 
linken den “nationalen Befreiungs¬ 
kämpfen“ zum größten Teil recht un¬ 
kritisch bis ausdrücklich begrüßend ge¬ 
genübergestanden wird. Das gilt vor 
allem für diejenigen, die sich in irgend¬ 
einer Form dem “Marxismus-Leni¬ 
nismus” verbunden fühlen, es gibt aber 
durchaus auch einige Anarchistinnen, 
die z.B. den Kampf der PKK im tür¬ 
kischen Teil Kurdistans bedingungslos 
unterstützen. Das Verhältnis der Me- 
tropolenlinken zu diesen Kämpfen ist 
in fast allen Fällen derartig undiffe¬ 
renziert, daß nicht auszuschließen ist, 
daß einige dieser Positionen Churchills 
von dieser Linken übernommen werden. 
(Diese Gefahr wird noch verstärkt durch 
die in der Auseinandersetzung mit dem 
Ansatz der “triple oppression” ent¬ 
standene Tendenz, alles, was authen¬ 
tisch von Unterdrückten geäußert wird, 
zunächst einmal zu übernehmen, ohne 
es zu hinterfragen. Es würde allerdings 
an dieser Stelle zu weit führen, würden 
wir uns näher mit der Adaption der 
“triple oppression” durch die deutsche 


Linke beschäftigen, das müßte mal 
separat gemacht werden.) 


Gegen eine 

“bio-regionale" Definition 

Die Komponenten, in denen die Ge¬ 
sellschaft laut Ward Churchill neu 
strukturiert werden soll, und von denen 
wir oben ja schon festgestellt haben, 
daß sie keineswegs “völlig natürlich” 
sind, sollen nicht nur “überschaubar” 
sein, was ja nicht schlecht wäre, darüber 
hinaus aber auch “bio-regional defi¬ 
niert” (S.17) Eine solche Definition 
bedeutet zum einen den “direkten Zu¬ 
sammenhang der indigenen Kulturen 
mit den verschiedenen geographischen 
Gebieten und Bedingungen” (S.44), 
zum anderen aber “Sprache, Spiritua¬ 
lität, Verwandtschaftsstruktur”, kurz 
eine ethnische Identität, als “zentrales 
gesellschaftliches Verhältnis” (S.84). 

Um diese Definition zu untermauern, 
gehtChurchill sogar so weit zu behaup¬ 
ten: "Die amerikanische Urbevölkerung 
ist nicht in diese Hemisphäre einge¬ 
wandert" (S. 148), die Einwanderungs¬ 
these sei von Jcfferson erfunden worden, 
um seine Gewissensbisse wegen des 
Völkermords an den Native Americans 
zu verdrängen. 

Es ist zur Beurtei lung des “bio-regio¬ 
nalen” Ansatzes nicht relevant, daß 
Churchill mit dieser Behauptung Un¬ 
recht hat. So wohl aufgrund genetischer 
Untersuchungen wie auch anhand von 
Fossilienfunden kann als gesichert gel¬ 
ten, daß sich die Menschheit vor etwa 
4,5 Milliarden Jahren in Ostafrika aus 
einer Population von maximal 10.000 
Individuen entwickelt hat. Strittig ist, 
ob sich die Entwicklung der verschie¬ 
denen Menschentypen ausschließlich 
in Afrika vollzog, von wo aus sie sich 
dann ausbreiteten (“Auswanderungs¬ 
theorie”), oder ob bereits frühe Men¬ 
schenformen Afrika verliessen und die 
Entwicklung bis hin zu den heutigen 
Menschen in mehreren verschiedenen 
Gebieten stattfand (“Multiregional¬ 
theorie”), wobei es nach unserer Mei¬ 
nung für beide Hypothesen gewichtige 
Argumente gibt. S icher ist aber, daß die 
ersten Menschen nicht in Amerika leb¬ 
ten, folglich müssen ihre Nachkommen 
zu irgendeinem Zeitpunkt dort einge¬ 
wandert sein (sowohl die Auswande- 
rungs- als auch die Multiregionaltheo¬ 


retiker gehen im allgemeinen überein-^ 
stimmend davon aus, daß der amerika-j 
nische Kontinenterst durch Angehörige 
der Gattung homo sapiens betreten 
wurde). Es kann aber natürlich auch 
sein, daßChurchill diese Argumentation 
ablehnt, weil er generell die Evolution 
der Arten verneint und stattdessen, die 
indigenen “Ursprungsmythen” als 
“Fakten” (S.148) betrachtend, von 
einem übernatürlichen Schöpfungsakt 
ausgeht 

Es würde, wie schon gesagt, für uns 
keinen Unterschiedmachen, wenn Ward 
Churchill doch Recht hätte, denn egal, 
wie die indigenen Völker nach Amerika 
gekommen sind, es steht außer Frage; 
daß sich ihre Gesellschaftsformen ent¬ 
wickelten und mit ihnen auch ihre Spra¬ 
chen und religiösen Vorstellungen. 

Für Ward Churchill ist diese Argu¬ 
mentationslinie aber insofern wichtig; 
als daß für ihn nur diejenigen einen 
“wirklichen Anspruch” (S.149) auf ein 
Stück Boden haben, die auf ihm ver¬ 
wurzelt, also in einem sehr strengen 
und archaischen Sinn “Ureinwohner” 
sind. Eine solche Position, nach der ein 
bestimmtes Stück Land per se und für 
immer einer bestimmten Ethnie gehört, 
ist von unserem Standpunkt aus völlig 
inakzeptabel. 

Wer, wie wir das tun, die bürgerliche 
Gesellschaftsordnung und damit 
zwangsläufig auch die Organisierung 
der Menschen im (national)staatlichen 
Rahmen überwinden will und das nicht 
in eine ferne Zukunft vertagt, sondern 
aus dieser Perspektive z.B. heraus hier 
und heute bereits die Berechtigung der 
Forderung nach “Offenen Grenzen für 
alle!” vertritt, muß dann natürlich aucli 
die entsprechenden Konsequenzen da¬ 
raus ziehen. 

Was die Situation generell in den im¬ 
perialistischen Metropolen, in West¬ 
europa wie auch in den USA, betrifft, 
werden sich durch Immigration und 
demographische Entwicklung zwangsj 
läufig alle “kulturellen Identitäten’ 
durch Beeinflussung, Auseinande¬ 
rsetzung, Konfrontation verändern. Das 
gilt für alle, für die weiße Bevölke¬ 
rungsmehrheit (die in den USA wohl 
nicht mehr lange eine sein werden), für 
die ethnischen Minderheiten (die in dert 
USA in absehbarer Zeit die Bevölke! 
rungsmehrheit stellen werden) und auch 
für die Migrantlnnen. Wer das nicht 
akzeptieren will, der/die muß konse¬ 
quenterweise Ghettobildung und Rück- 


[46] SF 4/94 







Wanderung befürworten. 

Umgekehrt gilt aber auch, daß sich 
infolge von Migration und demogra¬ 
phischer Entwicklung auch die “kul¬ 
turelle Identität” an der Peripherie bzw. 
in den Gebieten, die von traditionell 
lebenden ethnischen Gruppen bewohnt 
werden, verändern wird. Wer das ver¬ 
hindern will, muß, wie Ward Churchill 
das in der Diskussion mit Karl Hess 
getan hat, entsprechende Repressions- 
Organe (Staatsapparat, Grenzpolizei 
us w.) und deren Einsatz für notwendig 
halten. Dabei ist die Immigration in 
diese Gebiete vermutlich gar nicht mal 
so sehr das Problem wie die Emigration 
v on dort in die Metropolen. Bspw. wird 
cs von kurdischen wie auch von einigen 
türkischen Organisationen als eine 
Gefahr an gesehen, wenn Menschen ihre 
‘angestammteHeimat” verlassen (müs¬ 
sen) und dadurch langfristig von ihren 
kulturellen Wurzeln getrennt werden. 

Neben diesen prinzipiellen Einwän¬ 
den gegen diese Begründung einer “kul¬ 
turellen Identität” haben wir ein weiteres 
Problem, das mehr dic praktische Ebene 
der Umsetzung betrifft. 

Es ist in unseren Augen ziemlich 
schwierig, die Forderung nach einem 
Selbstbcstimmungsrecht für das kur¬ 
dische Volk” klar und eindeutig gegen 
den Satz “Kurdistan den Kurdinnen”, 
d.h. gegen die Nähe zu faschistischen 
oder cthnopluralistischen Positionen 
wie “Deutschland den Deutschen”, ab¬ 
zugrenzen. In linksbürgcrlichen Kreisen 
wird in diesem Fall gerne zu einer Ar¬ 
gumentation mit der Quantität gegrif¬ 
fen (“Der Anteil von Migrantlnncn an 
der Bevölkerung in Deutschland ist so 
gering, daß Cr kcin C sfalis a l S Bedrohung 
aufgefaßt werden kann”), sie ist aber 
kein Ausweg, da sic sich auf eine Ebene 
einläßt, die inhaltlich von den Faschisten 
bestimmt wird. 

Weiter spricht gegen den “bio-regio¬ 
nalen” Ansatz, daß die indianischen 
Gesellschaften, die vor der Koloniali¬ 
sierung in Amerika bestanden, wie alle 
traditionallcn Gesellschaften, mehr oder 
weniger stark auf Verwandtschafts¬ 
verhältnissen und genetischer Abstam¬ 
mung beruhen. (Rudimentäre Formen 
davon haben sich teilweise bis in die 
imperialistischen Gesellschaften er¬ 
halten, siehe z.B. das deutsche Staats¬ 
bürgerrecht) 

Eine Gesellschaft, die auf biologi¬ 
schen Voraussetzungen wie der Bluts¬ 
verwandtschaftberuht,mußsowohl ihre 


Verfaßtheit wie auch die “Identität” 
ihrer Mitglieder als unveränderlich 
ansehen. Sie kann deshalb niemals eine 
freie Assoziation freier Menschen, d.h. 
eine befreite Gesellschaft sein. 

Entsprechend muß in einer Gesell¬ 
schaft, die sich selbst in dieser Form 
auffaßt, auch jedes In-Frage-Steilen 
dieser Identität auf einer persönlichen 
Ebene als eine existentielle Bedrohung 
angesehen werden, die möglichst un¬ 
terbunden werden muß. (...) 


Wards "bioregionale 
Konfliktanalysen" 

Im höchsten Grade brisant wird es nun 
in dem Moment, wenn Warf Churchill 
seinen "bio-regionalen” Ansatz, außer 
auf indigene Völker und insbesondere 
die Native Americans, auch auf andere 
Regionen der Wel t und auf Volksgrup¬ 
pen, die beim besten Willen nicht als 
“indigen” angesehen werfen können, 
anwendet. (In “Das (Wiedererstehen 
der “Vierten Welf, S. Off. bieteter uns 
diesbezüglich ein Panorama, das vom 
Zerfall derehemaligen UdSSR über die 
Befreiungskämpfe in Kurdistan und 
Palästinas bis hin zu den “kulturell 
homogenen schottisch-irischen Be¬ 
wohnern der Appalachen” und den 
Sezessionsbestrebungen der Frankoka- 
nadiEr in Quebec geht, - die letzten 
beiden sind eindeutig Nachfahren der 
europäischen Kolonialisten.) 

Wir wollen hier nur auf eines dieser 
Beispiele näher eingehen. 

Ward Chuichill berichtet uns, daß 
“ein Prozeß der Rückbesinnung auf na¬ 
tionale Rechte in dem künstlich ge¬ 
schaffenen Staatsgebilde “Jugoslawien” 
in Gang gesetzt wurde, in dem die 
Nationalitätenfrage seit der Auflösung 
des Osmanischen Reiches ein unge¬ 
löstes Problem war.” (S.I3T.) Könnte 
dieser Satz noch als schöofärberisehe 
Beschreibung dessen, was im ehema¬ 
ligen Jugoslawien abliuft, durchgehen, 
so wird er im “ak”Tnterview doch recht 
deutlich: “Eine gewisse Form von 
Elhnonationalismus ist die mögliche 
Lösung für das Balkan-Dilemma. 1 

In beiden Texten verliert er kein Wort 
über d ie Vertreibungen, Vergewaltigun¬ 
gen und sonstigen völkisch-rassisti¬ 
schen Exzesse im Bürgerkrieg dort, was 
einigermaßen merkwürdig ist für je¬ 
manden, der ansonsten oft und gerne 


gegen alles, was er für eurozentristisch 
hält, den Vorwurf im Munde führt, zum 
Völkermord beizutragen und/oder ihn 
zu vollenden. Irgendwo ist es aber auch 
wieder konsequent, denn da nach dem 
“bio-regionalen” Ansatz Volk und Land 
eine untrennbare Einheit bilden, muß 
nach dieser Logik dort, wo eine eindeu¬ 
tige Landbasis nicht auszumachen ist, 
und das ist auf dem Balkan nicht erst 
“seit der Auflösung des Osmanischen 
Reiches” an vielen Stellen der Fall, eine 
solche dann eben ggfs, mit Vertreibung 
und Genozid hergesteilt werden. Auf 
dem Hintergrund, daß alle imperiali¬ 
stischen Staaten, wenn auch unter¬ 
schiedlich stark, die Entwicklung im 
ehemaligen Jugoslawien mitzuverant¬ 
worten haben und davon nicht uner¬ 
heblich profitieren,daßeinige von ihnen 
sich gelegentlich mit ihren Truppen an 
den Kampfhandlungen beteiligen, wäh¬ 
rend aus anderen, faschistische Söldner 
zum Einsatz kommen, kann aus der von 
Churchill propagierten “möglichen 
Lösung” tendenziell recht schnell eine 
“Endlösung” werden. 

In diesem Zusammenhang ist dann 
auch von zwei Völkern zu reden, die 
zweifellos eine “kulturelle Identität”, 
aber keine “Landbasis” haben, einmal 
die Sinti und Roma, zum anderen die 
Jüdinnen und Juden. Erstere kommen 
konsequenterweisein Churchills Welt¬ 
bild nicht vor, vermutlich, weil sie für 
ihn “einfach nirgendwo hinein” passen, 
letztere allerdings schon, einmal als 
“zionistische Siedler, die den größten 
Teil der einheimischen Bevölkerung 
aus ihrer traditionellen (sic!) Heimat 
vertrieben haben”, aber auch und vor 
allem als Ursprung der “jüdisch-christ¬ 
lichen Tradition” (Interview),die schon 
im Buch Genesis der Bibel mit der 
Trennung des Menschen von der natür¬ 
lichen Ordnung eine “besonders per¬ 
verse Sichtweise” (Interview) einge¬ 
nommen hat, und in dieser Tradition 
stehen nach seiner Definition alle“euro- 
zentristischen” Anschauungen ein¬ 
schließlich des Marxismus. 

Nicht nur bei Ward Churchill führt 
der Kampf gegenden “Euiozentrismus” 
zu einem antisemitischen Rückgriff, 
ähnliche Muster finden sich z.B. auch 
bei Louis Farrakhan und der “Nation of 
Islam” (interessanterweise erwähnt 
Churchill nirgendwo den Islam, der aus 
den gleichen Wurzeln kommt wie das 
Christentum und einen durchaus ver¬ 
gleichbaren universalistischen An- 








Spruch hatte, ganz im Gegensatz zum 
Judentum), und auch die Idee, den 
Marxismus mit dem Attribut “jüdisch” 
zu versehen, hatten vor ihm schon an¬ 
dere. 

Gefährlich wird es bei ihm dadurch, 
daß er die deutsche Linke auffordert, 
diese “jüdisch-christliche Tradition” 
durch einen Rückgriff auf und eine 
Wiederbelebung von Traditionen, die 
in Europa vor der Christianisierung 
anzutreffen waren, in seiner Sicht also 
“indigen” sind, zu überwinden: "Was 
immer die Nazis mit bestimmten Elementen 
eurer Tradition negativ gemacht haben, das 
beseitigt noch nicht das positive Potential 
eurer Tradition , Es ist eure Tradition. Sie 
gehört nicht den Nazis, es sei denn, ihr 
überlaßt sie ihnen. Es ist eure Aufgabe, 
diese Tradition zurückzufordern und positiv 
einzusetzen . Was immer man auch über die 
Nazis sagen kann, es ist nicht zu leugnen, 
daß sie eine unglaubliche Resonanz ineurem 


eingesetzt haben .... Diese neue Verbindung 
mit der Vergangenheit, von der ich ge¬ 
sprochen habe, ist ein unglaublich kraft¬ 
volles Werkzeug für die soziale, politische 
und kulturelle Organisierung. Wenn die 
Linke in Deutschland dies weiterhin aus 
allen möglichen abstrakten undemotiona len 
Gründen ablehnt, dann wird die Linke in 
Deutschland weiterhin isoliert bleiben. ... 
Ihr müßt diese tiefverwurzelte Abneigung 
gegen euch selbst überwinden und eine 
Vorstellung von "Deutsch-Sein” entwickeln, 
die kohärent, positiv und progressiv ist " 
(Interview) 

Das werden wir mit Sicherheit nicht 
tun! 

Fürunsbedeutet“Intemationalismus” 
das Zusammenwirken verschiedener 
sozialer und/oder politischer Kämpfe, 
die sich in einem globaler» Kontext de¬ 
finieren bzw. in einem solchen defi¬ 
nierbar sind, und die als gemeinsames 
Ziel den Aufbau einer anderen, befreiten 


Punkten und schon gar nicht unbedi ngt: 
eine gemeinsame Strategie. Unter¬ 
schiedliche regionale Bedingungen, 
verschiedene gesellschaftliche Unter- 
drückunpverhältnissemachen es zwin¬ 
gend erforderlich, daß für dieses Ziel an 
vielen verschiedenen Fronten im anti- 
rassistischen, antipatriarchalen und 
Klassenkampf gekämpft wird. (..,) 
Ward Churchill und mit ihm die in¬ 
dianischen Traditiotialistlnnen (je¬ 
denfalls soweit sie durch ihn und die 
anderen Autorinnen in "Das indigene 
Amerika und die indianische Tradition" 
repräsentiert weiden) haben sich mit 
seiner Forderung an die Metropolcn- 
linke, eine soziale, politische und kul¬ 
turelle (Neu-)Ch|piisieiiiii auf einer 
völkischen Basis zu versuchen, dafür 
aber ganz einfach selbst disqualifiziert. 


Volk gehabt haben, wenn sie die Themen 
der indigenen teutonischen Vergangenheit 


Gesellschaft anstreben. 

Gemeinsames Ziel heißt nicht in allen 



«Das 
en@ 


Amerika 

and 

die 


K|Jj Hl w 

Iwl H. nCistische 


Tradition 


Eine Debatte über Kultur, 
Industrialismus und 
Eurozentrismus 


Essoys 

Herausgegeben von Ward Churchill (AIM) 


American Indion Movement (AIM) und nordamerikanische Linke 
in kritischer Auseinandersetzung Ober die Tradition des europä¬ 
ischen Marxismus und seine proktische Wirklichkeit für die 
Völker der Dritten und Vierten Welt. Westliche Vorstellungen von 
"Fortschritt* und "Entwicklung" werden konfrontiert mit einer 
500-jöhrigen Geschichte von Unterdrückung und Widerstand 
indigener Völker. 


ISBN 3-926529-03-2 

285 Seiten Broschur DM 32,00 


28215 Bremen Eichenberger Str. 9 Fox 0421-353918 



GegenStandpunkt 


Politische Vierteljahreszeitschrift 3-94 


Der Wahlkampf: Festival des Nationalismus 

Deutschlands Ausländerproblem 
Bemerkungen überden regierenden 
Fundamente ismus in einem bekanntermaßen „aus¬ 
länderfreundlichem Land" 


W.Schäuble: Die völkischen Beobachtungen und 
Schlußfolgerungen eines demokratischen Staats- 


Der Beitrag der Privatisierung zur „Zukunfts¬ 
sicherung des Standortes Deutschland" i 

Oer Tarifstreit bei Post und Druck: 
Klarstellungen zum sachgemäßen Gebrauch 
eingetragener Vereinsrechte 

NATO heute 

Kriegspakt der Imperialisten: Vorhaben, Leistungen, 
Grundlagen 1 

Die Türkei 

Noch ein ehemaliger NATO-Frontstaat im Aufbruch 


Der Kampf um 

«je „Normalisierung" Nordkoreas 
Wie die USA ein Stück neuer Ordnung in Angriff 
nehmen 


Ruanda - Haiti • Kuba 

Neue Trends in der imperialistischen Betreuunq der 
Welf 


Die „Unordnungsmacht" 

Eine fast ehrliche Bilanz der sogenannten Reform¬ 
prozesse in Rußland - aufgestellt zur Einrichtung 
eines deutschen Rechts auf Kontrolle über das 


ISSN 0941-5831 DM 20,- /Abo 80,-- 

erh ältlich im Buchhandel oder beim GEGENSTANDPUNKT-Verlng, 

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1 











War 

Resisters’ 

International 


Ein internationales 
Netzwerk radikaler 
Pazifistlnnen und 
gewaltfreier Bewegungen 

von Andreas Speck 

Vom 10.-17, Dezember 1994 wird das 
• Tricnnial der War Resisters’ Inter- ® 
national (WRI), die m\l“ Inter nationale j"| 
der Kriegsdienstgegnerinnen ” nur'| 
unvollständig ins deutsche übersetzt ist,|p 
ln Sao Leopoldo im Süden Brasiliens® 
stattfinden. Zentraler Begriff des Trien- 
ni als wird die “Kette der Gewalt ” sein, 
c »ne Kette, die dicalltäglichc Erfahrung 
m il den Strukturen verbindet, die lelzt- 
cndlich zu Krieg und Zerstörung führen. 

In diesem Artikel wird anläßlich der 
^ r eijahreskonferenz die WRI als eine 
h<tnsnationalc Organisation vorgestellt 
nnd kritisch betrachtet. Auch wenn die 
keine anarchistische Organisation 
Ist ; so finden sich in ihr starke anar¬ 
chische Einflüsse und interessante 
Ansätze für die Mitarbeit von Anar¬ 
chistinnen. Eine der deutschen Sektio¬ 
nen der WRI ist die gewaltfrei-anar¬ 
chistische Föderation Gewaltfreier 
Aktionsgruppen (FöGA) 1 . 


WRI - Internationale der 


j 


S jjj 


jg 


auch die revolutionäre Gewalt “zur 
Verteidigung und Befreiung des 
bedrückten Proletariats." 

Die WRI war zu ihrer Griindungszeit 
ein Zusammenschluß pazifistischer 
Anarchistinnen und radikaler bürger¬ 
licher Pazifistlnnen. Die ArbeitderWRI 
war und ist aus dem sich daraus erge¬ 
benden Spannungsverhältnis zwischen 
realpolitischen Kategorien, z.B. der 
juristischen Absicherung der Kriegs¬ 
dienstverweigerung, und einem Poli¬ 
tikverständnis, welches sich an gesell¬ 
schaftlichen Alternativen und direkten 
Widerstandsaktionen orientiert, ge¬ 
prägt. 

A ..n Aar» CrftthninffPfl Wdt- 


In der Auseinandersetzung mit dem 
Faschismus wurde der damals domi¬ 
nierende marxistisch-leninistische 
Antifaschismus abgelehnt. “(...) unser 
Feind ist die Vorstellung (im Grunde 
genommen eine faschistische Strategie), 
daß die Freiheit durch Unterdrückung 
erreicht werden kann t selbst durch 
Unterdrückung der Faschisten (...) Wir 
sind dann nicht mehr frei; wir sind die 
Gefangenen, die Sklaven der faschi¬ 
stischen Mentalität und vor allem der 
faschistischen Tätigkeit so in einer 
Rede des WRI-Vertreters auf einem 
Kongreß gegen Krieg, Faschismus und 
Imperialismus 1936. 


\ WRI nach dem 
2. Weltkrieg: 

Eine Freiheitsbewegung 

Nach dem 2. Weltkrieg bemühte sich 
die WRI vor allem darum, innerhalb 
der sozialen Kämpfe eine Orientierung 
auf der Grundlage der Gewaltfreiheit 

zu formulieren. Gegen die Blockkon¬ 
frontation wurde ein “Dritter Weg” 
formuliert, der eine Alternative zu den 
verhärteten Systemen darstellen sollte. 

Ein deutliches Zeichen für die Ent¬ 
wicklung der WRI von einer schwer¬ 
punktmäßig antimilitaristischen Orga¬ 
nisation hin zu einer “Freiheitsbewe¬ 
gung” war die Diskussion um eine “ge¬ 
waltfreie Revolution” Ende der 60er bis 
Mitte der 70er Jahre. In einer Erklärung 
des Internationalen Rates der WRI von 
1968 heißt es: “Die WRI ist in erster 
Linie eine Freiheitsbewegung. Wir 
arbeiten für das Recht der Menschen 
auf Freiheit: die Freiheit , ohne Hunger. 


Gewaltfreiheit 

Die WRI wurde 1921 inBillhovcn/Nie- 
derlande unter dem Namen “Paco”, dem 
Esperanto-Wort fürFriedcn, gegründet. 
Die Gründungskonferenz verabschie¬ 
dete folgende Erklärung, die bis heute 
die Grundsatzerklärung der WRI ist: 

Krieg ist ein Verbrechen gegen die 
Menschheit . Wir sind daher entschlos¬ 
sen, keine Art von Krieg zu unterstützen 
und für die Beseitigung aller seiner 
Ursachen zu kämpfen ” 

Zu dieser Grundsatzerklärung wurde 
Clnc Erläuterung verabschiedet, die 
n icht nur jeden Angriffs- und Verteidi¬ 
gungskrieg eindeutig ablchnt, sondern 


krieges heraus wurde der “bürgerliche 
Vorkriegspazifismus” mit seinen 
Apellen an Staaten und Regierungen 
abgelehnt. Stattdessen wurde ein “ak¬ 
tiver Pazifismus” propagiert, der sowohl 
die Verantwortung des/der Einzelnen 
betonte, als auch die Notwendigkeit 
grundsätzlicher gesellschaftlicher Ver¬ 
änderungen. 

Das Erstarken des Faschismus in 
Europa in den 30er Jahren führte zu 
einer ersten Krise der WRI. Die Aus¬ 
einandersetzung mit dem Faschismus 
führte dazu, daß sich einige inter¬ 
nationale Pcrsönl ichkei ten aus der WRI 
zurückzogen, ohne jedoch ihre Kritik 
in der WRI vorzubringen. 


Krieg und Seuchen zu leben; die 
Freiheit, ohne wirtschaftliche , gesell¬ 
schaftliche, rassistische und kulturelle 
Ausbeutung zu leben; die Freiheit des 
Individuums, sich zu entfalten und seine 
Anlagen als schöpferische Wesen voll 
zu entwickeln; die Freiheit, soziale 
Fähigkeiten zu entwickeln , Fähigkeiten, 
die so oft durch autoritäre Strukturen 
entstellt und in ihrer Entwicklung 
gehemmt worden sind und die Freiheit , 
die Menschen befähigt, in Gemeinschaft 
zu leben und sich über Egoismus zu 
erheben .” Diese Erklärung ist als Aus¬ 
einandersetzung mit dem Vietnamkrieg 
und der weitverbreiteten Unterstützung 
für den bewaffneten Kampf des Viet- 


SF 4/94 I49J 






cong entstanden. Weiter heißt es darin: 
“Diesem Glauben an die Freiheit ent¬ 
stammt unsere Opposition gegen den 
Krieg und Systeme, die ausbeuten und 
korumpieren, nämlich Kolonialismus 
und totalitäre Formen des Kommu¬ 
nismus. Die Konsequenzen dieser Über¬ 
zeugung betreffen jeden Bereich 
menschlichen Lebens. (...) Wir arbeiten 
für nichts weniger als eine un fassende, 
gewaltlose Revolution .” 

Nach der Erklärung von 1968 wurde 
abder 13.Dreijahreskonfercnz 1969die 
Diskussion intensiviert. Hierzu wurden 
innerhalb der WRI zwei unterschied¬ 
liche Texte vorgelegt, die zwei ver¬ 
schiedene Herangehensweisen reprä¬ 
sentieren: 1972 wurde von George La- 
key als Ergebnis der Diskussion der 
Text "Manifest für eine Gewaltfreie 
Revolution" der 14.Dreijahreskonfe- 
renz der WRI vorgelegt. Nach aus¬ 
führlichen Diskussionen wurde von 
Michael Rändle 1975 ein weiterer Ent¬ 
wurf "Der Befreiung entgegen" ver¬ 
öffentlicht. Während Lakeys Entwurf 
auf ethischen Kategorien beruht und 
den amerikanischen Quäkerinnen 
nahesteht, kann Randles Text als liber¬ 
tär-sozialistisch bezeichnet werden 2 . 


1975 wurde die Diskussion innerhalb 
der WRI zunächst beendet, ohne eine 
Entscheidung zwischen den beiden 
Texten zu treffen. Beide Texte wurden 
als nützliche Beiträge für eine "Strategie 
für eine Gewaltfreie Revolution" be¬ 
trachtet. Die persönliche Befreiung und 
der Aufbau unterstützender Gemein¬ 
schaften seien in jedem Prozeß der so¬ 
zialen und ökonomischen Befreiung von 
äußerster Wichtigkeit, könnten diese 
aber nicht ersetzen. Nicht aus mora¬ 
lischen Gründen, weil Krieg“schlecht” 
sei, wolle man am Prinzip der Gewalt¬ 
freiheit festhalten, sondern aus der Ein¬ 
sicht in die politische Notwendigkeit, 
da die Mittel nicht vom Ziel getrennt 
werden könnten. 

Auch wenn die WRI seit ihrer Grün¬ 
dung stark von den Friedensbewegun¬ 
gen Westeuropas und der USA geprägt 
ist, so bemüht sie sich seit einigen Jahren 
nicht nur um eine inhaltliche Erweite¬ 
rung, sondern auch um eine breitere 
Basis in den Ländern des Trikont. Die 
Zusammenarbeit mit gewaltfreien Ba¬ 
sisbewegungen in Asien, Afrika und 
Lateinamerika soll zunehmend verstärkt 
werden. 

Nicht zufällig war Indien das erste 
Trikont-Land, in dem es eine WRI- 
Sektiongab. 1960 tagte mit der 10.WRI- 
Dreijahreskonferenz zum ersten Mal 
eine solche in einem Land des Trikont 
- in Indien. 25 Jahre hat es gedauert, bis 
1985/86 wieder eine Dreijahreskon¬ 
ferenz in einem Trikont-Land abgehal¬ 
ten wurde - erneut in Indien. 

Ende 1992 hat die WRI unter dem 
Titel Women Overcoming Violence - 
Frauen überwinden Gewalt - eine in¬ 
ternationale Frauenkonferenz in Bang- , 
kok/Thailand veranstaltet. Auf dieser 
Konferenz, an der 170 Frauen aus 63 i 
Ländern teilgenommen haben, ging es r 
um Gewalt gegen Frauen, Militarismus : 
und Sexismus, Sextourismus, etc... und 
gewaltfreie Gegenwehr von Frauen ge-1 
gen Männcrgewalt. 

Diese Konferenz führtedazu, daß die 
Kontakte der WRI zu Frauenbewe¬ 
gungen aus dem Trikont gestärkt wur¬ 
den und einige Organisationen sind der 
WRI als Sektionen oder assoziierte 
Organisationen beigetreten. 

Auch die diesjährige Dreijahreskon¬ 
ferenz in Brasilien dient dazu, Kontakte 
mit Bewegungen in den Ländern des 


Trikont zu knüpfen und auszubaucn. 
Hierbei geht es jedoch nicht um eine 
aufdaszentraieBöroin Londonkonzen¬ 
trierte Vernetzung, sondern umdieEnt- 
wicklung und Förderung der Zusam¬ 
menarbeit vor allem zwischen den ver¬ 
schiedenen Bewegungen des Trikont. 

WRI Sc Staatsverständnis 
- Die aktuelle UNO- 
Diskussion 

Schon seit der Gründung ist die WRI in 
ihrem Staatsverständnis gespalten, was 
sich jetzt wieder in der Debatte um die 
Einschätzung der UNO und des Status 
der WRI als Nichtregierungsorganisa¬ 
tion (NGO) bei der UNO zeigt. 

In der WRI ist man sich einig in der 
Verurteilung von Militärinterventionen 
oder jeder Art des bewaffneten “Peacc- 
making”, sei es nun im Namen Idcr 
UNO oder nicht. Die UNO-Einsätze in 
Kambodscha, Somalia und auch in Ex- 
Jugosfawien wurden und werden ein¬ 
hellig verurteilt - und das gilt im Fillc 
Ex-Jugoslawiens trotz der häufigen 
Aufrufe zu einem militärischen Ein- 












Seifen auch aus Kreisen der jugosla¬ 
wischen Friedensbewegung 3 . In einer 
Antwort der WRI darauf heißt es: “Viele 
Von Un s kommen aus Ländern , deren 
Armeen in verbrecherischen Kriegen 
ämpften oder Kriegsverbrechen 
e gingen, deren Industrien vomllandel 
***** dem Tod profitierten und deren 
€ gierungen sich nur um Menschen- 
r echte sorgen, wenn sie sich für andere 
nt eressen eignen. (...) So können wir 
Q ueh jetzt nicht, selbst im Falle von 
os mcn-IIerzegowina, die Regierungen 
Zu einer militärischen Operation auf- 
fordern, die die Entwicklung einer 
effektiven Politik gegen die Massive 
erletzung der Menschenrechte und 
Segen das Unrecht im ehemaligen 
ü goslawien versäumten (auch in 
ewigen anderen Ländern in anderen 
ontinenten). Die Regierungen der Welt 
u nd die Vereinten Nationen haben 
wiederholt gezeigt, daß ihnen jede 
Prinzipielle Verpflichtung für die Men¬ 
schen in Bosnien-Herzegowina und 
denjenigen, die geflohen sind, fehlt.(...) 

Als ein internationales Netzwerk von 
^ozifistlnnen ist es Aufgabe der WRl 
für die Argumentation für gewaltfreie 
Aktionen und Entmilitarisierung zu 
ar beiten. Selbst dann, wenn wir 
^erkennen, daß es einen bedeutsamen 
all für eine Verteidigung mit militä¬ 
rischen Mitteln, wie in Bosnien-Her- 
2 egowina, gibt, besteht unsere Arbeit 
arin, gewaltfreie Möglichkeiten, die 
nicht existieren oder bislang nicht 
probiert worden sind, zu entwickeln. 

Wir haben innerhalb unserer 
renzen tätig zu sein und wie bitten 
iejenigen von Euch, die auf eine 
militärische Intervention drängen, zu 
respektieren, daß wir Euch an diesem 
Punkt nicht folgen können." (WRI, Juli 
1994) 


Doch diese klare Position zu jeder 
Artmilitänscherlnierveniion führtnicht 
2u ci ncr kritischen Beurteilung der UNO 
sich. Vor allem in den “klassischen” 
interventionsländcm USA, Großbri¬ 
tannien und Frankreich ist auch inner- 
alb der Friedensbewegungen diePosi- 
llon anzutreffen, daß eine starke UNO 
^ie Intervcntionsgclüste der eigenen 
traten bremsen könnte. Es ist zu be¬ 
zweifeln, daß dem - vor allem nach 
Auflösung der Blockkonfrontation 
durch die Sclbstaufiösung des Ostblock 
* wirklich so ist. In der BRD wurde die 


UNO eher dazu benutzt, vorhandene 
Widerstände gegen eine Aufgabener¬ 
weiterung für die Bundeswehr aufzu¬ 
brechen und zu beseitigen. 

Vor diesem unterschiedlichen Erfah¬ 
rungshorizont sind jedoch Positionen 
zu bewerten, die innerhalb bzw. unter 
Vorherrschaft der UNO Instrumente zu 
einem gewaltfreien Eingreifen ent¬ 
wickeln wollen. Diese Vorschläge ver¬ 
kennen jedoch den Charakter der UNO 
als einem Staatenbündnis, daß von den 
westlichen Industrienationen beherrscht 
wird. Gewaltfreie Interventionen, die 
gegen die Interessen dieser Staaten ver¬ 
stoßen, sind von der UNO nicht zu 
erwarten - von gewaltfreien Interven¬ 
tionen gegen UN-Militäreinsätze ganz 
zu schweigen. 

Die UNO-Diskussion ist innerhalb 
der WRI noch lange nicht abgeschlos¬ 
sen, ja noch nicht einmal richtig in 

Gang gekommen. Das Thema wird seit 
einigen Jahren immer wieder umgan¬ 
gen, obwohl es vor dem Hintergrund 
der verstärkten militärischen Aktivitäten 
unter dem Deckmantel der UNO immer 
dringender wird. 

Auch hier könnte ein sinnvolles Be¬ 
tätigungsfeld für Anarchistinnen inner¬ 
halb der WRI liegen. 


Aktivitäten der WRI-AG 
der FöGA zum Triennial 

Die WRI-AG der FöGA hat sich vor¬ 
genommen, den Gedanken der Ver¬ 
netzung aufzugreifen und vor allem die 
S üd-Süd-Vernetzung zu fördern. Zu die¬ 
sem Zweck wollen wir die Teilnahme¬ 
kosten für Saswati Roy aus Kalkutta/ 
Indien aufbringen: Saswati ist Mit¬ 
arbeiterin der indischen WRI-Sektion 
Swadhina,. die ihren Sitz in Kalkutta 
hat.Swadhinakritisiertdiezunehmende 
Kapitalisierung und Industrialisierung 
Indiens, die bei den benachteiligten 
Bevölkerungsschichten die Armut nur 
noch verstärkt und vor allem Frauen zu 
Opfern von Gewalt macht. Swadhina 
arbeitet für eine Bewußtseinsbildung 
über die Ursachen von Armut, orga¬ 
nisiert Kampagnen zu konkreten Pro¬ 
blemen und ermutigt vor allem Frauen, 
sich in kleinen Gruppen selbst zu orga¬ 
nisieren. 

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gerne gesehen (Spendenkonto siehe 
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© © 




















Anmerkungen 

1 Für die WRI gilt nicht das Prinzip, daß 
aus jedem Staat nur eine Organisation 
Mitglied werden kann, sondern jede 
Organisation, die die WRI-Grundsatz¬ 
erklärung akzeptiert, kann Mitglied 
werden. Das gilt auch für internationale 
Organisationen. Deutsche WRI-Sek- 
tionen sind neben der FöGA u.a.: die 
DFG-VK, die IdK Berlin/Münster, die 
DFG-IdK in Hamburg. Daneben gibt es 
mehrere assoziierte Organisationen und 
Publikationen. 

2 Die beiden Text sind auf deutsch ver¬ 
öffentlicht in: Lakey/Rändle: Gewalt¬ 
freie Revoultion 

3 so läßt sich auch wieder ein “Offener 
Brief* von Vertreterinnen jugoslawi¬ 
scher Friedensgruppen “an die Frie¬ 
densbewegungen“ vom April 1994 
interpretieren, abgedruckt z.B. in Das 
zerbrochene Gewehr Nr. 30, September 
1994 

Informationen: 

War Resisters* International, 5 Caledonian 
Road, London NI 9DX, England, Tel.: 
0044171 2784040, Fax: 0044171278- 
0444 

WRI-AG der FöGA, Andreas Speck, 
Brahmweg 178,26135 Oldenburg, Tel: 
0441/203864 

Spendenkonto: Fördergemeinschaft 

Friedensarbeit und Gewaltlosigkeit 
e.V., Konto 71 258, Stadtsparkasse 
Kassel, (BLZ: 520 501 51), Stichwort: 
“WRI-Konferenz“ 

Literatur: 

Beyer, Wolfram: Die War Resisters’ Inter¬ 
national. Die gewaltfreie Fraktion im 
revolutionären Antimilitarismus. In: 
Graswurzelrevolution Nr. 117/118, Son¬ 
derheft “Sozialgeschichte des Anti¬ 
militarismus“ 

Beyer, Wolfram (Hrsg.): Widerstand gegen 
den Krieg. Beiträge zur Geschichte der 
War Resisters’ International. Kassel 
1989 

War Resisters’ International: Faltblatt zum 
Triennial in Brasilien 

Das zerbrochene Gewehr Nr. 29, Juni 1994, 
Nr. 30, September 1994 (Hrsg.: WRI) 

Lakey, George & Michael Rändle: 
Gewaltfreie Revolution. Beiträge für 
eine herrschaftslose Gesellschaft. 
Berlin, 1988 


Pil 




Während“die Anarchisten” Ostern 1993 
in Frankfurt bereits 'Wege zur Anar¬ 
chie" diskutierten, wollen sich Ostern 
1995 in Berlin “die Autonomen” mit 
dem “Weg ins 21 Jahrhundert” be¬ 
gnügen. Unter dem Motto “Autonome 


132 ] 


SF 4/94 






































































































































































































































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auf dem Weg ins 21. Jahrhundert” wird 
In Berlin gegenwärtig ein Kongress 
vorbereitet, der wohl auch tatsächlich 
stattfinden wird. Das erste bundesweite 
Treffen fand bereits im Mai in Halle 


statt, ein weiteres im August in Kassel 
folgte. ÜberbeideTreffen wurden Ver¬ 
laufs-Protokolle angefertigt, die jeweils 
mehrere Seiten füllten, Ergebnisproto¬ 
kolle wären dazu nicht in der Lage 
gewesen. 

Die originelle Idee, zunächst “die 
Erfahrungen und Analysen der autono¬ 
men Bewegung der letzten Jahre zu 
diskutieren, um dann über “mögliche 
neue Wege und Kampfformen zu reden, 
stieß auf die Kritik einiger als Gruppe 
“SPUK” aufgetauchter Berliner Jung- 
Autonomer, die befürchteten, der Kon¬ 
gress werde auf diese Weise zu einem 
Absingen Alt-Autonomer Hclden-Epen 
und sie selbst dort dann fehl am Platze 
und bestenfalls noch “Mobilisierungs¬ 
masse”. Dem zu entgehen fordern sie 
nachdrücklich eigene Räume und Infra- 
struktur für den Nachwuchs der Bewe¬ 
gung, haben aber in Kassel versprochen, 
den Begriff “Jugend-Etage” noch mal 
zu überdenken, schließlich dient der 
Begriff “Jugend” in herrschaftlicher 
Sprache normalerweise dazu, das An¬ 
liegen der sogenannten solchen zu ver¬ 
niedlichen. 

Kritik aus dem Osten war in Halle 
noch etwas vage, aber deutlich ver¬ 
nehmbar. Zu wenig praktisch alles, im 
Osten habe mensch angesichts von an 
der Tagesordnung stehenden Angriffen 
auf linke Projekte und Zentren sowie 
rassistischen Pogromen anderes zu tun, 

alsam Geschichtsunterricht Westlicher 
Alt-oder Jungautonomer teilzunehmen. 
In Kassel wurde es präziser, eine Posi¬ 
tionierung zur DDR und zur linken Op¬ 
position dort verlangt, eine Arbeits¬ 
gruppe mit dem Titel “Über die Arro¬ 
ganz und geisüge Okkupation der West¬ 
autonomen gegenüber den Ost-Auto¬ 
nomen” sowie ei ne über die * ‘Gesch ic h te 
der DDR-Opposition”angekündigt 

In Halle waren von den rund 50 Teil¬ 
nehmerinnen 7 Frauen, in Kassel sah 
das wenig besser aus. Die Forderung 
einiger Männer, vordiesem Hintergrund 
eigene “Männerstrukturen”, von “Män¬ 
nercafe” bis “Männerschlafräume” 
sowie ein “Alkoholverbot für Männer” 
auf dem Kongreß zu schaffen, war Dank 
des Protestes nicht nur der Frauen 
schnell vom Tisch. Stattdessen einigte 
mcnsch sich darauf, nun “gemeinsam” 
daran zu arbeiten, das der Kongreß als 
ein gemeinsamer stattfinden kann, aber 
außer der Beteuerung ist in diese Rich¬ 
tung bislang nichts mehr passiert. 


Der Versuch beider bundesweiter 
Treffen, sich auf eine Struktur für den 
Ablauf des Kongresses zu einigen, blieb 
jeweils im Ansatz stecken. Fest steht 
bisher allein, daß die Arbeitsgruppen 
erst am zweiten Tag beginnen und der 
erste Tag den Gruppen zur Vorstellung 
ihrer politischen Arbeit dienen soll. 
Allen Beteiligten war das eigene An¬ 
liegen, sei es noch so vage, wichtig 
genug besonderen Schutz dafür einzu¬ 
fordern, was die Diskussion ungemein 
lähmte und in sich endlos reproduzie¬ 
rende Kreise trieb. 

Die in Halle getroffene Feststellung, 
der wichtigste Teil des Kongresses fin¬ 
de in seiner Vorbereitung statt, hilft da 
auch nicht weiter. 

Trotzdem fanden beide Treffen in 
angenehmer Atmosphäre statt. Das Be¬ 
dürfnis nach einer überregionalen 
Diskussion scheint vorhanden zu sein. 
Der Kongress und seine Vor- wieNach- 
bereitung böten die Möglichkeit zu einer 
Diskussion, diedie Widersprücheoffen 
läßt und sie nicht der Reinheit der Lehre 
opfert, unabhängig von dogmatischen 
Kaderstrukturen. 

Wie zu hören ist gibt es unterdes allen 
Orlens zumindest schon mal Kontakt¬ 
adressen, in einigen Städten auch Vor¬ 
bereitungsgruppen (in Frankfurt ge¬ 
staltet sich der Versuch eine solche zu 
gründen gegenwärtig schwierig). Es 
bleibt die Hoffnung, das die Diskussion 
dort und in den berliner Vorbereitungs¬ 
gruppen produktiver verläuft und das 
nächste Treffen Ende November in 
Hamburg etwas mehr Klarheit bringt. 

Wenden wir also unseren Blick auf 
das kommende Ereignis, Ostern 1995 
in Berlin, ein neues Jahrtausend im 
Visier. Wir werden uns dort nicht auf 
den einen Weg einigen, aberden Traum 
von der großen Einheit und Schlagkraft 
“Der Bewegung” können wir getrost 
den Stalinisten von der AABO über¬ 
lassen, den von der Reinheit der Lehre 
den dogmatischen frankfurter Anar¬ 
chisten. Wir werden ein großes Spekta¬ 
kel veranstalten, und ein solches gilt es 
vorzubereiten. Was dabei dann hän¬ 
genbleibt, wird sich zeigen. 

K.A.T.ER. /Ffm 

Konlakl: 

Kongreßvorbereitung 
c/o Mchringhof 
Gnciscnaustrasse 2a 
10961 Berlin 


SF 4/94 [53] 










Einführung in die Rassismus-Kritik. 
Vom 9.12.-11.12.1994 in Hannover. 
Welche Funktion hatte und hat Rassis¬ 
mus, in welcher From tritt er heute auf, 
welche Auswirkungen hat er? 

Kontakt: Junge Linke, Borriesstr.28, 
30519 Hannover, Tel. 0511-8387177 
(montags zw.18-20 Uhr) 

Setzt die Wirtschaft auf Anarchie? - 
Veranstaltung des Libertären Forum 
Frankfurts im Dezentral am 25.11.1994 
(19,30Uhr). Lean Management, Abbau 
von Hierarchienebenen, Dezentrali¬ 
sierung von Entscheidungen, verstärkter 
Einsatz teilautonomerGruppen als Aus¬ 
weg aus der Wirtschaftskrise?, Baut 
Herrschaftsabbau Gewinne auf? 

Kontakt: Dezentral, Wittelsbacher¬ 
allee 45,60316 Frankfurt 


Bevölkerungspolitik - was ist das? Wer 
sind die Mütter unwerten Lebens? 
Vortrag von Conny Schlehbusch am 
3.12.1994 im Jugendhof Vlotho. 
Kontakt: s.o. 

Das Essener Bündnis gegen den EU- 
Gipfel plant Gegenaktivitäten vom 9.- 
10.12.94 in Essen. Der 9.12. soll viel¬ 
fältige Straßenaktionen sehen, ab 18 
Uhr folgt eine Auftaktveranstaltung, ab 
20.30 Uhr Kabarett in der Zeche Carl. 
Am Samstag findet von. 12.00 Uhr bis 
17.00 Uhr eine bundesweite Gegen¬ 
demonstration statt. Am Abend gibt 
einePodiumsdiskussion und eine Party. 
Am Sonntag geht es um “Alternativen 
fürenEuropader Menschen” (von 10.00 
Uhr bis 14.00, danach Abschtußple- 
num). 

Kontakt: Essener Bündnis, c/o Zeche 
Carl - Kultur- und Kommunikations- 
und Jugendzentrum, Wilhelm-Nies- 
wandl-Allee 100, 45326 Essen, Tel. 
0201-8344410. Fax 0201-350158 

Eine ganze Veranstaltungsscric zum 
»Projekt Utopie« wird in Münster 
stattfinden: wir greifen einige der Inte¬ 
ressantesten heraus: 


Am 374.12.94 sprechen Rolf Cantzen 
zu “Chancen anarchistischer Utopien” 
und Christian Sigrist zu “Soziale oder 
ökologische Enterung?” 

Am 475.2.95 meint p.m.: bolo-bolo 
- alles aussteigen! und die Hamburger 
Utopie-AG (Jan Stehn et al.) entwickelt 
eine “Struktur für die Freiheit”. 

Am 18,/19. 2.95 hält Veronika 
Bennholdt-Thomsen eine Plädoyer für 
das Ende der Männerwirtschaft und in 
derselben (sic!) Veranstaltung überlegt 
Horst Stowasser, wie eine Utopie ohne 
Zwangsbeglückung auszusehen hätte. 

Programm und Kontakt: Umwelt¬ 
zentrum Münster, Scharnhorststr.57, 
48151 Münster 

Im August 1989 starb Jean Barr ue, eine 
der bedeutendsten Gestalten der anar- 
cho-syndikalistischen Bewegung in 
Frankreich. Zwei seiner Freunde planen 
Dokumente von und über ihn (Artikel, 
Briefe, Zeugnisse und Erinnerungen) 
in französischer und deutscher Sprache 
zu sammeln, um sie zu veröffentlichen. 
Wer das Projekt unterstützen möchte, 
wird gebeten, geeignete Materialien an 
das CIRA zu schicken. 

Kontakt: Marianne Enckell, c/o CIRA 
(Centre International de Recherches 
sur l'Anarchisme), av. de Beaumont 
24, CH-1012 Lausanne 

Zur neuen Wirklichkeit der 
"größeren” BRD: 

Die Lagergemeinschaft Ravens- 

brück/Freundeskreis e.V. teilt mit, daß 

eine der SS-Aufschcrinnen, Margot 
Kunz, die besonders häufig Gefangene 
schlug, die 1946 von einem sowjeti¬ 
schen Militärgericht verurteilt wurde 
und 1954 entlassen wurde, jetzt »Wie¬ 
dergutmachung« erfuhr. Sie bekam 
aufgrund des Häftlingsentschädigungs- 
gesetzes eine Summe von 64.000.-DM 
ausbezahlt. 

Nähere Auskünfte: Lagergemein¬ 
schaft Ravensbrück, c/o GertrudMüller, 
Werenwagstr.2, 70469 Stuttgart 

Alte Hefte (Doubietten) der Gras- 
wurzelrevoiution verkauft das Archiv 
Aktiv. Das Archiv wertet Dokumente 
der gewaltfreien Bewegung aus. Da¬ 
runter Material zur WRI, zur FÖGA 
oderzur englischen Peace Plcdge Union. 
Neben den aktuellen Aktivitäten (z.B. 
Carl Kabat Haus in Mutlangen, Ge¬ 


waltfreie Aktionsgruppen) gibt es auch 
historische Dokumente zur Friedens¬ 
bewegung, zu Frauen in der Friedens¬ 
bewegung, zur Kriegsdienst- und 
Totalverweigerung, zum Antikriegs¬ 
museum in Berlin, zur Bewegung im 
Larzac u.v.m. 

Kontakt: Archiv Aktiv, Stemscfmnze 
1,20357 Hamburg, Tel. 040-4302046 

Nach-Ermittlungen heißt ein Film 
über den Einsatz zweier verdeckter 
Ermittler in Tübingen. Vom März 1991 
bis Juni 1992 spionierten zwei Beamte 
desbaden-württembergischenLKA die 
Linke Szene in Tübingen aus. “Ralf 
Hausmann” und“Joachim Armbruster” 
wie sie sich nannten, agierten mit 
falscher Biografie und Legende in 
verschiedenen Gruppen in Tübingen 
und Reutlingen. Der Einsatz war auf 
mehrere Jahre angelegt, wurde jedoch 
abgebrochen, nachdem eine Frau aus 
dem ausspionierten Personenkreis von 
“Joachim Armbruster” schwanger war. 
Von der Bespitzelung waren das Pa¬ 
lästina-Libanon Komitee, die Prozeß- 
kostengruppe “Profan”, das Infocalfc, 
die Initiative zur Zusammenlegung der 
politischen Gefangenen und der Nica¬ 
ragua-Arbeitskreis der Evangelischen 
Studentinnengemeinde (ESG) unmit¬ 
telbar betroffen. Das Video zeigt das 
Vorgehen der verdeckt arbeitenden 
Polizisten auf, beschreibt die Reaktion 
und Konsequenzen für die betroffenen 
Personen und Gruppen, dokumentiert 
die politische und juristische Ausein¬ 
andersetzung nach der Enttarnung und 
thematisiert den Einsatz von Geheim¬ 
polizei in der Bundesrepublik im All¬ 
gemeinen. 

Der Film ist kein Aufruf zur diffusen 
Panikmache und zur Abschottung) in 
der öffentlichen politischen Arbeit, er 
fordert vielmehr den ernsthaften Um¬ 
gang mit dem Thema Spitzel und Ge¬ 
heimpolizei. 

Nach-Ermittlungen kann gegen 50.- 
DM ausgeliehen werden von der: 

Medien-md Verlagswerkstall 
Querblick, Gottlieb-Daimler-Str.3, 
78467Konstanz, Tel. 07531-65002,Fax 



[54] SF 4/94 










“Außen abgekühlt, doch voller Glut im Inneren 55 


Karl Brauner (1914 - 1994) 

von Dieter Nefies 



Karl Brauner, Anfang der 90er Jahre 


“Was mich und meine Zeit da¬ 
mals angeht, so ist mir dort etwas 
vermittelt worden, das mich für 
mein ganzes weiteres Leben 
prägte. Durch die Jahre vor '36 
war ich gewissermaßen, zum 
Unterschied aller, die erst 1936 
oder später kamen, in die Er¬ 
eignisse hineingewachsen. Den 
Putsch erlebte ich nicht als 'Aus¬ 
länder' . Meine Genossen waren 
Spanier. Ihr Anliegen war meines 
und ihr Kampf war meiner, ihre 
Siege , ihre Niederlagen erlitt ich 
wie sie und ihre Begeisterung für 
die Sache der sozialen Revolution 
teilte ich mit ihnen. Ja, wir hatten 
jene Tage herbeigesehnt, wir 
hatten uns vorbereitet und ge¬ 
siegt. Wir haben die Betriebe in 
Gang gesetzt, die Verwaltung 
übernommen und dabei die 
Mehrheit der Bevölkerung auf 
unserer Seite gehabt. Als wir 
dann in den Krieg ziehen mußten, 
taten wir es mit der gleichen 
Selbstverständlichkeit und mit 
gleichem Elan. Unsere Motiva¬ 
tion war klar und wurzelte im 
Bewußtsein, etwas ‘Historisches ' 
in Gang gebracht zu haben. Dies 
zu erleben war für mich das er¬ 
strebenswerteste , begeisterndste 
überhaupt. Und dieses Gefühl, 
das mich damals beseelte, dieser 
ganze Komplex freudiger Er¬ 
schütterungen, voller Siegesge¬ 
wißheit hat sich bis heute er¬ 
halten. Außen abgekühlt, doch 
voller Glut im Inneren.” 1 

Diese Zeilen schrieb Karl Brauner, der 

am 20.Juli diesen Jahres in Leipzig starb. 

Er war vermutlich der letzte deutsche 


SF 4/94 [55] 





Zeitzeuge, der den Beginn des Spa¬ 
nischen Bürgerkriegs auf den Barri¬ 
kaden in Barcelona erlebte. Spanien 
war für Karl Brauner nicht in erster 
Linie ein Emigrationsland, sondern eher 
die Erfüllung einer langgehegten 
“Sehnsucht in die Feme”. Diese Sehn¬ 
sucht war ersteinmal ganz unpolitischer 
Natur und angeregt von den Erzäh¬ 
lungen des Vaters seines “Kumpels” 
Fuchs, der zur See gefahren war und 
von dessen Geschichten die beiden 
Jungen nicht genug hören konnten. Den 
Ausschlag für Karl Brauners ‘Emi¬ 
gration * gaben schließlich die soge¬ 
nannten “Chinesen” in seinem Betrieb. 
So wurden die hochqualifizierten 
Facharbeiter der graphischen Industrie 
in Leipzig genannt, die für viel Geld in 
Shanghai gearbeitet hatten und mit 
diesen Erfahrungen im Betrieb auf¬ 
trumpften. 

Karl Brauner machte eine vier¬ 
jährige Lehre als Lithograph. Ein 
Beruf, der künstlerische Begabung 
und viel Geduld erforderte. Beides 
Eigenschaften, die er besaß. Im 
Gegensatz zu den meisten seiner 
Altersgenossen war er während der 
Weltwirtschaftskrise nicht arbeits¬ 
los. Weil er für einen “Führungs¬ 
posten” in seinem Betrieb vorge- 
sehen war, besuchte er Kurse bei 
der staatlichen Kunstakademie für 
graphische und schöne Künste in 
Leipzig. 

Durch seine Freundin Irma Götze, 
die er 1932 kennenlernte, kam Karl 
Brauner in die Kreise der illegalen 
FAUD in Leipzig, deren Zentrum 
die Familie Götze war. Das 
‘Familienoberhaupt’ Anna Götze 
war eine außergewöhnliche Frau. 
Ihre drei Kinder, Ferdinand (Nan- 
te), Waldemar und Irma hatte sie 
vor dem Ersten Weltkrieg ‘unehe¬ 
lich’ geboren. Dennoch schaffte sie 
es, allen drei Kindern eine Berufs¬ 
ausbildung zu ermöglichen. Was 
dem 19jährigen Karl Brauner aber 
am meisten imponierte und nach 
seinen Erzählungen für damalige 
Verhältnisse vollkommen unge¬ 
wöhnlich war, war, daß Anna Götze 
mit ihm und seiner Freundin Irma 
offen über Sexualität redete. So war 
es selbstverständlich, daß er bei 
seiner Freundin übernachten konn¬ 
te. 

Anna Götze wurde im Ersten 


Weltkrieg Mitglied des Spartakus¬ 
bunds und schloß sich dann der 
FAUD an. Im Widerstand gegen 
die Nazis hatte sie eine heraus¬ 
ragende Rolle. Ihr ältester Sohn 
Ferdinand war Anfang der 20er 
Jahre einer der Aktivisten in der 
anarchistischen Jugend in Leipzig 
und später einer der führenden 
Funktionäre der FAUD in Sachsen. 
Im Dezember 1933 übernahm er 
die Leitung der illegalen Ge¬ 
schäftskommission (GK) der 
FAUD. 2 Seine Schwester Irma war 
Mitglied der anarchistischen Ju¬ 
gend. Der Bruder Waldemar war 
Mitglied der KPD, was zu heftigen 
Auseinandersetzungen mit seinem 
Bruder führte, aber beide nicht da¬ 
ran hinderte, in der illegalen Arbeit 
miteinander zu kooperieren. 


Karl Brauner half bei der Her¬ 
stellung der illegalen FAUD-Zci- 
tung ‘Soziale Revolution’, die er 
auf fotographischem Wege ver¬ 
kleinerte. Dieselbe Tätigkeit übte 
er für die Kommunistische Partei 
Deutschands (KPD-O) aus, deren 
Mitglied er nach der Machtergrei¬ 
fung wurde. Zusammen mit seiner 
Freundin Irma war er in der soge¬ 
nannten ‘Leipziger Meute’. In die¬ 
ser illegalen Jugendgruppe hatten 
sich ehemalige Mitglieder der 


Gewerkschaftsjugend des Druck¬ 
gewerbes und der Freien Jugind 
nach der ‘Machtergreifung’ in loser 
Form zusammengeschlosssen. Sic 
trafen sich zu sonntäglichen Wan¬ 
derungen und zu politischen Dis¬ 
kussionen; meist im Hause tlcr 
Familie Götze. 

Weil er nach der Zerschlagung 
der Leipziger KPD-O mit seiner 
Verhaftung rechnete, reiste Karl 
Brauner im Oktober 1934 legal nach 
Barcelona. In seiner Begleitung war 
die zehnjährige Annemarie Gö^zc, 
die Tochter von Ferdinand und El li 
Götze. Letztere lebte schon einige 
Zeit in Barcelona. In Barcelona er¬ 
warb Karl Brauner zunächst einmal 
ein Fahrrad und reiste ein halbes 
Jahr durch Spanien, um Land und 
Sprache kennenzulernen. Seinen 


Lebensunterhalt erwarb er durch 
selbst gemalte Postkarten. Durch 
Vermittlung des deutschen Anar¬ 
chosyndikalisten Helmut Rüdiger, 
der schon seit 1932 in Barcelona 
lebte, erhielt er eine Arbeit in einem 
Druckerei betrieb. Dank seiner gu¬ 
ten Ausbildung konnte er dort eine 
Offsetabteilung mit Reprobetricb 
einrichteten. Sein Chef war ein 
ehemaliger Anarchist, der zusam¬ 
men mit Rüdiger die Herausgabe 
eines anarchistischen Lexikons 



von links (zweite Reihe): Ferdinand, Annemarie und Irma Götze, Karl Brauhcr 
im Hintergrund mit offenem Mund; sitzend zweite von links: Anna Götze 


[56] SF 4/94 










Plante. Gegenüber Rüdiger schil¬ 
derte Karl Brauner seinen Chef als 
einen “sehr guten Mann” , der sich 
^ernsthaft” um ihn sorge und ihm 
völlige Freiheit” lasse. 3 
Anfang 1935 lebten circa 20 
eutschc Anarchosyndikalisten in 
arcelona, die sich in der Gruppe 
eutschc Anarcho-Syndikalisten 
' AS) zusammengeschlosscn hat¬ 
ten. Karl Brauner war nicht Mit- 
S^jed der DAS. Da er aber mit Elli 
ötzc und Rudolf Michaelis zu- 
Sa mmcn wohnte, fertigte er für die 
V ° n der DAS herausgegebene Zeit¬ 
schrift ‘Die Internationale’ Zeich- 
j^ n gcn an: von Erich Mühsam und 
arinus van der Lübbe und eine 

Dehnung des brennenden Reichs¬ 
tags. 

Dieser Karl ist ein völlig unge- 
*° rtnicr junger Mann” , schrieb 
Rüdiger an seine Frau Dora. 

Scheinbar guter Kerl, hat etwas 
v on einem Bären an sich. Seine 
ibliothek ist die eines deutschen 
Un gkommunisten, von unseren 
deen hat er sicher keine Ahnung , 
Q uch noch nichts von diesem 
Bereich gelesen ” 4 Diese Charak¬ 
terisierung Rüdigers bedarf jedoch 
einer Relativierung. Karl Brauners 
Lehrer’ in Barcelona war das 
hepaar Ewald und Ella König, die 
der KPD-0 angchörtcn und auf der 
Rambla eine Buchhandlung betrie¬ 
ben. Dort wurden nach Ladenschluß 
Politische Diskussionen geführt. Im 
Jahre 1935 wurden in diesem Kreis 
intensiv die Bücher 'Faschismus an 
der Macht* des linkssozialistischen 
Theoretikers Fritz Sternberg und 
die Massenpsychologie des Fa¬ 
schismus' von Wilhelm Reich 
diskutiert. Rückblickend bezeich¬ 
nte Karl Brauner diesen Diskus- 
sionszirkcl als seine “Universität”. 

Heftig” angeregt wurde er durch 
die Bücher Reichs. " Das ging so 
w eit t daß ich glaubte, die DAS 
Gruppe auch noch mit Reich über- 
zeugen zu können. Bei Helmut Rü¬ 
diger hatte die Art 1 Besessenheit ' 
deinerseits zumindest dazu geführt, 
ihn zu überzeugen, daß der Marxist 
Reich lesenswert war.” 5 

Rüdiger fand die " Massen - 
Psychologie” , “trotzdem sie in vie¬ 
ler Hinsicht den stärksten Wider¬ 


spruch erregt , doch in vielem 
richtig” 6 und verfaßte über das 
Buch eine Rezension in der 
anarchistischen Zeitschrift ‘Revista 
Bianca . Im vergangenen Jahr 
wurde wurde diese Rezension, auf 
die Wilhelm Reich im Jahre 1936 
antwortete, Gegenstand eines 
Aufsatzes von Richard Cleminson 
in der englischen Zeitschrift 
'Anarchist Studies 7 “The recep - 
tion of radical ideas on sex isplaced 
in the context ofanarchism s ability 
to embrace new ideas, which placed 
it ahead intellectually of its con- 
terparts on the left” Diese Inter¬ 
pretation entbehrt nicht einer ge¬ 
wissen Ironie, weil die Rezension 
Rüdigers erst auf Einfluß von Mar¬ 
xisten zustande kam. 

Im Jahre 1935 kamen auch Ferdi¬ 
nand und Irma Götze nach Barce¬ 
lona. Ihr Bruder Waldemar war in 
die Sowjetunion gegangen, wo er 
vermutlich während der Säube¬ 
rungen ermordet worden ist. Anna 
Götze wurde 1937 verhaftet, zu 
einer mehrjährigen Zuchthausstrafe 
verurteilt und erst im April 1945 
von der Roten Armee im KZ Ra¬ 
vensbrück befreit. 

Karl Brauner war in Barcelona 
aber nicht nur mit deutschen Emi¬ 
granten und Gesinnungsgenossen 
zusammen, sondern in die spani¬ 
sche Bewegung integriert. Rück¬ 
blickend schrieb er über die ersten 
Jahre in Spanien: " ich war jung, 
politisch sehr interessiert , und 
ausgestattet mit viel Wissen in 
Beruf und Technik. Außerdem besaß 
ich die Fähigkeit einer schnellen 
Anpassung, dann lag mir die 
spanische Mentalität, ich achtete 
sie, ich liebte sie, sie kam meinem 
Wesen entgegen. So nahm es denn 
kein Wunder, daß ich mich orga¬ 
nisierte, mich engagierte und feste 
Freundschaften schloß. (...) 
Politisch war ich erst Mitglied der 
CNT-Gewerkschaft, dann nach und 
nach, erschlossen sich mir die 
internen Angelegenheiten. Man sah 
in mir den Genossen, nicht den 
Deutschen, den Ausländer. Kurz - 
ich war der ihre.” 8 

Karl Brauner war in die Aufstands¬ 
vorbereitungen der CNT mitein- 
bezogen. In Horta, einem kleinem Ort 


in der Nähe Barcelonas, waren in einer 
Scheune Waffen und Sprengstoffe 
gelagert worden. Zusammen mit einem 
Oberschlesier, vermutlich Bernhard 
Pacha, der schon mehrere Jahre in 
Barcelona lebte, war er mitver¬ 
antwortlich für die Pflege der Waffen 
und Sprengstoffe, die kurz vor dem 
Aufstand am I9.Juli 1936 an die 
Mitglieder der CNT ausgegeben 
wurden. In der Nacht zum 19 Juli, dem 
Beginn des Aufstands in Barcelona, 
war Karl Brauner beim Aufbau der 
Barrikaden in seinem Wohnviertel 
beteiligt. 

Die Teilnahme am Aufstand in 
Barcelona war für die deutschen 
Antifaschisten nicht nur ein Akt 
der Solidarität mit ihren spanischen 
Genossen, sondern sie waren kon¬ 
frontiert mit ihrem direkten Feind: 
deutschen Mitgliedern derNSDAP- 
Auslandsorganisation (NSDAP- 
AO), die auf Seiten der Militärs in 
die Kämpfe eingriffen. Vom Deut¬ 
schen Club in der Calle Lauria, der, 
wie sich heraussteilen sollte, ein 
getarntes Büro der NSDAP-AO 
war, hielten sie mit einem Maschi¬ 
nengewehr die Straße unter Feuer. 
Eine Gruppe der DAS war am Sturm 
auf den ‘ Deutschen Club’ beteiligt. 
Sie erbeuteten dabei das Maschi¬ 
nengewehr und eine Reihe anderer 
Waffen, Zu dieser Aktion schrieb 
der daran beteiligte Rudolf Michae¬ 
lis: 

"Ich erinnere mich noch genau 
des einzigen zerstörerischen Aktes. 
Im Versammlungsraum des Deut¬ 
schen Clubs hing ein Hitlerbild. 
Ich ergriff es und schleuderte es 
zum Fenster hinaus; es zerschellte 
auf der Straße unter dem Beifall 
der Menge, die unsere Aktion ver¬ 
folgt hatte. Der Inhalt der Schreib¬ 
tische und Karteischränke wurde 
auf dem Lastwagen verstaut, der 
uns hierher geführt hatte. “Warum 
wird dieser Mist nicht verbrannt?” 
fragte man mich. "Weil unter diesen 
Dokumenten die Mitgliederkartei 
der Nazis enthalten ist und sich 
weitere Beweisstücke befinden , die 
über das Netz der Naziorganisation 
in ganz Spanien Aufschluß geben” 
war die lakonische Antwort. Und 
so war es in der Tat. Wir legten am 
19 Juli 1936 eine starke Auslands¬ 
organisation der Nazis in Spanien 
lahm.” 9 


SF 4/94 [57] 








Archiv für Sozial- und 
Kulturgeschichte 

Wolfgang Eckhardt 
MICHAIL A. BAKUNIN 
(1814-1876) 

Bibliographie der Primär- und 
Sekundärliteratur in deutscher 
Sprache 

BAND 4 / Originalausgabe / Register der Personen, 
Verlage und Periodika / 128 Seiten, diverse Abbil¬ 
dungen, Hardcover / DM 28,00 - Best-Nr. 504 

Die Bibliographie gibt erstmals einen vollständigen 
Überblick Ober die deutsclisprachige Primär- und 
Sekundärliteratur. Sie ist damit grundlegend für jede 
nähere Beschäftigung mit Bakunin und sie macht 
deutlich, daß es noch viel Unbekanntes von und über 
Bakunin zu entdecken gibt. 

Hartmut Rübner 
FREIHEIT UND BROT 
Die Freie Arbeiter-Union 
Deutschlands 

Eine Studie zur Geschichte des 
Anarchosyndikalismus 

Band 5 / Originalausgabe / Im Anhang: Bibliogra¬ 
phie der Presse des deutschen Anarchosyndikalismus 
(1914-1939); Bilddokumentation; Register der Per¬ 
sonen, Organisationen, Orte und Periodika / 320 
Seiten, Hardcover und Lesebändchen / DM 52,00 - 
Best-Nr. 505 

Das Buch besclireibt die Sozial-, Ideen- und Organi¬ 
sationsgeschichte der anarchosyndikalistischen Ge¬ 
werkschafts- und Kulturbewegung von den An¬ 
fängen bis zum Zeitpunkt ihrer Zerschlagung im 
Jahre 1933. 

Die Forschungsergebnisse zum Thema faßt der 
Autor in seiner Arbeit zusammen und ergänzt sie 
durch vertiefende Quellenstudien. Dabei beschäftigt 
er sich ausführlich mit Fragestellungen, die bisher 
nur unzureichend behandelt wurden: mit bestimmten 
Berufsgruppen, wie beispielsweise den syndikalisti¬ 
schen Seeleuteorganisationen, und mit dem breiten 
Spektrum der kulturellen Initiativen, die innerhalb 
oder im engeren Umfeld der FAUD(AS) existierten. 

Dabei wird deutlich, daß der Anarchosyndikalis¬ 
mus der Weimarer Republik vieles von den alterna¬ 
tiven Entwürfen vorwegnahm, die später in den 
„Neuen Sozialen Bewegungen“ der Bundesrepublik 
zu neuer Aktualität gelangten und dort zur Verwirk¬ 
lichung basisdemokratischer Vorstellungen führten. 

Rudolf Rocker 
JOHANN MOST 
Das Leben eines Rebellen 

Band 6 / Erweiterter Reprint der Originalausgabe: 
Berlin (Verlag der Syndikalist) 1924 u. 1925 / Aus¬ 
wahlbibliographie und Auskunft Ober den Autor; 
Personenregister / 496, XVI Seiten, (Bilddokumen¬ 
tation), Hardcover und Lesebändchen / Auslieferung 
an den Buchhandel: ca. Dezember 1994 / DM 68,00 
- Best-Nr. 506 

Ober den biographischen Rahmen hinaus gibt der 
Autor einen fesselnden Einblick in die Anfänge der 
anarchistischen Bewegung in Deutschland. Neben 
den Werken Max Nettlaus ist Rockers Arbeit immer 
noch das Standardwerk zur Entstehungs- und Früh¬ 
geschichte des deutschsprachigen Anarchismus. 

Bestellungen an: 

Libertad Verlag Berlin / Köln 
Postfach 440 349 - 12003 Berlin 
Telefon / Telefax: (030) 686 65 24 


Die Gruppe DAS fand aber nicht 
nur Dokumente der NSDAP-AO, 
sondern bei der Hausdurchsuchung 
wurden von dem DAS-Mitglied 
Willi Winkelmann und Karl Brau¬ 
ner auch deutsche Blanco-Pässe in 
Besitz genommen, die sich später 
noch als äußerst nützlich erweisen 
sollten. 

Die Gruppe DAS durchsuchte in 
den nächsten Tagen weitere deut¬ 
sche Einrichtungen und Firmen in 
Barcelona. Nach dem Bericht des 
deutschen Generalkonsuls in Bar¬ 
celona vom 24.Juli 1936 wurden 
folgende durchsucht: das Büro und 
das Stadtheim der Deutschen Ar¬ 
beitsfront, die Büros der Orts- und 
Landesgruppe der NSDAP, der 
Deutschen Krankenkasse, des 
Deutschen Akademischen Aus¬ 
landsdienstes, der Schiffahrtsge¬ 
sellschaft Baquera, Kusche y Mar¬ 
tin, die Wohnung der Braut des 
Landesgruppenleiters der NSDAP, 
die Evangelische Kirche und die 
deutsche Schule. Es war aber nicht 
so, - wiedcrGeneralkonsui schrieb 
- daß unter “Führung deutscher 
Juden und Kommunisten ganz plan¬ 
los deutsche Einrichtungen, deut¬ 
sche Firmen und Häuser durch¬ 
sucht, zerstört und geplündert” 10 
wurden, sondern die Gruppe DAS 
hatte bei diesen Untersuchungen 
systematisch Dokumente zusam¬ 
men getragen, aus denen hervor¬ 
ging, daß die NSDAP-AO ganz 
Spanien mit einem Netz von Par- 
teizellcn und Unterorganisationen 
wie z.B. der DAF überzogen hatte, 
in engster Zusammenarbeit mit 
spanischen Faschisten stand, 
politischen Druck ausübte auf die 
in Spanien lebenden Deutschen und 
Einfluß nahm auf die Politik und 
Wirtschaft des Landes. 11 

Von der CNT, die zu diesem 
Zeitpunkt faktisch die Macht in 
Barcelona hatte, wurde der DAS 
die Kontrolle über alle deutsch¬ 
sprachigen Ausländer in Barcelona 
übertragen. Dies beinhaltete die 
Militär-, Post- Hafen- und Eisen¬ 
bahnkontrolle, sowie das Recht, 
Hausdurchsuchungen bei deutsch¬ 
sprachigen Ausländern vorzuneh¬ 
men, die im Verdacht standen, mit 
den Nationalsozialisten zu sympa¬ 
thisieren. Nach Berichten des 


deutschen Generalkonsuls wurden 
bis November mindestens 60 
Wohnungen von der DAS durch¬ 
sucht. Gegenstände von geflüch¬ 
teten Nationalsozialisten wurden 
von der DAS beschlagnahmt und 
revolutionären Komitees und den 
Milizen übergeben. Das Haus des 
deutschen Vertreters der Firma 
Merck wurde von der Gruppe DAS 
als Wohnheim beschlagnahmt. 12 
Bei der Firma Merck war einer der 
wichtigsten NS-Funktionäre in 
Spanien, der Landesgruppenleitcr 
Anton Leistert, als Prokurist 
eingestellt. Die von der DAS 
beschlagnahmten Dokumente 
wurden Anfang 1937 in dem so¬ 
genannten ‘Schwarz-Rotbuch. 
Dokumente über den. Hitlerim¬ 
perialismus' veröffentlicht. 13 j 

Karl Brauner war an diesen 
Aktivitäten nicht mehr beteiligt. 
Schon wenige Tage nach dem Aiif- 
stand brach er am 24. Juli mit der 
Columna Durruti an die Aragon¬ 
front auf. Von seinem Chef, der 
nun als Angestellter in seiner Firma 
weiterarbeitete, war er mit einer 
Fotoausrüstung ausgestattet wor¬ 
den. Er war zunächst mit katala¬ 
nischen Genossen zusammen und 
wechselte dann zur Grupo Intbr- 
nacional der Columna Durruti, in 
der vor allem Franzosen und Deut¬ 
sche kämpften. 

Mitte September 1936 wurde die 
Grupo Internacional bei den Käm¬ 
pfen um die Ortschaft Sietamo ein¬ 
gesetzt, die nach schweren Ver¬ 
lusten erobert wurde. 14 Karl Brau¬ 
ner wurde durch einen Brustschuß 
schwer verletzt und zu seinem Be¬ 
dauern gingen dabei auch die zahl¬ 
reichen Fotos verloren, die er bis 
dahin geschossen hatte. 

Nach einem Lazarettaufenthalt 
entschloß er sich im November 
wieder an die Front zu gehen. 
Erneut schloß er sich der Grupo 
Internacional an, der zu diesem 
Zeitpunkt circa 100 Deutsche an¬ 
gehörten,und die ihr Quartier in 
Velilla de Ebro hatte. An der Ara¬ 
gonfront kam es im Winter und 
Frühjahr 1936/37 selten zu kriege¬ 
rischen Auseinandersetzungen mit 
den Franco-Truppen. Umso heftiger 
waren die Diskussionen um die von 








der Regierung geplante Militari¬ 
sierung der Milizen. Der über¬ 
legende Teil der Grupo Inter- 
n acional akzeptierte die Militari¬ 
sierung, allerdings mit gewichtigen 
Einschränkungen: Keine Gruß- 
PRicht, Gleiche Löhnung, Presse- 
Un d Diskussionsfreiheit und die 
Schaffung von Soldatenräten. 15 

Zusammen mit Ernst Galanty war 
Rarl Brauner an den Formulicrun- 
Sen dieser Forderungen beteiligt. 
Galanty, der die illegale KPDO in 
Leipzig geleitet hatte und den Karl 
rauncr dort unter seinem illegalen 
amen, aber nicht persönlich, gc- 
annt hatte, war im Oktober 1936 
v ° n Antwerpen nach Barcelona 
Sekommen. Er war zu diesem Zeit- 


Punkt noch Marxist, ging aber bc- 
* uß t zu einer anarchistischen Ein- 
C L. "Für einen, der aus der deut¬ 
schen Arbeiterbewegung kommt”, 
schrieb er in seinem ersten Bericht 
an die KPD-0 Genossen, "stellt die 
CA 7 7 -FAI die wesentlichste und 
interessanteste Erscheinung dar.” 16 
Lt Karl Brauner verband ihn bald 
c inc enge Freundschaft. 

Im Zuge der Militarisierung wur¬ 
de die Grupo Intcrnacional umbe- 
nannt in Compagnia Intcrnacional, 
die der 26. Division (der ehema- 
^gen Columna Durruti) des spa¬ 
nischen Volksheers angchörte und 
Quartier in dem Dorf Pina de 
Ebro hatte. Mit dieser Reorgani¬ 
sierung waren die Debatten in der 
Kompanie aber nicht zu Ende, son¬ 
dern gewannen erst an Schärfe. Mit 
Rudolf Michaelis, dem politischen 
Delegierten der Compagnia Inter- 
uacional, der die Soldatenrälc ab- 
lehntc, hatte cinc Gruppe um Ga- 
lanty, Brauner und die Schweizer 
Raul und Clara Thalmann scharfe 
Auseinandersetzungen, die schlie߬ 
lich dazu führten, daß sich diese im 
März 1939 von der Kompanie trenn¬ 
ten. 17 


Zurück in Barcelona schlossen 
sich Karl Brauner und Ernst Galanty 
und mit ihnen das DAS-Mitglied 
p aul Helberg im April 1937 dem 
sogenannten Todesbataillon (Ba¬ 
taillon de la Muerte) an. Das Todes¬ 
bataillon, das von dem anarchisti¬ 
schen Wirtschaftsministcr Santillan 
ms Leben gerufen worden war, 
unterstand der katalanischen Re¬ 
gierung und galt als eine der best 


ausgebildeten anarchistischen 
Einheiten. Die Ausbildung fand in 
einem Schloß in der Nähe Barce¬ 
lonas statt. Im Juni 1937 wurde das 
Todesbataillon bei der republika¬ 
nischen Offensive an der Aragon¬ 
front eingesetzt. Das Todesbatail¬ 
lon erhielt den Befehl anzugreifen, 
obwohl den 900 Männern nur 150 
Gewehre zur Verfügung standen. 18 
Die Waffen sollten während des 
Gefechts erbeutet werden. Solche 
Befehle wurden von der kommu¬ 
nistisch dominierten Armeeführung 
gegeben, um die anarchistischen 
Einheiten zu verheizen. Wegen 
Befehlsverweigerung wurde ein 
Kommandant zum Tode verurteilt, 
Karl Brauner, Ernst Galanty und 
Paul Helberg zu zwanzig Jahren 
Zwangsarbeit verurteilt. 

"Natürlich sind wir keine Ge¬ 
fängniswärter, sondern simple "In¬ 
sassen”! schrieb Karl Brauner an 
seinen Freund Kurt Lehmann. 

"Manches Mal erinnere ich mich 
jener Gespräche damals, während 
unseres gemeinsamen Frontlebens 
in Velilla oder Pina. Meine Fresse, 
wie kann der Schein uns täuschen 
und verdammt alles, wöj damals 
scheinbar fest stand , trudelte lustig 
mit. Ja, damals... 19 

Die drei Gefangenen wurden in 
der Festung Cartena inhaftiert. Zu¬ 
nächst gelang Karl Brauner und 
Ernst Galanty und später auch Paul 
Helberg die Flucht. Ernst Galanty, 
dessen ursprünglicher Name Isi 
(-dor) Klappholz war, verließmiteinem 
von Karl Brauner präparierten Paß auf 
seinen neuen Namen Spanien und ging 
von dort nach Norwegen. Karl Brauner 
lebte weiter in Barcelona, wurde aber 
im Juli 1938 erneut verhaftet und fast 
bis zum Ende des Bürgerkriegs in einer 
Kaserne in Barcelona inhaftiert. In 
dieser bösen Zeit wurde er von einem 
ehemaligen Genossen in der Grupo 
International, dem Bochumer Kommu¬ 
nisten Robert Schreiber, der inzwischen 
zum Hauptmann der Interbrigaden 
avanciert war, unterstützt. 

Nach der Eroberung Barcelonas 
am 25Januar 1939 durch Franco- 
Truppen fand sich Karl Brauner in 
dem eine halbe Millionen Men¬ 
schen umfassenden Flüchtlings- 
strom wieder, der sich in Richtung 
französische Grenze bewegte. Dort 
wurde er in dem Lager Argeles- 


sur- Mer interniert. Das Lager war 
nichts anderes als eine mit 
Stacheldraht umzäunte und von 
französischen Kolonialtruppen 
scharf bewachte Sandfläche am 
Strand. Die Verhältnisse waren 
lebensbedrohend, und erst nach 
Parlamentsdebatten am 10.März 
besserte sich die Lage ein wenig. 

Mit dem Berliner ‘Vagabunden- 
Dichter’ und Anarchosyndikalisten 
Helmut Klose, der nach den Mai- 
Tagen in Barcelona von der kom¬ 
munistischen Geheimpolizei als 
‘Konterrevolutionär’ verhaftet 
worden war und bis Dezember 1938 
in spanischen Gefängnissen ge¬ 
sessen hatte, teilte sich Brauner ein 
Loch im Sand, daß ihnen als Schutz 
vor dem kalten Wind diente. Zu 
ihrem Freundeskreis zählten noch 
Frank Hartmud Beriet und Egon 
Illfeld. Beriet, ein Rechtsanwalt aus 
Chemnitz, war Offizier im Ersten 
Weltkrieg und danach Mitglied der 
Freikorps. In den zwanziger Jahren 
schloß er sich jedoch der Liga für 
Menschenrechte an und machte sich 
einen Namen als Verteidiger von 
Antifaschisten. Ihm wurde die Zu¬ 
lassung als Anwalt von den Nazis 
entzogen und im Oktober 1933 
emigrierte er nach Spanien. Wegen 
seiner militärischen Kenntnisse 
avancierte er während des Bürger¬ 
kriegs bis zum Divisionskomman¬ 
danten im Range eines Oberst. 
Beriet, der auch in Konflikt mit 
den Kommunisten geraten war, 
kämpfte deshalb in einer spanischen 
Einheit und nicht bei den 
Interbrigaden. Egon Illfeld war 
ursprünglich Kommunist gewesen 
und saß zu Beginn des Bürgerkriegs 
in einem spanischen Gefängnis. 
Unmittelbar nach der Revolution 
schloß er sich der Gruppe DAS an. 
Nach den Mai-Tagen in Barcelona 
wurde auch er verhaftet und bis 
April 1938 inhaftiert. 

Im April 1939 wurden die aus¬ 
ländischen Spanienkämpfer aus den 
Lagern Argeies und St.-Cyprien in 
das Lager Gurs in den Pyrenäen 
verlegt. Dort kam es sofort zu 
scharfen Konflikten zwischen der 
Lagerleitung, in der die Kommu¬ 
nisten die Mehrheit hatten, und 
einer großen Gruppe von Spanien¬ 
kämpfern, die sich deren Diktat 
nicht unterwerfen wollten. Über 


SF 4/94 [59] 










Im Lager Gurs: (von links): Karl Brauner, Egon Illfeld, Frank Beriet und 
Helmut Klose 


100 von insgesamt 600 deutschen 
Spanienkämpfern organisierten 
sich separat im deutschen Lager 
und nannten sich nach dem Namen 
ihres Quartiers 9.Kompanie. Von 
den 121 Mitgliedern der 9.Kom¬ 
panie waren 41, die meist auf Seiten 
der Anarchisten bzw. der links- 
kommunistischen POUM gekämpft 
hatten, dem stalinistischen Terror 
in Spanien zum Opfer gefallen und 
dort inhaftiert gewesen. Beriet, 
Brauner, Klose und Illfeld gehörten 
zum sogenanten “Redaktionsko- 
mitee , der inoffiziellen Leitung 


der 9.Kompanie. 20 Im Oktober 1939 
wurde Karl Brauner aus dem Lager 
entlassen. Über sein weiteres 
Schicksal schrieb er seinem Freund 
Helmut Klose, der seit 1939 in Eng¬ 
land lebte, nach dem Kriege: 

"Mein Lebensweg nach unserer 
Trennung gleicht dem Bilde einer 
Mondlandschaft. Alle Vorstellung , 
die wir Menschen von einer solchen 
haben können, verkörpern sich 
darin: Eiseskälte, sengende Hitze, 
pechschwarze Dunkelheit und 
blende Helle, öde Wüste, schauer¬ 
liche Grüfte, Zerrisssenheit und 


Jod, Ekel und - trotz alledem Liebe, 
warme versöhnende Liebe! Noch 
steht mir jener sonnige Tag unseres 
damaligen Abschieds vor Augen, 
dann kam jene Katastrophe, jener 
/ rrsinn, der die Welt aus den Angeln 
zu heben schien. Da begann sich 
der Mühlstein zu drehen. 

Ich arbeitete damals in der Foto¬ 
grafie des Lagers . Durch diese 
Tätigkeit gelang es mir zuweilen, 
in die Stadt, nach Pau tu kommen. 
Bald wurde Pau meine “Schlaf¬ 
stelle”. Es gelang mir vermittels 
meiner dort gewonnenen Bekann¬ 
ten, Arbeit zu bekommen. (...} Schon 
nach wenigen Tagen hättest Du 
mich als perfekten “Kohlenhänd¬ 
ler” hantieren sehen können. (...) 
Der Umgang mü den Zivilisten half 
mir in wenigen Wochen über die im 
Lager schier unüberwindlichen 
Klippen der französischen Sprache 
hinweg und so kam es, daß sich 
bald recht zarte Beziehungen zu \ 

einer kleinen Guten entwickelten. \ 

Bei meiner Gründlich* und Unbe¬ 
fangenheit in solchen Dingen, 
legten wir rasch unsere wenigen 
Habseligkeiten zusammen und 
teilten redlich das wenige Gute was 
uns das Leben zu Meten in der La ge 
war. Helmut, das war Sonnen¬ 
schein. 

Bald gab ich das Kohlengeschäft 
auf und trat als Fötograph an . tiier 
nun fanden Anlagen in mir Befrie¬ 
digung, die das Ganze noch glück- 
licher gestalteten * - Da kam das 
Unheil über die Nacht. Das 
zweite Mal war es mir vergönnt, 
eine Staatsmaschine in die Brüche 
gehen zu beobachten. Frank Beriet 
war die ganze Zeit bei mir in Pbu, 
auch er war KohUtnschlepper. Noch 
che es zum vollständigen Zusam¬ 
menbruch kam * sperrte man uns in 
ein Lager, Ich kam nach Gurs, 
Frank nach ü ordeaux* I j 

Schon nach 14 Tagen aber konnte 
ich mit eigenen Augen sehen, wie 
sich die bis daMn so übermächtige 
Garde Mobile versuchte in ein 
Nichts aufzulösem Sie fraßen aus 
der Hand. In jener Panikstimmung 
unter den Häuptlingen ebenso it de 
unter der Bewachung, löste sich 
alles in Wohlgefallen auf Fort, weg 
aus Frankreich! Und nun setzte eine 
wilde Jagd nach der Atlmtikküstc 


[601 SF 4/94 







Durch deutsche Seeleute der 
nternationalcn Transportarbeiter 
Föderation (ITF), mit denen er sich 
jT 1 Spanien befreundet hatte, war 
Karl Brauner in Kontakt mit der 
r anzösischen Transportarbeiter- 
Gewerkschaft gekommen. 22 Brauner 
w ^r m Gurs von dem schon er¬ 
mähnten Kurt Lehmann, der sich 
damals in Marseille aufhielt, 
unterstützt worden. So erhielt er 
eine Anlaufadressc in Marseille. 
Karl Brauners ‘Arbeit' bestand aus 
der Fälschung von Visa des uru¬ 
guayischen Konsulats. Durch De¬ 


nunziation kam die Polizei auf seine 
Spur. 

“Die Zeit war um und ich lebte 
noch; mit 48 kg “Lebendgewicht” 
sollte ich die nächste Hunger-Kur 
durchmachen .” Karl Brauner wurde 
in das Internierungslager Les Milles 
eingeliefert. Dort trifft er auf den 
ITF-Seemann Harry Bahlke. Die 
beiden flohen aus dem Lager und 
tauchten in Marseille unter. Bei 
einer christlichen italienischen 
Sekte fanden sie Unterschlupf. 
Willy Joseph, einer ihrer Genossen 
aus Spanien, schrieb aus New York 


im Juli 1941 an Edo Fimmen, den 
Generalsekretär der ITF, daß er 
von den beiden “einen verzwei¬ 
felten Brief aus Marseille” erhalten 
habe. 23 

Durch die ITF erhielt Bahlke 
kurze Zeit später ein Visum für 
Mexico, wo er sich nach seiner An¬ 
kunft sofort darum bemühte mit 
Hilfe der ITF auch ein Visum für 
Karl Brauner zu beschaffen. Edo 
Fimmen, der zu diesem Zeitpunkt 
schwer krank in Mexico lebte, 
wurden von der mexikanischen 
Regierung fünf Visa zugesagt. Auf 


e * n ’ Schiffe waren da, aber die 
leisten kamen nicht mit. 

Kamen nicht mit,..drei einfache 
Worte. 

Was sich dabei abspielte, war 
ober bei weitem nicht so einfach. 
Die Deutschen kamen an der Küste 
entlang; Züge rollten nach dem 
Mittelmeer. Unter diesen Fläch¬ 
enden Frank, Irma Götze und ich 
zusammen, alle anderen Bekannten 
waren in alle Winde zerstoben, 
bewegten sich in die gleiche Rich- 
tli ng: nach dem Mittelmeer, 
in Port Vendres, einem kleinen 
iafen an der spanischen Grenze, 
setzten wir uns fest. Irma Götze 
tra f ich im Moment vor Auflösung 
des Lagers Gurs durch Zufall. Wir 
atten uns auseinander gelebt, ich 
fand keine Beziehung mehr, und 
wir beschlossen uns zu trennen. Das 
geschag nicht ohne Schmerzen. 

r ank blieb. Das Leben war 
anfangs kümmerlich. Ich bekam 
rbeit bei einem Fotographen. Gute 
-eiten. Bis die Polizei, erholt von 
etn Schrecken, die Arbeit wieder 
aufnahm. Damit war es mit der 
Ruhe vorbei . 

Wir gingen nacn Marseiile, ivun 
kommt es dick. (...) Ich bekam Kon- 
{ akt mit Seeleuten und der Trans- 
Rartarbeitergewerkschaft. Mit 
aenen arbeite ich in der illegalen 
J udeneinschiffung. 1940 im Januar 
Platzte der Laden. Ich ging hoch 
und hatte ‘Ruhe'. Ein Jahr im Bau, 
e * n Jahr Hunger und Verzweiflung. 

[ e Schilderung dieses Jahres 
Möchte ich Dir ersparen, aber ich 
glaube in Deiner 'Ballade vom 
Sc hlirnmen Schiff hast Du ähn- 
Itches geschildert.” 21 


Beispiel der Zeichnungen von Karl, diese entstand im Leipziger Gefängnis, 
1942 

Alle Fotos: Archiv: Karl Brauner 






der von Bahlke vorgeschlagenen 
Liste stand auch Karl Brauner. Aber 
die eingereichte Liste bei der 
mexikanischen Regierung enthielt 
nicht mehr seinen Namen. Babette 
Gross, die Frau von Willy Münzen¬ 
berg, war mit Fimmen und dessen 
Frau eng befreundet. Aufgrund 
dieser Beziehung kam nicht Karl 
Brauner, sondern ein Mitglied der 
Münzenberggruppe auf die Liste.* 1 

Vermutlich wäre dieses Visum 
zu spät gekommen. Karl Brauner 
war zwischenzeitlich wieder 
verhaftet und interniert worden. 
"Das war zu viel. Mit 2 anderen 
beschlossen wir zu türmen. Es 
gelang. Wir passierten die 
Demarkationslinie. Bei Cha-lons 
sür Saöne ging die Sache schief. 
Wir waren leichtsinnig gewesen. 
Die Deutschen schnappten uns. Der 
Plan war, in Paris unterzutauchen. 
Paris war besetzt und die 
französische Polizei sabotierte die 
Maßnahmen der Deutschen. Für 
unseresgleichen bedeutete das eine 
Erleichterung. Der Plan war gut, 
die Ausführung mangelhaft. 

Also, man greift mich, erkennt 
mich und ab ging’s nach Deutsch¬ 
land. Wieder einfache Worte. Mit 
Grauen noch gedenke ich jener 
Stunden bei der Gestapo in Cha- 
lons, in Leipzig begann das Theater 
von neuem. Auch das ging vorüber. 
Während der Verurteilung in Dres¬ 
den tauchte Irma auf. Man hatte sie 
einige Monate früher in Paris ge¬ 
fangen und auf Grund derselben 
Affäre, die im Jahre 33-34 statt¬ 
fand, zu 2 Jahren Zuchthaus ver¬ 
urteilt. Ich bekam 2 H2 Jahre." 

Hinsichtlich dieses Urteils hatte 
Karl großes ‘Glück’ im Unglück. 
Denn er wurde nur wegen Aktivi¬ 
täten in der Leipziger ‘Meute’ und 
der illegalen Arbeit für die FAUD 
verurteilt. 25 Wenn die Gestapo nur 
geahnt hätte, daß er an den Aktionen 
gegen deutsche Einrichtungen in 
Barcelona beteiligt gewesen war, 
hätte dies sein Todesurteil bedeutet, 
wie im Fall des Essener Spanien¬ 
kämpfers Erich Mambrey. 26 

Karl Brauner kam nach seiner 
Verurteilung in das Zuchthaus 
Waldheim. "Hier scheint aber das 
'schlimme Schiff ein Waisenknabe 
gewesen zu sein", schrieb er an 


Helmut Klose. Es waren die 2 1/2 
letzten Jahre des Hitlerregimes. Das 
sagt alles. Die Auswirkungen all 
der Unruhe und Haftzeiten began¬ 
nen sich an meiner physischen 
Konstitution auszuwirken. Eines 


hatte, ich aber konnte es von ihm 
nicht mal ahnen. Ich weiß nicht, 
was ich davon denken soll." 

Paul Helberg hatte sich nach dem 
Kriege von seiner anarchistischen 
Vergangenheit distanziert. Briefe 


1 ages, aufgrund einer Reihenunter¬ 
suchung der ‘Wehrmacht’, stellte 
man fest, daß ich Lungen TBC hatte. 
Das war so ungefähr der mächtigste 
Schlag, den ich je erhalten habe. 3 
Tage hatte ich damit zu tun. 3 Tage 
währender Kampf zwischen Ver¬ 
nunft und Verzweiflung, Dann 
siegte mein ungebrochener jjebetmh : 

wille, und das war meine Rettung. 
Die Nazis hatten mit Kränken nur 
Last. Deshalb weg mit ihnen. Wir 
TBC Kranken lagen in einem für 
diese Zwecke geeigneten, aus dem 
Mittelalter stammenden, Zellen¬ 
hause. 120 Mann Besatzung, jede 
Woche starben davon 25 bis 30. 
Durch Zugänge blieb diese Zahl f 
immer auf ungefähr gleicher Höhe. / 
Durch glückliche Umstände, vor '■ 
allem durch mein Malertalent ka4 
ich dann noch ein Jahr nackt^*' 
Schlesien. Dort war es erträglich. 

Im Januar ’45 befreiten mich die 
vordringenden Russen. 14 Tage 
wären mir noch an der Verbüßung 
der Strafe geblieben. | 

Karl Brauners ‘‘MalertalÄif;i#|# 
in allen Knästen seine Lebens 
Sicherung. Ob in Marseille, in, 
Leipzig oder in Waldheitn» öS 
fertigte er aus Fotogräphie# V 
lagen, Zeichnungen für die Wär 
oder Kapos an. Dafür erhielt er fe||ff 
sätzlichc Lebensmittel, 

Waldheim setzte sich ein Wärter 


■ 

KillÄli 

mm 


Slillil 


dafür ein, daß er in das Zuchthtfe 
für Lungenkranke in Glatz / SeKfe- 
sien kam. 

Nach dem Zusammenbruch Ä|| 
Nazi-Regimes ging Karl Brapnep 
zurück nach Leipzig. "Hier habe 
ich mir nun in einem graphischen 
Betrieb eine Meisterstellung er¬ 
arbeitet und finde so relative Be¬ 
friedigung” schrieb er an Klose. 
"Von unseren gemeinsamen 
Freunden traf ich am I.Mai, in¬ 
mitten eines großen Menschen¬ 
trubels, Paul Helberg. Paul lebt 
seit '45 in Leipzig und wir treffen 
uns zufällig. Er wußte, daß ich 
meine Zelte hier aufgeschlagen 


von seinen enemaligen Genossen 
in Schweden beantwortete er mit 
der Zusendung von offiziellen 
Materialien der SED. Mehrere 
Gründe mögen dafür entscheidend 
gewesen sein. Ende 1944 deser¬ 
tierte er als Soldat in Wuppertal 
Ci dort von der kommu- 
nifemilie des späteren 
enministers der DDR, Fritz 
ersteckt. Beider Leipziger 
üng erhielt er nach dem 
Mege eine leitende Stellung. Als 
Anarchist' hätte er im Osten 
Deutschlands wieder zu den ‘Ver¬ 
lierern’ gehört. Helberg war klein 
Einzelfall. Fast alle ehemaligen 
Leipziger iFAUD-Mitglieder, so 
auch Anna< und Irma Götze traten 
5#'' SEDbej. Ihre FAUD-Mitglicd- 
schaftidürde ihnen später als Par¬ 
teiangehörigkeit (für Sonderzah- 
lungen zusätzlich zur Rente, Arm. 
SF-fecL) angerechnet. Nicht zuletzt 
bundenheit und Soll¬ 
en kommunistischen 
sslnnen in den Zucht- 
KZ’s eine Rolle gc- 
e Tatsache, daß vicic 
on der Roten Armee 
en und sie aus diesem 
Dankesschuld gegen- 
jetunion empfanden, 
istische Widerstanbs- 
den sie in der DDR im 
zur BRD geehrt. Auch 
aelis und Willi Win- 
tschlossen sich trölz 
ungen in Spanien bc- 
Leben in der DDR. So 
chaelis der Meinung, 
DR konsequenter inil 
1 sozial ism us abgerec h - 

net wurde. 

Auch Karl Brauner war dieser 
Meinung. Trotz aller “Phrasedlo- 
gie war er überzeugt, daß in der 
DDR ein Stück weit der Sozia¬ 
lismus verwirklicht worden sei, 
obwohl er dort zunächst politisch 
im Abseits stand und seine Er¬ 
fahrungen aus Spanien ein Tabu 
waren. Er war weder als antifaschi¬ 
stischer Widerstandskämpfer ancr- 




mhh 

Iteiif 


IBIII l 


[62] SF 4/94 










kannt, noch Mitglied der SED. Erst 
Drängen der ehemaligen 
AUD-Genossen Richard Thiede 
und Paul Helberg wurde er 1969 
uklivcs Mitglied der SED und später 
der PDS. 

frie Wiedervereinigung war für 

kein Grund zur politischen 
r eude, obwohl er sich Anfang 1990 
den lang ersehnten Wunsch erfüllen 
^°nnte, endlich noch einmal nach 
Panicn reisen zu können. “Spa- 
nien” war und blieb nicht nur bei 
Kar l Brauner die große Passion 
seines Lebens, auch wenn sie 50 
ahrc fast ausschließlich ‘privat’ 
gelebt wurde. "Außen abgekühlt, 
doch voller Glut im Inneren.” 

Anmerkungen 

* ^^1 Brauner an Dieter Nelles, 8. 5. 

1991. 

2 Zum Widerstand der FAUD vgl. 
zusammenfassend Wolfgang Haug: 
Eine Flamme erlischt”. Die Freie 
Arbeiter Union Deutschlands 
(Anarchosyndikalisten), in: IWK, 25. 

(1989), Heft 3, S. 359 -378. 
Helmut Rüdiger an Dora Rüdiger, 22.7. 
1935, in: IISG, Nachlaß Rüdiger. 

4 Ebenda, 12.8. 1935. 

^ Karl Brauner an Dieter Nelles, 24. 7. 
1993. 

b Helmut Rüdiger an Dora Rüdiger, 22.7. 

1935 

^ Richard CIcminson: First steps towards 
Mass Sex-Economy Therapy? Wilhelm 
Reich and the Spanish Revolution, 
Anarchist Studics, Nr.l (1993), S. 25- 
37 . 

^ Karl Brauner an Ulrich Linse, 4. 2. 
1991. 

9 Rudolf Michaelis, Es geschah 1936 in 
Barcelona, in: Berliner Zeitung (Ost), 
17.7. 1966, S.3. 

10 Schreiben des Generalkonsuls vom 24.7. 

1936 an das AA, in: Politisches Archiv 
des Auswärtigen Amtes, Bonn (PAAA), 
Pol.. III. 32, Bd.2. 

H Vgl. Protokoll über die Tätigkeit der 
DAS-Gruppe im Monat Juli-August, 
HSG, Archiv Rocker, Nr.550g; Historial 
del Grupo DAS de Barcelona, ebenda, 
Archiv FAI, Film 3, Bl. 404-407. 

12 Vgl. Schreibendes Generalkonsuls vom 
3- 11. und 6.11. 1936 an das AA, in: 
PAAA, Polin. 51. Bd. 21 . 

13 Gruppe DAS (Hg.), Schwarz-Rotbuch. 
Dokumente über den Hitler Imperia¬ 
lismus. Barcelona 1937. Das Schwarz- 
Rotbuch existiert nur noch in wenigen 
Exemplaren. 1937 erschien auch eine 
spanische Ausgabe. Die geplante fran¬ 


zösische und englische Ausgaben kamen 
wahrscheinlich nicht mehr zustande. 

14 Vgl. zu diesen Kämpfen und zur Spa¬ 
nischen Revolution im allgemeinen Abel 
Paz: Durruti. Leben und Tode des 
spanischen Anarchisten, Hamburg 1994 

15 Vgl. Resolution der deutschen Genossen 
der Grupo Intemacional, in: Soziale 
Revolution, Nr. 2., 11. L 1937. 

16 12.Bericht aus Spanien von Ende 
Dezember 1936, darin die Vorschläge 
Galantys und Brauners bezüglich der 
Soldatenräte, Arbeyderrölsens Arkiv 
Kopenhagen, Nachlaß Korbmacher, 
kästen 4. 

17 Zuden Auseinandersetzungen vgl. Clara 
und Paul Thalmann "Revolution für die 
Freiheit", Grafenau, S. und die 
Dokumente in Hans-Jürgen Degen / 
Helmut Ahrens (Hrsg.). “Wir sind es 

leid, die Ketten zu tragen...” Antifaschi¬ 
sten im Spanischen Bürgerkrieg, Berlin, 
S. 165 ff. 

18 Vgl. den Brief des Milicianos Patrick 
Hill an die FAI, 10. 7. 1937, IISG, 
Archiv FAI-Exterior, Film 80. 

19 Karl Brauner an Kurt Lehmann, Modem 

Records Centre Warwick (MRC), ITF- 
Papers, 159/3/C/b/24. 

20 Vgl. ausführlich Dieter Nelles: Die 
Unabhängige Antifaschistische Gruppe 
9. Kompanie im Lager Gurs, in: Helga 
Grebing / Christi Wickert (Hg.): Das 
“andere Deutschland" im Widerstand 
gegen den Nationalsozialismus. Bei¬ 
träge zur politischen Überwindung der 
nationalsozialistischen Diktatur im Exil 
und im Dritten Reich, Essen 1994, 

S. 56 - 85. 

21 Karl Brauner an Helmut Klose, o.D. 
(1946/47) 

22 Zu dieser bislang nicht erforschten 
Gruppe des deutschen Arbeiterwider¬ 
stands vgl. Hermann Knüfken: Über 
den Widerstand der Internationalen 
Transportarbeiter Föderation gegen den 
Nationalsozialismus und Vorschläge 
zum Wiederaufbau der Gewerkschaften 
in Deutschland - zwei Dokumente 1944/ 
45, eingeleitet von Dieter Nelles, in: 
1999, Zeitschrift für Sozialgeschichte 
des 20. und 21 .Jahrhunderts, 7. Jg., H.3, 
S. 64 -87. 

23 Willi Joseph an Edo Fimmen, 17. 7. 

1941, MRC 159/3/C/a/121. 

24 Vgl. Harry Bahlke an Hans Jahn, 7. 5. 

1942, ebenda, 159/3/C/a/l 11. 

25 Vgl. Anklageschrift und Urteil des 
Oberlandesgerichts Dresden, in: Bun¬ 
desarchiv Dahlwitz Hoppegarten ZC 
6578. 

26 Vgl. Dieter Nelles: Willi Winkelmann: 
‘Der Rote Konsul von Barcelona’. Ein 
Name und dessen Konsequenzen, in: 
Tatort Duisburg 1933-1945, Bd II, hg. 
von Rudolf Tappe und Manfred Tietz, 
Essen 1994, S. 513 -520. 


Bücher aus dem 
Trotzdem ik Verlag 


Paul und Clara Thalmann 

Revolution für die 
Freiheit 

Stationen eines politischen 
Kampfes 

Moskau - Madrid - Paris 

Clara und Paul Thalmann kamen beide 
aus der schweizer sozialistischen Ju¬ 
gend, sympathisierten mit der kom ; 
munistischen Opposition und schlos¬ 
sen sich in Spanien der POUM und der 
anarchistischen Kolonne Durruti an. 
Ihre Erinnerungen zählen zu den span¬ 
nendsten und authentischsten Erzäh¬ 
lungen und enden in Paris unter der 
deutschen Okkupation. 

400 S., Photos, 25.-DM 

Medienwerkstatt Freiburg 

Die lange Hoffnung 

Reise mit Clara Thalmann und 
Augustin Souchynach Spanien 

Interviews und Photos zum ZDF-Fiim 
im Kleinen Femsehspiel. Auf der Suche 
nach Spuren der spanischen Revolution 
mit zwei Beteiligten. Der Film lebt 
nicht zuletzt von der Unterschiedlich- 
keitder beiden "Revolutionäre aus einer 
anderen Zeit." 19,80DM 

Michael Schumann/HeinzAuweder 

A las Barricadas 

Triumph und Scheitern des 
Anarchismus im Spanischen 
Bürgerkrieg 

Mit Texten von Rosell (CNT). Varga 
(PCE), Bemeri (Anarchisten), Gorkin 
(POUM) und Souchy zu den "tra¬ 
gischen Mai-Tage 1937" als sich 
Anarchisten/POUMisten und Kommu¬ 
nisten in Barcelona Barrikadenkämpfe 
lieferten... 212S.,22.-DM 

Trotzdem irVerlag 
PF 1159 

D-71117 Grafenau/Württ. 
Tel. 07033-44273 


SF 4/94 [63] 










Der Angriff der 


Vergangenheit auf 
die Gegenwart: 


Die Erinnerung. 

taoul Peck und seine Filme 


"Erinnern: spanisch recordar, vom 
Lateinischen re-cordis, wieder durch 
das Herz leiten." (1) 

Eduardo Galeano 

Eine Frauenstimme, eine einfache 
Melodie, dazu der Refrain: 
"DreiBlätter,drei Wurzeln, wegwerfen 
heißt vergessen, aufheben heißt sich 
erinnern." 

Die Erinnerung zerreißt die Hitze und 
die Stille und das Schweigen. Am An¬ 
fang der Erinnerung steht die Musik, 
nicht das Bild. Die Musik kann die Ge¬ 
fühle und Erfahrungen einer ganzen 
Kindheit in sich aufnehmen: 

Den Schmerz, die Angst und das 
Lachen. Ein Bild kann das nicht. Die 
Bilder entstehen hinterher, zur Musik. 

Am Anfang der Erinnerungen von 
Sarah steht dieses Lied, damit beginnt 
der Film L’HOMME SUR LES 
QUAIS. 

“Mir ist, als ob es gestern gewesen 
wäre, doch es ist lange her.” Haiti 
Anfang der 60er Jahre. Erst jetzt setzt 
sich die Kamera in Bewegung. Von der 
Straße die Hausfassade hinauf, in den 
ersten, zweiten Stock. Die Fahrt hält 
inne vor einer roten Tür, und ein Schnitt 
trennt das iichtduichflutete Außen von 
der dunklen Geborgenheit eines Dach¬ 
bodens. Die Annäherung der Kamera- 
Erinnerung an das Trauma. Eindring¬ 
liche Minuten lang. 

Eine Frauenstimme erzählt: sie, Sa¬ 
rah, war damals 8 Jahre alt, “als der 
Boden derGroßmutternoch ein richtiger 
Boden war”. Für Sarah liegt dort kein 
Detail zufällig, es gibt eine Ordnung 
der Dinge, wie es eine Ordnung der Er¬ 
innerung gibt. 


Sarah tritt auf den Balkon hinaus und 
das Draußen zerstört die Geborgenheit 
des Drinnen. Das blutverschmierte Ge¬ 
sicht ihres Patenonkels Gracieux Sorel. 
Sarah siehtihren Vater bei den Folterern 
stehen, in seiner Hauptmannsuniform 
der haitianischen Armee. Sarah sieht, 
wie auch ihr Vater von den Folterern 
niedergeschlagen wird. Damals konnte 
sie nicht verstehen, die Bilder jedoch 
haben sich tief eingegraben. Als er¬ 
wachsene Frau beginnt sie zu verstehen. 
Die Erinnerung wird zum Alptraum, 
doch Ausgangspunkt ist die Realität. 
“Es ist nur ein böser Traum, es ist nur 
ein böser Traum”, aber das sind nur die 
tröstenden Worte der Großmutter. Wie 
die nächtlichen Träume den Tag be¬ 
stimmen, so bestimmt die Erinnerung 
die Gegenwart. 

DieFrauenstimmesuchtnachZusam- 
menhängen der Ereignisse, sie sucht 
nach Daten und einer Reihenfolge. "Er¬ 
innerungen tauchen auf, die Chrono¬ 
logie kommt durcheinander.” Die Er¬ 
innerung springt, hängt sich fest an 
Einzelheiten, verwischt sich, und so 
bestimmt die Struktur der Erinnerung 
die Struktur des Films. 


Haiti - 

Erinnerung und Geschichte 

1957 kam der Arzt Francois Duvalier 
mit Hilfe der Militärs an die Macht. Bis 
zu seinem Tod im Jahre 1971 etablierte 
“Papa Doc” ein totalitäres Regime, des¬ 
sen Herrschaftsstrukturen die haitiani¬ 
sche Gesellschaft bis heute durchdrin¬ 
gen. Neben der Unterstützung der USA 
sicherte vor allem die paramilitärische 


Organisation VSN (Freiwillige der 
Nationalen Sicherheit),besser bekannt 
unter dem Namen “Tontons Macoutcs”, 
Duvaliers Position. Ähnlich derToiles- 
schwadronen in Mittelamerika stanldcn 
die “Macoutes” für willkürlichen Terror. 
Aber auch der Terror folgt einer Logik. 
Der Bevölkerung wurde mit Folterun¬ 
gen und Morden Angst eingebrannt, 
die jeden Gedanken an Widerstand 
schon im Keim ersticken sollte. Als 


^mvaiarmee Duvaliers bildeten; die 
Tontons Macoutes"darüberhinauseinc 
Gegenmacht zu den Militärs. 

Sarahs Vater, Francois Jansson. ist 
Hauptmann der haitianischen Armee in 
einer kleinen Stadt. Bei der Folterung 
von Sorel, Sarahs Patenonkel, kommt 
es zwischen Jansson und Janvier, dem 
örtlichen Chef der “Tontons Macoutcs”, 
zur Eskalation eines schon seit langer 
Zeit schwelenden Machtkampfes, i 

Jansson und seiner Frau Gisbie gelingt 
es, das Land zu verlassen. Sarah und 
ihre beiden älteren Schwestern bleiben 
zurück und leben versteckt auf dem 
Dachboden ihrerGroßmutterDesrouil- 
l&re, immer in der Angst, Janvier in die 
Hände zu fallen. Die Großmutter trotzt 


Janviers Gewalt und versucht, die Kin¬ 
der aus der Stadt zu bringen. Die ^cr- 
suche mißlingen, die die helfen wollen, 
werden Opferder‘Tontons Macoutcs”. 
Janvier kann den Widerstand von Dcs- 
rouillere nicht brechen, worauf er sic 
verhaften läßt. Die Großmutter kommt 
aus dem Gefängnis nicht mehr zurück. 


“KULTUR DES TERRORS" 


Der sichtbare Kolonialismus macht 
Dir nichts vor: er verbietet Dir das 





[64] SF 4/94 













Wort, er verbietet Dir das Handeln, er 
verbietet Dir das Leben. 

Der unsichtbare Kolonialismus da¬ 
gegen redet Dir ein, daß Unterwür¬ 
figkeit Dein Schicksal sei und Ohnmacht 
Deine Natur. Er redet Dir ein, daß man 
das Wort nicht egreifen kann, daß man 
nicht handeln, daß man nicht leben 
kann.(2) 

Eduardo Galeano 

“MIKROPHYSIK DER MACHT 

Die Macht gibt es nicht. (...) Bei der 
Macht handelt cs sich sich in Wirklich¬ 
keit um Beziehungen, um ein mehr oder 
weniger organisiertes, mehr oder we¬ 
niger pyramidialisiertes, mehr oder 
weniger-koordiniertes Bündel von Be- 
z lehungen.(3) Michel Foucaull 

Macoutcs Assasins” - die Straßen sind 
wie ausgeslorbcn und die frische, rote 
Farbe auf der weißen Haus wand klagt 
die Mörder an. Dort, wo die Angst das 
Schweigen hervorbringt, hat das Wort 
Macht, doch d ic Macht des Wortes wird 
ahtder Macht der Gcwaltgcstraft. Aber 
Manchmal gerät die Macht der Autorität 
ins Wanken. 

Janvier hält seinen Jeep an, steigt aus 
dem Wagen, fährt mit dem Finger über 
die frische rote Farbe und hat das Blut 
seiner Opfer an den Händen. Dieser 
^teSchrift/.ugzerreißtdieObernächen- 
°rdnung und das Schweigen. Vor einer 
deinen Bar nebenan lehnen einige Män¬ 
ner, andere spielen Karten. Janvier geht 
auf sie zu, und jeder muß seine Hände 
v orzcigcn. In jeder Bewegung, in jedem 
Slick liegt das Bczichungsgcflccht der 
Macht. Aber dieses Bczichungsgcflccht 
] st brüchig und kann schon durch einen 
Blick, der standhält, ins Wanken gera¬ 
ten. 

Dieser Film ist auch ein Film der 
Blicke. Blicke zwischen derGroßmutier 
and Janvier, zwischen Opfer und Fol¬ 
terer, Angriff und Verteidigung. Und 
zwischen den Sätzen liegt eine Stille, 
die die Luft zum Almen nimmt. Angst 
VOr den Wörtern, wenn Wörter den Tod 
l^cutcn können. 

Der Angriff der Vergangenheit auf 
die Gegenwart: die Erinnerungen, die 
Sarah selbst nach 30 Jahren nicht schla¬ 
fen lassen. Diese Erinnerungen sind 
nicht ein abstraktes Rekonstruktions- 
System für Vergangenes, sondern kon¬ 
kreter Bestandteil von Handlungen und 
Verhaltensweisen, die ihre Gegenwart 


prägen. Wenn Sarah sich an die Angst 
erinnert, die sie damals hatte, meint sie 
vor allem die alltägliche Angst, die sie 
über die Jahre hinweg verinnerlicht hat 
und die ihr heutiges Leben noch immer 
bestimmt. 


Persönliche Erinnerung und 
kollektive Geschichte 

1960 bekam der Vater von Raoul Peck, 
ein Agraringenieur, das Angebot, für 
die UNO im damaligen Belgisch-Kon- 
go zu arbeiten. Als die Familie Peck 
Haiti verließ, war Raoul 8 Jahre alt. 
Was Raoul Peck als Kind nicht versland, 
versteht er heute umso besser. Die per¬ 
sönliche Erinnerung und Lebenserfah¬ 
rung sind der Ausgangspunkt für seine 
Recherchen und das Verstehen-Wollen. 
Deshalb macht er heute Filme. Die Zu¬ 
sammenhänge zwischen seiner persön¬ 
lichen Erinnerung und der kollektiven 
Geschichte. 

Der Angriff der Vergangenheit auf 

die Gegenwart: die bewußte Erinnerung, 

die Mechanismen aufzeigt, und dazu 
beiträgt, das lähmende Gefühl, das diese 
Erinnerung auslöst, zu überwinden. 

Drei lange Filme konnte Raoul Peck 
bisher realisieren: 

HA1TIAN CORNER (1987/88), 
LUMUMBA - LA MORT D’UN 
PROPHETE (1991) und L’HOMME 
SUR LES QUAIS (1993). Die Erin¬ 
nerung ist Dreh- und Angelpunktdieser 
Filme. Der Prozeß des Erinnems, das 
Vcrhaftct-sein mit den Erlebnissen. 
Aber immer auch die persönliche Er¬ 
innerung des Filmemachers Raoul Peck 
an seine Kindheit. Diese thematisierter 
ganz offen in dem dokumentarisch¬ 
essayistischen Film über den Revolu¬ 
tionär Patrice Lumumba, den ersten 
Ministerpräsidenten des unabhängigen 
Kongos. Peck verwendet dabei bei¬ 
spielsweise Super-8-Aufnahmen, die 
sein Vater im damals noch “Bclgisch- 
Kongo” machte. 

In HAITIAN CORNER und 
L’HOMME SUR LES QUAIS findet 
sich seine persönliche Erinnerung im 
Rahmen der Story, der Personen, der 
Atmosphäre wieder. 

Eigentlich ist das nichts Neues. Viele 
Filmcmachcrlnnen verarbeiten ihre 
eigene Vergangenheit. Die Palette reicht 
vonFilme-machcn-als-Therapie-Filme 
bis hin zu Nanni Morettis CARO DIA- 


RIO, wenn der Regisseur “Ich” sagt 
und sich selber spielt. 

Außergewöhnlichan Peck istder Rah¬ 
men, in den erseine Erinnerungen stellt. 
Teile der persönlichen Geschichte im 
Zusammenhang mit der kollektiven 
Geschichte. Der/die Zuschauer/in 
kommt an den Punkt, wo er/sie nicht 
mehr sagen kann: Mein Gott, was inte¬ 
ressiert es mich, wenn die in Haiti sich 
gegenseitig umbringen. 

HAITIAN CORNER und 
L’HOMME SUR LES QUAIS sind 
auch Filme über Haiti, aber sie gehen 
weit darüber hinaus. Die Story gewinnt 
einen exemplarischen Charakter, der 
sich von Ort und Zeit löst, und Haiti als 
Schauplatz exotischer Grausamkeiten 
verläßt. In L’HOMME SUR LES 
QUAIS werden Mechanismen 
aufgezeigt, die Michel Foucault als 
“Mikrophysik der Macht” bezeichnete. 
Wie konstituiert sich die Macht in ihren 
feinsten Verästelungen, in den 
Beziehungen der einzelnen Personen 
zueinander? Wo entsteht Macht, oben 
oder unten? Ist die Vorstellung von der 
Macht als starre Pyramide über-holt? 
Ist sie nichteherein dynamisches Etwas, 
das die Gesellschaft und die Individuen 
durchzieht und den Alltag dereinzelnen 
Menschen bestimmt? Des Alltags der 
Macht nimmt sich Raoul Peck in 
L’HOMME SUR LES QUAIS an. Und 
des Widerstandes gegen die Macht im 
All tag. Die Großmutter Desrouillere und 
Sorel. Ihr Widerstehen kratzt am Lack 
der Macht, auch wenn es für sie tragisch 
endet. Dies zeigt um-so mehr, daß die 
Macht sich auf unterschiedlichen 
Ebenen durch vielfältige Strukturen und 
gesellschaftliche Kräfte konstituiert. 
Erst durch Eingriff auf allen diesen 
Ebenen kann die herrschende Macht 
verändert werden. 

Der Angriff der Gegenwart auf 
die Vergangenheit 
»HAITIAN CORNER« 

“TRENNUNGEN” 

Wenn die Vergangenheit der Gegen¬ 
wart nichts zu sagen hat, kann die 
Geschichte weiterschlummern ohne zu 
stören, im Schrank, in dem das System 
seine alten Masken aufbewahrt. Das 
System löscht unser Gedächtnis oder es 
füllt das Gedächtnis mit Müll. 4 

Eduardo Galeano 


SF 4/94 [65] 






“DEN PERSÖNLICHEN SCHMERZ 
ÜBERWINDEN” 

Ich mußte mich recht intensiv mit mir 
auseinander setzen, umzu verstehen, daß 
es da diese tiefe, persönliche Erfah¬ 
rung des Einzelnen gibt, der allein ist 
mit seinem Schmerz t daß aber diese 
Wunde auch einen kollektiven Aspekt 
hat . Und nur durch den kollektiven 
Aspekt kann der Einzelne den Mut fin¬ 
den, dem persönlichen Schmerz ins Ge¬ 
sicht zu schauen, ihn zu überwinden 
und auch zu verstehen. 5 

Raoul Peck 

Ein Thema mit Variationen - “New 
York ist nicht Haiti”, so der Untertitel 
des 1988 gedrehten Films über Exil- 
Haitianerlnnen in New York. Ein Mann 
begegnet in New York seinem Folterer 
wieder - eine flüchtige Begegnung. Die 
Bilder des Schmerzes und der Ernie¬ 
drigung tauchen auf, führen zu einer 
verzweifelten Suche und verhindern das 
Funktionieren im alltäglichen Leben. 
Die Erinnerungen und dieser Schmerz 
übertönen die gut gemeinten Ratschläge 
seiner Freunde und Familie, zu verges¬ 
sen und weiterzumachen. Es sind die 
Ratschläge all derer, die sich mit der 
Verdrängung und der Zukunft ange¬ 
freundet haben. Die sich arrangieren, 
sich einrichten, sich Erklärungen und 
Entschuldigungen zurechtlegen. Das 
Thema verdichtet sich an Hand der Fra¬ 
ge, wann die persönliche Rache die 
Dimension einer politischen Tat erreicht 
und spitzt sich am Ende in der Kon¬ 
frontation von Opfer und Folterer zu. 
Ähnlich wie in “L’homme sur Ies quais” 
bewegen sich die Protagonisten, der 
“Gute” und der “Böse” in einer dif¬ 
ferenzierten Abstufung von Grautönen. 
Auch der Folterer wurde von dem Du- 
valier-Regime fallengelassen, nachdem 
er seine Funktion erfüllt hatte und muß 
als Koch in einem kleinen Restaurant in 
New York arbeiten. Das Duell findet in 
der Küche statt, aber die Pistole sinkt 
vordem Todesschuß. Diese persönliche, 
gegenwärtige Rache wird zum Angriff 
auf die Vergangenheit, ist Ausdruck 
der Annahme der Vergangenheit und 
damit der erste Schritt einer Auseinan¬ 
dersetzung, die Bewältigung findet viel 
später stau. 

In den USA leben mittlerweile 1,5 
Millionen Haitianerlnnen. Diese große 
Gemeinde erklärte Aristide 1990in sei¬ 
nem Wahlkampf zum 10. Departement 


Haitis. Unter den Exil-Haitianerlnnen 
besteht eine eng vernetzte Organisa¬ 
tionsstruktur, die auch bei Spontan- 
aktionen 50-100.000 Menschen mobi¬ 
lisieren kann. Das Terrorregime der 
Duvaliers beunruhigte die US A so lange 
nicht, wie sich die Anzahl der haitia¬ 
nischen Flüchtlinge für sie in über¬ 
schaubarem Ausmaß hielt. Vor allem 
weil die USA in den 6oer und 7oer Jah¬ 
ren vom Privatkapital und der Arbeits¬ 
kraft der Exil-Haitianerlnnen profitierte. 
Heute wird das gehätschelte Kind der 
USA zur Belastung. Die Form der Poli¬ 
tik ändert sich, nicht jedoch die Inten¬ 
tion. 

Und am Schluß treffen HAITAN 
CORNER und L’HOMME SUR LES 
QUAIS wieder zusammen. Opfer und 
Peiniger stehen sich gegenüber. Wo die 
Pistole in der schäbigen Küche in dem 
New Yorker Restaurant sinkt, drückt 
Gracieux Sorel am Strand von Haiti ab. 
Janvier muß sterben. Aber am Ende 
steht nicht der Tod. 

Die Kamera schwenkt weg, hin zum 
offenen Meer. Der Strand, ein Baum, 
das Meer. Die Öffnung des Raumes. 
Nicht nur das Schlußbild erinnert an 
Antonioni. Die Kamera ruht sich aus 
und eine Frauenstimme erinnert sich. 
“... undobsehon meineGeschichte nicht 
mehr nur die meine, sondern die aller 
geworden ist...” 

“Trois feuilles, trois racines, jeter c’est 
oublier, remasser c’est se Souvenir,” 
Der Refrain und die einfache Melodie 
der Anfangssequenz gehen über in 
fröhliche Karibikrythmen, Die Fröh¬ 
lichkeit, dieden Abspann begleitet, steht 
in einem merkwürdigen Kontrast zu 
der eben erlebten Grausamkeit. Das 
Lachen, die Fröhlichkeit und der Tanz 
sind nicht gebrochen. Und es ist die 
Musik, die lange nach Verlassen des 
Kinos in mir nachklingt Die Chrono¬ 
logie der Noten bleibt, während sich die 
Chronologie der Bilder verwischt. 

Anneft Busch/H.P.MetzIer 


Biofilmographie Raoul Peck 

Raoul Peck wurde 1953 in Port-au-Prince, 
Haiti, geboren. Da seinem Vater eine Stelle 
im damaligen “Belgisch-Kongo" angeboren 
wurde, zog die Familie 1960 nach Kinshasa 
(damals Leopoldville) um. Nach langen 
Aufenhalten in Zaire, USA, Frankreich und 


Deutschland beendete Raoul Peck sein 
Studium an der Deutschen Film- und Fem- 
sehakademie Berlin, ir ist zudem ausgc- 
bildeter Wirtschaftsingenieur, Journalist und 
Photograph. 

1982 DE CUBA T!AIGO UN j 
CANTAR, Kurzfilm 

1983 LBUGT, Kurzfilm 
EXZERPT, Kurzfilm 
B URI AL, Kurzfilm 

1984 LE MINISTERS DE LTNTE- 
RIEUR EST Dl NQTRE CÖTe 
Kurzfilm 

MERRY CHRISTMAS 
DEUTSCHLAND, Kurzfilm 
1988 HAITI AN CORNER (NEW YORK 
IST NICHT HAITI) 

Spielilm 16mm, Bio w up auf 35 mm 
1991 LUMUMB A, LA MORT DU PRO¬ 
PHET!, Dokumentarfilm, 16 mm 
1993 L’HÖMME SUR LBS QUAIS 

(DER MANN AUF DEM QUAI); 
Spielilm 

Zitate - Literaturangaben 

(1&2&4) Eduarde öaleano; “Buch der 
Umarmungen” 

(^) Michel Foucault; **Mikropliysik 

der Macht” 

(5) Raoul Peck, Interview in Cin- 

matograph-ScMftenreihe, Bd.4 



[66] SF 4/94 































Rezension 








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In einer Komödie aus dem Jahre 1717, 
verfaßt von John Gay - berühmt durch 
seine Beggar’s Opera heißen zwei 
der Personen Plotwell und Underplou 
Schon damals machte sich ein guter 
Schriftsteller lustig über Vorschriften, 
die von verhinderten Schriftstellern - 
Feuilletonisten, Lektoren, Literatur- 
wtssenschaftlem - gemacht werden. Ein 
Krimi, so heißt es, müsse - ebenso wie 
ein Theaterstück einen Plot haben und 
zwar einen guten (Plotwell) und einige 
Underplots. Nun, der Plot in Wolfgang 
Schreyers BuchNebe! ist ebenso simpel 
wie raffiniert: Auf Seite 11 taucht der 
Schriftsteller Richard Nebel bei der Kri¬ 
minalpolizei in Rostock auf und ver¬ 
sucht, gewisse Dienstintema heraus- 
zubekommen, die er für sein Buchpro- f 
jekt braucht; auf S.155erhältdie Volks- 
polizei ein Fernschreiben: Bootsunfall 
mit Todesfolge. Derselbe Hauptmann 
in der Kripo Rostock, Christian Wendt» 
der dem Autor die gewünschten Aus¬ 
künfte gegeben und dessen Plot für 
lachhaft gehalten hatte, ermittelt. Es ist 
kein Unfall. Es ist MordXTnd die Täter, 
das wird recht schnell klar, sind auch 
die Täter in Nebels geplantem Buch:! 
Beamte der Stasi. Ein brisanter Fall, ge¬ 
messen an den Vorschriften für Krimi- 3 
nalromane. Klar. 

Aber die eigentliche Brisanz und 
Spannung erhält dies Buch, wie so oft, 
aus den Underplots. Es spielt von Mai 
bis Dezember 1989 in der DDR und 
schildert Anfang und Ende der fried¬ 
lichen (lutheranischen) November¬ 
revolution, gesehen durch die Augen 
des Kriminalbeamten Wendt. Natürlich 
SED-Mitglied. Natürlich ab und an un¬ 
zufrieden mit dem Stil der Wandlitzer 
Gerontokraten, mit Leib und Seele 
Polizist, im Zweifelsfall stets loyal auf 
Seiten der Ordnung. Dies macht Schre¬ 
yers Roman zu einem bemerkenswerten 
Zeitdokument. Wieder einmal ist der 
Krimi der hohen Literatur um Meilen 
voraus, was die Präzision der Schilde¬ 
rung des Alltags angeht und sei es der 
Alltag der Volkserhebung. Es seien 
schlechte Zeiten, klagte Brecht, in denen \ 
es Helden bedürfe, Änderungen zaf 
erreichen. Nun, der Helden in der DDR f 
gab cs-gottlob-wenige. Die Ersetzung: 
eines schlechten Systems durch ein 


il 


SiSl 


anderes schlechtes: ergab sieb, wie es 
aussieht, aus der simplert Arithmetik 
des Die-Schnauze-Vollhabens. Erst 
ging’s um Bananen, dann um die Wurst. 
Erst zehn. Die Stasi taucht auf, ver¬ 
haftet,sperrt ein. Dann hundertJDie Stasi 
taucht auL.Dann tausend, da ist'sschon 
schwieriger mit dem Einsperren. Dann 
zehntausend - wir kennen es aus APO, 
Hausbesetzer-, Antikemkraft-, Profrie¬ 
denszeiten im Westen. Staatsschutz 
taucht auf, dann uniformierte Polizei 
mit Knüppeln, Tränengas, Hunden, 
Pferdestaffeln. Dane hunderttausend. 
Den Rest kennen wir. Die Wessis aller¬ 
dings nur aus der Glotze. Aus “Wir sind 
das Volk” wurde Vermögens der Zau¬ 
berkraft der DM und unverantwortlicher 
Versprechen einer Komödienfigur des 
18.Jahrhunderts namens Cabbagc “Wir 
sind ein Volk”. Die, gemäß Marx, nur 
zu verständliche Weigerung der West¬ 
konzerne, in den “Neuen Bundes¬ 
ländern” zu investieren, wenn die Ware 
Arbeitskraft in der tschechischen Re¬ 
publik, in Thailand oder auf den 
Philippinen billiger ist, gekoppelt mit 


er.,. Der Wagenpark. Das eigene Tplc- 
fonnetz. Das ausreichende Personal, ber 
längere Urlaub. Die zahlreichen Fencn- 
hetme”(S.25/26) undundund. In einem 
Wort, die ganze Diskussion in den 
westlichen Medien um “dieKrake”, die 
“informellen Mitarbeiter” etc. Reine 
Augenwischerei. Jemehr Staatsfeiiidc, 


jjfj 


HItl 11 m IIW H KlRfs x lif! %Ä i : H » - ■' I I '/asfii I 


.. ln Ost wie infWcsL, 

Der Unterschied besteht lediglich 
darin, auf wessen Seite man steht. 

Als der Spuk (drüben) vorbei war, 
sahen alle des Kaisers alte Kleider: Die 
Staatsmacht der DDR war ein potetn- 
esD 







der trauten Devise, wonach Verluste 
sozialisiert, Gewinne privatisiert wer¬ 
den,verbunden mit der Abwälzung der 
Lasten auf den "Kleinen MannTWesi, 


fitsfll 





m 






Ägj 


Ost, Massenarbeitslosigkeit, Wtt*. Em¬ 
pörung, Depressionen, Gebärstreik 
hervorrufend - all dies zeigt: 

Sie sind doch nicht ein Volk. Die 
augenöffnende Ehrlichkeit der Schil¬ 
deningen Schreyers vom All tag Ost ist 
ebenso unterhaltend wie - für westliche 
Leser - belehrend. Die Banalität der 
Bösen wird simpel dargestelt, und es 
stellt sich heraus,daß die Stasibeamten 
ebensowenig Monster sind wie die 
Beamten der Abteilung TE(-rrorismus) 
des Bundeskriminalamts. Der Pro¬ 
tagonist, der Kriminalbeamte Wendt, 
hat guten Grund, sie zu beneiden: Die 
"BesoMungsstufe. 500 Mark mehr als 


I-aden am Läufen hielten. •/*'»$ 
Schreyers Buch setzt ihnen ein Denk¬ 
mal Der Scham. Die, wie Mare be¬ 
merkte "ein revolutionäres Gefühl ist”. 
Nui: 'wartet^ gutes 

ebenso gültiges Dokument eines 
Westautoren, das nachvollziehbar klar- 
macht, warum es in Mannheim, Lu<i- 
wigsburg undFrankfurtamMain noch 
nicht zu Montagsdemonstrationen 
«U..- .....■ | 


IflJ: 


Hl 


iBÜl 




, 

■ 






















Bücher-Kurzrezension 

Jdanfred ßurazerovic: Quellen zur 
beschichte der anarchistischen Be¬ 
rgung. 

Bei dieser Vcröffcntlichung des Klar- 
I tCx t-Verlags, Essen handelt es sich um 
Clnc Bestandsaufnahme der anarchisti- 
j! chcn Broschüren im Institut zur Er- 
I ° rsc ^ un g der europäischen Arbeiter¬ 
bewegung in Bochum. 

WeSammlung dieser Broschüren ent¬ 
stand durch den Ankauf von Dubletten 
aus dem Amsterdamer Institut für So- 
^•ale Geschichte und stellt heute mit 
" 86 Exemplaren nach eigenen An- 

j ß^ben, die größte Sammlung anar- 
Q istischcr Broschüren in einem Institut 
cr Bundesrepublik dar. Neben anar¬ 
chistischen Broschüren finden sich auch 
roschüren über Anarchismus in die- 
Scrn Bestand. Die Fleißarbeit Buraze- 
r °vics hat leider einen großen Makel: 
seine Erläuterungen zu den Urhebern 
der Broschüren sind wenig hilfreich; 
entweder fallen sie entschieden zu kurz 
aus (z.B, "Alfredo M . Bonanno, (?-?), 
italienischer Anarchist”, zu diesem 
i zeitgenössischen und äußerst um¬ 
rittenen Genossen hätte ein Telefon- 
anru f bei einer x-beliebigen Anarcho- 
adresse Italiens schnell mehr beige- 
steuert /), oder sic sind oft sogar verkehrt 
Robert Bek-Gran war eben nicht 
I identisch mitRet MarutlB. 1'raven) oder 

es fehlen die wichtigeren Fakten, wäh- 
r end unwichtigere genannt werden (z.B. 
Milly Witkop-Rocker: "russische 
Anarchistin", aber kein Wort, daß sie 
ln der jüdischen Arbeiterbewegung 
Londons politisch aktiv war) und selbst 
a llgcmcin bekannte Pseudonyme wie 
dasjenige Kurt Zubcs (K.H.Z. Solnc- 
m an, rückwärts gelesen "namenlos”) 

I v crmochtc der Herausgeber nicht aufzu- 
| lösen. 

Dem nächsten Studenten der von der 
Deutschen Forschungsgemeinschaft 
und vom Ministerium für Wissenschaft 
und Forschung des Landes Nordrhein- 
Westfalen finanziell gefördert wird, 
empfehlen wir in der geförderten Zeit, 
wenigstens mit eincr/m leibhaftigen 
| Anarchistin/cn Kontakt aufzunehmen 
und Fragen zu stellen. 

298 S., 68.-DM. 

Bezug: Klartext-Verlagsgesellschaft, 
Dickmannstr.2-4, 45143 Essen 

wh 


Weitere Neuerscheinungen, die 
SF-Leserlnnen interessieren 
könnten 

Helmut Kellershohn (Hg.): Das 
Plagiat. Der völkische Nationalismus 
der Jungen Freiheit. 348 S., 34.-DM. 
U.a. mit einem Beitrag von Klaus Krie- 
ner über den Einfluß Carl Schmittsauf 
die Redaktion oder einem Beitrag von 
Sabine van den Bruck und Renate 
Schmitz zur "Emanzipation der Frau 
von der Frauenemanzipation"... 
Bezug: DISS-Velag, Realschulstraße 
51,47051 Duisburg 

Andreas Disseinkötter (Hg.): 
Wüstenstürme. Der Krieg des Nor¬ 
dens gegen den Süden? 

128S., I4,8ÖDM 

Die Beiträge zeigen die Entwicklung 
von "Schnellen Eingreiftruppen" und 
die Art und Weise, wie diese von der 

Gesellschaft akzeptiert werden (sollen). 

Bezug: DISS-Verlag, s.o . 

ID-Archiv (Hg.): Bad Kleinen und 
die Ersehiessung von Wolfgang 
Grams. 3I4S.,29,80DM.DiesesBuch 
macht deutlich, daß entgegen der offi¬ 
ziellen Version nicht von Selbstmord 
ausgegangen werden kann. 

Bezug: ID-Archiv, PF 360205, 10972 
Berlin 

Ingrid Strobl: Das Feld des Ver- 
gessens. Jüdischer Widerstand und 
deutsche " Vergangenheitsbewälti- 

gung\ 140 S., 14.-DM 
Das kleine Bändchen versammelt einige 
Aufsätze Strobls, u.a enthält es ein 
Porträt von Nelly Sachs "Der Tod war 
mein Lehrmeister". 

Bezug: ID-Archiv, s.o. 

Hakim Bey: T.A..Z. - Die Temporäre 
Autonome Zone. 160 S, 20.-DM 
Bey greift alles auf, Landauer, und 
Baudrillard, bolo-bolo und die Situa- 
tionisten, Stimer und Nietzsche... 

Der SF-Rezensent Jens Petz Kästner 
meint dazu: "Dieser Typ ist echt ab- 
gedreht - phantastisch!, dieses Buch ist 
die optimistischste Negation, die ich 
kenne, dieses Buch ist der Aufruf zum 
pazifistischen Dschihad... 

Der SF-Autor Murray Bookchin meint 
dazu: "Dieser Typ ist der typische 
Vertreter des heutigen Li festyle-Anar¬ 
chismus, alles unverbindlich, alles ge¬ 
sellschaftlich völlig bedeutungslos und 


am Ende löst es den Anarchismus als 
politische Bewegung auf." Mehr dazu 
in einem der kommenden SF-Ausgaben! 
Bezug: ID-Archiv , s.o. 

Wehrpflicht? - Ohne uns. Reader zur 
Totalen Kriegsdienstverweigerung. 2. 
überarbeit. Auflage, enthält u.a. Adres¬ 
sen von Rechtsanwälten, Rechts- 
hilfefonds etc. 

Bezug: TKDV-Initiative , clo Detlev 
Beutner, Friedrich-Wilhelm-Str.46, 
38100 Braunschweig 

Hartmut Rübner: Freiheit und Brot. 
Die Freie Arbeiter Union Deutsch¬ 
lands. Eine ausführliche und hervoira- 
gend belegte Studie zur Geschichte des 
Anarchosyndikalismus. Mit Photoma¬ 
terial und einem Personen-, Orts- und 
Zeitschriftenregister, 316S,, 52.-DM, 
Ein Kompliment auch an das Lektorat! 
Bezug: Libertad-Verlag, PF 440 349, 
12003 Berlin 

Chris Hirte (Hg.): Erich Mühsam 
Tagebücher 191# -1924 
Eine kleine Sensation. Erich Mühsams 
Tagebücher, die jahrzehntelang vom 
Maxim Gorki Institut in Moskau und 
der Akademie der Künste in Ostberlim 
unter Verschluß gehalten wurden, liegen 
jetzt, zumindest in einer Auswahl, als 
dtv-Taschenbuch vor. Ungeklärt bleibt, 
wer sieben Tagebuchhefte in Moskau 
beiseite schaffte. Der Grund lag wohl 
darin, daß sich mancher "gute Kom¬ 
munist" von Mühsams Aufzeichnungen 
kompromittiert fühlen mußte und sich 
unter dem Druck der Stalin-Zeit lieber 
nicht in Verbindung mit Mühsam ge¬ 
bracht sehen wollte. Eine ausführlichere 
Rezension behalten wir uns vor; einst¬ 
weilen wünschen wir für 400 Seiten 
eine vergnügliche Lektüre mit dem alles 
andere als lustfeindlich eingestellten 
Mühsam! 

Bezug: dtv-taschenbuchverlag, Mün¬ 
chen', 418S., 26,90 DM 

Und wenn wir schon bei positiven 
Nachrichten sind: 1995 wird Rudolf 
Rockers lange vergriffenes und in der 
aktuellen Diskussion überfälliges 
Hauptwerk »Nationalismus und 
Kultur« gemeinsam von der Edition 
Thcleme, Münster und dem Trotzdem- 
Verlag, Grafenau neu aufgelegt! 
Vorbeste] lungen/Kontakt: Trotzdem- 
Verlag, PF 1159, 71117 Grafenau 















ECHO 

In der Schweiz erschien dieser Tage 
eine Doku zu alten und jüngsten Ausein¬ 
andersetzungen zu dem Freigeld-Theo¬ 
retiker Silvio Gesell, die u.a. mit den 
alten Artikeln und Leserbriefen aus dem 
SF aufwartet. (»Wie Silvio Gesell zum 
Faschisten gemacht wurde und Gegen¬ 
stimmen«, Hrsg. Andre Siegenthaler, Bezug 
für die BRD: Markus Henning,Kantstr.23, 
10623 Berlin; 15.-DM, angeblich kann 
mensch auch 'Talent" hinschicken!) 

In der WOZ und in der ökoLinX 
wurden die neusten Silvio Gesell- 
Debatten gestartet, der ÖkoLinX-Autor 
Peter Bierl benutzte dabei das Motto 
»Der rechte Rand der Anarchie«. Beide 
Kritiker griffen dabei auch auf den 
Gesell-ablehnenden SF-Artikel aus 
Nr. 13 (1984!) zurück. Bierl vertrat seine 
Ansichten anschließend im Rahmen des 
Anarchistischen B ildungsprogramms i n 
Berlin und stieß dort erwartungsgemäß 
mit dem Gesellianer Klaus Schmitt zu¬ 
sammen, der, folgt mensch den Be¬ 
richten, unentschuldbar ausrastete. 

Seitdem »tobt« in Berliner Anarcho- 
kreisen so etwas wie eine Gesell-Dis¬ 
kussion: die neuste Nummer (Nr.70) 
des A-Kurier widmet ihr gleich 7 Seilen. 
Der Ostberliner telegraph, der Klaus 
Schmitt ein großes Interview zur Aus¬ 
breitung seiner Anschauungen ein¬ 
räumte, verteidigte indirekt Schmitts 
Ausraster, indem die Kritik Bierls als 
marxistisch abqualifiziert wurde und 
die Konfliktebene flugs zu einer zwi¬ 
schen "Anarchisten und Marxisten" 
umgedeutet wurde. Ein seltsames Ge¬ 
baren, zumal eine Kritik an Schmitts 
Verhalten genauso wenig vorkam wie 
eine kritische Auseinandersetzung mit 
seinen Positionen bzw. eine mit den 
Inhalten Gesells. 

Was uns negativ auffällt, läßt sich 
durch dieses Beispiel verdeutlichen: in 
der Berichterstattung wird mit Verkür¬ 
zungen und Scheingefechten operiert. 
Wenn Bierl von einem marxistischen 
Ansatz aus argumentiert, aber das 
richtige sagt, wo liegt das Problem? 
Wenn er das verkehrte sagt, weshalb 
wird nicht inhaltlich dagegen gehalten? 
Stattdessen diese Verlagerung des 
Konflikts, was bewirken soll, daß sich 
alle "guten" Anarchisten gefälligst auf 
die Seite der angegriffenen "Anarchi¬ 
sten" zu stellen hätten... Unter gehen 
dabei die Fragen, ob denn die Lehre 
Gesells wirklich anarchistisch ist, ob 


ihr Inhalt verteidigenswert ist, ob der 
Konflikt überhaupt um eine marxi¬ 
stische Infragestellung des Anarchismus 
ging oder nicht vielmehr doch um eine 
Sensibilisierung für Einfallstore rechter 
Ideologie in scheinbar unbedenklichen 
linken Diskursen? Es fragt sich auch, 
ob es empfehlenswert ist, eine Wirt¬ 
schaftstheorie ohne ihr weiteres theo¬ 
retisches Umfeld rezipieren zu wollen 
etc. - ein solcher kritischer Umgang 
kommt aufgrund einer vorschnellen 
Identifizierung mit dem "Genossen 
Schmitt" entschieden zu kurz, dabei 
hätte spätestens dessen "Otto Strasser"- 
Artikel in Contraste (Mai 1993) Zweifel 
an seinem Beurteilungsvermögen auf- 
kommen lassen müssen. Es ist an dieser 
Stelle auch nicht zu vermeiden, darauf 
hinzuweisen,daßSchmitt "sein" Gesell- 


NR. 13 1/84 4.- DM 


Csefmmrxer 




FADEN 

^ANARCHISTISCHE VIERTEL JAHRESSCHRIFT^ 



BAKTERIOLOGISCHE KRIEGSFÜHRUNG 
THOREAUS »GEWALTFREIHEIT« 
US-STHATEGIE 
S. GESELL-KRITIK 
LIBERTÄRE PÄDAGOGIK 


Buch zusammen mit Günter Bartsch 
geschrieben hat Bartsch hat seinerseits 
im nationalrevolutionären Wir-Selbst¬ 
verlag (Koblenz) ein völlig unkritisches 
Otto Sirasser-Buch veröffentlicht, in 
dem vor allem Otto Strassers eigene 
Sicht der Dinge wiedergegeben wird 
und in dem deshalb, vom historischen 
Standpunktaus betrachtet, bewußt oder 
aus dem Unvermögen, Abstand zum 
behandelten Gegenstand zu halten, eine 
falsche Sicht der Ereignisse tradiert 
wird. 


Zu Peter Bierl wäre hingegen zu 
sagen, daß einige Gesellianer keines¬ 
wegs in der Lage sind, die anarchistische 
Bewegung zu unterwandern, wie er es 
in seiner Stellungnahme zum Berliner 
A-Kurier und zum telegraph unterstellt, 
in der er so tut, als seien beide Blätter 
bereits in der Hand von Gesellianem, 
(Ausführlicher dazu vgl. die lesenswerte 
"Antwort" der A - Kurier-Redaktion an die 
ÖkoLinX-Redaktion, in Nr.70) Auch Sein 


Hinweis, daß Schmitts Gesell-Buch im 
Kramer-Verlag zu dessen Bestsellern 
gehöre, ist ein Treppenwitz, der nur 
dazu dienen soll, die »Gefahr« mög¬ 
lichst groß erscheinen zu lassen. Allein 
es gibt da eigentlich keine wirkliche 
Gefahr, es gibt höchstens das Ärgernis, 
daß sich Anarchisten nicht mit sinn¬ 
volleren Themen und Aktionsfeldern 
beschäftigen* Und wenn es einen 
"rechten Rand der Anarchie 1 ' gibt, dann 
sicherlich nicht deshalb, weil Silvio 
Gesell ein Anarchist oder seine Freite 1 d - 
TheorieeineamamhisfeheWirtschafis- 
theorie gewesen wäre, dann beides trifft 
nicht zu. Wer dies behauptet geht in¬ 
direkt Klaus Schmitt und seiner Losung 
'Silvio Gesell - der Marx der Anar¬ 
chisten" auf den Leim. ! 

Peter Bierl sollte bei seiner Kritik an 
Gesell, dessen Eugenik, dessen Rassis¬ 
mus etc. bzw. seiner Kritik an j der 
Tatsache, daß ein anarchistischer Vdrlag 
ein solch einseitiges, unkritisches Buch 
publiziert, bleiben, Obertreibungenund 
falsche Bezüge schaden nur der eigent¬ 
lichen Aussage und lep® dm Verdacht 
nahe, daß er sich bewuit einen Popanz 
aufbaut, um diesen eloquent zerlegen 
zu können* 

Weil sich Anarchisten mit Gesells 
Wirtschaftstheorie beschäftigten, sind 
sie nicht gleich "Gesellianer“ bzw. 
unterwandart", auch Faschisten! be¬ 
schäftigten sich mit Gesell, da würde 
eine “linke Analyse" nicht folgern, diese 
seien unterwandert, eher wäre eine 
andere Argumentation wahrscheinlich: 
daß die Faschisten die Gesellianer und 
diese die Anarchisten... na ja, die alte 
Phobie. 

An Silvio Gesell oder Klaus Schmitt 
müssen wir uns jedenfalls nicht abar¬ 
beiten* Bislang blieb ihr Einfluß mar¬ 
ginal und für manche "vergessene" 
Theorien gilt: sie sollten dort bleiben, 
wo sie sind: im gesellschaftlichen Ab¬ 
seits. 

Uas Problem für heutige Anar¬ 
chistinnen liegt eher darin begründet, 
daß sich seit Gustav Landauer immer 
wieder Anarchisten mit Gesell be¬ 
schäftigten, weil dieser aus Proudiions 
Werken einiges übernommen hatte. 
Eine ideologiekritische Auseinan¬ 
dersetzung mitdem Anarchisten Proud- 
hon jedenfalls wäre spannender, min¬ 
destens genauso widerspruchsvoll lind 
würde mehr Sinn machen, doch stößt 
sie auf die Schwierigkeit, daß dessen 
Texte in ihrer Mehrheit nie ins Deutsche 
übersetzt worden sind* 


E70] SF 4/94 











In der bereits angesprochenen Num- 
m ^ r 70 dcsBerlinerA-Kurier schreibt - 
vermutlich ein alter Bekannter unter 
neuem Pseudonym - ein "Jakobus" 
scheinbar zusammenhangslos Gedan¬ 
kenaneinanderreihungen zum Thema 
Stalinismus und Nationalismus auf. 
Dabei springt er von einer gelesenen 
Information übcrgangslos zur anderen 
und irgendwann ist er bei der Broschüre 
Von Volkmar Woelk aus dem Duis- 
burger DISS-Verlag "Natur und My¬ 
thos” angekommen, in der u.a. der 
Einfluß des Nalionalrevolutionärs Hen- 
uing Eichberg auf den linken Diskurs 
beschrieben wird. Woclk belegt dies 
m it Artikeln Eichbergs, die in Unter dem 
Pflaster hegt der Strand, mÄsthetik und 
Kommunikation oder in PädExtra 
erschienen waren und er schließt dieser 
Reihe linker Publikationen auch den 
Schwarzen Faden an mit der Bemer¬ 
kung, all diese Redaktionen haben "kei¬ 
nen Anstoß" an Eichberg genommen 
bzw. sich "nicht die Mühe gemacht" 
Hintergründe herauszufinden. (S.56) 
Eine solche Behauptung ist ganz einfach 
falsch, auch wenn sie in einer ansonsten 
gut recherchierten Broschüre auftaucht 
und sie wäre eigentlich nicht wider- 
Icgenswert, wenn es nicht wichtig¬ 
tuerische Menschen gäbe, die nur allzu 
gerne verkehrte Behauptungen unge¬ 
prüft Wiederkauen und falsche Asso¬ 
ziationen wecken (wollen?). So ge¬ 
schehen auch in einer Sommerausgabe 
des "Antifaschistischen Infos". 

Jakobus" kommt dann auch zu einer 
Antifa-Broschüre aus der Uni Olden¬ 
burg, in der Woclk kopiert und in Sachen 
Rflasterstrand" prompt falsch abge¬ 
schrieben wurde (Cohn-Bendit ist aus¬ 
nahmsweise nicht der Übeltäter): 

"Die in der »Neuen Rechten Platt¬ 
form« niedergelegten Positionen haben 
bei einem guten Teil der Linken zu an¬ 
dauernder Konfusion beigetragen . Im 
Ariarchoblatt "Schwarzer Faden", im 
Pflasterstrand" oder in der linken 
Kulturzeitschrift "Ästhetik und Kom¬ 
munikation" ist es "Nationairevolutio¬ 
nären ' (z£.H enning Eichberg) bereits 
gelungen, sich als Diskussionspartner 
uuzudienen" 

V/ir wollen und können hier nicht für 
die anderen Redaktionen sprechen. Aber 
für uns wollen wir wenigstens kurz 
darauf eingehen, auch wenn zu be¬ 
fürchten steht, daß Unwahrheiten, wie 
meistens, langlebiger sind als unsere 
Richtigstellung: 


Unter dem Strich lesen wir also zum 
wiederholten Mal: »die doofen Redak¬ 
teure vom Faden und der durchtriebene 
Henning Eicherg, der sie benutzt hat.« 
oder Schlimmeres... Aber wie war das 
nun wirklich? 

Ende 1982 veröffentlichte der da¬ 
malige Redakteur Horst Blume (ja, der¬ 
selbe, der 1984 auch den Artikel "Silvio 
Gesell - der Marx der Anarchisten ein 
Faschist" geschrieben hat!) einen Arti¬ 
kel zu den Nationalrevolutionären. (Er 
hatte augenscheinlich ei n Gespür dafür, 
welche Themen langlebige Diskus¬ 
sionen abgeben könnten.) 

Wir halten zunächst einmal fest, daß 
es damals, von lokalen Protesten wie 
dem der Stuttgarter Studenten gegen 
einen Lehrbeauftragten Eichberg, keine 
öffentliche oder linke Diskussion über 


schwarzer 

faden 



Jf Ökologie und Ökonomie 
Palästinenser 
Nationalrevolutionäre 
if Subversive Utopie 
:k Anarchisten in Polen 


Nationalrevolutionäre gab. Der SF- 
Redaktion von damals ging es darum, 
mehr Wissen überdiese rechte politische 
Richtung zu verbreiten, die anfing mit 
linken Theorien und Bewegungen (Be¬ 
freiungsnationalismus, IRA, ETA, 
Rätemodell, Bezug auf Bakunins Pan¬ 
slawismus etc.) und linkem Jargon, - 
bei Demos gar mit schwarzen Fahnen 
und schwarzen Sternen auf den Jacken, 
für Verwirrung zu sorgen. 

Wir nehmen in Anspruch wesentlich 
dazu beigetragen zu haben, daß die 
Linke Henning Eichberg überhaupt als 
nationalrevolutionären Theoretiker 
wahrgenommen hat, denn bis dahin 
wurden seine Beiträge ohne einen Ver¬ 
weis auf seinen Hintergrund in den er¬ 
wähnten linken Zeitschriften abge¬ 
druckt. (In diese Liste paßt noch das 
damalige Das da, des ehemaligen 
KONKRET-Herausgebers Röhl.) 


Auf Horst Blumes Artikel erhielten 
wir u.a. auch nationalrevolutionäre Zu¬ 
schriften, eine davon von Henning Eich¬ 
berg unter dem Titel "Nationale Iden¬ 
tität". Wir druckten diese Zuschriften 
ab, weil wir an ihnen deutlich machen 
konnten, daß hinter dem linken Jargon 
und den linken Theorieversatzstücken 
eben doch der neue Nationalismus/ 
Ethnopluralismus der Neuen Rechten 
stand. Wir druckten Eichbergs Thesen 
selbstverständlich nichtunkommentiert 
ab, sondern stellten ihnen in einem 
Artikel von Wolfgang Haug zur "Per¬ 
sonalen Identität" unsere Anschauungen 
entgegen. Von einer kritiklosen Unter¬ 
schätzung oder gar einer theoretischen 
"Konfusion” kann also genausowenig 
die Redesein, wiedavon,daß wirkeinen 
Anstoß genommen oder keine Hinter¬ 
gründe aufgezeigt hätten. 

Was aus heutiger (!) Sicht allenfalls 
zu sagen ist, ist, daß wir damals un¬ 
möglich die ganzen Zusammenhänge 
wissen und aufdecken konnten, die über 
die nachfolgenden Jahre hinweg zu den 
Nationalrevolutionären herausgefunden 
bzw. durch deren eigene Veröffent¬ 
lichungen verdeutlicht wurden. 

Was fehltnoch inderECHO-Rubrik? 
Über eine zum Gähnen oberflächliche 
Rezension anarchistischerZeitschriften 
von Rembert Baumann in der dritten 
Ausgabe von "Die Beute" wollen wir 
gnädig schweigen, zumal es in derselben 
Ausgabe einen guten Artikel von Ma¬ 
rianne Kröger zur CNT und FAI im 
Spanischen Bürgerkrieg gibt. 

Zum Schluß aber noch etwas Witzi¬ 
geres: 

In der Ausgabe Nr.200 der iz3w wird 
der SF endlich entlarvt: 

»Bei der Begeisterung für die 
Zapatistas spielt deren spezifische 
Ästhetik eine hervorragende Rolle. 
Wahrscheinlich hätte der "Schwarze 
Faden" nicht gleich zwei Titelbilder an 
die Zapatistas vergeben, wenn ihr 
Partisanen-Look nicht derart den 
gängigen revolutionsromantischen 
Vorstellungen entsprechen würde." 

Wir könnten jetzt sagen, neeeiin, 
lediglich der Umstand, daß unser Re¬ 
dakteur im Januar in San Cristobal war, 
seine Kamera dabei hatte und wir 
deshalb diese einmalige Gelegenheit 
hatten, hat uns dazu verführt. .. 

... aber wir sagen besser die iz3w hat 
recht'Basta! 

SF-Redaktion 


SF 4/94 [71] 




btr. Sorel-Diskussion 
Georges Sore! zum Driften: 

1. Teil: Masse und Mythos von Gregor 
Dill in SF 1/94 

2. Teil: Verteidigungsrede für Geor¬ 
ges Sorel von Lutz Schulenburg in 
SF 3/94 

Zweifellos ist es vorteilhafter, eine 
negative Kritik zu erhalten als gar keine. 
Lutz Schulenburgs Entgegenung auf 
meinen Sorel-Artikel präsentiert sich 
jedoch inhaltlich derart miserabel und 
vom Tonfall her in so hohem Maße 
ungenießbar, daß sie mich in Ver¬ 
suchungbringt, jeneRegel umzudrehen. 

Anhand seines Verhältnisses zur Ge- 
schichtphilosophie, zur Religionswis¬ 
senschaft und zur Massenpsychologie 
hatte ich beschrieben, weshalb Sorel 
weder Positivist noch Irrationalist war. 
Sorel suchte nicht nach einer Wahrheit, 
die er entweder rational oder irrational 
begründet hätte. Er forschte nach Wir¬ 
kung. Die Relevanz einer philosophi¬ 
schen Aussage war ihm erst dann ge¬ 
geben, wenn diese einen bestimmten 
Zweck erfüllte. Sorel war, wenn man 
will, halb Rationalist, halb Irrationalist. 
Rationalist dort, wo er sich strategisch 
mit der Wirkungsdimension von My¬ 
then befaßte. Irrationalist deshalb, weit 
er an deren Inhalte selber gar nicht 
glaubte. 

Sorel war kein Propagandist. Er war 
Theoretiker der Massenpropaganda. 
Massenpropaganda aber folgt immer 
einem hierarchischen Schema: Ent¬ 
persönlichte Massenglieder stehen 
einem subjektiven Prinzip, einem ‘Füh¬ 
rer’ odereinem Mythos, dessen Inhalte 
ein ‘Führer’ definiert,gegenüber. Daher 
müsste, so lautete meine Schlußfolge¬ 
rung, eine Distanzierung von Sorels 
Mythostheorie erfolgen. Die von mir 
beschrieben Verbindungen Sorels zum 
Faschismusdienten dazu, diesen Stand¬ 
punkt zu bekräftigen und nicht ihn zu 
begründen, was mir Schulenburg fälsch¬ 
licherweise vorwirft. Sorels Werk 
spricht für sich allein und zeugte auch 
dann von einem autoritären Geist, wenn 
seine Hochachtung für wohlbekannte 
Diktatoren unerwähnt blieb. Vor dem 
Hintergrund seiner Philosophie er¬ 
scheint Sorels Vorliebe für Mussolini 
und Lenin nicht “konstruiert” sondern 
ganz einfach logisch. 

Ich habe das Gefühl, und davon kom¬ 
me ich nicht los, daß Schulenburg das 


nicht sagt, was er sagen will, und daß 
gerade dies ihn in Wut versetzt. Lutz 
SchulenburgisteinSorel-Jünger.Gleich 
im Anschluß an den ersten Eiterfluß 
bekennt er sich, leicht verblümt, zu den 
Grundsätzen seines Meisters: “Ein 
revolutionäres Denken istnurdemFort- 
schritt der emanzipatorischen Bewe¬ 
gung der arbeitenden Klassen verpflich¬ 
tet. (...) Es ist im Ganzen und im Detail 
eine Kriegserklärung. (...) Wir ver¬ 
söhnen nicht, wir spalten.” Schulenburg 
unterteilt die ganze Welt in zwei Lager. 
Es gibt nur uns und die andern, das 
revolutionäre Proletariat und das reak¬ 
tionäre Bürgertum. 

Auch Intellektuelle unterlägen dieser 
Polarität, welcher sich jeder Gedanke 
und jede Äußerung zuordnen ließe. An¬ 
statt die durchaus abzulehnende Objek¬ 
tivität von Wahrheit in eine subjekti- 
vistische Auffassung überzuführen, 
opfert sie Schulenburg einer platten Pro¬ 
paganda. Jedes Gedankenprodukt steht 
ausschließlich entweder diesseits oder 
jenseits einer zu Propagandazwecken 
konstruierten Front. Wer differenziert 
und die Angelegenheiten der mensch¬ 
lichen Gesellschaft als etwas Kom¬ 
plexes darzustellen sich erlaubt, gilt als 
Kriegsverbrecher, Verräter und als Für¬ 
sprecher des Feindes. 

Beim Versuch, die Ehre des “be¬ 
deutendsten und originellsten Denkers 
des Sozialismus” zu retten, begibt sich 
Schulenburg auf dünnes Eis und bricht 
ein. Sorels Nationalismus banalisiert er 
zu einer “zweitrangigen Randepisode” 
und rechtfertigt sie, auf Kropotkin hin¬ 
weisend, als ob dieser ein Halbgott wäre, 
mit der besonderen Stimmung des Welt¬ 
krieges. Dabei übersieht er den Um¬ 
stand, daß Sorels Name schon vor 1910, 
also bereits vier Jahre vor Kriegsaus¬ 
bruch, im Umfeld der Action Frangaise 
auftauchte, - wohl deshalb, weil Schu¬ 
lenburg die Geburtstunde des Faschis¬ 
mus mit dem Zeitpunkt von dessen 
Instrumentalisierung durch die Mäch¬ 
tigen der zwanziger Jahre verwechselt. 
Außerdem markiert die Sorge um die 
Grande Nation den geistigen Ausgangs¬ 
punkt Sorelscher Philosophie. Wcrdies 
Übersicht, hat ein Brett vor dem Kopf. 

Sorels Techtelmechtel mit Mussolini 
streitet Schulenburg gar nicht ab. 
Schließlich wäre der Italiener ja dam als 
Sozialist und damit einer ‘von uns’ 
gewesen! Erst später hätte er die Seite 
gewechselt und wäre zum Verräter ge¬ 
worden, plötzlich, von einem Tag auf 


den andern! Wer ist nun Schuld daran, 
daß Sorel ausgerechnet Mussolinis 
Nationalismus lobte? - Mussolini? - 
Der Krieg? - Das Bürgertum? - Ich? 

Weil ich daszweidimensionale Welt¬ 
bild Sorels und seines Jüngers nicht 
teile, werde ich zum Gcdankenverbrc- 
cher, zum Hochverräter, zum Spion, 
zum Nestbeschmutzer. Denn jede 
Differenzierung ‘spaltet’ und diente 
dem Erzfeind. Insofern ist Schulenburg 
konsequent, wenn mich seine Rot¬ 
frontrhetorik zum Teufel schickt: “krude 
Dummheit", “intellektuelle Erbärmlich¬ 
keit”, “Denkträgheit”, “dünner Auf¬ 
guß”, “Greuelfratze", “übellaunige Er¬ 
findungen” ... Was fehlt ist der Vor¬ 
wurf, ich hätte das Trinkwasserj des 
Proletariats mit Syphilis verseucht. 

Gregor Dill, Basel 



blr. Sorel ! 

Gerne lese ich Artikel über ideengc- 
schichtliche Hintergründe, gerne ver¬ 
folge ich heftige Debatten, die mit dem 
heutigen Modewort "Diskurs” bezeich¬ 
net werden. Doch - wie das Thema 
Sorel im SF behandelt wurde, das ist 
gar keine Freude. Vor allem die Replik 
Schulenburgs auf Dill. Muß denn jede 
Kontroverse in der Anarcho-Szene m i t 
persönlichen Seitenhicben und Diffani- 
mierungen beginnen, können wir nicht 
um die Sache ringen ohne andere Per¬ 
sonen gleich anzugreifen? Anarchismus 
ist für mich die freie Meinung, alles in 
Frage stellen zukönnen und mein Lieb- 






Engssatz abgcwandelt von den Dadai¬ 
smen lautete: um gute Anarchistinnen zu 
sein, müssen wir auch Antianarchist- 
hincn sein, d.h. keine Göttcr/Göttinncn, 
eine Herren, - hießen sie Goldman, 
ßakunin, Proudhon oder Sorcl. 

^abei sind in beiden Artikel gute 
Elemente vorhanden (vor allem bei 
Gregor Dill), könnten sich ergänzen 
nnd zu einer wirklichen Aufarbeitung 
^ on Fehlem und Mißverständnissen 
beitragen: 

Zur Gregor Dills Artikel: 

Er zitiert viel zu viel veraltete Sekun- 
arüteratur, die Lutz Schulcnburg zu 
[^ht als bürgerlich verurteilt. Diese 
michcr, meist in der Phase des Kalten 
teges entstanden, versuchen die Mas¬ 
sen als Element des Sozialismus sowie 
es Kommunismus zu denunzieren und 



icntcn nur einem Antikommunismus 
und der Verschleierung der Mitschuld 
um Nationalsozialismus durch das libe¬ 
rale Bürgertum. Der ideologische Ver¬ 
treter dieser Anklage der Masse war der 
bis heute gern in Mittelschulen gelehrte 
Ortega y Gasset (Der Aufstand der 
Massen). Sein Buch gilt als "Bibel der 
antidemokratischen Rechten" und u.a. 
als Antwort auf die Massenaufstände 
einer CNT: 

Denn der Aufstand der Massen ist 
dasselbe, was Rathenauden »vertikalen 
Einfall der Barbarei« genannt hat” 
(Gasset) Die Arbcitcrlnncnbcwegung 
hatte das Problem nur durch die Masse 
etwas ändern zu können. Und hier 


scheint mir das Problem von Gregor zu 
liegen. Er definiert das Wort zu wenig 
(Canettis Masse und Macht wäre für ihn 
ein gutes Beispiel; dieser betrachtet die 
Masse in verschiedenen Formen,z.B. 
als Meute). In der Bedeutung als Auf¬ 
marsch und Inszenierungen von Men¬ 
schenaufmärschen (Fahnen und Heiden- 
bildcr), ist Gregor Recht zu geben. In 
der Kritik an revolutionären Aufstän¬ 
den, greift er zu kurz, vor allem in sei¬ 
ner Kritik am spanischen libertären 
Sozialismus, der kaum Einflüsse von 
sorel sehen Ideen aufweist. Auch die 
Vorstellung, daß Ideologien so einen 
nachhhaltigen Einfluß erreichen, daß 
mit bewußten Rezepten, z.B. durch 
Psychologie der Massen, Menschen 
gesteuert werden können, isteine völlige 
Überbewertungder Möglichkeiten. Sein 
Artikel ist mechanistisch, somit auch 
die Kritik an Sorel. Nicht nur Dema¬ 
gogen und Führer, sondern moderne 
Kommunikation und Massenmedien 
führten zu solch neuen Möglichkeiten 
der Menschensteuerung, der Einzelne 
muß nicht mehr aktiv werden, sondern 
nimmt die Botschaft als Individuum in 
seiner eigenen Umgebung auf. Auch 
unterscheidet er nicht zwischen der 
intellektuellen Kritik der antisemiti¬ 
schen Dreyfussgegner und der die 
Machtelite ablehnenden linken Kritik 
z.B. eines Carl Einstein (Die Fabri¬ 
kation der Fiktionen ). Antisemitismus 
ist für beide eher kein relevantes Thema, 
dazu später. 

Leider muß ich beiden vorwerfen, 
daß sie von der aktuellen Diskussion, 
geführt vor allem in Frankreich, z.B. 
durch die "Societö d‘Etudes Sorelienes" 
nichts in ihre Artikel einbezogen haben, 
und daß beide kein Wort über unseren 
lieben Proudhon verlieren, ist doch 
vieles, was Gregor Dill Sorel vorwirft, 
reines Produkt eines proudhonschen 
Denkens. 

Zu Lutz Schulenburg: 

Den Mythos pflegt er gut und seine 
Verehrung Sorels läßt keine Kritik zu. 

Sorel ist eine Person vergleichbar mit 
Proudhon: voller verschiedener Seiten 
und kaum faßbar, weil Sorel noch mehr 
als Proudhon eklektisch arbeitete. Sorel 
hat die wichtigsten Ideen, Generalstreik, 
Selbstverwaltung, Amiparlamentaris- 
mus usw., nicht in die Arbeiterinnen¬ 
schaft getragen, sondern von den Ar¬ 
beiterinnen übernommen, von teilweise 
unbekannten, wieTortelier,dem ersten 
Propagandisten des Generalstreiks in 


Frankreich. Gregor behauptet nirgends, 
daß Sorel etwas mit libertärem Sozia¬ 
lismus zu tun hat, etwas was uns Lutz 
dauernd in seinem Artikel einreden will. 
Auch gegen alle belegbaren Umstände 
behauptet er, daß Sorel einen Einfluß 
auf den revolutionären französischen 
Syndikalismus ausgeübt habe. Dele- 
salie, sein lebenslanger Freund, kam 
erst mit Sorel in Kontakt, als er alle 
seine Ämter in der CGT niedergelegt 
hatte und er wegen eines antisemitischen 
Artikels in den anarchistischen Zei¬ 
tungen nicht mehr schreiben konnte, 
weil u.a. alte anarchistische Freunde 
wie Faure sich von ihm distanzierten 
(siehe Maitron, Biographie Deiesalles, 
Hinweise auf die Rolle Sorels). Sorel ist 
für mich nur da von Interesse, wo eine 
Brücke entsteht, warum so viele Anar¬ 
chistinnen zu Boischewistlnnen wurden 
und der KP (z.B. Delesalle) beitraten, 
oder sogar wie "Sorels treuer Ecker¬ 
mann" Berth, zu Gründern des Cercles 
Proudhon gehörten, einem der Vorläufer 
des französischen Faschismus (vgl. dazu 
den Artikel von Navet in der Zeitschrift Mil 
neufcentNr. 1 Oder Sorel-Gesellschaft). Daß 
dabei dieser Männerzirkel gegen Frauen 
und Juden wetterte, wird in beiden 
Artikeln übergangen. Zwar hält sich 
Sorels Antisemitismus in "Grenzen", 
doch seine Schüler halten sich nicht 
mehr zurück. So fehlen die Namen sei¬ 
ner Schüler in keinem Werk über den 
französischen Rassismus und Faschis¬ 
mus. Da wundert es wenig, daß Berth 
von einer "heiligen Allianz" träumte, 
die Gregors Artikel in einigem bestätigt: 
"Ich träume gegen die kapitalistischen 

Länder eine Art heilige proletarische 
Allianz gebildet durch Rußland, 
Deutschland, Frankreich und Italien 
und in der die germanisch-russische 
Verbindung die dyonische Flut wäre , 
die den apollinischen Geist Frankreichs 
und Italiens diszipliniert , stilisiert und 
kanalisiert, und deren juristisch kün¬ 
stlerischer Geist sein würde (Artikel 
von 1924, zit. in "Dictionnairebiographique 
Tome 19.J. Maitron") Es ist auffallend, 
daß Lutz nur zwei Bücher Sortels zitiert, 
nämlich die zwei einzigen aktuell er¬ 
hältlichen deutschen Übersetzungen. So 
ist ihm sein eigener Vorwurf an Gregor 
vorzuhalten, daß er nicht direkt aus den 
Quellen zitiert, z.B. aus Berths "Du 
»Capital« aux »rtflexions sur la 
violence« (1932), aus seiner marxi- 
stischcn/proudhonistischen Schlu߬ 
phase, die sich ganz auf Sorel abstützte: 
"Oh unser lieber Lenin! (...) Du, ein - 


SF 4/94 [73] 



facher bewunderswerter Mensch, der 
niemals als Mensch der Arbeiter- und 
Bauernmenge auf getreten bist, be¬ 
scheidener Held und ergeben wie ein 
Heiliger des Mittelalters oder Fran¬ 
ziskaner, an dieser heiligen Sache der 
Emazipation des Proletariates" (S.242)l 
/ "Lenin Genie des Proletariats" (S.254) 
// "Lenin besiegte Napolion - die 
imperialistische Hydra ist tödlich 
getroffen, der schwarze und weisse 
Adler haben ihr die Köpfe zwerschmet- 
tert" (S.257) etc. 

Sorel und Berth sind die Leichen im 
Keller des Marxismus (-Leninismus) 
und haben mit dem Anarchismus nur so 
viel zu tun, daß viele Libertäre von 
manchen verführerischen Theorien 
Sorels gelockt (z.B. mit der irrigen 
Meinung, Proudhon sei der Vater des 
Anarchismus) sich ins autoritäre Lager 
begaben. Ich will hier nicht weiter aus¬ 
führen, ich habe das ganze auch etwas 
vereinfacht, ist es doch viel zu komplex, 
um auf ein paar Seiten abgehandelt 
werden zu können; wollte ja nur einen 
kurzen Leserbrief schreiben. Zum 
Schluß zitiere ich Max Nettlau, der faßt 
besser als ich zusammen, was von Sorel 
aus anarchistischer Sicht zu halten ist. 
Nettlau ist aber auch vorzu werfen, daß 
er die fatale Rolle Proudhons in dieser 
Ideologie als "Mißbrauch Sorels" ver¬ 
harmlost und dabei übersieht, daß der, 
der mit dem Feuer spielte, Proudhon 
heißt. 

"(...) daß angesehene Männer wie 
Sorel sich nicht scheuen und schämen, 
der als gesicherte Errungenschaft 
geltenden sogenannten bürgerlichen, 
demokratischen Freiheit ins Gesicht zu 
schlagen und daß sie einen wahren Kult 
mit vorrevolutionärer, vorbürgerlicher 
Vergangenheit , Festen, mittelalter¬ 
lichen Zuständen treiben" 

(Nettlau, Geschichte der Anarchie , Bd.5, 
S.108) 

Werner Portmann, Zürich 
betr. 

‘Orientierungslosigkeit als 
Abgesang der Frankfurter 
Schule" 

Artikel von H.G.Haasis, 
SF-Nr.50, 3/94 


Eine Kritik der "Frankfurter Schule" im 
Schwarzen Faden zu lesen, das ver¬ 
sprach erst einmal spannend zu werden. 
Nach der Buchkritik von H.G. Haasis 


erscheint mir der Abgesang alllerdings 
etwas verfrüht. Ich habe das neue Werk 
des Jürgen Habermas nicht gelesen und 
die erwähnten Positionen vom Verhar¬ 
ren auf einer sogenannten Rechts¬ 
staatlichkeit und der Abkehr von jeder 
Radikalität zusammen mit dem Gefühl, 
hier auch nichts Neues zu erfahren, 
werden mich wohl auch davon abhalten. 
Aber mir erscheint der ganze "Komplex 
Frankfurter Schule" doch wichtiger und 
relevanter, als ihn einfach mit dem 
Spätwerk eines ihrer "führenden Köpfe" 
abzuhaken. Denn die Kritische Theorie 
besteht ja auch heute nicht bloß aus 
Habermas. 


Doch zuerst zur Rezension. Haasts 
behauptet, mensch könne sich die Lek¬ 
türe eigentlich sparen, weil Habermas 
"eine geistige Anstrengung zugunsten 
des Lebens für theorieunwürdig erklärt" 
Ich denke, hier liegen gleich zwei Mi߬ 
verständnisse vor: Haasis schreibt, daß 
es schon verräterisch sei, "wenn dann 
Habermas bei einem Kollegen einen 
Ausdruck aufspießt, den er als »theorie¬ 
fremd« denunziert und damit kate¬ 
gorisch verbietet. Wie heißt dieses 
schlimme Wort) - "Lebenswell". 

Wie gesagt, das rezensierte Werk habe 
ich nicht gelesen, aber ich bin mir ziem¬ 
lich sicher, daß der Begriff der “Lebcns- 


welt" von Habermas selbstkommt, und 
zwar ausdrücklich als theoretischer! Die 
"Lebenswelt" wird als Begriff einge¬ 
führt als der Komplementärbegriff zum 
kommunikativen Handeln. "An dieser 
Stelle kann ich den Begriff der Lebens¬ 
welt zunächst als Korrelat m Verstän¬ 
digungsprozessen einführen . Kommu¬ 
nikativ handelnde Subjekte verständi¬ 
gen sich stets im Horizont einer Lebens- 
weit" (Habermas, in: Theorie des Kom¬ 
munikativen Handelns, BdJ, Frankfurt 1981, 
S.107) 

Was hier die WgeMschen Zitierens 
ist, nämlich die pauschale Ablehnung 
des/der Theorietreiben-den aufgrund 


ihrer/seiner bewußt gewählten Distanz 
zur Alltagswelt, führt, glaube ich, zu 
schnell dazu, Auseinandersetzungen 
abzuwürgen, manchmal sogar, bevor 
die überhaupt begonnen haben. Diese 
Theoretikerinnen auch an ihrem ver¬ 
meintlichen "Privatleben" zu messen, 
ist sicherlich angebracht - aber auch 
dahin, daß das Private politisch istj hat 
uns letztlich erst die feministische 
THEORIE gebracht-, aber Adorno erst 
gar nicht zu lesen, weil er Spitzcn- 
deckchen auf seinem Wohnzimmerti sch 
liegen hatte und einen Anzug trug, führt 
zu gar nichts (find ich). Das hat auch 
mit dem ‘‘soziologisch geschulten 
Auge" nichts zu tun. 



[74] SF 4/94 


Cl-CONTRE, ZPENEK. LHOTÄK CI-DESSOUS. 










Interessant ist aber eine Auseinandersetzung von Seiten des Anar¬ 
chismus allemal. Sowohl was die ökonomische Analyse betri fft, als 
auch die Kulturkrilik, berufen sich doch auch Libertäre immer 
wieder auf neo-marxistische Ansätze, von denen Adomo/Horkhei- 
mcr in dieser Beziehung sicherlich noch zu den brauchbarsten ge¬ 
hören. 

Nur treten hier grundsätzliche Differenzen zutage, die meines 
Wissens nicht ausreichend diskutiert sind (für gegenteilige Hin¬ 
weise wäre ich sehr dankbar), und die vielleicht mit dafür verant¬ 
wortlich sind, daß "der Anarchismus" heute gesellschaftlich so 
bedeutungslos ist. Ich spreche jetzt nicht für die Vorstellung einer 
stärkenden "Einheit" in Theorie und Praxis der libertären Bewegung, 
ganz im Gegenteil, ich denke, daß gerade der Diskurs über so 
gegensätzliche Ansätze wie z.B. der von Adomo/Horkheimer und 
dem Murray Bookehins neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen 
könntc/würdc. 

Ob wir Natur und Gesellschaft als den historischen Gegensatz 
betrachten, der zur Unterdrückung jener durch dieser führt (führen 
muß), oder ob die Gesellschaft als Teil der Natur betrachtet wird, 
und jede Herrschaft aus derem Inneren entsteht (und nicht aus dem 
— vermeintlichen — Gegensatz zur Natur), wie die Soziale Ökologie 
Bookehins behauptet, vielleicht spielt das für das libertäre Agieren 
oder eben die Passivität eine nicht unbedeutende Rolle. (Das ist 
zugegeben nicht sonderlich konkret, aber ich wollt‘s loswerden...) 

Doch nochmal zurück zu Habermas. Was den betrifft, so ist mir 
der Abgesang auch deshalb zu pauschal, weil ich eigentlich ganz 
froh bin, daß da jemand auf die "Poslmodeme', für die Lyotard 
stellvertretend alle Vcrändcrungsvcrsuchc in "blutige Sackgassen 
bat führen sehen, hat antworten können. 

Naja, und seine klare Stellungnahme gegen die Relativierung des 
Holocaust durch Emst Nolle im sogenannten Historiker streit halte 
lc b auch für ziemlich wichtig und unverzichtbar. 

Jens Petz Kasfner, Senden 


btr. Bevölkerungspolitik-Artikel 

von Michaela Schuh, in: SF 3/94 (Nr.51) 

führend ich diesen Leserbrief schreibe, sitze ich in einem kleinen 
H °tcl in der Mine von Niger (Sahclzonc). Hier kommen mir ange- 
S'chisdcs Artikels von Michaela Schuh doch einige Gedanken. Un- 
° c nomtnen sind eine ganze Reihe guter und kritischer Ansätze zu 
7 1 gängigen Klischees der Bevölkerungspol itikcrlnncn aufgeführt. 
^ was ist die Konsequenz? 

Iger, wie die meisten anderen Schwellcnl änder auch, lebt an der 
rcn7e dessen, was sich der wohlgenährte Mittcleuropäcr noch 
^stellen kann. Zwar sind hier die Gegensätze zwischen Arm und 
e ich nicht so kraß, wie in manchen asiatischen oder lateinameri- 
^ischen Ländern, aber dafür sind eben fast alle sehr arm. 80 bis 
% der Bevölkerung lebt direkt oder indirekt von der Landwirt- 
aft. Nennenswerte Rohstoffe gibt cs nicht, sicht man von den 
ran\ orkommen in Arlit ab, die aber kaum mehr etwas einbringen. 
p, Cr ^ n bau von Grundnahrungsmitteln wird auf derart marginalen 
d ac * cn Uneben, daß jeder deutsche Landwirt nur verständnislos 
n opf schütteln würde. Hektarerträge für das Grundnahrungs- 
™ 1UclHirsc v on300bis400 Kilo sind die Regel. Eine nennenswerte 
vc SWc ^ lUn ß ^ cr Flächen ist kaum mehr möglich. Dazu kommen 
Geiy m h den Nomaden, die ihrerseits in den gleichen 

J icten versuchen, ihre Viehherden die letzten Vegetationsbe- 
st andc fressen zu lassen. 

^ y sc bärft hat sich diese S ituation eindeutig durch die exponentiell 
So se} 1 ^ 011 ^ ^ ev ^kcrung. So viele Gründe cs auch dafür gibt, und 
c m 7 i ^ aUC ^ ^' lr Selbstbestimmung der Menschen bin: Hier 
^ rc c ig cncn Lcbensgrundlagcn. Niger war 

dcck c *I > ° rtcur für Hirsc! Heute kann cs seinen Bedarf nicht mehr 

n dieser Situation darauf zu hoffen, daß sich über den 


Kampf für eine selbstbestimmte Gesellschaft alles selber regelt, ist 
fatal. Bis es dahin kommt, sind diese in jeder Beziehung benach¬ 
teiligten Länder soweit zerstört, daß niemand mehr darin leben 
kann. Insofern bin auch ich Befürworter von kurzfristigen bevöl¬ 
kerungspolitischen Maßnahmen, die allerdings niemals Zwangs¬ 
maßnahmen sein dürfen - und dies auch nicht sein müssen. Eine 
breite Aufklärung der Bevölkerung ist die Grundlage, in allererster 
Linie der Frauen. Aber dazu sind diese Länderauch auf Regierungs¬ 
ebene vielfach nicht bereit. 

Stephan Kraft z.Zt Niger 


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(v. Ralf Reinders), Patriarchatskritik (v. Rosclladi Leo), Interviews 
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Hartmann), Kulturkritik (v. Herby Sachs), Medienkritik (v. Jörg 
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Frauenhandcl (v. Anita Wilmes), Nationalismusdiskussion, Sub¬ 
sistenz (v. Veronika Bcnnholdt-Thomsen), Sozialer Ökofeminismus 
(v. Janet Bichl), Nationalismus und Befreiung - Kurden (v. Roland 
Ofteringcr), Gcgcnöffcnllichkeit (v. Jörg Auberg), Doitschstunde 
(v. LUPUS), Krieg u. Geschwindigkeit (v. Ulrich Bröckling) 

Paket 3 (enthält die Nummern 40-47, u.a. mit:) Pogrome beginnen 
im Kopf (v. Wolfgang Haug), Desinformation u. d. Golfkrieg (v. 
Noam Chomsky), Interviews m. Jutta Dilfurth, Otto F. Waller, 
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Kriegstreiberdiskurs (v. Klaus Schönberger), Staatlichkeit als 
Okkupation (v. Michael Wilk), Mcdicnrandale (v. AFRIKA), 
Eurozentrismus (v. Karl Rössel), Kullurchauvinismus (v. Herby 
Sachs), Das Jahr 501 (v. Noam Chomsky), Ökofaschismus (v. Peter 
Bierl), Frauenpolitik im Kleide der Herrschaft (v.Encamaciön G. 
Rodrigucz), Libertäre Tage, ZEGG (v. Louis Lerouge), Frauen-KZ- 
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